Eine interdisziplinäre Betrachtung zur Willensfreiheit
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Inhalt
2.1 Wille 2.2 Handlungsfreiheit 2.3 Willensfreiheit 2.4 Innere Unfreiheit 2.5 Letzt-Urheberschaft 3.1 Definition 3.2 Der unbedingte Wille 3.3 Leib-Seele Dualismus 3.4 Kritik aus Sicht des Naturalismus 4.1 Klassischer Determinismus 4.2 Wahrscheinlichkeiten 4.3 Moderner Determinismus 4.4 Sprachanalytische Kritik 5.1 Definition 5.2 Naturgesetze 5.3 Evolution der Willensfreiheit 5.4 Kritik aus Sicht des Inkompatibilismus 6.1 Soziologie 6.2 Soziobiologie 6.3 Psychologie 6.4 Hirnforschung 7.1 Definition 7.2 Semantik
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Ausgangslage Die meisten Kulturpessimisten gehen davon aus, dass der Mensch die Evolution (des Leidens) nicht massgeblich beeinflussen kann. Sie berufen sich dabei auf die Komplexität der biologischen und kulturellen Systeme und auf den Mangel an bewussten Entscheidungen.
Problemstellung 1. Was bedeutet Willensfreiheit? 2. Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt? 3. Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?
Willensfreiheit 1) Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Entscheidungen ist und die Kausalkette der physikalischen Hirnprozesse durchbrechen kann. Diese Definition stimmt mit der Intuition überein, dass wir in einer „kausalen Lücke“ gegen die eigenen Präferenzen entscheiden können. 2) Naturalisten postulieren, dass sämtliche Entscheidungen auf physikalischen Hirnprozessen basieren, eine zeitliche Ausdehnung haben und die Kausalketten nicht unterbrechen. Die Intuition der „kausalen Lücke“ wäre demzufolge eine Täuschung. a) Naturalisten, welche auf der Letzt-Urheberschaft beharren, sehen keine Grundlage für die Existenz einer Willensfreiheit. b) Kompatibilisten betrachten die Idee des absolut freien Willens als eine sprachliche Verirrung. Sie postulieren, dass ein korrektes Konzept von Willensfreiheit mit den bekannten Naturgesetzen kompatibel ist. c) Die Reichweite der kompatibilistischen Willensfreiheit ist umstritten. Zum Freiheitsskeptizismus beigetragen haben insbesondere die Hirnforscher welche postulieren, dass Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist.
Einschränkungen durch die Aussenwelt 1. Die Strukturen der Aussenwelt können nur soweit reflektiert werden, als unser Denkapparat dies erlaubt. Insofern gibt es nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Grenze der Freiheit. 2. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion. Strukturen haben oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem freiwillig gewählten Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert. Freiheit wird damit zu einer Frage von Präferenzen.
Einschränkungen durch die Innenwelt 1. Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt. Allerdings ist Individualität nur dann ein Zeichen von Freiheit, wenn sie durch die Reflexion von Präferenzen entsteht. 2. Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) und das Bewusstsein spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.
Verantwortung 1. Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen. 2. Im Wesentlichen dürfte das Eisbergmodell zutreffen welches besagt, dass nur ein kleiner Anteil der Entscheidungen bewusst gesteuert wird. Ob und in welchem Ausmass der unbewusste Anteil dem Entscheidungsträger zugerechnet werden darf, ist umstritten.
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Ausgangslage
Die meisten Kulturpessimisten gehen davon aus, dass der Mensch die Evolution (des Leidens) nicht massgeblich beeinflussen kann. Sie berufen sich dabei auf die Komplexität der biologischen und kulturellen Systeme und auf den Mangel an bewussten Entscheidungen.
Problemstellung
1. Was bedeutet Willensfreiheit?
2. Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt?
3. Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?
2.1 Wille
Definition
Der Begriff des Willens hat die Funktion, der Idee des Handelns und der Urheberschaft Konturen zu verleihen [Bieri, 43].
Wille und Wunsch
Ein Wunsch muss uns in Bewegung setzen, um ein Wille zu werden [Bieri, 37].
Beispiel: Man kann sich wünschen, Klavier zu spielen, aber nur wenn uns der Wunsch zum Klavier treibt, ist es auch ein Wille.
Der Wille hat zwei Arten von Grenzen [Bieri, 38]
1. Grenzen werden durch das gezogen, was die Wirklichkeit zulässt. Insofern, als man die Wirklichkeit falsch einschätzt, täuscht man sich auch über diese Grenzen.
2. Grenzen werden durch unsere Fähigkeiten gezogen. Massgebend ist hier das Selbstbild: Solange dieses Bild sagt, dass man zu etwas fähig ist, kann man es auch wollen. Je mehr Zweifel aufkommen, desto mehr wird aus dem Willen ein blosser Wunsch.
Wille und Tat
Können Wollen und Tun auseinanderfallen?
1. Stillhalten und Gewähren-lassen können Ausdruck eines Willens sein [Bieri, 40]
2. Ein Wille ist ein Wunsch, der handlungswirksam wird, wenn die Umstände es erlauben und nichts dazwischen kommt [Bieri, 41]
Beispiel: Man möchte Klavier spielen und die Türe zum Übungsraum ist offen. Wäre die Türe geschlossen, dann würde man trotzdem von einem Willen sprechen und nicht nur von einem Wunsch.
Wille und Freiheit
Unser Wille hängt ab von den äusseren Umständen. Was man tun oder werden will hängt davon ab, welche Angebote die Welt für einen bereit hält [Bieri, 49]. Wir können viel weniger wollen, als wünschen. Fühlen wir uns dadurch in unserer Freiheit eingeschränkt? Es stört uns, wenn nur wenige Handlungsoptionen existieren (z.B: in einer Diktatur) aber es stört uns nicht, dass überhaupt Grenzen existieren. In einer vollkommen offenen Welt hätte der Wille keine Funktion.
Beispiel: Ohne Hunger gäbe es keinen Willen zu essen, ohne Frieren keinen Willen Wärme zu suchen und ohne Müdigkeit keinen Willen, schlafen zu gehen.
Ein Wille bildet sich aufgrund von körperlichen Bedürfnissen, Gefühlen, einer Lebensgeschichte und dem daraus resultierenden Charakter [Bieri, 51].
Wer durch leidvolle Erfahrung mit Veränderungen dazu gebracht wurde, ängstlich am Gewohnten festzuhalten, wird in derselben Situation etwas ganz anderes wollen als derjenige, der unter Erstarrung gelitten hat und nun nichts mehr fürchtet, als festgelegt zu werden.
Stellt die Tatsache, dass ich in der Ausformung meines Willens nicht nur durch die äusseren Umstände, sondern auch die Umstände in mir selbst beeinflusst und begrenzt werde, eine Beeinträchtigung meiner Freiheit dar? Es stört uns vielleicht, dass wir in bestimmten Situationen immer auf die gleiche Art reagieren und wir erkennen daran eine innere Beschränktheit. Aber es stört uns nicht, dass überhaupt Grenzen existieren. In einer vollkommen offenen Innenwelt könnte man nicht mehr von einem persönlichen Willen sprechen [Bieri, 52-53].
2.2 Handlungsfreiheit
Definition
Die Existenz eines Willen ist eine notwendige aber keine hinreichende Voraussetzung für Handlungsfreiheit. Handlungsfreiheit entsteht erst, wenn der Wille nicht daran gehindert wird, in eine Handlung (oder Unterlassung) zu münden [Bieri, 44].
Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun und lassen kann, was sie will [Beckermann].
Arten der Handlungsfreiheit [Bieri, 46-47]
▪ Gelegenheiten
▪ das Vorhandensein der Mittel, um eine Chance zu nutzen
▪ das Vorhandensein der Fähigkeiten, um eine Chance zu nutzen
Der Weg von den Gelegenheiten zu den Mitteln und weiter zu den Fähigkeiten ist ein Weg, der immer näher an mich heranführt. Die Spielräume werden mit jedem Schritt persönlicher. Am Ende steht der intimste Spielraum: mein Wille. Die Gelegenheiten sind da, ich habe die Mittel, ich verfüge über die nötigen Fähigkeiten und nun gilt: Ob ich das eine tue oder etwas anderes, hängt jetzt ausschliesslich daran, was ich will [Bieri, 48].
Einschränkungen
Zu jeder Art von Handlungsfreiheit gibt es die entsprechenden Einschränkungen:
1) Es stehen keine Handlungsoptionen zur Verfügung.
Beispiel: Eine Person will rauchen, aber es werden keine Zigaretten mehr hergestellt und kein Tabak mehr geliefert.
2) Handlungsoptionen existieren, aber es fehlen die Mittel
Beispiel: Eine Person will rauchen, hat aber kein Geld um Zigaretten zu kaufen.
3) Handlungsoptionen existieren, aber es fehlen die Fähigkeiten, um sie zu ergreifen:
Beispiel: Eine Person will rauchen, wird aber durch eine Lähmung daran gehindert
Erweiterungen
Die Phantasie hilft, Handlungsoptionen zu entdecken und vergrössert damit die Handlungsfreiheit.
Gibt es einen Unterschied zwischen objektiver und bewusster Freiheit? Ja, der Spielraum des möglichen Wollens und damit der Freiheit ist in der Regel grösser als angenommen. [Bieri, 48-49]
2.3 Willensfreiheit
Definition
Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen [Beckermann].
Wir können mit unseren Gedanken Einfluss nehmen auf unseren Willen (…). Dadurch üben wir Macht auf den Willen aus und werden seine Urheber. Das Ausmass, indem uns das gelingt, ist das Ausmass, in dem unser Wille Freiheit besitzt [Bieri, 54]
Beispiel: Eine Person, welche die Schädlichkeit des Rauchens erkannt hat, vergleicht den mittelfristigen Genuss am Tabak mit dem langfristigen Risiko von Lungenkrebs. Nach dem Bewerten und Abwägen der Chancen und Risiken entschliesst sich die Person mit dem Rauchen aufzuhören. Sie hat offenbar die Fähigkeit zu bestimmen, welcher der beiden Wünsche (Tabakgenuss oder Gesundheit) handlungswirksam werden soll. Wenn die gleiche Person die Kraft nicht aufbringt das als richtig Erkannte in die Tat umzusetzen oder das Rauchen nur temporär einstellen kann, dann ist sie in ihrer Willensfreiheit eingeschränkt.
Arten von Entscheidungen
Instrumentelle Entscheidungen helfen einem bereits feststehenden Willen zur Verwirklichung [Bieri, 54]
▪ Beispiel 1: Der Wille, im Tennisspiel einen Punkt zu machen, führt zu einer spontanen Handlung. Hier fehlt ein ausdrücklicher Prozess des Abwägens. Ein Spezialfall ist die Demonstration der Willensfreiheit ist durch einen spontane Handlung, z.B. durch die Entscheidung eine Zigarette anzuzünden oder nicht.
▪ Beispiel 2: Das Schachspielen ist wie eine Miniaturwelt, in der sowohl spontane als auch lange voraus berechnete Handlungen ausgeführt werden.
Bei substantiellen Entscheidungen wird ergründet, welche Wünsche zu einem Willen werden sollen [Bieri, 61]
▪ Wünsche die miteinander verträglich sind, aber die man in eine Reihenfolge bringen muss.
▪ Wünsche die unverträglich sind, z.B. die Berufswahl
[Bieri, 55].
Realitätsnähe
Die Willensfreiheit kann ebenso durch Phantasie erweitert werden wie die Handlungsfreiheit. Dabei ist es wichtig, das Reservoir der Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis voll auszuschöpfen. Tagträume, Reisen und Literatur – alles kann dazu beitragen, etwas über andere Möglichkeiten der Lebensgestaltung zu erfahren [Bieri, 65-67]
Beispiel: Der Raucher findet in einer Psychotherapie heraus, dass er mit dem Rauchen eine andere Sucht kompensiert. Erst wenn er sich von dieser Sucht gelöst hat kann er mit dem Rauchen aufhören.
In einer konkreten Entscheidungssituation kann sich eine Person täuschen bezüglich der verfügbaren Handlungsoptionen.
Ist Realitätsnähe eine Voraussetzung für Willensfreiheit? Nein, die erwogenen Handlungsoptionen müssen nicht tatsächlich bestehen. Ihre Nicht-Existenz schränkt die Handlungsfreiheit ein, aber nicht die Willensfreiheit. Auch der Wille von jemandem, der in einen Wahn eingesponnen ist, kann ein freier Wille sein [Bieri, 283]
Offenheit
Die Offenheit der Zukunft ist notwendig, um sich als Urheber eines Willens zu erfahren.
1. Das Phantasieren und Abwägen hat einen Einfluss auf den Willen.
Es wäre furchtbar, wenn es anders eingerichtet wäre: wenn das, was man denkt und sich vorstellt, keinerlei Einfluss auf den Willen hätte, wenn es kraft- und wirkungslos durch einen hindurchzöge wie Filmbilder, die auf der Leinwand keinerlei Spuren hinterlassen [Bieri, 76].
2. Solange wir überlegen und uns Alternativen vorstellen, ist die Willensbildung nicht abgeschlossen. Der Wille ist veränderbar und widerrufbar.
Es wäre entsetzlich, wenn es anders wäre: wenn wir, was eine bestimmte Sache betrifft, nur ein einziges Mal entscheiden dürften oder wenn uns überhaupt nur eine begrenzte Anzahl von Entscheidungen gewährt würde, die wir sparsam auf das ganze Leben verteilen müssten, so dass zwischen ihnen längere Zeitspannen lägen, in denen wir nur ohnmächtig zusehen könnten, wie sich die Konsequenzen der letzten Entscheidung unerbittlich entfalten. Es wäre die Hölle [Bieri, 77]
3. Es ist uns unmöglich im Voraus abschliessend zu wissen, was wir wollen und tun werden. Einerseits weil vieles an unserem Willen im Dunkeln liegt und uns überraschen kann, aber auch weil die Reflexion über den Willen und sein mögliches Resultat diesen wieder ändern kann.
Wäre der Wille plötzlich eingefroren und unserem Einfluss entzogen, dann gäbe es immer noch Zeit im Sinne von Abfolge und Veränderung, aber es wäre eine Zeit, die an uns vorbeiliefe [Bieri, 78]
Was man als Freiheit erlebt ist, dass der Wille dem eigenen Urteil gehorcht [Bieri, 81].
2.4 Innere Unfreiheit
Innere Unfreiheit entsteht dadurch, dass der Einfluss des Denkens auf das Wollen behindert ist [Bieri, 193].
Es gibt verschiedene Erfahrungen der inneren Unfreiheit. Sie unterscheiden sich in der Art und Weise, wie wir die Zeit erleben.
Getriebensein
Wir sind getrieben durch spontan auftauchende innere Wünsche und durch Einflüsse der Umgebung, wenn wir nicht mehr über unsere Wahlmöglichkeiten nachdenken [Bieri, 84-89]
▪ Der Getriebene kann die Gegenwart nicht erleben als etwas wofür er sich (frei!) entschieden hat.
▪ Er beschäftigt sich nicht mit seiner Vergangenheit und kann deshalb die Gegenwart nicht im Lichte seiner Lebensgeschichte sehen.
▪ Der Getriebene kann auch nicht in eine Zukunft hineingehen, die sich mit einer gewissen Logik aus der Vergangenheit entwickelt.
[Bieri, 127-132]
Unterworfensein
Wenn andere an unserer Willensbildung beteiligt sind, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können, z.B. im Falle der Hypnose oder der Hörigkeit. Im Unterschied zu einem permanent Getriebenen ist hier die Fähigkeit zur Willenskontrolle nur vorübergehend ausgeschaltet [Bieri, 91-92].
Die Zeit, während der man einem fremden Willen folgt, ist in einem gewissen Sinne nicht die eigene Zeit, man ist nur Gast in der Zeit eines anderen. Dabei lassen sich folgende Stufen der Unfreiheit unterscheiden
1) Man phantasiert ein eigenes Leben, kann es aber nicht durchsetzen
2) Man kann keine Alternative mehr phantasieren, aber ist gefühlsmässig abgegrenzt.
3) Man folgt auch gefühlsmässig dem Leben des anderen, der eigene Wille ist tot.
[Bieri, 132-139]
Gehirnwäsche
Unser Denken kann von innen her vergiftet werden, z.B. durch Gehirnwäsche in einer Sekte. Die Gedankenwelt ist zugeschüttet mit geschickt gewählten Metaphern und Assoziationen, an die sich starke Emotionen anlagern. In einem gewissen Masse kann auch die Familie, eine politische Partei oder eine Stammtischrunde die Rolle einer Sekte übernehmen, wenn man zum Mitläufer wird und keine kritische Distanz entwickelt [Bieri, 93-95]
Da er immer dasselbe denkt und sagt muss der gedankliche Mitläufer sich langweilen. Was die Zukunft belangt, so wird er später denken, was er immer gedacht hat. Allem, was kommt, wird er die ewig gleichen Überzeugungen entgegenhalten. Es ist nichts weniger als die offene Zukunft, welche der Mitläufer durch seine Borniertheit verspielt und seine besondere Unfreiheit besteht darin, dass er diesen Verlust gar nicht bemerkt. Die Vergangenheit kann ihm nicht als eine Zeit erscheinen, in der er sich entwickelt hat, sondern nur als eine Spanne, in der er fest zu seinen Überzeugungen gestanden hat. „Das habe ich schon immer gesagt“ ist eine seiner häufigsten Wendungen. Der Ursprung seiner Gedanken liegt im Dunkel des kindlichen Nachplapperns [Bieri, 139-141].
Sucht
Auch Menschen, die selbständig denken und sich kritisch von aussen betrachten, können einer Sucht verfallen. Die bessere Einsicht ist vorhanden, aber man kann ihr nicht folgen. Eine Sucht wird nicht zwangsläufig verurteilt, sie kann auch – wie im Falle der Arbeitssucht – gesellschaftlich prämiert werden. Süchtige bezeichnet man oft als willensschwach, aber die Schwäche betrifft nicht den vorhandenen (überstarken) schädlichen Willen, sondern die Fähigkeit, ihn durch einen neuen, als besser erkannten Willen zu ersetzen. Der zwanghafte Wille kann nicht durch Erfahrung belehrt werden. Die einzige Chance besteht darin, dass einem dieser Wille eines Tages als fremd vorkommt [Bieri, 96-101].
Weil einem der zwanghafte Wille schadet erscheint er als etwas Bedrohliches oder Fremdes und man wartet man ständig, dass er verschwindet. Durch dieses Warten auf eine bessere Zukunft entgleitet dem Süchtigen die Gegenwart. Der Leistungs-Süchtige etwa will nur noch die eben angepackte Arbeit zu Ende bringen und sich dann etwas Vergnügen gönnen. Doch natürlich taucht sogleich eine neue Herausforderung auf, sodass das Vergnügen weiter in die Zukunft verschoben werden muss. Die Zeit läuft am Süchtigen vorbei, ohne dass er sich gestaltend daran beteiligen kann. In der Erinnerung besteht die Vergangenheit besteht nicht aus gelebter Gegenwart sondern aus vergeblichem Warten. Es ist eine Zeit, die der Süchtige ertragen, aber nicht gelebt hat. Es war ein vergeblicher Kampf mit sich selbst [Bieri, 141-146].
Unbeherrschtheit
Auch der Unbeherrschte ist nicht Herr seines Willens. Was dem Unbeherrschten fehlt ist nicht ein Wille, sondern die Kontrolle über ihn.
▪ Der Unbeherrschte unterscheidet sich vom Zwanghaften dadurch, dass er alles Überlegen auslöscht und wegspült. Eine zwanghafte Handlung kann man dagegen bei klarem Verstand ausführen.
▪ Beim Unbeherrschten muss nicht der Affekt falsch sein, sondern nur die Handlung, welche dem Affekt folgt. Beim Zwanghaften ist schon der Affekt inadäquat [Bieri, 107-109].
2.5 Letzt-Urheberschaft
Definition
Eine Person kann nur dann Letzt-Urheber (originator) des Ereignisses „E“ sein, wenn sie auch die Ereignisse (oder zumindest einen entscheidenden Teil der Ereignisse) kontrollieren kann, die für das Zustandekommen von „E“ verantwortlich sind [Beckermann].
