Eine interdisziplinäre Betrachtung zur Unfreiheit
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Inhalt
3.1 Weltbild und Religion 3.2 Idealisierender Humanismus 3.3 Strukturalismus 4.1 Soziobiologie 4.2 Psychologie 4.3 Physik 4.4 Hirnforschung 5.1 Definition 5.2 Äussere Einschränkungen 5.3 Innere Einschränkungen 6.1 Biologische Evolution 6.2 Kulturelle Evolution
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Ausgangslage Einige der wichtigsten aktuellen Hirnforscher vertreten die These, dass die Willensfreiheit weitgehend eine Illusion ist. Diese These hat eine tiefgründige Diskussion um die Definition von Begriffen ausgelöst.
Problemstellung 1. Was bedeutet Willensfreiheit? 2. Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt? 3. Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?
Willensfreiheit Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Präferenzen ist und die Kausalkette der deterministischen Prozesse im Augenblick der Entscheidung durchbrochen werden kann. Ein alternatives Konzept von Willensfreiheit ist durch folgende Thesen charakterisiert: 1. Der Mensch ist nicht Letzt-Urheber seiner Präferenzen. Er kann nur die Fähigkeit entwickeln gewisse Präferenzen zu reflektieren, zu hinterfragen und zu verändern. Die Reflexionen über Präferenzen sind deterministische Hirnprozesse welche wieder auf die Präferenzen zurückwirken können. 2. Es ist plausibel anzunehmen, dass auch die Entscheidung selbst auf einem deterministischen Prozess basiert, eine zeitliche Ausdehnung hat und die Kausalkette nicht unterbricht. Dieses Konzept von Willensfreiheit wird als kompatibilistisch bezeichnet, weil es kompatibel ist mit den zurzeit bekannten Naturgesetzen.
Einschränkungen durch die Aussenwelt 1. Die Strukturen der Aussenwelt können nur soweit reflektiert werden, als unser Denkapparat dies erlaubt. Insofern gibt es nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Grenze der Freiheit. 2. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion. Strukturen haben oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem freiwillig gewählten Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert. Freiheit wird damit zu einer Frage von Präferenzen.
Einschränkungen durch die Innenwelt 1. Die zurzeit plausibelste These sagt, dass die libertarische Willensfreiheit eine Illusion ist. Der evolutionäre Vorteil dieser Illusion könnte darin bestehen, dass sie das Selbstwertgefühl stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen existieren und damit das Individuum motiviert, solche Situationen zu suchen oder herbeizuführen. 2. Normative Ethik muss auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen. Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt. Allerdings ist Individualität nur dann ein Zeichen von Freiheit, wenn sie durch die Reflexion von Präferenzen entsteht. 3. Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) und das Bewusstsein spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.
Verantwortung 1. Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen. 2. Die meisten Hirnforscher sind Freiheits-Skeptiker. Wenn Bewusstsein wirklich nur ein Epiphänomen ist, dann entstehen alle Bewertungen durch unbewusste Prozesse. Die Reflexionen werden dann nur nachträglich vom Bewusstsein (mehr oder weniger genau) dokumentiert. 3. Auch wenn die Freiheits-Skeptiker Recht behalten sollten, so brauchen wir doch Begriffe, welche die verschiedenen Arten von Entscheidungsprozessen benennen. Wenn jemand sagt, dass er frei und bewusst entschieden habe und die Verantwortung übernehme, dann sollten wir diese Sprachregelung im Alltag akzeptieren, weil sie mit den Intuitionen übereinstimmt. Im Kontext von Physik und Hirnforschung müssen wir aber präzisieren, dass wir von kompatibilistischer Willensfreiheit sprechen und (falls sich die Argumente der Freiheits-Skeptiker durchsetzen) die Entscheidungen in Wahrheit unbewusst getroffen werden.
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Ausgangslage
Einige der wichtigsten aktuellen Hirnforscher vertreten die These, dass die Willensfreiheit weitgehend eine Illusion ist. Diese These hat eine tiefgründige Diskussion um die Definition von Begriffen ausgelöst.
Problemstellung
1. Was bedeutet Willensfreiheit?
2. Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt?
3. Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?
Freiheitsgrad
Der Freiheitsgrad bezeichnet einen Parameter eines Systems. Die Eigenschaft, ein Freiheitsgrad zu sein, ergibt sich für einen Parameter daraus, Mitglied in einer Summe von Parametern zu sein, die das System beschreiben. Diese Beschreibung muss folgende Eigenschaften haben:
1. Das System ist durch die Spezifizierung der Parameter eindeutig bestimmt.
2. Wird ein Parameter weggelassen, so ist das System nicht mehr eindeutig bestimmt.
3. Jeder Parameter kann verändert werden, ohne dass sich die anderen Parameter verändern.
Lebewesen haben viel mehr Freiheitsgrade als feste Körper. Ein Stein und ein Vogel unterliegen beide der Schwerkraft, aber der Vogel hat Systemeigenschaften, welche ihm erlauben, die Bewegungsrichtung selbständig anzusteuern. Der Vogel überwindet die Schwerkraft oder er nutzt sie zu seinem Vorteil (etwa wenn er sich fallen lässt). Der Vogel ist in diesem Sinne freier als der Stein. Die Menschen können sich nicht von den Naturgesetzen befreien aber sie können (wie der Vogel) versuchen, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Dieser Grundgedanke steckt auch hinter dem Konzept der Sublimation.