▪ Die Definition der Willensfreiheit in Kap.2.3 orientiert sich an der Willentlichkeit (volutariness)
▪ Eine damit konkurrierende Definition orientiert sich an der Letzt-Urheberschaft (origination)
Eine Person handelt nur dann frei, wenn sie der einzige verursachende Grund für die Handlung ist und auch anders handeln könnte [Willensfreiheit, Wikipedia]. Die Entscheidung darf nicht auf Umstände zurückgehen, welche die Person selbst nicht kontrollieren kann [Beckermann].
Kann ein von Naturgesetzen determinierter Wille frei sein?
Inkompatibilismus
Unter Inkompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit unvereinbar sind.
(Kompatibilismus und Inkompatibilismus, Wikipedia)
Wenn Willensfreiheit und Determinismus nicht vereinbar sind, dann muss man das eine oder andere fallen lassen:
1. Libertarier lassen den Determinismus (als alleinige Erklärung der Wirklichkeit) fallen, d.h. sie postulieren, dass es eine immaterielle Erklärung für die Willensfreiheit gibt (Kap.3)
2. Die naturalistisch denkenden Inkompatibilisten lassen die Willensfreiheit fallen (Kap.4)
3.1 Definition
Als Libertarier bezeichnet man diejenige Gruppe von Inkompatibilisten, welche die Willensfreiheit in einer immateriellen Welt ansiedeln.
Im Libertarianismus wird die Position vertreten, dass die Erfahrung des freien Willens eine nicht-deterministische Welt voraussetze. Einige Vertreter dieser Anschauung gehen von einem Determinismus in der "physikalischen" Welt aus, postulieren jedoch, dass es für "geistige" Ereignisse keine Begrenzungen gibt (Kompatibilismus und Inkompatibilismus, Wikipedia)
3.2 Der unbedingte Wille
Letzt-Urheberschaft ist nur möglich, wenn der Wille ein unbewegter Beweger ist. Nur ein unbedingter Wille ist ein freier Wille [Bieri, 199].
Ist dies eine sinnvolle Forderung?
Nicht nur die Präferenzen, sondern auch die Überlegungen, welche zu einem Entscheid führen, haben eine Geschichte und werden dadurch zu etwas Persönlichem [Bieri, 175]. Der freie Wille bildet sich unter dem Einfluss von Gründen. Durch diesen Einfluss werden wir zu seinem Urheber [Bieri, 165-166, 188]. All diese Voraussetzungen (Bedingungen) für die Bildung eines Willens schränken aber die Freiheit nicht ein. Sie definieren lediglich Dinge, die innerhalb und ausserhalb der Person der Fall sein müssen, damit es überhaupt einen bestimmten Willen geben kann. Ohne diese Zusammenhänge liesse sich die Idee der Willensfreiheit gar nicht beschreiben. Die Forderung nach einer unbedingten (absoluten) Freiheit des Willens ist eine begriffliche Verirrung [Bieri, 251-253].
Libertarier akzeptieren diese Überlegungen nur teilweise:
▪ Der freie Wille ist zwar teilweise geneigt den Gründen bzw. Überlegungen zu folgen
▪ er kann sich aber auch jeder Bindung widersetzen.
Darüber zu bestimmen, ob es zu einer Bindung kommt und zu welcher, das ist die Ausübung der wahren Freiheit [Bieri, 189-190].
Ein Letzt-Urheber muss insbesondere in der Lage sein, den Entscheidungsprozess (das Bewerten und Abwägen von Gründen) in einem beliebigen Zeitpunkt abzubrechen und willkürlich zu handeln. Dies wird als instantane Akteurskausalität bezeichnet. Die Entscheidung wird als spontane Aktion ohne zeitliche Ausdehnung und ohne Kausalität, d.h. als „kausale Lücke“ wahrgenommen [Bieri, 222-226].
Beispiel: Der Raucher hat das Gefühl, jederzeit frei von seinen Überlegungen zur Gesundheit eine Zigarette anzünden zu können oder auch nicht.
3.3 Leib-Seele Dualismus
Libertarier postulieren, dass die Wahrnehmung der kausalen Lücke keine Täuschung ist, sondern dass eine mentale Sphäre ausserhalb der bisher bekannten Naturgesetze existiert, welche auf das physische System einwirkt (Leib-Seele-Dualismus). Sie weisen u.a. darauf hin, dass alle Thesen der Hirnforschung nur auf Korrelationen beruhen und dass es sich deshalb nicht um eine wissenschaftliche Theorie handelt.
Die klassische Form des Dualismus ist der interaktionistische Substanzdualismus. Er wurde in maßgeblicher Weise von René Descartes formuliert und hat auch noch heute Anhänger. Karl Popper und John Eccles waren die bekanntesten interaktionistischen Dualisten des 20. Jahrhunderts (…). Manche neuere Philosophen, zum Beispiel der theoretische Physiker und Relativist Roger Penrose, gehen von einer Interaktion durch Quanteneffekte aus (…). Der große Vorteil des interaktionistischen Dualismus besteht darin, dass er mit der Alltagserfahrung der Menschen übereinstimmt (Philosophie des Geistes, Wikipedia)
Der wichtigste Einwand gegen eine Verbindung der Quantenmechanik mit der Willensfreiheit ist die Zufälligkeit der quantenmechanischen Prozesse. Der Interaktionismus entgeht diesem Einwand durch die These, dass eine hypothetische Kraft so auf das Gehirn wirkt, dass diese Prozesse nicht mehr zufällig stattfinden [Esfeld, 179]. Eccles geht davon aus, dass
1. Absichten nicht identisch sind mit Zuständen oder Prozessen im Gehirn
2. Absichten relevant sind für gewisse physikalische Vorgänge
[Esfeld, 177]
Auch das Trilemma von Bieri geht davon aus, dass bei mentalen Prozessen nicht-physikalische Phänomene im Spiel sind. Ca. 10% der Hirnforscher glauben, dass Qualias und/oder Selbstreflexion zu dieser nicht-physikalischen Sphäre gehören [GAD, Vollenweider]. Sinneswahrnehmungen wie Sehen und Hören werden im Gehirn auf die genau gleichen biochemischen Verarbeitungsprozesse reduziert und unterscheiden sich lediglich durch ihre Lokalisation. Wenn aber die Speicherung und die Verarbeitung der Informationen auf die gleiche Art und Weise erfolgen, wie können wir sie dann als verschiedene Qualitäten wahrnehmen?
Der Glaube an nicht-physikalische Prozesse mag damit zusammenhängen, dass die Beschreibung des Mikrokosmos zunehmend abstrakt wird. Schon 1934 bemerkte Werner Heisenberg dass die Quantenmechanik von der allgemeinverständlichen Sprache der klassischen Physik wegdriftet und mathematische Objekte verwendet, welche nicht mehr anschaulich interpretiert werden können (siehe Die Quantentheorie und das Schisma der Physik). Das Abstrakte ist dem Geistigen näher. Und wie wissen wir, dass unsere Messinstrumente sensibel genug sind um alle Phänomene messen?
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What is mind? – No matter. What is matter? – Never mind!
Author unknown
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3.4 Kritik aus Sicht des Naturalismus
Grundsätzliches
Aus naturalistischer Sicht ist auch der Geist oder das Bewusstsein Teil der physischen Natur und damit den Naturgesetzen unterworfen. Eine nicht-physikalische Kraft, welche auf das Gehirn wirkt und dort Energie und Impuls verändert, würde die Erhaltungssätze der Physik verletzen [Esfeld, 180]. Die Quantenmechanik wäre unvollständig im Bereich von gewissen neurophysiologischen Prozessen [Esfeld, 184]. Dies ist ein (zu) hoher Preis für die These des Interaktionismus.
Letzt-Urheberschaft des Entscheides
John Searle, ein Vertreter des biologischen Naturalismus, kritisiert die Letzt-Urheberschaft wie folgt [Searle]:
1. Die libertarische Freiheitstheorie der „zwei Welten“ (Leib-Seele-Dualismus) geht von einer instantanen Akteurskausalität aus. Die zwei Welten entstehen dadurch, dass man einerseits sagt: "Die Tätigkeit des Gehirns unterliegt den Naturgesetzen und damit der Kausalität" und dass man andererseits sagt "ein Mensch kann frei, d.h. ohne kausale Abhängigkeit entscheiden“.
Naturgesetze sind Bedingungssätze, d.h. sie haben die Form einer Wenn-dann-Aussage [Vollmer 2000, 211].
2. Naturalisten gehen davon aus dass nicht nur die Entscheidungsvorbereitung, sondern auch der Entscheid selbst eine zeitliche Ausdehnung beansprucht und einen naturgesetzlichen Prozess spiegelt, bei welchem der Erwerb von Gewohnheiten und/oder das Abwägen von Gründen eine Rolle spielt [Hampe 2007, 173-174]. Bei einer spontanen oder bewusst verkürzten Entscheidung fällt das Abwägen von Gründen weg aber der Entscheid beansprucht trotzdem eine gewisse zeitliche Ausdehnung und kann nie im physikalischen Sinne instantan sein. Diese These wird dadurch gestützt, dass (mit Ausnahme der Quantenverschränkung in der Quantenmechanik) keine instantanen Wirkungen bekannt sind. Trotzdem haben wir das Gefühl in einem einzigen Augenblick „frei“ entscheiden zu können.
Wie kann man die Erfahrung „frei entscheiden zu können“ versöhnen mit dem Wissen, dass die Vorgänge im Gehirn kausal verknüpft sind? Warum können wir nicht einfach akzeptieren, dass die Willensfreiheit eine Illusion ist?
Searle schlägt folgende Antwort vor:
Der Grund für das Beharren auf der Willensfreiheit liegt wahrscheinlich darin, dass wir zwischen Entscheidungsvorbereitung und Entscheid eine „kausale Lücke“. wahrnehmen. Aber ist diese Lücke real oder illusorisch? Zwei Thesen stehen sich gegenüber:
1. Willensfreiheit hat etwa den gleichen Realitätsanspruch wie ein Regenbogen
2. Willensfreiheit reflektiert einen realen Mechanismus im Gehirn, der Mensch ist Letzt-Urheber des Entscheides
Betrachten wir die Konsequenzen der beiden Thesen:
1) Nach These 1 wäre es möglich eine Maschine zu bauen, welche Entscheidungsprozesse kausal abwickelt aber Willensfreiheit vorgaukelt. Bei dieser These besteht die Schwierigkeit darin, den evolutionären Vorteil des „Vorgaukelns“ zu erklären. Ohne einen solchen Vorteil ist unklar, warum die Illusion entstehen und sich behaupten konnte. Ihre Erzeugung verbraucht Energie und ist damit evolutionär nachteilig.
2) Nach These 2 dürfte der Entscheidungsprozess in der Maschine nicht kausal sein, d.h. er dürfte weder durch Gesetze der klassischen Physik noch durch Gesetze der Quantenmechanik bestimmt sein. Die klassische Physik ist deterministisch, die Quantenmechanik kennt auch zufällige Ereignisse. Beides steht in Widerspruch zur Letzt-Urheberschaft.
Nach dem heutigen Stand des Wissens ist These 1 realistischer. Der evolutionäre Vorteil der Illusion „Willensfreiheit“ könnte darin bestehen, dass sie das Selbstwertgefühl stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen existieren und damit das Individuum motiviert, solche Situationen zu suchen oder herbeizuführen. Zur evolutionären Bedeutung des Bewusstseins siehe Kap.6.4.
Unfreiheit in der Aussenperspektive
▪ Wenn eine Person stürzt, dann ist dies ein physikalisches Ereignis
▪ Wenn eine Person zuschlägt, dann ist dies eine gewollte Tat.
Wie aber, wenn wir die Gehirnprozesse einer Person (welche zur Tat führen) als physikalische Prozesse beschreiben? Diese Prozesse können ja nicht beides gleichzeitig sein, eine gewolltes Tun und ein urheberloses Geschehen. Damit die Kausalketten unterbrochen werden könnten, müsste es ein Subjekt im Inneren der Person geben, welches absolut frei ist, und jeden der einzelnen Gehirnprozesse überprüft. Ein solches Subjekt existiert aber nicht [Bieri, 265-266]
Wir dürfen den Begriff Urheberschaft nur auf die ganze Person anwenden und nicht auf die einzelnen physikalischen Prozesse im Gehirn.
Alle Begriffe gelten nur unter gewissen Bedingungen und können nicht ausserhalb dieser Zusammenhänge angewendet werden, ohne unsinnige Frage zu erzeugen. So ist es mit dem Begriff der Urheberschaft und der Unterscheidung zwischen gewolltem Tun und blossem Geschehen. Sie sind gemacht, um über ganze Personen zu sprechen und verlieren ihren Sinn, wenn sie auf Phänomene im Inneren der Person angewendet werden [Bieri, 267].
Warum erliegt man der Vorstellung, ein Subjekt im Inneren der Person sein zu können?
Man kann den kritischen Abstand zu sich selbst so einsetzen, dass man hinter alles zurücktritt, was in einem geschieht. Diese Distanz schafft die Freiheit, sich gegen die eigenen Wünsche entscheiden zu können [Bieri 268-269]. Das innere Subjekt sieht einerseits die Kraft der Wünsche und Überlegungen, entwickelt anderseits eine Gegenkraft um sich davon zu befreien. Diese Gegenkraft kann man sich aber auch als gegenteilige Wünsche und Überlegungen vorstellen, welche von der ganzen Person und nicht von einem abstrakten Subjekt im Inneren entwickelt werden. Die Gegenkraft ist nicht ein erratischer Wunsch, der mit der Person als Ganzes nichts zu tun hat, sondern entwickelt sich aus konkreten Vorstellungen. Ein abstraktes Subjekt hätte keine Wünsche und keinen Willen, könnte also solche Vorstellungen nicht entwickeln. Durch konkrete Vorstellungen wird das abstrakte Subjekt zu einer konkreten Person. Mit anderen Worten: das Subjekt im Inneren ist eine Fiktion [Bieri, 271-274]
Beispiel: Der Raucher hat das Gefühl, jederzeit frei von seinen Überlegungen zur Gesundheit eine Zigarette anzünden zu können oder auch nicht.
1) Kraft der Wünsche
a) Zigarette anzünden
b) Befreiung von der Nikotinsucht
2) Gegenkraft: Befreiung von Überlegungen
Man kann sich vorstellen, dass die Gegenkraft von der ganzen Person und nicht von einem abstrakten Subjekt im Inneren entwickelt wird.
▪ Die Alternativen „Zigarette anzünden oder nicht“ sind nicht erratisch, sondern haben mit der Geschichte eines Rauchers zu tun.
▪ Auch der Wunsch, die Freiheit des Willens zu beweisen, hat eine Geschichte, welche mit der Person als Ganzes verknüpft ist.
4.1 Klassischer Determinismus
Hinduismus
Der klassische Determinismus hat eine lange Vorgeschichte. Die ältesten Konzepte stammen wahrscheinlich aus der monistischen Hindu Tradition (Advaita). Eine zeitgemässe Formulierung findet man z.B. bei Swami Vivekananda (1863-1902), einem Vedantisten:
Therefore we see at once that there cannot be any such thing as free-will; the very words are a contradiction, because will is what we know, and everything that we know is within our universe, and everything within our universe is molded by conditions of time, space and causality. ... To acquire freedom we have to get beyond the limitations of this universe; it cannot be found here (Free Will in Theology, Wikipedia)
Prädestination
Prädestination bedeutet „Vorherbestimmung“ und ist ein theologisches Konzept, nach dem Gott von Anfang an das Schicksal des Universums und aller Menschen vorherbestimmt hat. Die Prädestinationslehre wird insbesondere mit Augustinus von Hippo (354-430) und dem Calvinismus (1509-1564) verbunden (Prädestination, Wikipedia)
Ein radikaler Vertreter der Prädestination war auch Gottschalk von Orbais (803-869)
Gottschalk bediente sich des wohl erstmals bei Isidor von Sevilla (560-636) zu findenden Ausdrucks der doppelten Vorherbestimmung. Diese Auffassung vertritt, verkürzt ausgedrückt, den Standpunkt, Gott habe schon vor ihrer Geburt nicht nur die Erlösten ausgewählt, sondern ebenso jene vorherbestimmt, die vor ihm keine Gnade finden werden (Gottschalk von Orbais, Wikipedia)
Die Prädestination vermeidet Widersprüche, welche zwischen
▪ dem Konzept der menschlichen Willensfreiheit und
▪ der Überzeugung „dass nichts geschieht ohne den Willen Gottes“
entstehen. In der Neuzeit wurde die Prädestination allmählich durch das Konzept des naturwissenschaftlichen Determinismus abgelöst. Aus dieser Sicht ist der allmächtige Gott ist nicht tot (wie Nietzsche postulierte) sondern lebt in der Form von universellen Gesetzen weiter.
Klassische Mechanik
Die Grundsteine der klassischen Mechanik und so auch indirekt das Konzept des Determinismus wurden von Isaac Newton (1642-1726) gelegt (Isaac Newton, Wikipedia)
Vor der Entdeckung der Quantenmechanik wurden Determinismus und Kausalität gleichgesetzt:
Joseph Priestley (1732-1804) vertrat bereits im 18.Jh. einen radikalen Determinismus, in welchem der Wille dem Kausalgesetz unterworfen war und die Entschlüsse auf die Hirnzustände zurückgeführt wurden (Geschichte des freien Willens, Wikipedia).
Pierre-Simon Laplace (1749-1829) untersuchte die Frage, ob die Welt bei vollständigem Wissen berechenbar wäre:
Der Laplacesche Dämon ist die Veranschaulichung der erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Auffassung, nach der es möglich ist, unter der Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und aller Initialbedingungen jeden vergangenen und jeden zukünftigen Zustand zu berechnen. Mit dieser Aussage wäre es theoretisch möglich, eine Weltformel aufzustellen (Laplacescher Dämon, Wikipedia).
In einem gewissen Sinne steht der Determinismus von Laplace in der Nachfolge der Prädestinationslehre und sein Dämon übernimmt die Rolle des allwissenden Gottes.
Auch bei Schopenhauer finden wir die Vorstellung, dass freie Entscheidungen nicht dem Kausalgesetz unterworfen sein dürfen:
Für Schopenhauer (1788-1860) gab es keine Freiheit des Handelns, sondern nur des Seins (…). Absichtliches Wollen sei bereits eindeutig motiviert und determiniert. Ein echtes liberum arbitrium könne nicht gedacht werden, denn es verstoße gegen den Satz vom zureichenden Grunde (Geschichte des freien Willens, Wikipedia).
Auch bei Schopenhauer wird Determinismus und Kausalität gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung wurde aber erschüttert durch die Entdeckung, dass eine scheinbar kausale Beziehung wie diejenige zwischen Druck, Volumen und Temperatur von Gasen (siehe Gasgesetz) auf der Wahrscheinlichkeitsverteilung von Molekülgeschwindigkeiten beruht:
▪ Die Temperatur ist ein Mass für die mittlere kinetische Energie der umherschwirrenden Moleküle
▪ Der Druck ist der (pro Zeiteinheit) auf die Flächeneinheit der umgebenden Wand abgegebene Impuls der Moleküle
Das Gasgesetz ist in Wahrheit ein statistisches Gesetz. [Vollmer 2000, S.229]
4.2 Wahrscheinlichkeiten
Definition
Man muss zwischen zwei Arten von Wahrscheinlichkeiten unterscheiden
1. Wahrscheinlichkeiten, die verwendet werden, weil die Komplexität des Systems nicht erlaubt, die Prozesse im Detail zu kalkulieren, obwohl sie theoretisch determiniert sind. Die oben erwähnte kinetische Theorie der Gase verwendet diese Art von Wahrscheinlichkeiten:
Physicists face the situation in kinetic theory of gases, where the system, while deterministic in principle, is so complex (…) that only statistical description of its properties is feasible (Probability, Wikipedia)
Nicht nur die Gasgesetze, sondern auch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist statistischer Natur.
Ludwig Boltzmann (1844-1906) schrieb
Nach dem molekularkinetischen Gesichtspunkt ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik lediglich ein Satz der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Tatsache, dass wir niemals Ausnahmen beobachten, beweist nicht, dass der statistische Standpunkt falsch ist, da die Theorie voraussagt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Ausnahme, wenn die Molekülzahl gross ist, praktisch gleich Null ist [Boltzmann, 276].
2. Daneben gibt es aber Wahrscheinlichkeiten, welche nicht durch deterministische Gesetze auf einer fundamentaleren Ebene erklärt werden können:
Probability theory is required to describe nature. A revolutionary discovery of early 20th century physics was the random character of all physical processes that occur at sub-atomic scales and are governed by the laws of quantum mechanics (Probability, Wikipedia)
In diesem Falle haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das nicht-deterministisch aber trotzdem kausal ist.
Es wurde vermutet, dass die Gesetze der Quantenmechanik von verborgenen Variablen auf einer fundamentaleren Ebene bestimmt sein könnten, so wie die Gasgesetze von den kinetischen Gesetzen der Moleküle bestimmt werden:
Man unterscheidet zwischen Theorien mit lokalen und nichtlokalen verborgenen Variablen. Theorien mit lokalen verborgenen Variablen erfüllen stets die Bellsche Ungleichung. Die Quantenmechanik verletzt jedoch in Übereinstimmung mit den Ergebnissen des Aspect-Experiments zum EPR-Effekt die Bellsche Ungleichung. Daher kann es keine Beschreibung der Wirklichkeit mit lokalen verborgenen Variablen geben (Verborgene Variable, Wikipedia)
Die konkurrierende Theorie mit nichtlokalen verborgenen Variablen ist noch ungeklärt. Wir gehen in diesem Aufsatz davon aus, dass die Quantenwelt nicht-deterministisch ist und durch Propensitäten (Neigungen) charakterisiert wird. Der Begriff Determinismus wird deshalb dem Begriff Kausalität untergeordnet:
Kausalität
1) Kausalität (v. lat.: causa = Ursache) bezeichnet die Beziehung (Relation) zwischen Ursache und Wirkung, also die Einheit beider Ereignisse/Zustände zusammen. Die Kausalität (ein kausales Ereignis) hat eine feste zeitliche Richtung, die immer von der Ursache ausgeht, auf das die Wirkung folgt. Kurz: Ein Ereignis oder der Zustand A ist die Ursache für die Wirkung B, wenn A der Grund ist, der B herbeiführt.
a) Beispiel einer Kausalität ist der Tritt auf das Gaspedal, welcher die Beschleunigung des Fahrzeugs verursacht.
b) Beispiel einer Nicht-Kausalität ist die Creatio ex nihilo. In der Physik ist die Existenz von nicht kausalen Ereignissen umstritten. Die Entstehung unseres Universums kann möglicherweise durch eine (zukünftige) grosse vereinheitlichte Theorie kausal erklärt werden.
2) Gemäss der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik ist der Wahrscheinlichkeitscharakter quantentheoretischer Vorhersagen nicht Ausdruck der Unvollkommenheit der Theorie, sondern des prinzipiell nicht-deterministischen Charakters von Naturvorgängen. Obwohl die Quantenmechanik nicht deterministisch ist, ist sie dennoch kausal, was man insbesondere daran erkennt, dass auch die Quantenmechanik es nicht erlaubt, Ereignisse in der Vergangenheit zu verändern (Kausalität, Wikipedia).
a) Es gibt keinen Determinismus ohne Kausalität
b) Es gibt aber Kausalität ohne Determinismus. Wahrscheinlichkeiten für Quanten-Ereignisse sind durch vorausgehende Quanten-Ereignisse verursacht [Esfeld, 183]
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Wann geht die Wirkung der Ursache voraus? Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten geht.
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4.3 Moderner Determinismus
1. Determinismus (von lateinisch: determinare abgrenzen, bestimmen) ist ein philosophisches Konzept und zusammen mit seinem Gegenstück, dem Indeterminismus, ein wesentliches Grundelement zur Herausbildung eines konsistenten Weltbildes. Er geht davon aus, dass alle Ereignisse nach feststehenden Gesetzen ablaufen und sie durch diese vollständig (vorher-) bestimmt bzw. determiniert seien. Deterministen sind also der Auffassung, dass bei bekannten Naturgesetzen und dem vollständig bekannten Zustand eines Systems der weitere Ablauf aller Ereignisse prinzipiell vorherbestimmt ist und folglich weder ein echter Zufall, noch Wunder bzw. ähnliche nicht-physische Phänomene existieren (Determinismus, Wikipedia)
2. Deterministisch sind auch Systeme, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, so dass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist. Da diese Dynamik einerseits den physikalischen Gesetzen unterliegt, andererseits aber irregulär erscheint, bezeichnet man sie als deterministisches Chaos. Chaotische Systeme sind nichtlineare dynamische Systeme (Chaosforschung, Wikipedia).
3. Deterministisch sind schliesslich alle Prozesse, welche zu einer sog. (un-)glücklichen Verkettung von Umständen führen, siehe z.B. Murphy’s Laws.
4. Echten Zufall gibt es nur in der Quantenmechanik. Aber auch hier muss der Begriff vorsichtig interpretiert werden:
Die Quantenphysik hat eine Diskussion darüber ausgelöst, ob die Welt fundamental deterministischen oder im innersten zufälligen Prinzipien gehorcht (…). Beim radioaktive Zerfall ist bekannt, dass nach dem Verstreichen der Halbwertszeit hinreichend genau die Hälfte der radioaktiven Atome zerfallen sein werden – welche einzelne Atome zerfallen sein werden, lässt sich hingegen nicht vorhersagen. Der Umstand, dass der Zerfall im Makroskopischen durchaus deterministisch ist, lässt am "Zufall" Zweifel aufkommen. Eher kann man sagen, dass sich ein eigentlich kontinuierlicher Vorgang auf Quantenebene in Einzelereignissen manifestiert, die insgesamt einer klaren Gesetzmäßigkeit gehorchen, im Einzelnen aber nicht vorhersehbar sind. So wie hier eine gleichmäßige zeitliche Verteilung "gequantelt" wird, manifestieren sich beim Doppelspaltversuch die Photonen in einer räumlichen Zufallsverteilung zu einem Interferenzmuster. Hier bemüht man den Welle-Teilchen-Dualismus als Erklärung. Während die Photonen ein Muster auf den zwei Raumdimensionen des Schirms formen, formen die radioaktiven Zerfallsereignisse ein Muster auf der Zeitachse (Zufall, Wikipedia)

Der prominente Hirnforscher Wolf Singer vergleicht das menschliche Gehirn mit einem Computer, bei dem die Hardware so flexibel ist wie Software und aufgrund äusserer Einflüsse ständig neu verschaltet wird. Die Architektur und der jeweilige Zustand des Systems "Gehirn" sind für den jeweils folgenden Zustand (in Kombination mit den äußeren Einflüssen) determinierend.
Wie ändert sich dieses Bild wenn probabilistische Naturgesetze im Spiel sind?
Nehmen wir an, dass der Indeterminismus der quantenmechanischen Prozesse auf die makroskopische Ebene des Gehirns durchschlägt. Wenn Newtons „Welt-Uhrwerk“ durch eine Zufallsfunktion gestört würde, dann wäre die Zukunft nicht mehr berechenbar. Dieser echte Zufall würde aber kein zusätzliches Argument für die Existenz einer Willensfreiheit liefern. Freiheit ist nicht Beliebigkeit.
4.4 Sprachanalytische Kritik
Letzt-Urheberschaft der Präferenzen
Die Maximalforderung lautet:
Wir sind nur dann frei, wenn wir der Ursprung all unserer Ziele und Absichten sind.
Ist diese Forderung sinnvoll?
1. Welche Entscheidungen ich treffe, das hängt von meinen Präferenzen und letzten Endes von meinem Charakter ab – davon, was für ein Mensch ich bin. Aber frei können meine Entscheidungen nur dann sein, wenn meine Präferenzen ihrerseits auf mich und nicht auf Umstände zurückgehen, auf die ich keinen Einfluss habe. Die Frage ist nun, ob es wirklich sinnvoll ist anzunehmen, Personen könnten in diesem Sinne tatsächlich die letzte Quelle und der Ursprung aller ihrer Ziele und Absichten sein.
Die Formulierung ist zumindest irritierend. Menschen kommen doch nicht als Wesen ohne alle Wünsche und Absichten auf die Welt, um sich dann die Wünsche und Präferenzen auszusuchen, die sie gerne haben würden. Ein Wesen ohne Wünsche und Absichten hätte gar kein Motiv, sich überhaupt Ziele und Absichten zuzulegen, und es hätte auch keine Kriterien, nach denen es auswählen könnte (…)
Es kann gar nicht anders sein, als dass wir schon mit einer beträchtlichen Zahl natürlicher Wünsche auf die Welt kommen – den Wünschen nach Essen, Geborgenheit, Zuwendung usw. (welche alle der oben erwähnten biologischen Nutzenfunktion untergeordnet sind). Es ist nicht besonders sinnvoll zu sagen, die Natur manipuliere uns dadurch oder mache uns dadurch unfrei, dass sie uns diese Wünsche mit auf den Weg gibt. Unsere Freiheit beruht vielmehr darauf, dass sich in uns Menschen im Laufe der Zeit die Fähigkeit entwickelt hat, uns unserer Wünsche bewusst zu werden und über sie nachzudenken [Beckermann]
2. Präferenzen entstehen durch eine bestimmte Konstitution und Lebensgeschichte und charakterisieren eine Person. Freiheit ist nicht Beliebigkeit. Beliebige Präferenzen sind unpersönliche Präferenzen. Dass jemand etwas Bestimmtes will können wir nur verstehen, wenn wir die Vorgeschichte dieses Wollens kennen [Bieri, 230-239].
3. Die Fähigkeit einen inneren Abstand zu sich aufbauen zu können und sich von Wünschen zu lösen wird oft als Erkennungsmerkmal der Willensfreiheit angeführt [z.B. Bieri, 226-228]. Das temporäre Loslösen bedeutet aber nicht, dass man in der Folge die Wünsche frei wählen kann. Eine vollständige Befreiung von Wünschen ist wahrscheinlich nur im Rahmen einer buddhistischen Einsichtsmeditation möglich. Ein solcher Zustand ist durch die Abwesenheit eines Willens gekennzeichnet und eignet sich deshalb schlecht zur Illustration der Willensfreiheit.
Fazit: Mit der Forderung nach Letzt-Urheberschaft der Präferenzen wird der Freiheitsbegriff überdehnt (ähnlich wie mit der Forderung nach Selbstbestimmung über die eigene Existenz oder der Forderung nach Unsterblichkeit):
Wenn man den Begriff Freiheit so verwendet, dann sind Menschen unfrei allein durch die Tatsache, dass sie Menschen sind.
Existentialistische Autoren scheinen einen solchen Freiheitsbegriff vertreten zu haben. In diesem Konzept vollständiger Autonomie bestimmen Menschen auch ihr Wesen selber, sie sind nicht nur Urheber ihrer Handlungen, sondern bringen sich selbst hervor [Hampe 2007, 173].
Etwas schwieriger ist die Frage, ob wir auch durch kulturell geformte Präferenzen einen Teil unserer Freiheit verlieren. Kulturell bedingte neurotische Entwicklungen können oft durch eine Erweiterung des Bewusstseins (z.B. in einer Psychotherapie) geheilt werden. Führt das Freud’sche Programm „aus Es soll Ich werden“ demnach zur inneren Freiheit? Die Antwort ist nicht eindeutig. Unbewusste Einschränkungen in einem Bereich der Psyche können die Freiheit in einem anderen Bereich vergrössern.
Beispiele:
1) Selbstkontrolle und Verdrängung aggressiver Gedanken (Tötungswünsche im Besonderen) beseitigen die latente Gefahr, das Gewaltmonopol des Staates zu verletzen und im Gefängnis zu landen. Wenn alle ihre Agressionen kontrollieren, dann vergrössert sich die Bewegungsfreiheit in der Gemeinschaft erheblich.
2) Ein Pianist gewinnt Spontaneität (Freiheit) im künstlerischen Ausdruck, indem er zuerst durch einen harten Lernprozess die Technik der Tastenbeherrschung im Unterbewussten verankert [GAD, Hampe].
Der ausgebildete Pianist (und in einem gewissen Sinne jeder disziplinierte Durchschnittsbürger) sind nicht Letzt-Urheber ihrer Präferenzen, weil ihre Interessen durch ein Bildungsprogramm geformt wurden. Sollten wir ihnen deshalb die innere Freiheit absprechen?
Der Zwang der Naturgesetze
Die Vorstellung, dass Freiheit in einer durch Naturgesetze beschriebenen Welt unmöglich wäre, ergibt sich aus dem Gedanken, dass Gesetze Zwang ausüben [Hampe 2007, 171]
Aber der Zwang, den die Naturgesetze ausüben betrifft nicht das Handeln von Naturwesen, als vielmehr die menschlichen Erklärungs- und Schlussverfahren (…). Es ist die Neigung, den Zwang und das Geführtwerden durch Argumentation oder mathematische Erklärung in den Bereich zu projizieren, der durch diese Formeln beschrieben wird. Doch die Planeten, die Bewegungsgesetzen folgen, verspüren keinen Widerstand und keine Anstrengung. Sie wollen nicht aus ihrer Bahn ausbrechen und werden von den Gesetzen nicht an der Realisierung ihres Willens gehindert [Hampe 2007, 173].
Wir können solche Zusammenhänge (wie dass sich Benzin unter Feuer entzündet) sogar zwingend nennen. Was nicht geschehen darf, ist, dass wir im Zuge solcher Kommentierungen unmerklich in die Sphäre zwischenmenschlicher Einflüsse hineingleiten, wo der Zwang im Sinne der Unfreiheit zu Hause ist. Wenn wir das tun, dann werden zwei ganz verschiedene Kategorien verschmolzen [Bieri, 254]
Ohnmacht gegenüber der Kausalität
Wir sind mit unserem Willen, auch dem überlegten und entschiedenen Willen, insgesamt einem Kausalgeschehen ausgeliefert, über das wir keine Macht besitzen. Zwar gelingt es uns oft, den Willen durch Überlegungen zu beeinflussen. Aber wir sollen uns nichts vormachen: Darüber, ob uns das gelingt oder nicht, haben wir wiederum keine Macht. Wenn wir die Geschichte einer Willensbildung zurückverfolgen und kleinteilig aufschlüsseln dann erkennen wir, dass diese Geschichte unvermeidlich, unabänderlich und unabwendbar war [Bieri, 255-256].
Ist diese Darstellung realistisch?
1. Damit jemand einem Geschehen (dem Willen) gegenüber ohnmächtig sein kann, muss dieses Geschehen von ihm verschieden sein.
2. Das bedrohliche Geschehen, welches einen wehrlos macht, ist in seinem kausalen Verlauf unabhängig vom Opfer, es ist vom Opfer nicht beeinflussbar.
3. Das Opfer möchte nicht, dass die bedrohlichen Dinge geschehen, es wünschte, sie aufhalten zu können.
[Bieri, 257]
Der aus Freiheit Wollende erlebt seinen Willen aber nicht auf diese Weise:
1. Im Gegensatz beispielsweise zu einem Süchtigen identifiziert sich der Freie mit seinem Willen.
2. Man kann sein eigenes Entscheiden nicht als etwas erleben, das unbeeinflussbar an einem vorbeiläuft.
3. Weil die eigene Entscheidung beeinflussbar ist gibt es auch keinen Sinn anzunehmen, dass man sie aufhalten möchte.
[Bieri, 259-264]
Unfreiheit in der Aussenperspektive
Warum erliegt man der Fiktion von innerer Unfreiheit beim Gedanken an Kausalketten? Die Aussenperspektive beschreibt den Menschen wie ein Uhrwerk. Dagegen regt sich intuitiver Widerstand. Was ist das Typische an der Innenperspektive?
1. Man ist nicht nur Subjekt des Überlegens, Wollens und Tuns, sondern auch Subjekt des Fühlens. Man kann zwar in der Aussenperspektive Gefühle beschreiben und nachvollziehen, aber nie in der gleichen Qualität wie in der Innenperspektive. Ist dieser Mangel an Qualität entscheidend für die Ablehnung der Aussenperspektive? Kann Freiheit nur aus der Innenperspektive verstanden werden? Nein, Innerlichkeit ist keine spezifische Eigenschaft der Freiheit. Unfreiheit (z.B. Sucht) hat die gleiche Innerlichkeit wie Freiheit. Beides (sowohl Freiheit als auch Unfreiheit) kann nur in der Innenperspektive erlebt und nur in der Aussenperspektive vollständig erklärt werden [Bieri, 295-300].
2. Die zweite wichtige Eigenschaft der Innenperspektive ist die Intimität. Würde der Verlust der Intimität ein Verlust an Freiheit bedeuten? Wie bei der Qualität des Erlebens gibt es auch hier ein Indiz, dass es nicht so sein kann. Was für die Freiheit gilt, trifft auch für die Unfreiheit zu. Dasjenige was uns stören würde, wenn unser freies Wollen ein öffentlicher Vorgang wäre, würde uns auch stören, wenn unser unfreies Wollen den zudringlichen Blicken der anderen ausgesetzt wäre [Bieri 301-306].
Fatalismus – ein fataler Irrtum
▪ Die Vergangenheit, zusammen mit den Naturgesetzen, lässt nur ein einziges zukünftiges Geschehen zu. Laut d’Holbach gibt es für jeden von uns genau eine Linie auf der Oberfläche der Erde, die wir mit unserem Leben ziehen können. Diese Linie ist unser Fatum, unser Schicksal. Fatalisten wie d’Holbach beschreiben das Leben so, als sässen wir am Ufer eines reissenden Lebensstromes und müssten resigniert zusehen, was er anrichtet. Aber das trifft nicht zu. Wir sind als Wollende, Entscheidende und Handelnde nicht Zuschauer. Wir sind im Strom – wir sind der Strom. Warum kann ein Fatalist dies nicht sehen? Weil er sich ein abstraktes Subjekt vorstellt, welches am Ufer des Stromes sitzt. Dieses Subjekt, gibt es aber nicht (siehe oben).
▪ Der Fatalist assoziiert seine Lebenslinie mit der Flugbahn eines Golfballes. Unsere Lebenslinie ist zwar auch beeinflusst durch äussere Umstände, aber sie verläuft in uns und durch uns. Es ist zwar eine bestimmte, aber eine äusserst flexible, interagierende Linie. Die Bestimmtheit der Linie stört deshalb nicht, weil unsere ganze Empfindlichkeit des Reagierens und Freiheit des Entscheidens darin zum Ausdruck kommt [Bieri, 307-314].
▪ Vorbestimmtheit ist nur dann ein Übel, wenn sie ein Unglück betrifft. Ein vorbestimmtes Glück ist willkommen. Vorbestimmtheit an und für sich ist weder gut noch schlecht. Aber ist es nicht bedrückend zu wissen, dass alles vorhersehbar ist?
Bedrückend für wen?
a) Für ein allwissendes Wesen? Ein bedrückter Gott ist in keiner Religion ein Thema, für Atheisten stellt sich die Frage nicht.
b) Für uns selbst? Wenn wir Fehler voraussehen könnten, würden wir sie nicht machen. Die Vorstellung eigene Fehler selbst prognostizieren zu können setzt voraus, dass man sein Wissen nicht verwenden könnte um diese Fehler zu vermeiden. Das macht aber keinen Sinn.
[Bieri 315-318]
5.1 Definition
Unter Kompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit vereinbar sind, d.h. dass es eine naturalistische Erklärung für Willensfreiheit gibt. Dies ist nur möglich, wenn man die Bedingung der Letzt-Urheberschaft fallen lässt. Kompatibilisten betonen deshalb den Zusammenhang zwischen Freiheit und Willentlichkeit (voluntariness),
Kompatibilisten postulieren, dass Naturgesetze nicht im Widerspruch zur Freiheit stehen, sondern dass umgekehrt die Freiheit im Laufe der Evolution durch die Naturgesetze geschaffen wird. Wie ist das zu verstehen?