Willensfreiheit
Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen. [Beckermann]
Beispiel: Eine Person, welche die Schädlichkeit des Rauchens erkannt hat, sich entschliesst, mit dem Rauchen aufzuhören und diesen Entscheid auch umsetzen kann, verfügt über Willensfreiheit. Wenn aber diese Person die Kraft nicht aufbringt den Entscheid in die Tat umzusetzen oder das Rauchen nur temporär einstellen kann, dann ist sie in ihrer Willensfreiheit eingeschränkt.
Oben stehende Definition hat zwei Aspekte:
1. Um Präferenzen (Motive, Wünsche und Überzeugungen) zu bewerten, muss man sie zunächst kennen. Das Wissen über Präferenzen kann durch Reflexion erweitert werden.
Beispiel: Der Raucher findet in einer Psychotherapie heraus, dass er mit dem Rauchen eine andere Sucht kompensiert. Erst wenn er sich von dieser Sucht gelöst hat kann er mit dem Rauchen aufhören.
2. Die Person muss auch gegen ihre Präferenzen handeln können, d.h. sie muss in der Lage sein, den Entscheidungsprozess in einem beliebigen Augenblick abzuschliessen und willkürlich zu handeln. Dies wird als instantane Akteurskausalität bezeichnet. Die Entscheidung wird als spontane Aktion ohne zeitliche Ausdehnung und ohne Kausalität, d.h. als „kausale Lücke“ wahrgenommen. Beispiel: Der Raucher hat das Gefühl, jederzeit frei von seinen Überlegungen zur Gesundheit eine Zigarette anzünden zu können oder auch nicht. Der Realitätsgehalt dieser Wahrnehmung ist Gegenstand einer kontroversen Diskussion.
Handlungsfreiheit
Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun kann, was sie will [Beckermann].
1) Beispiel für äussere Einschränkung: Wenn eine Person rauchen will, aber durch ein Rauchverbot daran gehindert wird
2) Beispiel für innere Einschränkung: Wenn eine Person rauchen will, aber durch eine Lähmung daran gehindert wird
Letzt-Urheberschaft
Eine Person kann nur dann Letzt-Urheber des Ereignisses „E“ sein, wenn sie auch die Ereignisse (oder zumindest einen entscheidenden Teil der Ereignisse) kontrollieren kann, die für das Zustandekommen von „E“ verantwortlich sind [Beckermann].
Determinismus
1. (von lateinisch: determinare abgrenzen, bestimmen) ist ein philosophisches Konzept und zusammen mit seinem Gegenstück, dem Indeterminismus, ein wesentliches Grundelement zur Herausbildung eines konsistenten Weltbildes. Er geht davon aus, dass alle Ereignisse nach feststehenden Gesetzen ablaufen und sie durch diese vollständig (vorher-) bestimmt bzw. determiniert seien. Deterministen sind also der Auffassung, dass bei bekannten Naturgesetzen und dem vollständig bekannten Zustand eines Systems der weitere Ablauf aller Ereignisse prinzipiell vorherbestimmt ist und folglich weder ein echter Zufall, noch Wunder bzw. ähnliche nicht-physische Phänomene existieren (Determinismus, Wikipedia)
2. Deterministisch sind auch Systeme, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, so dass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist. Da diese Dynamik einerseits den physikalischen Gesetzen unterliegt, andererseits aber irregulär erscheint, bezeichnet man sie als deterministisches Chaos. Chaotische Systeme sind nichtlineare dynamische Systeme (Chaosforschung, Wikipedia).
3. Deterministisch sind schliesslich alle Prozesse, welche zu einer sog. unglücklichen Verkettung von Umständen führen, siehe z.B. Murphy’s Laws. Echten Zufall gibt es nur in der Quantenmechanik.
Kausalität
1) (v. lat.: causa = Ursache) bezeichnet die Beziehung (Relation) zwischen Ursache und Wirkung, also die Einheit beider Ereignisse/Zustände zusammen. Die Kausalität (ein kausales Ereignis) hat eine feste zeitliche Richtung, die immer von der Ursache ausgeht, auf das die Wirkung folgt. Kurz: Ein Ereignis oder der Zustand A ist die Ursache für die Wirkung B, wenn A der Grund ist, der B herbeiführt. Beispiel: Der Tritt auf das Gaspedal verursacht die Beschleunigung des Fahrzeugs.
2) Gemäss der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik ist der Wahrscheinlichkeitscharakter quantentheoretischer Vorhersagen nicht Ausdruck der Unvollkommenheit der Theorie, sondern des prinzipiell nicht-deterministischen Charakters von Naturvorgängen. Obwohl die Quantenmechanik nicht deterministisch ist, ist sie dennoch kausal, was man insbesondere daran erkennt, dass auch die Quantenmechanik es nicht erlaubt, Ereignisse in der Vergangenheit zu verändern (Kausalität, Wikipedia).
Determinismus schliesst Kausalität ein aber nicht umgekehrt.