▪ Deterministen betrachten nur die Naturgesetze auf der Mikroebene und vernachlässigen die komplexen Strukturen, welche durch das Zusammenwirken der Einzelbestandteile entstehen; sie denken reduktionistisch.
Reduktionismus ist die philosophische Lehre, nach der ein System durch seine Einzelbestandteile (‚Elemente‘) vollständig bestimmt wird. Dazu gehört die vollständige Zurückführbarkeit von Theorien auf Beobachtungssätze, von Begriffen auf Dinge und von gesetzmäßigen Zusammenhängen auf kausal-deterministische Ereignisse (Reduktionismus, Wikipedia)
Aus Sicht der Kompatibilisten ist das Zurückführen komplexer Phänomene auf die Gesetze einfacher Strukturformen der Natur in keiner Weise akzeptabel. Sie sind der Meinung, dass durch das Zusammenwirken der Einzelbestandteile neue Phänomene (wie die Willensfreiheit) entstehen, welche nicht mit den Begriffen der Mikroebene erklärt werden können [Haken, 27]
▪ Die Synergetik hat gezeigt, wie aus chaotischen Systemen spontan Ordnung entsteht (Kap.5.2).
▪ Die Evolution von Freiheit kann als Entstehen einer neuen Ordnung erklärt werden (Kap.5.3)
5.2 Naturgesetze
Geltung
Die Vorstellung einer gesetzmässig geordneten Natur ist historisch und kulturell nicht allgemein verbreitet. „Die Natur“ als etwas Allumfassendes anzusehen, stellt ein Spezifikum der abendländischen philosophischen Tradition dar [Hampe 2000, 241-242].
Kandidaten für Naturgesetze lassen sich zwar relativ leicht aufzählen, aber was Naturgesetze sind und warum sie gelten ist nur schwer zu erklären [Vollmer 2000, 205].
▪ Es könnte sein, dass die physikalische Kosmologie als Evolutionstheorie des Kosmos schliesslich auf Prinzipien stösst, die es erlauben, die Entwicklung physikalischer Gesetzmässigkeiten zu erklären, so wie es der Darwinschen Evolutionstheorie gelungen ist, die natürlichen Arten historisch zu erklären. Die Standardsituation der Begründung von Gesetzen ist ihre Rückführung auf allgemeinere Gesetze, wobei das alte Gesetz sich innerhalb des neuen, allgemeineren bis jetzt immer als kontingent erwies. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen [Hampe 2000, 250-251].
▪ Ein weiteres Problem besteht darin, dass wir niemals von den bisherigen Beobachtungen auf die zukünftigen schliessen können (Induktionsproblem). Da Naturgesetze induktiv nicht verifizierbar sind (allenfalls falsifizierbar), kann den Gesetzen unserer empirischen Wissenschaft lediglich der Status von Hypothesen zugestanden werden.
▪ Ungeklärt ist auch die Frage, wie weit die Beschreibungen der Natur durch unsere Gehirnstrukturen beeinflusst werden. Spätestens für die Quantentheorie ist die These von einer beobachter-unabhängigen Realität unhaltbar [Lyre, 442]
Physik als Grundlage
Als grundlegende Disziplinen gelten heute:
1) Die Thermodynamik (seit 1850) mit den zentralen Begriffen Energie, Entropie und Temperatur, zuständig nicht nur für Wärmeerscheinungen, sondern für alle physikalischen Prozesse
2) Die allgemeine Relativitätstheorie (seit 1915), zuständig für Raum, Zeit und Gravitation
3) Die Kosmologie (seit 1917), zuständig für die Struktur und Entwicklung der Welt als Ganzes, als erfahrungswissenschaftliche Disziplin seit Newton möglich, seit Einstein erfolgreich
4) Die Quantentheorie (seit 1925), unentbehrlich für Mikrosysteme, jedoch mit Geltungsanspruch für alle realen Systeme.
5) Theorie der Elementarteilchen:
a) Quantenchromodynamik für Quarks und starke Wechselwirkung seit 1962
b) Quantenflavordynamik für Leptonen und elektroschwache Wechselwirkung seit 1980
c) Eine Quantengravitationstheorie für alle Wechselwirkungen steht noch aus.
Die Grundgesetze sind im Allgemeinen sehr abstrakt, und es ist nicht einfach sie zu verstehen. Deshalb werden in wissenschaftstheoretischen Diskussionen eher klassische Gesetze als Beispiele herangezogen [Vollmer 2000, 193].
Eines dieser klassischen Gesetze betrifft die Gravitation. Es eignet sich, um die historische Entwicklung eines Naturgesetzes zu illustrieren:
Historische Entwicklung
Der Begriff Naturgesetz ist mit einer Folge von unterschiedlichen Weltbildern verknüpft, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelten [Hampe 2007]. Zu jedem dieser Weltbilder gehört ein Symbolsystem. Symbolsysteme sind historisch gewachsene, kulturelle Produkte. Das Fallen eines Gegenstandes wurde z.B. im Laufe der Wissenschaftsgeschichte von verschiedenen Wissenschaftlern durch je eigene Symbolsysteme beschrieben. Die wichtigsten Autoren einer solchen Beschreibung sind (in historischer Reihenfolge):
1) Aristoteles
2) Kepler
3) Newton
4) Einstein
Die historische Sicht macht deutlich, dass man zwischen Naturnotwendigkeiten (laws of nature) und ihren Beschreibungen, den Naturgesetzen (laws of science) unterscheiden muss [GAD, Hampe]:
1. Ein Naturgesetz wird in einem ganz bestimmten Symbolsystem formuliert, welches frei gewählt werden kann.
2. Eine Naturnotwendigkeit ist demgegenüber fest vorgegeben
Einsteins Beschreibung der Gravitation erlaubt z.B. genauere Voraussagen und eröffnet damit neue Handlungsoptionen, obwohl sich an den Naturnotwendigkeiten nichts geändert hat.
Die Art und Weise, wie die Natur beschrieben wird hat einen grossen Einfluss auf das Konzept der Willensfreiheit: Die folgenden zwei Weltbilder machen dies deutlich:
1. Das mechanistische Weltbild von Newton kann mit einem Uhrwerk verglichen werden, welches nach den Regeln eines (von Gott verordneten) ewigen Gesetzes abläuft. Der Mensch ist diesem Gesetz unterworfen und jede seiner Handlungen kann vorausberechnet werden. Willensfreiheit ist notwendig eine Täuschung.
2. Der Kompatibilismus basiert demgegenüber auf dem Weltbild der Synergetik und Evolution, nach welchem Gesetze autonom (durch Selbstorganisation) entstehen und vergehen. Wenn der Mensch nicht Gesetzen unterworfen ist, sondern selbst Gesetze schafft, dann ist er frei.
Synergetik und Evolution
Die Synergetik ist eine interdisziplinäre Theorie zwischen Reduktionismus und Holismus [Haken, 21]. In der Systematik der Einzelwissenschaften kann sie als Erweiterung der klassischen Thermodynamik betrachtet werden. Sie konzentriert sich auf allgemeingültige Gesetzmässigkeiten der Selbstorganisation, der Strukturbildung und der Koevolution in komplexen Systemen und hat deswegen eine philosophische Dimension [Haken, 22]. Das Paradigma der Synergetik ist die Nichtlinearität.
Nichtlineare Gleichungen stellen eine Verbindung her zwischen Konzepten der Synergetik und der Evolution.
Die Menge der Lösungen einer nichtlinearen Gleichung entspricht der Menge der evolutionären Wege des Systems, das von dieser Gleichung beschrieben wird.
1. Unbedeutende Schwankungen können sich verstärken und zu makroskopischen Unterschieden anwachsen.
2. Es gibt Schwellen der Empfindlichkeit, unterhalb deren sich alles verwischt und keine Spuren hinterlässt
3. Es gibt so etwas wie einen „Quanteneffekt“, d.h. es ist nur ein diskretes und nicht ein kontinuierliches Spektrum der evolutionären Wege möglich.
4. Prozesse verändern sich auf eine nicht-vorhersagbare Weise. Prognosen auf der Basis des bisher Bekannten sind unzureichend. Durch die Zufälligkeit der Wahl eines Weges im Bifurkationspunkt, wird ein Weg einzigartig.
[Haken, 32-33].
Massgebend für die Entwicklung der Synergetik waren u.a. die Arbeiten von Ilya Prigogine (1917-2003), Hermann Haken (1927-) und Manfred Eigen (1927-).
Gesetze werden für Prigogine lokale, singuläre, historische Zusammenhänge, die aus Zufallsentwicklungen entstehen und durch sie wieder verschwinden werden [Hampe 2007, 123].
Wenn Gesetze nicht ewig dauern, dann können auch die von ihnen geschaffenen Strukturen nicht ewig dauern. Die Gültigkeitsdauer der physikalischen und chemischen Gesetze ist aber z.B. wesentlich länger als die Geschichte der Menschen, welche diese Gesetze zu verstehen versuchen. In einigen Bereichen erscheint die Wirklichkeit deshalb beständig oder gar unveränderlich:
Das Erscheinungsbild der Wirklichkeit ist stark strukturiert.
1. Konservative Kraftwirkungen frieren den Zufall ein und schaffen beständige Formen und Muster
2. Dynamische Ordnungszustände entstehen aus der zeitlichen Synchronisation physikalischer und chemischer Prozesse unter ständiger Dissipation von Energie.
[Hampe 2007, 126].
Konservative Strukturen
Materielle räumliche Strukturen sind immer auf statischen Kraftwirkungen (Anziehung und Abstossung) zwischen den Teilen zurückzuführen. Gestalt ist eine Konsequenz aus Wechselwirkungen [Eigen, 89]
Beispiele:
1. Verteilung der Atome im Molekül
2. Räumliche Struktur eines Proteins, z.B. Protein-Molekül
3. Symmetrische Anordnung der Bausteine im Kristallgitter
4. Viren (als Materiepartikel kann das Virus wie ein mineralischer Stoff in den Kristallverband überführt werden, im Milieu der lebenden Zelle hingegen benimmt es sich wie ein Lebewesen)
5. Muster eines Sternsystems
Konservative Strukturen sind zumeist Gleichgewichtsstrukturen, die durch ein absolutes Minimum der freien Energie charakterisiert sind.
[Eigen, 92-93]
Dissipative Strukturen
Für die Gestaltbildung in der Natur sind die dissipativen Strukturen von ebenso grosser Bedeutung wie die konservativen. Sie unterscheiden sich von den konservativen Strukturen wie folgt:
1. Der kooperativen Kraftwirkung im konservativen Muster entspricht die autokatalytische Reaktivität im dissipativen Modell.
2. Im dissipativen Modell entwickelt sich ein stationäres Muster, ohne dass die Materieteilchen im Raum fixiert sind
3. Die dissipative Form ist nicht allein durch die Wechselwirkungen bestimmt, sondern auch durch die Randbedingungen des Systems
4. Die Aufrechterhaltung der Strukturen verlangt eine ständige Dissipation von Energie, was mit einer stationären Erzeugung von Entropie gleichbedeutend ist. Das System besitzt also einen Metabolismus, d.h. stofflich gebundene Energie wird fortwährend umgesetzt.
5. Konservative Strukturen sind stabiler, reversibler und besser kombinierbar, weil sie nicht von Randbedingungen abhängen.
Beispiele
1. Physik: Wabenförmige Zellstrukturen in einer von unten erhitzten Flüssigkeit (Bénard-Effekt)
2. Anorganische Chemie: Chemische Reaktionen, die eine zeitliche Oszillation zeigen (Zhaboutinsky-Reaktion)
3. Biochemie: Beim Zuckerabbau entstehen periodische Muster.
4. Biologie: Schleimpilze treten wie von unsichtbaren Kräften getrieben zu einem Plasmodium zusammen, das sich wie ein Organismus verhält
[Eigen, 116-120]
Dissipative Strukturen sind insofern ein Mittelding zwischen Chaos und Ordnung, als sie durch zufällige Änderungen der Randbedingungen entstehen oder wieder verschwinden können. Im oben erwähnten Beispiel der Bénard-Zellen sieht das z.B. wie folgt aus:
Kleinste, Störungen reichen aus (beispielsweise das zufallsbedingte gleichzeitige Aufsteigen einiger Flüssigkeitsmoleküle an bestimmten Stellen), um sich zu makroskopischen Bewegungen aufzuschaukeln, die schließlich die ganze Flüssigkeitsschicht erfassen und mit Konvektionszellen ausfüllen. Wie auf ein Kommando schält sich aus dem mikroskopischen Chaos des thermodynamischen Gleichgewichts ein kohärentes, kollektives Verhalten heraus. Die vorher individuell und unabhängig voneinander agierenden Flüssigkeitsteilchen machen plötzlich gemeinsame Sache. Solange sich an den äußeren Bedingungen nichts ändert (konstanter Energiestrom), bleibt dieses zufällig zustande gekommene
Zellenmuster erhalten. Der Zufall wird gewissermaßen konserviert und bestimmt die individuelle Gestalt der dissipativen Struktur. Der Zufall kann daher als das kreative, von vornherein nicht bestimmbare und nicht vorhersagbare Element der Strukturbildung angesehen werden (Von der Dissipation zur dissipativen Struktur, H.J.Schlichting)
Mit dem Begriff „Zufall“ ist hier der unechte Zufall, d.h. das deterministisches Chaos gemeint
Lebewesen
Die Gestaltbildung in Lebewesen ist nur aus dem Zusammenwirken des konservativen und dissipativen Prinzips zu verstehen:
1. In der Morphogenese sorgen die dissipativen Strukturen für die räumliche Organisation der konservativen (vom genetischen Programm der Zelle definierten) Strukturelemente
2. Als Erregungsmuster im Netzwerk der Nervenzellen überlagern die dissipativen Strukturen die Teilinformationen und stellen so das materielle Korrelat zu „Gestalt“ dar.
Die zur Ausbildung der dissipativen Strukturen notwendigen Wechselbeziehungen beruhen auf konservativen Kraftwirkungen. Auch die permanente räumliche Fixierung von dissipativen Mustern bedarf der stabilisierenden konservativen Kräfte [Eigen, 118]
Die Ordnung des Lebens baut auf dem konservativen wie auch dem dissipativen Prinzip auf. Die Gestalt der Lebewesen, die Gestalthaftigkeit der Ideen, sie beide haben ihren Ursprung im Wechselspiel von Zufall und Gesetz [Hampe 2007, 126].
Mit dem Begriff „Zufall“ ist auch hier der unechte Zufall gemeint.
Die Natur als aleatorischer Prozess, als Spiel, ist weder eine von Gott geplante Weltmaschine, noch ein Weltorganismus und besitzt keine entsprechende Form der Ganzheit. Sie wird zu einer unendlichen Geschichte. Denn das Spiel ist nicht durch Spielregeln bestimmt, sondern aus dem Zufall entwickeln sich immer wieder neue Regeln und durch ihn gehen alte Regeln unter. Dieser Prozess hat kein Ende und keine Tendenz zur Vollkommenheit [Hampe 2007, 127].
5.3 Evolution der Willensfreiheit
Für die Evolution der Willensfreiheit sind folgende Eigenschaften der Naturgesetze von besonderer Bedeutung:
1. Die Fähigkeit, Systeme zu schaffen, die nicht vorausberechenbar sind
2. Die Fähigkeit aus dem Chaos Ordnung zu schaffen und durch eine Steuerung aufrecht zu erhalten.
Berechenbarkeit
Wenn die Welt durch eine Uhrwerk-Metapher beschrieben werden könnte, dann wäre die Existenz eines freien Willens unplausibel. Die Chaosforschung hat aber gezeigt, dass die Zukunft (und das Verhalten der Menschen im Besonderen) nicht berechenbar ist.
Die Chaosforschung (auch: Chaostheorie, Theorie komplexer Systeme oder Komplexitätstheorie) ist ein Teilgebiet der Mathematik und Physik und befasst sich im Wesentlichen mit Ordnungen in dynamischen Systemen, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, sodass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist. Da diese Dynamik einerseits den physikalischen Gesetzen unterliegt, andererseits aber irregulär erscheint, bezeichnet man sie als deterministisches Chaos. Chaotische dynamische Systeme sind nichtlinear.
Beispiele sind der Schmetterlingseffekt beim Wetter, Turbulenzen, Wirtschaftskreisläufe, bestimmte Musterbildungsprozesse, wie beispielsweise Erosion, die Entstehung eines Verkehrsstaus sowie neuronale Netze.
Liegt chaotisches Verhalten vor, dann führen selbst geringste Änderungen der Anfangswerte nach einer gewissen Zeit zu einem völlig anderen Verhalten (sensitive Abhängigkeit von den Anfangsbedingungen). Es zeigt sich also ein nichtvorhersagbares Verhalten, das sich zeitlich scheinbar irregulär entwickelt (…). Um das Systemverhalten für eine bestimmte zukünftige Zeit berechnen zu können, müssen die Anfangsbedingungen deshalb mit unendlich genauer Präzision bekannt sein und berechnet werden, was praktisch unmöglich ist. Obwohl auch solche Systeme determiniert und damit prinzipiell bestimmbar sind, sind daher praktische Vorhersagen nur für mehr oder weniger kurze Zeitspannen möglich (Chaosforschung, Wikipedia).
Mathematik als Idealisierung
Die Anfangsbedingungen eines makroskopischen Systems sind nie genau bekannt. Trotzdem können wir das System durch ein Ensemble von Punkten im Phasenraum darstellen, die den dynamischen Zuständen entsprechen (…). Statt separater Punkte ist es bequemer, eine stetige Dichte von Punkten im Phasenraum einzuführen. Diese Dichte misst die Wahrscheinlichkeit, ein dynamisches System an einem bestimmten Punkt im Phasenraum anzutreffen. Man könnte die Dichtefunktion als eine Idealisierung, als künstliche Konstruktion betrachten, während die Trajektorie das Verhalten unmittelbar beschreibt. Tatsächlich stellt jedoch die Trajektorie und nicht die Dichte eine Idealisierung dar. Wir kennen ja einen Anfangszustand nie mit der unendlichen Genauigkeit, die ihn auf einen einzigen Punkt im Phasenraum reduzieren würde [Haken, 212].
Dass es sich bei den mathematischen Gleichungen um Idealisierungen handelt, erkennt man an den sog. Singularitäten.
Eine Singularität bezeichnet in der Mathematik einen Punkt, an dem ein mathematisches Objekt nicht definiert ist oder an dem eine sonst zutreffende Eigenschaft nicht vorhanden ist (Singularität).
Singularitäten führen z.B: zum Phänomen der Bifurkation:
Nichtlineare Systeme, deren Verhalten von einem Parameter abhängt, können bei einer Änderung des Parameters ihr Verhalten plötzlich ändern. Zum Beispiel kann ein System, das zuvor einem Grenzwert zustrebte, nun zwischen zwei Werten hin und her springen, also zwei Häufungspunkte aufweisen. Dies nennt man eine Bifurkation (Bifurkation, Wikipedia).
Es ist denkbar, dass die Nicht-Vorausberechenbarkeit einer freien Willensentscheidung der Nicht-Vorausberechenbarkeit eines neuronalen Netzwerkes entspricht. Die Wahrnehmung der „kausalen Lücke“ (Kap.4.2) wäre dann sozusagen die Innenperspektive eines in der Aussenperspektive nicht vorausberechenbaren Prozesses. Wie aber kann ein solcher Prozess gesteuert werden? Auch dazu liefert die Synergetik Anhaltspunkte:
Steuerung
Fern vom thermodynamischen Gleichgewicht kann spontan Ordnung aus dem Chaos entstehen. Im Kontext eines Lasers lässt sich dies wie folgt beschreiben:
Wir werden an diesem Beispiel (dem Laser) sehen, dass sich auch unbelebte Materie selbst organisieren kann, um sinnvoll erscheinende Vorgänge hervorzubringen. Hierbei werden wir auf merkwürdige Gesetzmässigkeiten stossen, die sich wie ein roter Faden durch alle Erscheinungen der Selbstorganisation hindurchziehen. Wir werden erkennen, dass sich die einzelnen Teile wie von einer unsichtbaren Hand getrieben anordnen, andererseits aber die Einzelsysteme durch ihr Zusammenwirken diese unsichtbare Hand erst wieder schaffen. Diese unsichtbare Hand wollen wir den „Ordner“ nennen [Haken, 19]
Um mit den Worten der Synergetik zu sprechen, versklavt der Ordner die einzelnen Teile. Der Ordner ist wie ein Puppenspieler, der die Marionetten tanzen lässt, bei dem aber die Marionetten selbst wieder auf den Puppenspieler einwirken (…). Die Zwangsläufigkeit der Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ist weitgehend unabhängig vom materiellen Substrat, auf dem sich die Vorgänge abspielen. Ein Laser kann sich genauso wie eine Zellansammlung verhalten [Haken, 20-21]
Der „Ordner“ mag die einfachste Vorstufe eines steuernden Willens sein, aber die Entwicklung der höheren Stufen ist bei weitem nicht geklärt.
Mit der Emergenz der Willensfreiheit beschäftigt sich nebst der Synergetik eine Fülle von neuen Wissenschaften wie generative philosophy, evolutionary psychology and cognitive sciences (siehe Determinism, Wikipedia). Wir begnügen uns hier mit einem kurzen philosophischen Erklärungsansatz:
Steigerungsfähigkeit
Zwei der wichtigsten Faktoren, welche die Freiheit vergrössern (steigern), sind die folgenden:
1) Eine neue Gestalt (Individualität), welche sich durch eigenständige Gesetze ausdrückt. Damit werden neue Handlungsoptionen geschaffen.
2) Eine erweiterte Fähigkeit zur Distanzierung und Reflexion. Diese Fähigkeit ist massgebend für das Phänomen Willensfreiheit.
Distanzierung und Reflexion können die Überlebensfähigkeit (Darwinsche Fitness) verbessern, führen aber nicht zwingend zu einer Überlegenheit. Bakterien sind auch ohne „höhere Intelligenz“ äusserst überlebenstüchtig, weil sie aufgrund ihres flexiblen Erbgutes ständig neue Gestalten (und damit Handlungsoptionen) bilden. Zwischen der Überlebensstrategie der Gestaltenbildung und der Reflexion entwickelt sich ein Wettkampf dessen Ausgang offen ist. Bakterien finden immer wieder Wege um die Abwehrstrategien der menschlichen Körper und Medikamente zu überlisten und die medizinische Forschung erweitert ständig ihr Wissen um diese Listen zu durchschauen [Schatz].
Bei der Definition der Handlungs- und Willensfreiheit in Kap.2.2 und 2.3 wird nicht explizit gesagt, aber angenommen, dass die Entscheidungsprozesse bewusst ablaufen und eine gewisse Komplexität haben. Bakterien spricht man keine Willensfreiheit zu, weil sie kein Bewusstsein haben und ihr Verhalten fix programmiert ist. Der Übergang von fixen Programmen zu komplexen Entscheidungsprozessen ist jedoch fliessend und auch Bewusstsein ist kein Alles-oder-Nichts Phänomen, sondern tritt graduell auf. Bewusstsein ist zudem kein einheitliches Phänomen, sondern hat verschiedene Aspekte:
▪ Wahrnehmung der Aussenwelt
▪ Aufmerksamkeit
▪ Gefühle, insbesondere das Ich-Gefühl
▪ Gedächtnis
▪ Reflexionen höherer Ordnung, insbesondere das Wissen um die eigene Existenz
[Metzinger, 36].
Freiheit ist deshalb ein graduierbares und steigerungsfähiges Phänomen.
Handlungsoptionen durch Individualität
Die graduierbare und steigerungsfähige Individualität ist ein Gradmesser für Handlungsoptionen. Sie entspricht einer spezifischen Gesetzmässigkeit, der gegenüber das Chaos wie ein Gleichmacher wirkt [Hampe 1996, 67]. Den elementaren biologischen Bedürfnissen entsprechen elementare Handlungsoptionen. Komplexe kulturelle Bedürfnisse erzeugen demgegenüber eine Vielzahl von Handlungsoptionen.
Beispiel:
Individuen wie Torwart, Stürmer, Verteidiger, Schieds- und Linienrichter werden erst durch die Gesetze (Regeln) des Spiels erzeugt. Diese Regeln strukturieren einen Bereich neuer Handlungen, welchen die physikalischen und biologischen Gesetze von menschlichen Wesen offen lassen [Hampe 1996, 70].
Das Verhältnis von Gesetzmässigkeiten zueinander kann man sich mit dem Bild von übereinandergelegten Netzen mit unterschiedlicher Maschengrösse veranschaulichen.
1) Ein grossmaschiges Netz veranschauliche die physikalischen Gesetzmässigkeiten. Diese determinieren nicht alles, sie lassen Lücken offen.
2) Legen wir über dieses grobe Netz das feinere der biologischen Gesetze, so kreuzen sich auch dort Fäden, wo das Netz der physikalischen Gesetzmässigkeiten Lücken liess.
3) Aber auch die biologischen Gesetze fangen nicht alles ein, determinieren die Menschen nicht vollständig. Die Gesetze eines Spiels, eines moralischen Codes oder eines staatlichen Rechtssystems können das Verhalten der Menschen über die physikalischen und biologischen Regeln hinaus weiter determinieren.
[Hampe 1996, 71].
Die Regeln der zweiten Ordnung durchbrechen nicht die Regeln der ersten Ordnung sondern bauen auf ihnen auf.
Ein Vogel, der fliegt, setzt die physikalischen Gesetze für träge Massen nicht ausser Kraft. Seine Bewegungen sind, anders als die von fallenden Äpfeln oder geschleuderten Steinen noch durch andere Regelmässigkeiten determiniert, aber sie liegen vollständig im Rahmen der physikalischen Gesetze (…). Durch diese weiteren Determinationen ergeben sich für den Vogel Möglichkeiten (Handlungsoptionen), die der fallende Apfel und der geschleuderte Stein nicht haben. [Hampe 1996, 72-73].
Das Prinzip der geschichteten Gesetze gilt auch für den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Lebewesen unterliegen zwar der Tendenz zur Zunahme der Entropie, aber eben nicht nur dieser. Es gibt weitere Determinationen, welche der Entropiezunahme entgegenwirken.
Wir sind sowohl natürliche Wesen, welche unabänderlichen Gesetzen unterliegen, wie auch kreative Wesen, die Regeln und Gesetze schaffen (…). Unsere Kreativität ist selbst eine natürliche Tatsache (…). Wir sind nicht in einen mechanistischen Naturzusammenhang eingebunden, der uns vollständig determiniert (…). Die Natur darf nicht als ein System starrer Gesetzmässigkeiten begriffen werden, sondern als ein Ort von Kreativität und Destruktion, von Entstehen und Vergehen von Gesetzmässigkeiten. Wir selbst sind als Erzeuger und Zerstörer von (sozialen) Gesetzen an diesem natürlichen Vorgang beteiligt [Hampe 1996, 197].
Handlungsoptionen durch Distanzierung [Hampe 1996, 73]
Erst da, wo eine Distanzierung von einer Gesetzmässigkeit erfolgt, fällt die Wirklichkeit nicht mehr vollständig mit dieser Gesetzmässigkeit zusammen [Hampe 1996, 74].
Distanzierung ermöglicht das Entdecken von Regelmässigkeiten und eröffnet damit neue Handlungsoptionen. Dies kann am Beispiel von Edgar Allan Poes Erzählung Sturz in den Mahlstrom erläutert werden [Hampe 1996, 75]
Einer von zwei fischenden Brüdern, die mit ihrem Boot in einen Meeresstrudel geraten waren, erkannte, nachdem seine Todespanik verflogen war, in der distanzierten Beobachtung des Geschehens im Wirbel eine Gesetzmässigkeit: Kleine zylindrische Körper werden nämlich langsamer hinabgezogen als grosse eckige. Der Fischer machte sich diese Erkenntnis zunutze: Indem er sich an ein Fass band und vom zylindrischen Schiff sprang, überlebte er.
Der Zusammenhang zwischen der Form eines Gegenstandes und seiner Anziehung durch den Mahlstrom entspricht einem Naturgesetz und damit einer Art von Beschreibung, welche zur Auswahl steht. Die wissenschaftliche Beschreibung zeigt eine Rettungsmöglichkeit, während magische bzw. religiöse Beschreibungen (wie Höllenschlund, Strafe Gottes usw.) zum Tode führen. Kontrollverlust und Aberglaube müssen zwar nicht tödlich enden, aber Selbstkontrolle und Reflexion erweitern die Handlungsoptionen, während irrationale Ängste die Freiheit einschränken.
Beispiel: Geschichten über Magnetberge, welche Schiffe anziehen und zerschellen lassen, bewirkten, dass gewisse Meeresgegenden weniger befahren wurden. Die naturwissenschaftliche Beschreibung des Erdmagnetfeldes vergrösserte umgekehrt die Freiheit. Der Magnetkompass wird noch heute zur Navigation eingesetzt.
Die Erzählung von Edgar Allan Poe illustriert, dass die Handlungsoptionen auch erweitert werden können ohne Gesetzmässigkeit zu durchbrechen, nämlich dann, wenn es gelingt Lücken im Muster der Determination zu erkennen.
Der Fischer überlebt nicht trotz, sondern wegen der Gesetzmässigkeiten des Wirbels. Ein Vogel oder ein Flugzeug fliegen nicht trotz, sondern wegen der Gesetzmässigkeiten, die für schwere Körper gelten [Hampe 1996, 74].
Lebewesen haben viel mehr Freiheitsgrade als feste Körper. Ein Stein und ein Vogel unterliegen beide der Schwerkraft, aber der Vogel hat Systemeigenschaften, welche ihm erlauben, die Bewegungsrichtung selbständig anzusteuern. Der Vogel überwindet die Schwerkraft oder er nutzt sie zu seinem Vorteil (etwa wenn er sich fallen lässt). Der Vogel ist in diesem Sinne freier als der Stein. Die Menschen können sich nicht von den Naturgesetzen befreien aber sie können (wie der Vogel) versuchen, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Distanzierung kann mit einem Figur-Grund-Verhältnis illustriert werden [Hampe 1996, 76]:
1) Das Unlebendige bildet den Hintergrund, vor dem die Gesetzmässigkeiten der Lebewesen als Figur sichtbar werden
2) Das Sittliche, die Selbstbestimmung durch ein moralisches Gesetz, macht die Figur vor dem Hintergrund einer lediglich organisch determinierten Existenz aus.
Der Grad der Distanzierung, den ein Individuum erreicht hat (…), kann auch von aussen gleichsam „gemessen“ werden. Massstab ist dabei die Häufigkeit, mit der man in der Prognose des Verhaltens eines Individuums bei der Anwendung einer bestimmten Gesetzmässigkeit Erfolg hat. [Hampe 1996, 77].
Die höhere Ebene determiniert die offenen Bereiche der unteren Ebene aus und übt damit eine gewisse Kontrolle aus [Hampe 1996, 80-81].
Beispiel: Hierarchie der menschlichen Rede:
1. Hervorbringung stimmlicher Laute. Diese Ebene lässt die Kombination der Laute zu Wörtern weitgehend offen
2. Regelung der Laute zu einem Vokabular: Auf dieser Ebene bleibt offen, wie die Wörter zu Sätzen verbunden werden.
3. Grammatik: Auf dieser Ebene bleibt offen, welcher Gedankengang vermittelt werden soll.
Ein Hinaufsteigen in der Hierarchie entspricht einer Zunahme der Ordnung. Es sind aber nicht beliebige Ordnungen möglich. Es kann nicht beliebige lebendige Organisationen geben und man kann auch nicht aus den physikalischen Gesetzen auf die Gattungen und ihre Physiologie schliessen.
Der Gedanke, dass Individualität gesteigert werden kann und dass diese Steigerung mit einer Vervielfältigung der Möglichkeiten einhergeht, relativiert das Selbstbild des Menschen, der einer gesetzmässigen Natur gegenübersteht (…). Freiheit ist nicht etwas, das gegen die natürliche Determination verwirklicht werden muss, sondern eine Errungenschaft, die durch Distanzierung möglich wird. Die Fähigkeit zur Freiheit und zur Erkenntnis hängen miteinander zusammen [Hampe 1996, 86].
Die Reflexion der eigenen Präferenzen (Motive, Wünsche und Überzeugungen) bildet die Grundlage der Moralität. Menschen haben eine gewisse Fähigkeit sich von ihrer biologischen Determination zu befreien und ihre Energie auf kulturell anerkannte Verhaltensweisen umzulenken (sog. Sublimierung). Die typisch menschliche Freiheit besteht darin, dass diese Verhaltensweisen verwirklicht werden können (aber nicht müssen).
5.4 Kritik aus Sicht des Inkompatibilismus
Letzt-Urheberschaft
Kompatibilisten sind der Auffassung, dass die Forderung nach Letzt-Urheberschaft übertrieben ist (siehe Kap.4.4)
Wenn man den Begriff Freiheit so verwendet, dann sind Menschen unfrei allein durch die Tatsache, dass sie Menschen sind.
Inkompatibilisten, welche nicht an einen Leib-Seele Dualismus glauben, vertreten tatsächlich die Auffassung, dass Menschen unfrei sind allein durch die Tatsache dass sie Menschen sind. Sie betrachten Menschen als eine Art Roboter mit biotechnisch implementierter Intelligenz.
Der Zwang der Naturgesetze
Aus Sicht des Inkompatibilismus ist der Vorwurf der Projektion von menschlichen Gefühlen auf die Natur (siehe Kap.4.4) unzutreffend.
1. Eine Projektion wäre z.B. die Aussage „die Planeten werden durch die Gesetze der Mechanik in ihre Bahn gezwungen“. Eine solche Aussage wird aber von Inkompatibilisten nicht vertreten. Planeten wollen nicht aus ihrer Bahn ausbrechen, weil sie keine Präferenzen haben. Wille und Präferenzen sind Eigenschaften von Lebewesen. Im Gegensatz zu Planeten verspüren Lebewesen den Zwang der Gravitationskraft.
2. Die Prozesse auf der Mikroebene gehören nicht zu unserem Erfahrungsbereich, weil diese Erfahrungen für das Überleben nicht nützlich sind und ihre Verarbeitung unnötig Energie verbrauchen würde. Das ändert aber nichts an ihrer Zwangsläufigkeit.
Die kompatibilistische These zur Illusion eines Zwanges lässt sich deshalb wie folgt umkehren:
Die Vorstellung, dass Freiheit in einer durch Naturgesetze beschriebenen Welt möglich wäre, ergibt sich aus dem Gedanken, dass der nicht spürbare Zwang ignoriert werden kann.
Voraus-Berechenbarkeit
Die Beispiele, welche zeigen, wie durch die Entdeckung von Naturgesetzen die Freiheit vergrössert wird (Kap.5.3), unterschlagen die Beschreibung der Mikroebene. Das lässt sich z.B. anhand von Edgar Allan Poes Erzählung Sturz in den Mahlstrom illustrieren:
Eine Beschreibung der Gehirnprozesse des Fischers auf Mikroebene hätte die Botschaft der Erzählung (Vergrösserung der Freiheit durch Selbstkontrolle und Reflexion) in Frage gestellt. Zurzeit von Edgar Allan Poe wurde die Natur durch die Newtonsche Mechanik beschrieben und der Mensch als Rädchen in einer grossen Weltmaschine betrachtet. Selbstkontrolle und Reflexion wären aus dieser Sicht vorausberechenbare Prozesse gewesen.
Das Newtonsche Weltbild ist zwar in der Zwischenzeit überholt und die Synergetik hat Argumente zugunsten der Kompatibilisten geliefert, aber eine Reihe von anderen Wissenschaften haben Zweifel innerhalb des Kompatibilismus gesät. Von diesen soll in der Folge die Rede sein.
Zweifel an der Existenz eines freien Willens gibt es auch bei den Kompatibilisten. Es ist nämlich weitgehend unklar
1. ob die im Unterbewussten gespeicherten Präferenzen vom Individuum „gewollt“ sind (Kap.6.1 bis 6.3)
2. ob das Bewusstsein überhaupt eine steuernde Funktion ausübt (Kap.6.4).
Eine Person ist nur dann Urheber ihres Willens wenn alle Formen von innerer Unfreiheit aufgelöst sind [Bieri, 226]
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Die Willensfreiheit ist die Fähigkeit des Menschen, freiwillig zu tun, was er unfreiwillig will.
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6.1 Soziologie
Gefangenheit im Ideal und Befreiung
Das Streben danach, dem göttlichen Vorbild und seinen Anforderungen gerecht zu werden, steht einer freien Lebensgestaltung diametral entgegen. So sagt etwa Augustinus:
Wenn du dich selbst erbaust, wirst du eine Ruine erbauen.
Der idealisierende Humanismus übt eine ähnliche Funktion aus wie die Religion. Die Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen verunmöglicht die Entwicklung eines individuellen Lebenssinnes und die Versöhnung mit den menschlichen Schwächen. Das humanistische Ideal ersetzt das religiöse Ideal. Einen ersten Schritt zur Befreiung von einem fixen Menschenbild und zu mehr Toleranz tat Erasmus von Rotterdam bereits im 16.Jh:
Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist (aus Philosophie….was ist das?)
Eine Gegenbewegung zum idealisierenden Humanismus im 20. Jh. war die Existenzphilosophie. Begründet wurde sie von Kierkegaard, philosophisch analysiert von Heidegger und Jaspers, literarisch ausformuliert von Camus und Sartre.
Der Existentialismus ist eine besondere Ausdrucksform der französischen Existenzphilosophie. Im Kern des Existentialismus stehen die Schriften von Sartre, welche auf Ideen von Hegel, Heidegger und Husserl aufbauen [GAD, Strassberg]. Sartre wehrt sich gegen die Wesensbestimmung des Menschen durch Theorien und betrachtet die individuellen existentiellen Erfahrungen des Menschen als massgebend. Der Mensch ist nicht auf eine Ordnung bezogen, sondern schafft Ordnungen mit seinem Beispiel (L'être et le néant).Was aber heisst existentiell?
Was wirklich wichtig ist, findet der Mensch meist erst heraus, wenn er in eine kritische Situation gerät, durch Tod, Kampf, Leiden, Schuld ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird. Was dann noch wichtig ist, ist existenziell, was hinfällig wird, ist überflüssig (aus Philosophie….was ist das?)
Der metaphysische Humanismus, jede Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen, artet nach Sartre in Antihumanität aus. (…) Notwendig ist eine umfassende, negative, kritische Position, die gegen einfache und feste Menschen- und Weltbilder andenkt und anrennt, die auch das Unmenschliche aufrichtig in den Blick rückt. Die Epoche des (nur) positiven Humanismus, der Renaissance und der (optimistischen) Aufklärung ist zu Ende (aus Jean Paul).
Während die Existenz-Philosophie zur Befreiung von metaphysischen Idealen aufrief, entdeckte eine Gruppe von Linguisten, Psychologen, Soziologen und Anthropologen (später Strukturalisten genannt), dass metaphysische Ideale nur einen Spezialfall einer allgemeinen Form von Gefangenschaft darstellen.
Strukturalismus
Der Strukturalismus entstand aus dem Versuch, naturwissenschaftliche Methoden auf die Sprache anzuwenden. Die Beziehungen zwischen Sprach-Phänomenen sollten im gleichen Sinne untersucht werden, wie die Beziehungen zwischen Natur-Phänomenen. Hauptprinzip ist das Auffinden von Einsetzungs- und Ersetzungsregeln, d.h. eine Art Reduktionismus. Später wurde dieser Versuch auch auf andere geisteswissenschaftliche Bereiche ausgedehnt.