3) Beispiel einer Nicht-Kausalität ist die Creatio ex nihilo
Kompatibilismus
Unter Kompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit vereinbar sind. Kompatibilisten betonen den Zusammenhang zwischen Freiheit und Willentlichkeit (voluntariness). Frei sind dem Kompatibilismus zufolge die Handlungen, die man ausführt, weil man sie ausführen will, d.h. die keinerlei inneren oder äußeren Zwängen unterliegen [Beckermann]. Frei von inneren Zwängen wird man durch die Fähigkeit, die eigenen Präferenzen reflektieren und abwägen zu können.
Inkompatibilismus = Libertarianismus
Unter Inkompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit unvereinbar sind. Eine Person handelt nur dann frei, wenn sie der einzige verursachende Grund für die Handlung ist und auch anders handeln könnte [Wikipedia]. Die Entscheidung darf nicht auf Umstände zurückgehen, welche die Person selbst nicht kontrollieren kann [Beckermann]. Massgebend ist also die Letzt-Urheberschaft (origination).
3.1 Weltbild und Religion
Das naturwissenschaftliche Weltbild [GAD, Hampe].
Alle in diesem Aufsatz zitierten Arbeiten sind von einem naturwissenschaftlichen Weltbild geprägt. Es gibt aber nicht nur ein naturwissenschaftliches Weltbild, sondern eine ganze Reihe von Weltbildern, welche sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelten. Zu jedem dieser Weltbilder gehört ein Symbolsystem. Symbolsysteme sind historisch gewachsene, kulturelle Produkte. Das Fallen eines Gegenstandes wurde im Laufe der Wissenschaftsgeschichte von verschiedenen Wissenschaftlern durch je eigene Symbolsysteme beschrieben:
1) Aristoteles
2) Kepler
3) Newton
4) Einstein
Man muss deshalb zwischen Naturnotwendigkeiten (laws of nature) und ihren Beschreibungen, den Naturgesetzen (laws of science) unterscheiden Ein Naturgesetz wird in einem ganz bestimmten Symbolsystem formuliert, welches frei gewählt werden kann. Eine Naturnotwendigkeit ist demgegenüber fest vorgegeben und begrenzt die Handlungsmöglichkeiten. Es sind aber nicht nur die Naturnotwendigkeiten, welche die Handlungsoptionen bestimmen, sondern auch die Art und Weise, wie die Natur beschrieben wird. Dies kann am Beispiel von Edgar Allan Poe’s Erzählung Sturz in den Mahlstrom erläutert werden:
Die Rettung vor dem Mahlstrom besteht darin, zunächst das Phänomen zu beobachten, dann festzustellen, dass zylindrische Gegenstände langsamer vom Mahlstrom erfasst werden als die anderen, dann vom Schiff zu springen und sich an einem Fass festzubinden. Der Zusammenhang zwischen der Form eines Gegenstandes und seiner Anziehung durch den Mahlstrom entspricht einem Naturgesetz und damit einer Art von Beschreibung, welche zur Auswahl steht. Die wissenschaftliche Beschreibung zeigt eine Rettungsmöglichkeit, während magische bzw. religiöse Beschreibungen (wie Höllenschlund, Strafe Gottes usw.) zum Tode führen. Reflexion erweitert die Handlungsoptionen und vergrössert damit die Freiheit.
Erkenntnistheoretischer Status
Wissenschaftliche Theorien unterscheiden sich von unwissenschaftlichen durch die Überprüfbarkeit und Genauigkeit ihrer Aussagen. In Poppers Aufsatz-Sammlung Objektive Erkenntnis wird die Bewährung einer Theorie wie folgt definiert:
Unter dem Bewährungsgrad einer Theorie verstehe ich (K.Popper) einen konzentrierten Bericht der den Stand der kritischen Diskussion einer Theorie hinsichtlich folgender Punkte bewertet:
1) der Grad ihrer Prüfbarkeit
2) die Strenge der Prüfungen
3) das Resultat der Prüfungen
Die Bewährung ist wesentlich komparativ. Im Allgemeinen kann man nur sagen eine Theorie A habe einen höheren (oder niedrigeren) Bewährungsgrad als eine konkurrierende Theorie B (bis zu einem gewissen Zeitpunkt).
Es gibt aber noch eine andere Art von Bewährung. Eine Theorie muss die Darwin’sche Fitness ihrer Anhänger verbessern oder sie droht auszusterben. Das naturwissenschaftliche Weltbild erfüllt offenbar diese Anforderung, insbesondere in Bezug auf den militärischen und ökonomischen Wettbewerb. Dies ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Freiheit im Denken nur ein Nebenprodukt des Überlebenskampfes ist und keine steuernde Funktion ausübt.
3.2 Idealisierender Humanismus
Gefangenheit im Ideal
Das Streben danach, dem göttlichen Vorbild und seinen Anforderungen gerecht zu werden, steht einer freien Lebensgestaltung diametral entgegen. So sagt etwa Augustinus:
Wenn du dich selbst erbaust, wirst du eine Ruine erbauen.
Der idealisierende Humanismus übt eine ähnliche Funktion aus wie die Religion. Die Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen verunmöglicht die Entwicklung eines individuellen Lebenssinnes und die Versöhnung mit den menschlichen Schwächen. Das humanistische Ideal ersetzt das religiöse Ideal. Einen ersten Schritt zur Befreiung von einem fixen Menschenbild und zu mehr Toleranz tat Erasmus von Rotterdam bereits im 16.Jh:
Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist (aus Philosophie….was ist das?)