Levi-Strauss argumentiert, dass die Kultur wie eine Sprache sei: nur ein Aussenstehender könne die ihr zugrunde liegenden Regeln verstehen.
Dass das menschliche Denken durch die Sprache limitiert wird, ist offensichtlich. Wir denken in vorgegebenen Begriffen und Satz-Strukturen. „Der Mensch verhält sich so, als ob er der Schöpfer und Herr der Sprache sei, es ist aber ganz im Gegenteil die Sprache, die sein Gebieter ist und bleibt.“ (Heidegger). Wenn es eine Analogie gibt zwischen Sprache und Kultur, dann wird das Handeln im gleichen Sinne limitiert wie das Denken.
Das strukturalistische Weltbild wurde u.a. von folgenden Philosophen beeinflusst [GAD, Strassberg]:
1. Marx, welcher die Macht der ökonomischen Verhältnisse analysierte („Das Sein bestimmt das Bewusstsein“)
2. Freud, welcher die Macht des Über-Ichs analysierte (soziale Normen werden im Unbewussten verankert).
3. Nietzsche, welcher den Willen zur Macht analysierte („Wahrheit ist die Lüge, welche gewonnen hat“).
Nicht nur die Handlungen, auch die Reflexionen, welche hinter diesen Handlungen stehen und sogar die Fähigkeit zur Reflexion sind durch die Kultur bestimmt. Warum kann z.B. der eine der zwei Brüder in Poe’s Novelle Sturz in den Mahlstrom die Phänomene naturwissenschaftlich reflektieren und der andere nicht? Ein Strukturalist würde sagen, dass den beiden Brüdern verschiedene Rollen in der Gesellschaft zugewiesen wurden.
Eine Analyse ist struktural, wenn sie nicht von isolierten Phänomenen sondern von Beziehungen ausgeht. Ein einzelnes Element hat keine Bedeutung, nur die Beziehungen sind massgebend [GAD, Strassberg]:
1. Ausgangspunkt dieser Sichtweise war Freuds Hinweis, dass im Traum einzelne Elemente nicht von sich aus etwas bedeuten würden, sondern erst im Zusammenhang zu sprechen anfingen. Gemäss Lacan ist das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert.
2. Auch jedem kulturellen Gegenstand geht eine Ordnung voraus. Erst der Katalog macht die Bibliothek aus, die Nachbarschaft eines Buches definiert die Eigenschaften des Buches. Der Begriff Bedeutung entspricht dem Platz in der Landkarte der Nachbarschaften. Die Welt wird erst zugänglich, wenn wir uns in einem Symbolsystem (analog dem Bibliotheks-Katalog), d.h. in einer Sprache bewegen. Regeln und Gesetze (d.h. symbolische Ordnungen) prägen anschliessend die Wahrnehmung von Realität. Auch das Ich, die Gefühle, ergeben sich aus einem Netz von Verpflichtungen. Daraus folgt Foucaults These vom Tod des Subjekts, wie er sie in seinem Buch Die Ordnung der Dinge präsentierte
3. Man könnte die Lacan’sche Sichtweise auch umdrehen und sagen, dass die Sprache strukturiert ist wie das Unbewusste: „Es“ spricht. (Was von der Nacht übrig bleibt). Das Unbewusste kommt entwicklungsgeschichtlich vor der Sprache. Die Beziehungen existieren zunächst im Unbewussten und werden nach und nach in ein Symbolsystem übersetzt. Die Welt wird jetzt auf eine andere Art zugänglich.
Gefangenheit in der Struktur und Befreiung [GAD, Strassberg].
1) Was unterscheidet die Kultur von der Natur? Nach Levi-Strauss verlässt der Mensch dort die Natur, wo er über die Familie hinaus zu tauschen beginnt (speziell: Inzest-Verbot und Tausch von Frauen und Gütern). Jetzt entwickeln sich Gesetze und bestimmte Rollen bzw. Funktionen in der Gesellschaft. Das Gesetz bestimmt die (richtigen) Gefühle und nicht umgekehrt. Das Gesetz bestimmt was menschlich ist, aber es ist nicht vom Menschen geschaffen. Gesetze definieren Beziehungen, welche sich aus der Natur der Dinge notwendig ergeben. Das Subjekt kann nur den ihm zugeordneten Platz in der Struktur einnehmen. Mit der Stellung in der Struktur sind auch seine Präferenzen (Gefühle, Neigungen, Interessen) bestimmt
2) Weshalb gibt es Strukturen? Strukturen müssen das Triebhafte binden. Mythen müssen z.B. Machtverhältnisse festigen. Historische Ereignisse werden zu diesem Zweck zu einer Art Naturgesetz umgedeutet. Die Illusion, dass wir autonom handeln verstellt uns den Blick, dass unsere Triebe in der Struktur gebunden sind. Die Illusion des Ich macht die Leute gefügig. Wer sich durch Reflexion ganz in die Struktur hineinbegibt kann erkennen, wie das Ich aus kulturellen Beziehungen zusammengesetzt ist. Die Struktur wird transparent und die Illusion des Ich bricht zusammen. Nur aus dieser Position heraus ist ein Widerstand denkbar. Wie aber könnte dieser aussehen? Das, was ausserhalb der Struktur ist, kann nicht mit den Mitteln innerhalb der Struktur beschrieben werden. Ein bewusster Austritt ist in diesem Sinne nicht möglich.
3) Es gibt aber trotzdem eine Sehnsucht, über die Struktur hinauszukommen. Diese Sehnsucht wurde von gewissen Strukturalisten mit der Schizophrenie oder mit einer angestrebten Herrschaft des Unbewussten in Verbindung gebracht. Wo Es war soll (wieder) Es werden (Lacan). Gemäss Lacan sind Strukturen immer instabil; es droht der Einbruch des Unbewussten bzw. (in der Terminologie von Lacan) der Einbruch des Realen.
a) Ein Versuch, dem Leiden an der Struktur zu entfliehen besteht darin, die Nicht-Existenz des Ich und damit eine fremdbestimmte Rolle zu akzeptieren. Dies wurde von einigen Strukturalisten als mystischen Aufgehen in der Struktur bezeichnet und erinnert an das hinduistische Dharma.
b) Ein anderer Versuch der Befreiung wäre das Schaffen einer individuellen Sprache (z.B. in der Psychoanalyse) oder das Eintauchen in eine fremde Kultur. Ein Strukturalist würde jedoch auch die Psychoanalyse als Teil des Systems betrachten und zudem postulieren, dass die fremde Kultur nur mit den Augen der eigenen Kultur gesehen werden kann. Kommt hinzu dass die fremden bzw. wirklich alternativen Kulturen am aussterben sind. Die Lebensweise der Jäger und Sammler kann z.B. in absehbarer Zeit nicht mehr nachvollzogen werden. Im Unterschied zur Existenzphilosophie nimmt der Strukturalismus vorwiegend einen deskriptiven Standpunkt ein.
c) Aus normativer Sicht kann man versuchen, die individuelle Freiheit als Ziel der Struktur zu definieren. In einer liberalen Gesellschaft ist es einfacher, die Gefangenschaft in der Struktur zu akzeptieren. Aber Freiheit wird im Allgemeinen nicht geschenkt, sondern muss erkämpft und verteidigt werden.
6.2 Soziobiologie
Die biologische Nutzenfunktion
Da der Mensch ein biologisches Wesen ist, muss auch die biologische Nutzenfunktion in der Psyche prominent vertreten sein. Das Streben nach Individualität, nach Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung sind das Resultat eines biologischen Programms. Diese Aussage hat einen erkenntnistheoretischen Status, welcher nahe bei einem Naturgesetz liegt. Wir kommen mit einer beträchtlichen Zahl von natürlichen Wünschen auf die Welt (wie Beckermann sagt), aber diese Präferenzen sind letztlich dem biologischen Ziel (die DNA zu replizieren) untergeordnet.
Das biologische Ziel kann beim Menschen derart durch kulturelle Normen überlagert werden, dass es nur noch im Unbewussten wirkt. Ob wir durch die biologische Nutzenfunktion manipuliert werden oder nicht ist eine Frage der Identifikation. Wer sich voll mit seiner biologischen Natur identifiziert, fühlt sich nicht durch biologische Bedürfnisse manipuliert. In einer Kultur, welche Sublimierung verlangt, kann umgekehrt das biologische Ziel zu einem Hindernis bei der Verfolgung von kulturellen Zielen werden.
Die biologischen Strategien zur Vermehrung von Genen sind vielfältig und teilweise indirekt [Gräff] [Voland, 143]. Das bedeutet, dass die Psyche eines Menschen nicht zwangsläufig durch das biologische Ziel geprägt ist, viele Kinder zu haben.
Selbst dort, wo wir anderen nützen, wo wir uns also sozial oder altruistisch und damit moralisch hochwertig zu verhalten glauben, ist häufig nichts weiter als jener Gen-Egoismus am Werk. Daß wir anderen nützen und uns dabei vielleicht sogar selbst schaden, ist - wie die Soziobiologie zeigt - gar kein Widerspruch zur Darwinschen Lehre, sondern unter gewissen Bedingungen sogar deren unausweichliche Konsequenz [Vollmer 1994].
Es gibt sogar Versuche, das Phänomen „Gewissen“ auf evolutionärer Basis herzuleiten. Bestimmte Gene würden Erzieher dazu bewegen, in die Entwicklung ihrer Zöglinge in einer Weise einzugreifen, welche den genetischen Interessen der Erzieher nützt und den genetischen Interessen der Zöglinge schadet. Das Gewissen des Zöglings könnte man als parasitische Funktion des erweiterten Phänotyps des Erziehers deuten [Mittwollen, 156-160].
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Man traue keinem erhabenen Motiv, wenn sich auch ein niedriges finden lässt.
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Handeln gegen die Gemeinschafts-Interessen
Die traditionelle Verhaltensforschung war zwar durchaus schon überzeugt, daß "altruistisches" Verhalten biologisch-genetische Gründe haben könne und müsse. Sie nahm jedoch an, daß es nur über eine besondere Art von Selektion, über Gruppenselektion, erklärt werden könne: Tiere verhielten sich eben arterhaltend (…). Die Soziobiologie widerspricht. Gruppenselektion gibt es überhaupt nicht oder nur in Ausnahmefällen. Mit einem natürlichen Bedürfnis, für den Erhalt der Menschheit zu sorgen, ist auch beim Menschen nicht zu rechnen (…). Es ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich, daß Appelle, wir sollten für die gesamte Menschheit etwas tun, so wenig fruchten [Vollmer 1994].
Das ökologische Verhalten liegt z.B. im Interesse der gesamten Menschheit, wird aber von unbewussten, aus der biologischen Evolution stammenden Mechanismen hintertrieben:
▪ Die biologische Evolution ist nicht bloss kurzsichtig, sondern absolut ziel- und zukunftsblind: Das Design der Organismen ist an einen „Wettlauf im Hier und Jetzt“ angepasst.
▪ Genetischer Reproduktionserfolg – das Mass aller Dinge – beruht zu einem wesentlichen Teil auf effizienter Ressourcenausnutzung.
Beides hat unserer Psyche den Stempel aufgedrückt und damit die Mentalität des Raubbaus kreiert [Voland, 145].
Marx hatte Recht in vielerlei Beziehungen, aber er überschätzte die Kräfte des gesellschaftlichen Bewusstseins und unterschätzte die Kräfte der Evolution. Dass diese Fehleinschätzung nicht nur das Konkurrenzverhalten betrifft, sondern auch das Verhältnis der Genossen zur Natur, illustriert die Umweltverschmutzung in der ehemaligen Sowjetunion.
Handeln gegen die eigenen Interessen
Der Mechanismus der egoistischen Gene wirkt nicht nur gegen die Interessen der Allgemeinheit, sondern auch gegen die eigenen Interessen.
Obwohl wir wissen, dass Rauchen, salz- und fettreiche Ernährung, Bewegungsarmut usw. zu gesundheitlichen Risiken führen, fällt es erfahrungsgemäss schwer, entsprechende Gewohnheiten zu ändern. Gesundheitsapostel stossen in der Regel auf taube Ohren. Wovon hängt die Bereitschaft eines Organismus ab, jetzt geringe Kosten zu tragen, um höhere Kosten später zu vermeiden? Die Antwort ist verblüffend trivial: von der Wahrscheinlichkeit, dass der Organismus die späteren Zeiträume auch tatsächlich erlebt. Als Beispiel mag hier der Pleiotropie-Effekt dienen. Gene mit vorteilhaften Effekten in jungen Lebensjahren können sich auch dann in der Population ausbreiten, wenn sie mit deutlichen Nachteilen im Alter verbunden sind. In der Evolution wird der junge Körper auf Kosten des alten optimiert. Es lohnt sich im Mittel frühe Vorteile mit späten Nachteilen zu erkaufen. Die Verschuldungsmentalität, welche sich in Kreditkarten und Hypotheken ausdrückt, entspricht genau dieser Logik. Es gibt zwar ein generationenübergreifendes Interesse, aber dieses ist dynastischer und nicht allgemeiner Art [Voland, 146-148].
6.3 Psychologie
Genetische Bestimmung
Die beste Methode um die genetische Bestimmung des Verhaltens und damit das Mass der inneren Einschränkungen abzuschätzen ist die Zwillingsforschung. Erblichkeit wird oft missverstanden als der Anteil der Erbanlagen an der Ausprägung eines Merkmals bei einem bestimmten Menschen. Sie bestimmt aber den genetischen Anteil an den Unterschieden. Menschen unterscheiden sich, weil sie verschiedene Genvarianten tragen und weil sie in verschiedenen Umwelten leben. Eine Erblichkeit von z.B. 88 % für den Body-Mass-Index würde bedeuten, dass 88 % der Unterschiede des Body-Mass-Index in der Bevölkerung durch genetische Unterschiede bedingt sind, nicht aber, dass ein einzelner Mensch nur zu 12 % für sein Gewicht verantwortlich ist (siehe Zwillingsforschung, Wikipedia).
Das Temperament wird nach Strelau als überwiegend genetisch bestimmt, aber es muss unterschieden werden zwischen (gering veränderbarem) Temperament und dem Verhalten, in welchem das Temperament zum Ausdruck kommt, denn das Verhalten ist veränderbar.
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Interaktions-Verhalten
In verschiedenen Analysen wurde versucht, die persönlichen Eigenarten bei Interaktionen auf wenige Hauptmerkmale zu reduzieren (Berkowitz). Dabei haben sich zwei Dimensionen und ihre Kombination als besonders klärend für die Darstellung des Aufbaus von Beziehungsstilen erwiesen [DTV, 213]:
1. Die erste Dimension beschreibt in zwei Begriffen die Neigung zur Kommunikation: Affiliation und Ditention.
2. Die zweite Dimension bezieht sich auf zwei Begriffe, die mit dem Zuordnungsverhältnis zu tun haben: Dominanz und Komplianz
Das Interaktions-Verhalten steht in Zusammenhang mit der Ausschüttung von biochemischen Konzentraten im Gehirn. Diese Ausschüttungen sind teilweise genetisch bestimmt:
1. Die Neigung zur Affiliation steht in Zusammenhang mit dem Neurotransmitter Dopamin.
2. Die Neigung zur Dominanz steht in Zusammenhang mit dem Steroidhormon Testosteron.
Die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch biochemische Mechanismen wird bereits von Personalberatern, Karriereplanern und Marketing-Experten ausgewertet (siehe z.B. Brain-Script von H.Häusel).
Verhaltensstörungen
1. Viele Verhaltensstörungen im Jugend- und Erwachsenenalter werden mit genetisch bedingten, vorgeburtlichen oder frühkindlichen Störungen der sogenannten neuromodulatorischen Systeme im Gehirn in Verbindung gebracht. Diese Systeme sind der Entstehungsort neuronaler Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, die vom sogenannten Hirnstamm aus über ein sehr weitverzweigtes Netz von Nervenfasern in viele Bereiche des Gehirns verteilt werden und unsere psychische Befindlichkeit stark beeinflussen [Roth, 11].
2. Auch das kriminelle Verhalten ist genetisch beeinflusst, wobei jedoch in der Regel nicht ein spezifisches Verhalten, sondern ein Verhaltens-Stil vererbt wird. Selbst bei konkret definierten Störungen wirken Gene nicht deterministisch sondern erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit des Auftretens [Nedoptil].
Psychoanalyse
Freuds Lehre pendelte zwischen Freiheit und Determinismus [GAD, Guggenheim]:
1) Die Psychoanalyse war zuerst durch die Traumdeutung, d.h. durch eine hermeneutische Methode geprägt. In der freien Assoziation versucht sich der Patient von der kausalen Denkweise zu lösen und „zufällige“ Gedanken zu akzeptieren, Gedanken die keinen „Grund“ haben, unlogisch erscheinen und (scheinbar) unvernünftig sind.
2) Die Triebtheorie ist ein Versuch, die Psychoanalyse auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen, wobei man beachten muss, dass zu Freuds Zeiten naturwissenschaftliche Theorien immer auch deterministische Theorien waren. Freud war aber nicht konsequent in dieser Zielsetzung. Innerhalb der Triebtheorie findet man den Begriff des Triebschicksals welcher den Zufall betont und damit den Determinismus wieder untergräbt.
3) Das Freudsche Strukturmodell unterteilt die Psyche grob in drei Instanzen: Ich, Es und Über-Ich. Am Schluss der Theorieentwicklung steht die Metapher vom Reiter (Ich), dessen Pferd (Es) ab und zu den Gehorsam verweigert, d.h. eine Mischung aus Handlungsfreiheit und unbewusstem Zwang
Wer langfristig gegen den eigenen Charakter lebt, wird mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit bestraft. Durch die Reflexion von Gefühlen gewinnt man ein Stück gedankliche Freiheit, welche sich aber nicht sofort oder nicht dauerhaft in Handlungen umsetzen lässt. Auf der intellektuellen Ebene lassen sich Handlungsoptionen spielerisch erkunden, aber gefühlsmässige Befreiung ist ein mühsamer, langwieriger und oft auch schmerzhafter Prozess. Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe The Controllability of Life Satisfation.
Die Psychoanalyse hat wesentlich dazu beigetragen, das Gefühl der Freiheit besser zu verstehen. Es ist nämlich durchaus möglich, genau die gleiche Tätigkeit im Gefühl der Freiheit auszuführen und im Gefühl der Fremdbestimmung. Das Gefühl der Freiheit entsteht aus der Übereinstimmung von Wollen und Tun. Es kann auch dann entstehen, wenn man eine von aussen verlangte Tätigkeit ausübt, dann nämlich, wenn man sich mit der befehlenden Instanz identifiziert oder wenn das Verlangte dem (unbewusst) Erstrebten entgegenkommt. Das deutet darauf hin, dass die Wahrnehmung der Tätigkeit entscheidend ist und nicht die Tätigkeit selbst [Hampe 2006, 2]. Beispiel:
1. Man spielt Klavier um Geld zu verdienen und fühlt sich unfrei wegen der Verpflichtungen
2. Man spielt spontan und fühlt sich frei, weil niemand Vorschriften macht.
3. Man spielt gemäss den Verpflichtungen aber fühlt sich trotzdem frei, weil man durch Anerkennung belohnt wird. Berühmte Musiker fühlen sich z.B. dann frei, wenn sie gerne Konzerte geben.
Die Psychoanalyse beschäftigt sich u.a. mit der Frage, unter welchen Bedingungen das Fremdbestimmte (z.B. der Musikunterricht) als etwas Eigenes wahrgenommen wird. In unserem Beispiel kann eine gefühlsmässige Befreiung zwei völlig unterschiedliche Formen annehmen:
1. Man verlässt die Welt der Musik, weil sie von aussen aufgezwungen wurde.
2. Man entdeckt das befreiende Potential der Musik.
Willensfreiheit würde in diesem Beispiel heissen die Motive „jemandem gefallen wollen“ und „vor jemandem Angst haben“ im Inneren zu erkennen und dann zu entscheiden, ob sie realistisch sind und ob man ihnen folgen will. Für angehende Pianisten bedeutet Handlungsfreiheit ein Klavier zur Verfügung zu haben und die Musikausbildung finanzieren zu können.