Befreiung
Eine Gegenbewegung zum idealisierenden Humanismus im 20. Jh. war die Existenzphilosophie. Begründet wurde sie von Kierkegaard, philosophisch analysiert von Heidegger und Jaspers, literarisch ausformuliert von Camus und Sartre.
Der Existentialismus ist eine besondere Ausdrucksform der französischen Existenzphilosophie. Im Kern des Existentialismus stehen die Schriften von Sartre, welche auf Ideen von Hegel, Heidegger und Husserl aufbauen [GAD, Strassberg]. Sartre wehrt sich gegen die Wesensbestimmung des Menschen durch Theorien und betrachtet die individuellen existentiellen Erfahrungen des Menschen als massgebend. Der Mensch ist nicht auf eine Ordnung bezogen, sondern schafft Ordnungen mit seinem Beispiel (L'être et le néant).Was aber heisst existentiell?
Was wirklich wichtig ist, findet der Mensch meist erst heraus, wenn er in eine kritische Situation gerät, durch Tod, Kampf, Leiden, Schuld ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird. Was dann noch wichtig ist, ist existenziell, was hinfällig wird, ist überflüssig (aus Philosophie….was ist das?)
Der metaphysische Humanismus, jede Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen, artet nach Sartre in Antihumanität aus. (…) Notwendig ist eine umfassende, negative, kritische Position, die gegen einfache und feste Menschen- und Weltbilder andenkt und anrennt, die auch das Unmenschliche aufrichtig in den Blick rückt. Die Epoche des (nur) positiven Humanismus, der Renaissance und der (optimistischen) Aufklärung ist zu Ende (aus Jean Paul).
Während die Existenz-Philosophie zur Befreiung von metaphysischen Idealen aufrief, entdeckte eine Gruppe von Linguisten, Psychologen, Soziologen und Anthropologen (später Strukturalisten genannt), dass metaphysische Ideale nur einen Spezialfall einer allgemeinen Form von Gefangenschaft darstellen.
3.3 Strukturalismus
Ursprung des Strukturalismus
Der Strukturalismus entstand aus dem Versuch, naturwissenschaftliche Methoden auf die Sprache anzuwenden. Die Beziehungen zwischen Sprach-Phänomenen sollten im gleichen Sinne untersucht werden, wie die Beziehungen zwischen Natur-Phänomenen. Hauptprinzip ist das Auffinden von Einsetzungs- und Ersetzungsregeln, d.h. eine Art Reduktionismus. Später wurde dieser Versuch auch auf andere geisteswissenschaftliche Bereiche ausgedehnt.
Levi-Strauss argumentiert, dass die Kultur wie eine Sprache sei: nur ein Aussenstehender könne die ihr zugrunde liegenden Regeln verstehen.
Dass das menschliche Denken durch die Sprache limitiert wird, ist offensichtlich. Wir denken in vorgegebenen Begriffen und Satz-Strukturen. „Der Mensch verhält sich so, als ob er der Schöpfer und Herr der Sprache sei, es ist aber ganz im Gegenteil die Sprache, die sein Gebieter ist und bleibt.“ (Heidegger). Wenn es eine Analogie gibt zwischen Sprache und Kultur, dann wird das Handeln im gleichen Sinne limitiert wie das Denken.
Das strukturalistische Weltbild wurde u.a. von folgenden Philosophen beeinflusst [GAD, Strassberg]:
1. Marx, welcher die Macht der ökonomischen Verhältnisse analysierte („Das Sein bestimmt das Bewusstsein“)
2. Freud, welcher die Macht des Über-Ichs analysierte (soziale Normen werden im Unbewussten verankert).
3. Nietzsche, welcher den Willen zur Macht analysierte („Wahrheit ist die Lüge, welche gewonnen hat“).
Nicht nur die Handlungen, auch die Reflexionen, welche hinter diesen Handlungen stehen und sogar die Fähigkeit zur Reflexion sind durch die Kultur bestimmt. Warum kann z.B. der eine der zwei Brüder in Poe’s Novelle Sturz in den Mahlstrom die Phänomene naturwissenschaftlich reflektieren und der andere nicht? Ein Strukturalist würde sagen, dass den beiden Brüdern verschiedene Rollen in der Gesellschaft zugewiesen wurden.
Grundidee des Strukturalismus
Eine Analyse ist struktural, wenn sie nicht von isolierten Phänomenen sondern von Beziehungen ausgeht. Ein einzelnes Element hat keine Bedeutung, nur die Beziehungen sind massgebend [GAD, Strassberg]:
1. Ausgangspunkt dieser Sichtweise war Freuds Hinweis, dass im Traum einzelne Elemente nicht von sich aus etwas bedeuten würden, sondern erst im Zusammenhang zu sprechen anfingen. Gemäss Lacan ist das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert.