Verkaufspsychologie
Die Übereinstimmung von Wollen und Tun erreicht man leichter, wenn Handlungsoptionen existieren. In der Verkaufspsychologie wird z.B. gelehrt, dem potentiellen Käufer immer Alternativen anzubieten, damit er das Gefühl hat, selbst entscheiden zu können. Dass die angebotenen Alternativen bereits vom Verkäufer vorselektioniert sind, wird vom Kunden meist nicht wahrgenommen. Für Kunden, „welche nie zufrieden sind“ muss man noch eine Strategie vorbereiten, bei welcher der Kunde alle Vorschläge ablehnen kann und selbst eine Lösung findet.
Offenbar hat Freiheit etwas mit Macht zu tun, Unfreiheit mit Machtlosigkeit. Macht kann sich auf andere beziehen oder auf das eigene Selbst.
1. Wer über keine Selbstkontrolle verfügt, ist seinen Leidenschaften machtlos ausgeliefert und wird unfrei.
2. Wer unter dem Einfluss anderer Menschen steht, wird auch unfrei, es sei denn er identifiziert sich mit ihnen oder sie kommen den eigenen Wünschen entgegen (wie z.B. im Verhältnis von Verkäufer und Kunde).
Die Handlungsoptionen müssen nicht unbedingt bewusst sein:
1. Das Gefühl der Willensfreiheit entsteht dann, wenn man sich als Agent der Denkvorgänge wahrnimmt, welche das Wollen und Tun aufeinander abstimmen.
2. Ein Gefühl der Freiheit entsteht aber auch dann, wenn Wollen und Tun unbewusst zur Deckung gebracht werden (und gleichzeitig Handlungsfreiheit besteht). Beispiel: Offenbar erleben viele Menschen in Warenhäusern ein befreiendes Gefühl, obwohl sie unbewusst manipuliert werden. Die Verkaufspsychologen und Marketingspezialisten erforschen, erraten und lenken die unbewussten Wünsche der Kundschaft.
6.4 Hirnforschung
Bei der Definition der Freiheit in Kap.2.2 und 2.3 wird nicht explizit gesagt, aber angenommen, dass die Entscheidungsprozesse bewusst ablaufen. Was aber ist Bewusstsein?
Theorie des Bewusstseins
Physikalische Grundlage:
1) Für spezifische Formen von Bewusstseinsinhalten sind neuronale Korrelate bekannt. Es ist jedoch unklar, wie weit die Entdeckung solcher Korrelate das Phänomen Bewusstsein erklären kann. [Metzinger, 37]
2) Untersuchungen zeigen, dass bei bewusster Wahrnehmung von Sinneseindrücken (Stimuli) weit verteilte Regionen der Grosshirnrinde vorübergehend exakt synchronisierte Hochfrequenz-Oszillationen aufweisen. Wenn die Stimuli nicht bewusst wahrgenommen werden, dann lassen sich zwar ebenfalls Hochfrequenz-Oszillationen nachweisen, die sich aber nicht zu synchronisierten Mustern verbinden [Metzinger, 105].
Funktionalität
1. Menschliches Bewusstsein ist gefilterte Information. Es ist nur der Schatten von etwas (physikalisch) viel Reicherem und Grösserem und hat keine unabhängige Existenz [Metzinger, 41]
2. Aus Informatik-Sicht hat das Bewusstsein vermutlich die Funktion eines Arbeitsspeichers. Es ist die Teilmenge der gerade im Gehirn aktiven Informationen, welche eine ständige Überwachung erfordert, weil sie nächstens benötigt werden könnte. Diese These wird gestützt durch die Beobachtung, dass uns eine Tätigkeit immer dann bewusst ist, wenn wir sie zum ersten Mal erlernen (z.B. das Binden von Schuhen oder das Fahrradfahren). Sobald wir jedoch die Tätigkeit vollständig beherrschen, vergessen wir alles, was mit dem Lernvorgang zu tun hat [Metzinger, 89].
3. Eine Hauptfunktion des Bewusstseins besteht darin einen festen Bezugsrahmen für den Organismus zu schaffen, d.h. zu definieren was real ist [Metzinger, 95]. Die Repräsentationen der Realität im Gehirn werden aber als Realität und nicht als Repräsentation wahrgenommen [Metzinger, 72].
Eine gesicherte Theorie des Bewusstseins existiert (noch) nicht. Eine solche Theorie müsste die folgenden Probleme lösen:
1. Das Eine-Welt-Problem: Warum wird das Bewusstsein als Einheit gesehen und nicht als eine Ansammlung verschiedener bewusster Komponenten?
2. Das Jetzt-Problem: Wie kann der Eindruck eines Momentes entstehen, wo doch die Zeit immer im Fluss ist?
3. Das Wirklichkeits-Problem: Warum können wir nicht erkennen, dass wir die Wirklichkeit nur indirekt wahrnehmen? Warum sind wir als naive Realisten geboren?
4. Das Problem der Unaussprechlichkeit: Warum können wir Dinge wahrnehmen, über die wir nicht sprechen können?
5. Das Wer-Problem: Wer ist dieses „Ich“, dem die bewussten Erlebnisse zugeordnet werden?
6. Das Evolutionsproblem: Wozu dient überhaupt das Bewusstsein?
[Metzinger, 45]
Für die Frage der inneren Freiheit sind vor allem die Fragen 5 und 6 von Bedeutung. Im Folgenden untersuchen wir das Wer-Problem. Auf das Evolutionsproblem kommen wir weiter unten zurück
Das Wer-Problem
Traditionell bezieht sich der Begriff Bewusstsein auf eine Person. Dass eine Person bewusst entscheidet, bedeutet, dass sie (moralische) Bewertungen für ihre Entscheidung verwendet. Wer ist aber dieses „Ich“, welches über Bewusstsein verfügt?
Buddha sprach: „Handlungen existieren und auch ihre Folgen, aber der Handelnde existiert nicht (…). Es gibt kein Individuum, es ist nur ein konventioneller Name, der (einer Menge von) Elementen gegeben wird“ [Metzinger, 351].
Am Ich-Gefühl ist immer ein Körpergefühl beteiligt. Dieses Körpergefühl besteht aus mehreren Komponenten:
1) Automatische Selbstzuschreibung. Sie integriert Bewusstseinsinhalte in das, was als das eigene Selbst erlebt wird. Beispiele:
a) Ein Blinder kann eine Tastempfindung am Ende des Stockes entwickeln [Metzinger, 113].
b) Wiederholte Übung kann ein Werkzeug (oder ein Sportgerät) in einen Teil der Hand verwandeln [Metzinger, 117]
2) Agentivität, d.h. das bewusste Erleben von Entscheidungen und Handlungen
3) Ein Ort im Raum
4) Interozeption (Körperwahrnehmungen)
5) Hintergrund-Emotionen
[Metzinger, 116]
Welche dieser Komponenten sind notwendig für das Ich-Gefühl?
Agentivität ist nicht notwendig, wie das Beispiel der Meditation zeigt. Das Ich-Gefühl entsteht wahrscheinlich, wenn aus räumlicher Orientierung, Körperwahrnehmungen und Selbstzuschreibung (bzw. Selbstabgrenzung) das Wissen von der eigenen Existenz auftaucht. Diesen Vorgang kann man z.B. nachvollziehen, wenn man am Morgen aufwacht und zu sich kommt [Metzinger, 151]. Wenn man sich jedoch als denkendes Subjekt erleben will und nicht einfach (wie in der Meditation) die Gedanken vorbeiziehen lässt, dann braucht es eine kognitive Agentivität, d.h. innerliches Handeln beim Denken, verbunden mit dem Gefühl die eigenen Gedanken zu verursachen [Metzinger, 177].
Gibt es ein Bewusstsein ohne Ich-Gefühl? Diese Frage muss man bejahen, weil auch selbst-lose Formen des bewussten Erlebens bekannt sind. Bei bestimmten psychiatrischen Störungen, wie etwa dem Cotard Syndrom, hören die Patienten manchmal auf das Pronomen der ersten Person zu verwenden, und – was noch erstaunlicher ist – behaupten, dass sie in Wirklichkeit gar nicht existieren [Metzinger, 99-100].
Laut Antonio Damasio sind die Aspekte des Bewusstseins in eine hierarchische Struktur eingebettet:
1) Zuunterst steht die Metarepräsentation des Körpers (das Proto-Selbst), welche bereits in niedrigen Tieren vorhanden ist. Dazu gehört u.a. auch die Wahrnehmung des Wachheitszustandes. Es gibt einen kontinuierlichen Übergang von Wachheit zu Unaufmerksamkeit, zu Schlaf, zum Komazustand und schliesslich zum Tod.
2) Die nächst höhere Stufe ist das sog. Kernbewusstsein, das Gefühl für das was passiert bzw. das Gefühl dafür, dass sich das Proto-Selbst durch die Welt bewegt und mit der Welt interagiert. Damasio beschreibt den Fall einer Patientin, welche infolge einer Hirnverletzung 6 Jahre lang nur mit dem Kernbewusstsein lebte, d.h. in einer Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Kernbewusstsein ist auch bei intelligenten Tieren vorhanden.
3) Auf der obersten Stufe steht das erweiterte Bewusstsein, die Verknüpfung des Kernbewusstseins mit autobiographischen Daten, mit einer Lebensgeschichte und ihrer Projektion in die Zukunft. Das erweiterte Bewusstsein gibt es nur bei Menschen und ev. bei gewissen Primaten.
a) Im Gegensatz zur lange vertretenen These wonach die Sprache im Zentrum des erweiterten Bewusstseins steht, scheinen es eher die Gefühle zu sein, bzw. das Wissen darüber, Gefühle zu haben. Bei Schlaganfällen verlieren Patienten z.T. die Sprache. Im Falle einer Heilung erzählen solche Patienten dass ihr Bewusstsein vollkommen intakt war, dass sie aber ihren Zustand einfach nicht kommunizieren konnten.
b) Eine wichtige Rolle scheint auch die Verbindung der linken mit der rechten Gehirnhälfte zu spielen. Wenn man diese Verbindung zerstört, dann entstehen zwei Bewusstseins-Instanzen: die eine beschreibt die Welt verbal, die andere räumlich. Zwischen den beiden Instanzen gibt es keine Kommunikation, sie werden aber trotzdem mit dem gleichen „Ich-Gefühl“ repräsentiert.
Wenn Damasios These stimmt, d.h. wenn Bewusstsein einen biologischen Körper bzw. ein Körpergefühl voraussetzt, dann ist es unmöglich, Bewusstsein innerhalb eines Computers zu erzeugen.
Entscheidungsprozesse
Betrachten wir zunächst die Etymologie des Begriffes Bewusstsein: Der lateinische Begriff der conscientia ist die Wurzel, aus der sich alle späteren Terminologien in den englischen und romanischen Sprachen entwickelt haben. Er leitet sich seinerseits von cum (mit, zusammen) und scire (wissen) ab. In der Antike, genau wie in der scholastischen Philosophie des Mittelalters, bezog sich conscientia vorwiegend auf moralisches Wissen, d.h. Wissen über Werte. Interessanterweise wurde „echtes“ Bewusstsein also mit moralischer Einsicht verknüpft [Metzinger, 45].
Moralische Einsicht ist das Resultat von Reflexionen, welche Präferenzen hinterfragen, gewichten und gegeneinander abwägen, d.h. das Resultat von Reflexionen höherer Ordnung. Dass das Abwägen von Präferenzen ohne Einsicht (Bewusstsein) ablaufen könnte, wurde traditionell gar nicht in Erwägung gezogen. Mit zunehmender Akzeptanz der Psychoanalyse änderte sich dieses Bild. Die Existenz unbewusster Entscheidungsprozesse wurde nun zumindest als vertretbare These betrachtet. Die gleichzeitige Existenz von bewussten Entscheidungsprozessen schien aber offensichtlich und wurde von niemandem bestritten. Erst in der Folge des Libet-Experimentes entstand die Vermutung, dass alle Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen könnten und dass das Bewusstsein nur ein etwas verspätet eintreffendes Begleit-Phänomen darstellt. Die spezifische Hirnaktivität, welche mit einer Bewegung korreliert, kann der bewussten Entscheidung (die Bewegung auszuführen) bis zu 10 Sekunden vorausgehen (siehe Der unbewusste Wille).
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Chief Witch: “Yes, that’s right!”
Macbeth: “I understand you can foretell the future?”
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Alvaro Pascual-Leone führte 1992 ein Experiment durch, bei dem die Probanden gebeten wurden, zufällig die rechte oder die linke Hand zu bewegen. Er fand heraus, dass durch die Stimulation der verschiedenen Hirnhälften mittels magnetischer Felder die Wahl der Person stark beeinflusst werden konnte. Normalerweise wählen Rechtshänder die rechte Hand in ca. 60 % aller Fälle. Wurde jedoch die rechte Hirnhälfte stimuliert, wurde die linke Hand in 80 % aller Fälle ausgewählt (die rechte Hemisphäre des Hirns ist im Wesentlichen für die linke Körperhälfte zuständig und umgekehrt).
Trotz dieses nachweislichen Einflusses von außen berichteten die Probanden weiterhin, dass sie der Überzeugung waren, die Wahl frei getroffen zu haben (Freier Wille, Wikipedia).
Wolf Singer weist auf folgendes Experiment hin: Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte eines Probanden einen Befehl durch eine elektrische Reizung motorischer Cortex Areale, dann führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden.
Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat (Philosophie und Hirnforschung, Patrick Albertini).
Was immer das Bewusstsein des eigenen Willens noch sein mag, es scheint auf jeden Fall etwas zu sein, das man mit Hilfe eines schwachen elektrischen Stromes und einer Elektrode im Gehirn an- und ausschalten kann [Metzinger, 181].
Gemäss Wegner und Wheatley wird das phänomenale Erleben des Willens oder der mentalen Verursachung durch folgende drei Prinzipien beherrscht [Wegner]:
1. Ausschliesslichkeit: der Gedanke der Versuchsperson ist die einzig mögliche und introspektiv verfügbare Ursache der Handlung
2. Konsistenz: die subjektive Absicht muss inhaltlich zur Handlung passen
3. Priorität: der bewusste Gedanke muss der Handlung innerhalb eines angemessenen Zeitraumes vorangehen.
[Metzinger, 183]
In den zitierten Experimenten ist die Willensfreiheit offenbar eine doppelte Illusion, weil die Entscheidungsprozesse nicht nur deterministisch, sondern auch unbewusst ablaufen. Die bewusste Wahrnehmung hat keine steuernde Funktion, sondern ist nur ein (mehr oder weniger genaues und verspätetes) Abbild des unbewussten Prozesses. Aber kann man diesen Befund verallgemeinern?
Die Frage, ob die Bewegung einer Hand etwas über den freien Willen einer Person aussagt, muss vorsichtig diskutiert werden. Denn die für die Handbewegung notwendigen Fertigkeiten sind im prozeduralen Teil des Langzeit-Gedächtnisses enthalten. Wenn wir aber eine freie und moralisch fundierte Willensentscheidung treffen wollen, dann nutzen wir die Erfahrungen und das Wissen des episodischen Teils des Langzeit-Gedächtnisses. Libets Experiment kann daher nur Aussagen über Entscheidungen machen, welche wie die Handbewegungen nicht moralisch gewertet werden müssen. Eine ausführliche und differenzierte Betrachtung dieses Problems nehmen Prof. Dr. Benedikt Grothe und Prof. Dr. Martin Korte in ihren Vorlesungen an der LMU München bzw. Universität Tübingen vor, die als Videoaufzeichnungen öffentlich zugänglich sind (Freier Wille, Wikipedia).
Störungen
Beim sog. Alien-Hand-Syndrom, unterliegt eine der beiden Hände nicht mehr der willentlichen Steuerung, führt aber zielgerichtete Handlungen aus (wie etwas das Ziehen eines Steines im Damespiel). Die betreffenden Personen erleben die unkontrollierte Hand immer noch als ihre eigene. Was fehlt ist die Wahrnehmung eines Willensaktes. Es scheint unbewusste Mechanismen zu geben, welche festlegen, wann uns eine Bewegung als Willensakt erscheint [Metzinger, 172].
Auch bei diesem Beispiel kann man argumentieren, dass es sich nicht um moralische Entscheidungsprozesse handelt und die Aussagekraft für das Problem der Willensfreiheit entsprechend limitiert ist. Es gibt allerdings Störungen, welche sich nicht nur auf die Bewegung einer Hand beziehen und wo möglicherweise das semantische Gedächtnis (ein Teil des deklarativen Langzeit-Gedächtnisses) mitbeteiligt ist [Metzinger, 173]:
1. Gewisse Patienten erleben jedes bewusst wahrgenommene Ereignis in ihrer Umgebung als direkt durch sie selbst verursacht.
2. Umgekehrt haben gewisse Schizophrenie das Gefühl, dass der eigene Körper und die Gedanken ferngesteuert sind.
Im Vergleich mit gesunden Personen stimmt die Wahrnehmung des Willens noch viel weniger mit der realen Situation überein. Im ersteren Fall wird ein Übermass an Wirkung vorgetäuscht im letzteren Fall (in einer Art Umkehrsituation) ein völliges Ausgeliefertsein. Alles spricht dafür, dass es sich bei der Wahrnehmung der Willens um eine eigenständige Funktion handelt, welche mehr oder weniger korrekt mit der realen Situation gekoppelt wird. Es ist deshalb theoretisch denkbar, dass diese Funktion bei allen Entscheidungsprozessen mit etwas Verzögerung aufgerufen wird und eine Illusion erzeugt.
Beim akinetischen Mutismus fällt der Patient keine Entscheidungen [Metzinger, 179]. Es besteht entsprechend kein Anlass, die Funktion „Wahrnehmung des Willens“ zu aktivieren. Die Wahrnehmung „Nichts zu wollen“ stimmt mit der realen Situation überein.
Verschafft Bewusstsein einen evolutionären Vorteil?
Die Evolution wird weitgehend von Zufallsereignissen getrieben und verfolgt kein Ziel. Es ist falsch anzunehmen, dass die Evolution zum Bewusstsein führen musste. Andere Pfade der Evolution waren möglich und bleiben immer noch möglich [Metzinger, 87]. Nachdem das Phänomen Bewusstsein aber einmal (möglicherweise zufällig) entstanden war, bewies es einen Wert im Überlebenskampf. Eine Funktion, welche keinen evolutionären Vorteil verschafft, verschwindet wieder mit der Zeit (weil sie unnötig Energie verbraucht).
Die Frage, welchen Überlebensvorteil das Bewusstsein konkret bietet, ist noch weitgehend ungeklärt. Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften des Bewusstseins, welche seinen Trägern Vorteile verschafft haben könnten, z.B.
1) Das Verstehen der geistigen Zustände von Artgenossen und die Vorhersage ihres Verhaltens in sozialen Interaktionen.
2) Die Anpassung von Handlungsplänen für längere Zeiträume
3) Die Lösung von inneren Konflikten, die durch „festgefahrene“ geistige Verarbeitungsvorgänge entstehen.
usw. [Metzinger, 88]
Einer dieser Überlebensvorteile wird vermutlich dominiert haben. Bei den anderen handelt es sich dann eher um eine Art „kreative Zweckentfremdung“ (Exaptation) [Metzinger, 122]. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Reflexionen höherer Ordnung eine solche Zweckentfremdung darstellen.
Die These, wonach das Bewusstsein die Entscheidungsprozesse verbessert, ist aber umstritten. Falls das Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist, wie die meisten Hirnforscher vermuten, dann müssen wir alle Thesen verwerfen, bei welchen der evolutionäre Vorteil durch direkte Verbesserung der Entscheidungen erklärt wird (weil dann das Bewusstsein gar keine steuernde Funktion ausübt).
Um Entscheidungsprozesse zu verbessern, müsste das Bewusstsein die Realität unverfälscht darstellen. Die traditionelle Annahme, dass uns die Inhalte unseres phänomenalen Bewusstseins auf direkte und unmittelbare Weise gegeben sind, ist aber falsch:
1) Es gibt z.B. eine neurologische Störung, welches es unmöglich macht, Gegenstände durch Ertasten zu erkennen (Astereognosie). In diesem Falle ist das Sinnesorgan (die Haut) intakt, aber die Verbindung zum Bewusstsein gestört [Metzinger, 48].