2. Auch jedem kulturellen Gegenstand geht eine Ordnung voraus. Erst der Katalog macht die Bibliothek aus, die Nachbarschaft eines Buches definiert die Eigenschaften des Buches. Der Begriff Bedeutung entspricht dem Platz in der Landkarte der Nachbarschaften. Die Welt wird erst zugänglich, wenn wir uns in einem Symbolsystem (analog dem Bibliotheks-Katalog), d.h. in einer Sprache bewegen. Regeln und Gesetze (d.h. symbolische Ordnungen) prägen anschliessend die Wahrnehmung von Realität. Auch das Ich, die Gefühle, ergeben sich aus einem Netz von Verpflichtungen. Daraus folgt Foucaults These vom Tod des Subjekts, wie er sie in seinem Buch Die Ordnung der Dinge präsentierte
3. Man könnte die Lacan’sche Sichtweise auch umdrehen und sagen, dass die Sprache strukturiert ist wie das Unbewusste: „Es“ spricht. (Was von der Nacht übrig bleibt). Das Unbewusste kommt entwicklungsgeschichtlich vor der Sprache. Die Beziehungen existieren zunächst im Unbewussten und werden nach und nach in ein Symbolsystem übersetzt. Die Welt wird jetzt auf eine andere Art zugänglich.
Ursprung der Kultur [GAD, Strassberg].
1) Was unterscheidet die Kultur von der Natur? Nach Levi-Strauss verlässt der Mensch dort die Natur, wo er über die Familie hinaus zu tauschen beginnt (speziell: Inzest-Verbot und Tausch von Frauen und Gütern). Jetzt entwickeln sich Gesetze und bestimmte Rollen bzw. Funktionen in der Gesellschaft. Das Gesetz bestimmt die (richtigen) Gefühle und nicht umgekehrt. Das Gesetz bestimmt was menschlich ist, aber es ist nicht vom Menschen geschaffen. Gesetze definieren Beziehungen, welche sich aus der Natur der Dinge notwendig ergeben. Das Subjekt kann nur den ihm zugeordneten Platz in der Struktur einnehmen. Mit der Stellung in der Struktur sind auch seine Präferenzen (Gefühle, Neigungen, Interessen) bestimmt
2) Weshalb gibt es Strukturen? Strukturen müssen das Triebhafte binden. Mythen müssen z.B. Machtverhältnisse festigen. Historische Ereignisse werden zu diesem Zweck zu einer Art Naturgesetz umgedeutet.
Gefangenheit in der Struktur und Befreiung [GAD, Strassberg].
1) Die Illusion, dass wir autonom handeln verstellt uns den Blick, dass unsere Triebe in der Struktur gebunden sind. Die Illusion des Ich macht die Leute gefügig. Wer sich durch Reflexion ganz in die Struktur hineinbegibt kann erkennen, wie das Ich aus kulturellen Beziehungen zusammengesetzt ist. Die Struktur wird transparent und die Illusion des Ich bricht zusammen. Nur aus dieser Position heraus ist ein Widerstand denkbar. Wie aber könnte dieser aussehen? Das, was ausserhalb der Struktur ist, kann nicht mit den Mitteln innerhalb der Struktur beschrieben werden. Ein bewusster Austritt ist in diesem Sinne nicht möglich.
2) Es gibt aber trotzdem eine Sehnsucht, über die Struktur hinauszukommen. Diese Sehnsucht wurde von gewissen Strukturalisten mit der Schizophrenie oder mit einer angestrebten Herrschaft des Unbewussten in Verbindung gebracht. Wo Es war soll (wieder) Es werden (Lacan). Gemäss Lacan sind Strukturen immer instabil; es droht der Einbruch des Unbewussten bzw. (in der Terminologie von Lacan) der Einbruch des Realen.
3) Ein Versuch, dem Leiden an der Struktur zu entfliehen besteht darin, die Nicht-Existenz des Ich und damit eine fremdbestimmte Rolle zu akzeptieren. Dies wurde von einigen Strukturalisten als mystischen Aufgehen in der Struktur bezeichnet und erinnert an das hinduistische Dharma.
4) Ein anderer Versuch der Befreiung wäre das Schaffen einer individuellen Sprache (z.B. in der Psychoanalyse) oder das Eintauchen in eine fremde Kultur. Ein Strukturalist würde jedoch auch die Psychoanalyse als Teil des Systems betrachten und zudem postulieren, dass die fremde Kultur nur mit den Augen der eigenen Kultur gesehen werden kann. Kommt hinzu dass die fremden bzw. wirklich alternativen Kulturen am aussterben sind. Die Lebensweise der Jäger und Sammler kann z.B. in absehbarer Zeit nicht mehr nachvollzogen werden. Im Unterschied zur Existenzphilosophie nimmt der Strukturalismus vorwiegend einen deskriptiven Standpunkt ein.
5) Aus normativer Sicht kann man versuchen, die individuelle Freiheit als Ziel der Struktur zu definieren. In einer liberalen Gesellschaft ist es einfacher, die Gefangenschaft in der Struktur zu akzeptieren. Aber Freiheit wird im Allgemeinen nicht geschenkt, sondern muss erkämpft und verteidigt werden.
4.1 Soziobiologie
Die biologische Nutzenfunktion
Da der Mensch ein biologisches Wesen ist, muss auch die biologische Nutzenfunktion in der Psyche prominent vertreten sein. Diese Aussage hat einen erkenntnistheoretischen Status, welcher nahe bei einem Naturgesetz liegt. Wir kommen mit einer beträchtlichen Zahl von natürlichen Wünschen auf die Welt (wie Beckermann sagt), aber diese Präferenzen sind letztlich dem biologischen Ziel (die DNA zu replizieren) untergeordnet. Dabei gelten folgende Einschränkungen:
1. Die biologischen Strategien zur Vermehrung von Genen sind vielfältig und teilweise indirekt [Gräff]. Das bedeutet, dass die Psyche eines Menschen nicht zwangsläufig durch das biologische Ziel geprägt ist, viele Kinder zu haben.
2. Das biologische Ziel kann beim Menschen derart durch kulturelle Normen überlagert werden, dass es nur noch im Unbewussten wirkt
Ob wir durch die biologische Nutzenfunktion manipuliert werden oder nicht ist eine Frage der Identifikation. Wer sich voll mit seiner biologischen Natur identifiziert, fühlt sich nicht durch biologische Bedürfnisse manipuliert. In einer Kultur, welche Sublimation verlangt, kann umgekehrt das biologische Ziel zu einem Hindernis bei der Verfolgung von kulturellen Zielen werden.
Die Inkohärenz der Letzt-Urheberschaft
Für Libertarier macht die Letzt-Urheberschaft den Kern von Willensfreiheit aus.
Welche Entscheidungen ich treffe, das hängt von meinen Präferenzen und letzten Endes von meinem Charakter ab – davon, was für ein Mensch ich bin. Aber frei können meine Entscheidungen nur dann sein, wenn meine Präferenzen ihrerseits auf mich und nicht auf Umstände zurückgehen, auf die ich keinen Einfluss habe. Die Frage ist nun, ob es wirklich sinnvoll ist anzunehmen, Personen könnten in diesem Sinne tatsächlich die letzte Quelle und der Ursprung aller ihrer Ziele und Absichten sein.
Die Formulierung ist zumindest irritierend. Menschen kommen doch nicht als Wesen ohne alle Wünsche und Absichten auf die Welt, um sich dann die Wünsche und Präferenzen auszusuchen, die sie gerne haben würden. Ein Wesen ohne Wünsche und Absichten hätte gar kein Motiv, sich überhaupt Ziele und Absichten zuzulegen, und es hätte auch keine Kriterien, nach denen es auswählen könnte (…)
Es kann gar nicht anders sein, als dass wir schon mit einer beträchtlichen Zahl natürlicher Wünsche auf die Welt kommen – den Wünschen nach Essen, Geborgenheit, Zuwendung usw. (welche alle der oben erwähnten biologischen Nutzenfunktion untergeordnet sind). Es ist nicht besonders sinnvoll zu sagen, die Natur manipuliere uns dadurch oder mache uns dadurch unfrei, dass sie uns diese Wünsche mit auf den Weg gibt. Unsere Freiheit beruht vielmehr darauf, dass sich in uns Menschen im Laufe der Zeit die Fähigkeit entwickelt hat, uns unserer Wünsche bewusst zu werden und über sie nachzudenken [Beckermann]
Das Nachdenken über Präferenzen kann dazu führen, diese zu verwerfen und andere zu bevorzugen. Eine vollständige Befreiung von Präferenzen ist wahrscheinlich nur im Rahmen einer buddhistischen Einsichtsmeditation möglich. Der Zustand der Meditation ist aber durch die Abwesenheit eines Willens gekennzeichnet und eignet sich deshalb schlecht als Beispiel der Willensfreiheit.
4.2 Psychologie
Methodik
Die beste Methode um die genetische Bestimmung des Verhaltens und damit das Mass der inneren Einschränkungen abzuschätzen ist die Zwillingsforschung. Erblichkeit wird oft missverstanden als der Anteil der Erbanlagen an der Ausprägung eines Merkmals bei einem bestimmten Menschen. Sie bestimmt aber den genetischen Anteil an den Unterschieden. Menschen unterscheiden sich, weil sie verschiedene Genvarianten tragen und weil sie in verschiedenen Umwelten leben. Eine Erblichkeit von z.B. 88 % für den Body-Mass-Index würde bedeuten, dass 88 % der Unterschiede des Body-Mass-Index in der Bevölkerung durch genetische Unterschiede bedingt sind, nicht aber, dass ein einzelner Mensch nur zu 12 % für sein Gewicht verantwortlich ist (siehe Zwillingsforschung, Wikipedia).
Temperament
Das Temperament wird nach Strelau als überwiegend genetisch bestimmt, aber es muss unterschieden werden zwischen (gering veränderbarem) Temperament und dem Verhalten, in welchem das Temperament zum Ausdruck kommt, denn das Verhalten ist veränderbar.
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Interaktions-Verhalten
In verschiedenen Analysen wurde versucht, die persönlichen Eigenarten bei Interaktionen auf wenige Hauptmerkmale zu reduzieren (Berkowitz). Dabei haben sich zwei Dimensionen und ihre Kombination als besonders klärend für die Darstellung des Aufbaus von Beziehungsstilen erwiesen [DTV, 213]:
1. Die erste Dimension beschreibt in zwei Begriffen die Neigung zur Kommunikation: Affiliation und Ditention.
2. Die zweite Dimension bezieht sich auf zwei Begriffe, die mit dem Zuordnungsverhältnis zu tun haben: Dominanz und Komplianz
Das Interaktions-Verhalten steht in Zusammenhang mit der Ausschüttung von biochemischen Konzentraten im Gehirn. Diese Ausschüttungen sind teilweise genetisch bestimmt:
1. Die Neigung zur Affiliation steht in Zusammenhang mit dem Neurotransmitter Dopamin.
2. Die Neigung zur Dominanz steht in Zusammenhang mit dem Steroidhormon Testosteron.
Die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch biochemische Mechanismen wird bereits von Personalberatern, Karriereplanern und Marketing-Experten ausgewertet (siehe z.B. Brain-Script von H.Häusel).