2) Umgekehrt kann sich das Bewusstsein von sinnlichen Eindrücken einstellen, obwohl die betreffenden Sinnesorgane geschädigt sind:
a) Besonders augenfällig wird dies bei einer bestimmten Gruppe von Störungsbildern, die in der Neuropsychologie als Anosognosien bezeichnet werden. Sie bestehen darin, dass der Patient ein bestehendes Bewusstseinsdefizit nicht mehr als solches erleben kann. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Antons Syndrom. Patienten, die durch eine Verletzung des visuellen Cortexes von plötzlicher Blindheit befallen werden, bestehen in manchen Fällen hartnäckig darauf, dass sie noch sehen. Sie stoßen sich gleichzeitig an Möbelstücken und anderen Hindernissen, sie zeigen alle Anzeichen funktionalen Blindseins. Trotzdem verhalten sie sich so, als ob ihnen das subjektive Verschwinden der visuellen Welt nicht bewusst wäre. So produzieren sie zum Beispiel auf Fragen nach ihrer Umgebung falsche, aber konsistente Konfabulationen: Sie erzählen Geschichten über nicht-existente phänomenale Welten, die sie selber zu glauben scheinen, und streiten jedes funktionale Defizit in Bezug auf ihre Sehfähigkeit ab [T.Metzinger, Das Problem des Bewusstseins].
Das Bewusstsein ist in diesem Falle gekoppelt mit einer Traumwelt, welche die Bewältigung der Realität erschwert. Es stärkt das Gefühl intakt zu sein, verschlechtert aber gleichzeitig die adaptiven Fähigkeiten des Organismus.
b) Blinde Menschen sind manchmal in der Lage, im Traum zu sehen [Metzinger, 199].
Das Bewusstsein bezieht sich auch bei intakten Personen auf Repräsentationen und nicht auf die Wirklichkeit selber, so dass eine Wirklichkeit vorgetäuscht werden kann. Beispiele:
1. Die Simulation von virtuellen Realitäten (z.B. im 3D-Film) erzeugt ein Gefühl der Präsenz und des vollständigen Eintauchens. Wie im Traum wird dabei verhindert, dass echtes körperliches Verhalten erzeugt wird. Wenn im Traum diese motorische Hemmung im versagt (REM-Sleep Behavior Disorder) dann ist der Patient gezwungen, auch dramatische und gewalttätige Träume auszuagieren.
2. Das Phänomen des falschen Erwachens zeigt, dass das Gefühl sich in der Realität zu befinden ein- und ausgeschaltet werden kann. Das Traum-Selbst ist wie der asognostische Patient, dem nach einer Hirnverletzung die Einsicht in geistige Defizite fehlt. Offenbar ist die Lebendigkeit, Klarheit und Prägnanz eines bewussten Erlebnisses kein hinreichender Beleg dafür, dass man sich tatsächlich in der Wirklichkeit befindet.
3. Der Traum ist ein gutes Beispiel für die Tendenz unseres Gehirnes, Sinn zu konstruieren. Während des REM-Schlafes werden chaotische innere Signale durch PGO-Wellen erzeugt. Das Gehirn versucht, diese Signale zu interpretieren und konstruiert zu diesem Zweck ein Märchen, in welchem das Ego des Traumzustandes die Hauptrolle spielt. Das System erkennt die Signale, die es in eine innere Erzählung verwandelt nicht als Eigenprodukte.
[Metzinger, 197-202].
Damit stellt sich die Frage, ob der evolutionäre Vorteil des Bewusstseins nicht generell auf der Gefühlsebene zu suchen ist. Es ist denkbar, dass Bewusstsein erst in der Form des Selbst-Bewusstseins (d.h. durch intrinsische Motivation, emotionale Stärkung) einen Überlebensvorteil bietet [Metzinger, 88]. Die bewussten Informationen erhalten durch emotionale Stärkung eine höhere Priorität und werden dann möglicherweise dauerhafter abgespeichert. Dies lässt sich vergleichen mit dem Anfertigen einer Dokumentation über Entscheidungen. Man dokumentiert nur wichtige Entscheidungen und immer nachträglich, d.h. die Dokumentation trägt nichts zur Entscheidungsfindung bei. Sie verbessert aber möglicherweise die Qualität von zukünftigen Entscheidungen. Trauminhalte werden nach dem Erwachen oft sehr schnell vergessen. In unserer Analogie würde das heissen, dass (als Täuschung erkannte) Dokumente nachträglich abgewertet oder entsorgt werden.
John-Dylan Haynes vergleicht das Bewusstsein mit einem Spotlight. Das Unterbewusste entscheidet, ob das Licht eingeschaltet und worauf der Lichtstrahl gerichtet wird [Douglas, 32]. Die beleuchtete Szene wird dokumentiert und erhält eine gewisse Priorität im Gedächtnis, der Rest bleibt im Dunkeln.
Die hedonistische Tretmühle
Die Hirnforschung hat eine eigene Perspektive geschaffen, unter der man den uns bekannten Teil der physikalischen Welt und die Evolution des Bewusstseins betrachten kann: Nämlich als einen sich ausdehnenden Ozean des Leidens und der Verwirrung an einem Ort, wo es so etwas vorher nicht gegeben hat (…) Die psychologische Evolution hat uns nicht für dauerhaftes Glück optimiert – ganz im Gegenteil, sie hat uns auf die hedonische Tretmühle gesetzt (…). Wir können diese Struktur in uns erkennen, aber wir werden niemals in der Lage sein, ihr zu entfliehen. Wir sind diese Struktur. [Metzinger, 280].
Diese Betrachtung ist etwas einseitig, weil im Laufe der Evolution auch die Intensität des Glücks zunahm und nebst aller Verwirrung auch Orientierungspunkte (wie der Buddhismus und die Aufklärung) geschaffen wurden. Buddha beschrieb schon vor mehr als 2000 Jahren die Welt als Ozean des Leidens. Er wies auch darauf hing, dass wir in einer hedonistischen Tretmühle gefangen sind, weil wir immer wieder neue Wünsche schaffen. Ist es wirklich unmöglich, dieser Struktur zu entfliehen? Buddha war der Meinung, dass jeder das Potential hat sich zu befreien. Aus heutiger Sicht bezog er sich dabei auf die phänomenale (gefühlte) Willensfreiheit. Die Hindus sind der Meinung, dass der buddhistische Weg ein Schicksal sei. Sie liegen damit auf der Linie der heutigen Freiheits-Skeptiker.
In der Evolution der Nervensysteme hat sowohl die Anzahl der Bewusstseinssubjekte als auch der Reichtum der gefühlsmässigen Nuancen, in denen diese Subjekte leiden können, stetig zugenommen und dieser Vorgang ist noch nicht zu einem Ende gekommen (…).
Wir sind ständig gezwungen, so glücklich wie eben möglich zu sein – uns gut zu fühlen - ohne dass wir jemals einen stabilen Zustand erreichen.
Wenn wir der naturalistischen Weltsicht folgen, dann gibt es keine Zwecke (…). Subjektive Zwecke entstehen in unseren Gehirnen, aber die Evolution respektiert sie in keiner Weise; sie nimmt keine Rücksicht auf das Leiden der Einzelwesen (…).
Wenn das zutrifft, dann ergibt sich aus der Logik der psychologischen Evolution, dass die Tatsache in einer hedonistischen Tretmühle gefangen zu sein, dem Ego so weit wie möglich verborgen bleibt (…) Viele neue Einsichten aus der evolutionären Psychologie zeigen, dass Selbsttäuschung eine sehr erfolgreiche Strategie sein kann. Aus dieser Sicht ist der philosophische Pessimismus eine Fehlanpassung, ein gefährlicher Verlust von „geistiger Gesundheit“ im biologischen Sinne. Aber nun beginnen sich die Dinge zu verändern. Die Wissenschaft greift zunehmend auf störende Weise in unsere natürlichen Verdrängungsmechanismen ein [Metzinger, 280-281].
Überlebens-Strategien sind in Konflikt mit Strategien zur Bekämpfung des Leidens. Der Buddhismus, welcher der Bekämpfung des Leidens die höchste Priorität einräumt, hat die Strategie der Selbsttäuschung von Anfang an verworfen.
Die philosophischen Hoffnungen, das Leiden in dieser Welt reduzieren zu können beruhen (wie auch im Buddhismus) auf einer Zunahme des Bewusstseins bzw. der Erkenntnis. Diese Hoffnungen erfahren einen Dämpfer durch die These, wonach das Bewusstsein möglicherweise nur ein Epiphänomen ist und keine steuernde Funktion ausübt. Einmal abgesehen davon, dass diese These immer noch heftig umstritten ist, darf man nicht vergessen, dass auch unbewusste Mechanismen eine positive Wirkung haben können. Das Phänomen des biologischen Altruismus entstand z.B. ohne Wirkung des Bewusstseins. Es ist auch denkbar, dass die zunehmende Komplexität der Umgebung zu einer zunehmenden Reflexionstätigkeit führt und die Evolution dadurch in günstige Bahnen lenkt. Für eine Untersuchung zur kulturellen Evolution des Leidens, siehe The Cultural Evolution of Suffering.
7.1 Definition
Freiheit als Bedingung
Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man frei entscheiden kann. Freiheit ist die Voraussetzung für Verantwortung. Entsprechend den verschiedenen Definitionen von Freiheit gibt es deshalb verschiedene Definitionen von Verantwortung.
1. Für Inkompatibilisten, welche nicht an einen Leib-Seele-Dualismus glauben, gibt es überhaupt keine Verantwortung.
2. Für alle anderen besteht das Hauptproblem darin, das moralische Gewicht der unbewussten Motive richtig einzuschätzen:
Verantwortung, welche unbewusste Motive einschliesst
Im Unbewussten stecken persönliche Erfahrungen und Bewertungen und man kann sie deshalb auch als Teil des Selbst betrachten. Dass man positive Leistungen des Unbewussten (z.B. die Fähigkeit im Schlaf Probleme zu lösen) der eigenen Person gutschreiben darf, wird nicht bestritten. Warum sollte das nicht auch für negative Leistungen gelten? Sowohl die Abgrenzung zwischen Ich und Es als auch die Abgrenzung zwischen Entscheidungsanfang und –ende ist unscharf. Es gibt keine punktuellen Entscheidungen. Im Allgemeinen kommt eine Mischung aus bewusster aktueller Reflexion und unbewussten, langfristig entstandenen Motiven zur Anwendung. Man ist in einem gewissen Masse determiniert durch seine Geschichte, aber man ist auch mitverantwortlich für diese Geschichte [GAD, Hampe].
Beispiel: Bei einem Penalty muss ein Fussball-Torhüter blitzartig entscheiden, ob er stehen bleiben oder in eine Ecke hechten soll. Wegen der Knappheit der Zeit wird die Entscheidung im Wesentlichen im Unbewussten getroffen. Dabei werden sehr viele Informationen (Bewegung des Schützen, Erfahrungen, Tipps etc.) in einem individuellen Entscheidungsprozess verarbeitet. Der Torhüter ist verantwortlich für seine Entscheidung, obwohl ein grosser Teil der Bewertungen im Unbewussten erfolgt. Die Verantwortung wird akzeptiert, weil die unbewussten Bewertungen das Resultat einer langen, persönlich geprägten Geschichte sind. Zu dieser Geschichte gehört insbesondere das Antrainieren von Fussball-spezifischen Reflexen.
Verantwortung, welche unbewusste Motive ausschliesst
In einem engeren Sinne liegt Verantwortung nur dann vor, wenn die Entscheidung durch bewusstes Abwägen von Präferenzen getroffen wird. Für unbewusste Motive, welche diese Abwägung beeinflussen, ist der Entscheidungsträger nicht verantwortlich. In diesem Falle ist massgebend, wie weit der Einfluss des Unbewussten reicht.
1. Soziologische, soziobiologische und psychologische Forschungsresultate legen nahe, dass die Bedeutung des Unterbewussten unterschätzt wird (Kap.6.1 bis 6.3).
2. Eine fast unbeschränkte Macht des Unbewussten wird durch die Hirnforschung postuliert (Kap.6.4). Die meisten Hirnforscher gehen davon aus, dass das Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist und alle Bewertungen durch unbewusste Prozesse zustande kommen. Das Gefühl, frei entscheiden zu können und nicht von physikalischen Prozessen determiniert zu sein, ist möglicherweise eine Funktion des Gehirns, welche je nach Situation ein- oder ausgeschaltet werden kann. Wenn aber beim bewussten Abwägen von Präferenzen eine Täuschung vorliegt, dann kann überhaupt nicht von Verantwortung gesprochen werden.
Beispiel: Die Entscheidung eines Torhüters zu trainieren und sich damit Fussball-spezifische Reflexe anzueignen würde nicht (der Wahrnehmung entsprechend) durch bewusste Reflexion entschieden, sondern (entgegen der Wahrnehmung) unbewusst. Die Reflexion würde nur nachträglich im Bewusstsein mehr oder weniger genau dokumentiert. Möglicherweise wird sogar nach Freud’schen Kriterien dokumentiert, d.h. Tatsachen werden verzerrt oder unterschlagen, um unbewussten Wünschen entgegenzukommen. Die steuernde Rolle des Bewusstseins bei der Entscheidungsfindung ist Gegenstand einer kontroversen Diskussion (siehe Epiphänomen, Wikipedia).
7.2 Semantik
Tradition
Selbst wenn die Hirnforscher Recht behalten sollten, so brauchen wir doch im Alltag und in der Rechtssprechung immer noch den Verantwortungsbegriff, welcher unbewusste Motive einschliesst.
1) Wenn eine Person sagt, dass sie frei und bewusst entschieden habe, dann sollten wir diese Sprachregelung akzeptieren, weil wir wissen, was sie damit meint. Es ist eine Intuition, die wir alle kennen [Bieri, 222-226]
2) Nach gängiger Gerichtspraxis ist eine (voll zurechnungsfähige) Person für ihre unbewussten Entscheidungsprozesse verantwortlich
Die Frage, ob wir menschliches Handeln unter Zuhilfenahme von Gründen und Rechtfertigungen betrachten oder es als Naturereignis mit Naturgesetzen erklären, ist eine grundlegende (…). Denn bei ihr geht es um die Frage, ob wir überhaupt eine Sprache zulassen, in der es so etwas wie Handlungen gibt. Sobald wir etwas mit Naturgesetzen erklären wollen, hört es auf eine Handlung zu sein [Hampe 2007, 177].
Es dürfte schwierig sein, eine Gesellschaft zu organisieren ohne den Begriff Verantwortung und ohne Berücksichtigung der Gründe und Rechtfertigungen, welche sich aus der Innenperspektive ergeben. Der Begriff Schuld wird vielleicht aus der Sprache der Gerichte verschwinden, aber nicht aus der Alltagssprache.
Interessen
Die Befürchtung, dass nur noch naturwissenschaftliche Sprachen zugelassen werden, wird durch die zunehmende gesellschaftliche Relevanz von naturwissenschaftlichen Beschreibungen genährt. Dem steht aber die Befürchtung gegenüber, dass Wissenschaftler, welche die Existenz eines freien Willens verneinen, von religiöser Seite angefeindet werden. Aus Sicht der Problemlösungsinteressen haben die Freiheitsskeptiker nämlich schlechte Karten. Das Interesse der Gesellschaft, dass es eine Willensfreiheit und Verantwortung gibt, ist überwältigend:
▪ Der Glaube an die Willensfreiheit stärkt das Selbstbewusstsein und den Glauben an die Beeinflussbarkeit der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Er verschafft offensichtlich einen evolutionären Vorteil und wirkt damit wie eine positive Rückkopplung.
▪ Umgekehrt ist die Botschaft der Freiheitsskeptiker derart unangenehm, dass die Überbringer oft mit der Botschaft verwechselt werden. Sie werden zwar nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt wie gewisse Vertreter der Prädestination im Mittelalter, aber ihre Forschungsergebnisse stossen in manchen Kreisen auf wenig Sympathie.
Unter den säkularen Promotoren des Begriffes Willensfreiheit sind diejenigen speziell zu vermerken, welche eine formale Sprache verwenden. John Searle weist darauf hin dass – wenn man die Bedingung der Letzt-Urheberschaft fallen lässt – theoretisch auch Roboter mit einem freien Willen konstruiert werden könnten. Dieses Argument scheint insbesondere Informatiker nicht abzuschrecken. Forscher im Bereich der künstlichen Intelligenz bevorzugen eine Sprachregelung, gemäss welcher sie (dereinst) Wesen erschaffen werden, welche über ein Ich-Bewusstsein und Willensfreiheit verfügen [Metzinger, 279-282].
Fazit: Bei der Deutung des Begriffes Willensfreiheit gibt es nicht nur einen Wettbewerb zwischen der Innen- und Aussenperspektive, sondern auch einen Wettbewerb zwischen Einzelwissenschaften. Während die Hirnforscher den Begriff Willensfreiheit durch eine naturgesetzliche Beschreibung der Gehirnprozesse eliminieren, wird er bei den A.I.-Forschern unter Verwendung von Programmiersprachen wieder eingeführt. Lieber etwas zu viel freier Wille als zu wenig.
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Willensfreiheit
1) Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Entscheidungen ist und die Kausalkette der physikalischen Hirnprozesse durchbrechen kann. Diese Definition stimmt mit der Intuition überein, dass wir in einer „kausalen Lücke“ gegen die eigenen Präferenzen entscheiden können.
2) Naturalisten postulieren, dass sämtliche Entscheidungen auf physikalischen Hirnprozessen basieren, eine zeitliche Ausdehnung haben und die Kausalketten nicht unterbrechen. Die Intuition der „kausalen Lücke“ wäre demzufolge eine Täuschung.
a) Naturalisten, welche auf der Letzt-Urheberschaft beharren, sehen keine Grundlage für die Existenz einer Willensfreiheit.
b) Kompatibilisten betrachten die Idee des absolut freien Willens als eine sprachliche Verirrung. Sie postulieren, dass ein korrektes Konzept von Willensfreiheit mit den bekannten Naturgesetzen kompatibel ist.
c) Die Reichweite der kompatibilistischen Willensfreiheit ist umstritten. Zum Freiheitsskeptizismus beigetragen haben insbesondere die Hirnforscher welche postulieren, dass Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist.
Einschränkungen durch die Aussenwelt
1. Die Strukturen der Aussenwelt können nur soweit reflektiert werden, als unser Denkapparat dies erlaubt. Insofern gibt es nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Grenze der Freiheit.
2. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion. Strukturen haben oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem freiwillig gewählten Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert. Freiheit wird damit zu einer Frage von Präferenzen.
Einschränkungen durch die Innenwelt
1. Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt. Allerdings ist Individualität nur dann ein Zeichen von Freiheit, wenn sie durch die Reflexion von Präferenzen entsteht.
2. Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) und das Bewusstsein spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.
Verantwortung
1. Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen.
2. Im Wesentlichen dürfte das Eisbergmodell zutreffen welches besagt, dass nur ein kleiner Anteil der Entscheidungen bewusst gesteuert wird. Ob und in welchem Ausmass der unbewusste Anteil dem Entscheidungsträger zugerechnet werden darf, ist umstritten.
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Weiterführende Literatur
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Hirnforschung 1. Drei Sat Redaktion, Literatur zum Thema Hirnforschung 2. Singer Wolf, Ein neues Menschenbild 3. Vollenweider Franz, Gehirn und Geist, das gefährdete Ich 4. Werner Ulrich, Artikel von Gerhard Roth 5. Zürcher Tages-Anzeiger, Sein oder Nichtsein ist keine Frage mehr
Psychologie 1. Rowe David C. (1997), Genetik und Sozialisation, Weinheim: Psychologie Verlags-Union 2. Guggenheim Josef (2006), Freiheit und Triebschicksal, Bulletin 2 der GAD, Zürich
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