Verhaltensstörungen
1. Viele Verhaltensstörungen im Jugend- und Erwachsenenalter werden mit genetisch bedingten, vorgeburtlichen oder frühkindlichen Störungen der sogenannten neuromodulatorischen Systeme im Gehirn in Verbindung gebracht. Diese Systeme sind der Entstehungsort neuronaler Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, die vom sogenannten Hirnstamm aus über ein sehr weitverzweigtes Netz von Nervenfasern in viele Bereiche des Gehirns verteilt werden und unsere psychische Befindlichkeit stark beeinflussen [Roth, 11].
2. Auch das kriminelle Verhalten ist genetisch beeinflusst, wobei jedoch in der Regel nicht ein spezifisches Verhalten, sondern ein Verhaltens-Stil vererbt wird. Selbst bei konkret definierten Störungen wirken Gene nicht deterministisch sondern erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit des Auftretens [Nedoptil].
Psychoanalyse
Freuds Lehre pendelte zwischen Freiheit und Determinismus [GAD, Guggenheim]:
1) Die Psychoanalyse war zuerst durch die Traumdeutung, d.h. durch eine hermeneutische Methode geprägt. In der freien Assoziation versucht sich der Patient von der kausalen Denkweise zu lösen und „zufällige“ Gedanken zu akzeptieren, Gedanken die keinen „Grund“ haben, unlogisch erscheinen und (scheinbar) unvernünftig sind.
2) Die Triebtheorie ist ein Versuch, die Psychoanalyse auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen, wobei man beachten muss, dass zu Freuds Zeiten naturwissenschaftliche Theorien immer auch deterministische Theorien waren. Freud war aber nicht konsequent in dieser Zielsetzung. Innerhalb der Triebtheorie findet man den Begriff des Triebschicksals welcher den Zufall betont und damit den Determinismus wieder untergräbt.
3) Das Freudsche Strukturmodell unterteilt die Psyche grob in drei Instanzen: Ich, Es und Über-Ich. Am Schluss der Theorieentwicklung steht die Metapher vom Reiter (Ich), dessen Pferd (Es) ab und zu den Gehorsam verweigert, d.h. eine Mischung aus Handlungsfreiheit und unbewusstem Zwang
Wer langfristig gegen den eigenen Charakter lebt, wird mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit bestraft. Durch die Reflexion von Gefühlen gewinnt man ein Stück gedankliche Freiheit, welche sich aber nicht sofort oder nicht dauerhaft in Handlungen umsetzen lässt. Auf der intellektuellen Ebene lassen sich Handlungsoptionen spielerisch erkunden, aber gefühlsmässige Befreiung ist ein mühsamer, langwieriger und oft auch schmerzhafter Prozess.
Die Psychoanalyse hat wesentlich dazu beigetragen, das Gefühl der Freiheit besser zu verstehen. Es ist nämlich durchaus möglich, genau die gleiche Tätigkeit im Gefühl der Freiheit auszuführen und im Gefühl der Fremdbestimmung. Das Gefühl der Freiheit entsteht aus der Übereinstimmung von Wollen und Tun. Es kann auch dann entstehen, wenn man eine von aussen verlangte Tätigkeit ausübt, dann nämlich, wenn man sich mit der befehlenden Instanz identifiziert oder wenn das Verlangte dem (unbewusst) Erstrebten entgegenkommt. Das deutet darauf hin, dass die Wahrnehmung der Tätigkeit entscheidend ist und nicht die Tätigkeit selbst [Hampe, 2]. Beispiel:
1. Man spielt Klavier um Geld zu verdienen und fühlt sich unfrei wegen der Verpflichtungen
2. Man spielt spontan und fühlt sich frei, weil niemand Vorschriften macht.
3. Man spielt gemäss den Verpflichtungen aber fühlt sich trotzdem frei, weil man durch Anerkennung belohnt wird. Berühmte Musiker fühlen sich z.B. dann frei, wenn sie gerne Konzerte geben.
Die Psychoanalyse beschäftigt sich u.a. mit der Frage, unter welchen Bedingungen das Fremdbestimmte (z.B. der Musikunterricht) als etwas Eigenes wahrgenommen wird. In unserem Beispiel kann eine gefühlsmässige Befreiung zwei völlig unterschiedliche Formen annehmen:
1. Man verlässt die Welt der Musik, weil sie von aussen aufgezwungen wurde.
2. Man entdeckt das befreiende Potential der Musik.
Willensfreiheit würde in diesem Beispiel heissen die Motive „jemandem gefallen wollen“ und „vor jemandem Angst haben“ im Inneren zu erkennen und dann zu entscheiden, ob sie realistisch sind und ob man ihnen folgen will. Für angehende Pianisten bedeutet Handlungsfreiheit ein Klavier zur Verfügung zu haben und eine Musikschule finanzieren zu können.
Verkaufspsychologie
Die Übereinstimmung von Wollen und Tun erreicht man leichter, wenn Handlungsoptionen existieren. In der Verkaufspsychologie wird z.B. gelehrt, dem potentiellen Käufer immer Alternativen anzubieten, damit er das Gefühl hat, selbst entscheiden zu können. Dass die angebotenen Alternativen bereits vom Verkäufer vorselektioniert sind, wird vom Kunden meist nicht wahrgenommen. Für Kunden, „welche nie zufrieden sind“ muss man noch eine Strategie vorbereiten, bei welcher der Kunde alle Vorschläge ablehnen kann und selbst eine Lösung findet.
Offenbar hat Freiheit etwas mit Macht zu tun, Unfreiheit mit Machtlosigkeit. Macht kann sich auf andere beziehen oder auf das eigene Selbst.
1. Wer über keine Selbstkontrolle verfügt, ist seinen Leidenschaften machtlos ausgeliefert und wird unfrei.
2. Wer unter dem Einfluss anderer Menschen steht, wird auch unfrei, es sei denn er identifiziert sich mit ihnen oder sie kommen den eigenen Wünschen entgegen (wie z.B. im Verhältnis von Verkäufer und Kunde).
Die Handlungsoptionen müssen nicht unbedingt bewusst sein:
1. Das Gefühl der Willensfreiheit entsteht dann, wenn man sich als Agent der Denkvorgänge wahrnimmt, welche das Wollen und Tun aufeinander abstimmen.
2. Ein Gefühl der Freiheit entsteht aber auch dann, wenn Wollen und Tun unbewusst zur Deckung gebracht werden (und gleichzeitig Handlungsfreiheit besteht). Beispiel: Offenbar erleben viele Menschen in Warenhäusern ein befreiendes Gefühl, obwohl sie unbewusst manipuliert werden. Die Verkaufspsychologen und Marketingspezialisten erforschen, erraten und lenken die unbewussten Wünsche der Kundschaft.
4.3 Physik
Letzturheberschaft
Für Libertarier macht die Letzt-Urheberschaft den Kern von Freiheit aus. Dabei muss man unterscheiden zwischen der
1. Letzt-Urheberschaft betreffend der Präferenzen, welche dem Entscheid zugrunde liegen
2. Letzt-Urheberschaft betreffend des Entscheides
In Kap.4.1 wurde darauf hingewiesen, dass eine Letzt-Urheberschaft der Präferenzen unrealistisch ist, weil wir bereits mit einer biologischen Nutzenfunktion geboren werden, d.h. in einem gewissen Masse vorprogrammiert sind. Im Folgenden wird nur der zweite Punkt untersucht:
Wie viele Welten?
1. Die inkompatibilistische (libertarische) Freiheitstheorie der „zwei Welten“ geht von einer instantanen Akteurskausalität aus. Die zwei Welten entstehen dadurch, dass man einerseits sagt: "Die Tätigkeit des Gehirns unterliegt den Naturgesetzen und damit der Kausalität" und dass man andererseits sagt "ein Mensch kann frei, d.h. ohne kausale Abhängigkeit entscheiden“.
2. Die kompatibilistische Freiheitstheorie geht davon aus, dass nicht nur die Entscheidungsvorbereitung, sondern auch der Entscheid selbst eine zeitliche Ausdehnung beansprucht und einen kausalen Prozess spiegelt. Diese These wird dadurch gestützt, dass (mit Ausnahme der Quantenverschränkung in der Quantenmechanik) keine instantanen Wirkungen bekannt sind. Trotzdem haben wir das Gefühl in einem einzigen Augenblick „frei“ entscheiden zu können.
Wie kann man die Erfahrung „frei entscheiden zu können“ versöhnen mit dem Wissen, dass die Vorgänge im Gehirn kausal determiniert sind? Warum können wir nicht einfach akzeptieren, dass der libertarische freie Wille eine Illusion ist?
Freiheit und Zufall
John Searle, ein Vertreter des biologischen Naturalismus, schlägt folgende Antwort vor [Searle]:
Der Grund für das Beharren auf der libertarischen Willensfreiheit liegt wahrscheinlich darin, dass wir zwischen Entscheidungsvorbereitung und Entscheid eine „kausale Lücke“. wahrnehmen. Aber ist diese Lücke real oder illusorisch? Zweifellos ist auch die Wahrnehmung der kausalen Lücke durch Gehirnprozesse gesteuert. Wenn sie also real sind, dann muss es im Gehirn einen Indeterminismus geben. Zwei Thesen stehen sich gegenüber:
1. Der libertarische freie Wille hat etwa den gleichen Realitätsanspruch wie ein Regenbogen
2. Der libertarische freie Wille reflektiert einen realen Mechanismus im Gehirn, der Mensch ist Letzt-Urheber des Entscheides
Betrachten wir die Konsequenzen der beiden Thesen:
1) Nach These 1 wäre es möglich eine Maschine zu bauen, welche Entscheidungsprozesse deterministisch abwickelt aber einen libertarischen freien Willen vorgaukelt. Bei dieser These besteht die Schwierigkeit darin, den evolutionären Vorteil des „Vorgaukelns“ zu erklären. Ohne einen solchen Vorteil ist unklar, warum die Illusion entstehen und sich behaupten konnte. Ihre Erzeugung verbraucht Energie und ist damit evolutionär nachteilig.
2) Nach These 2 dürfte der Entscheidungsprozess in der Maschine nicht deterministisch sein. Soweit heute bekannt gibt es nur in der Quantenmechanik indeterministische Prozesse (genauer: beim Übergang von der mikrophysikalischen Quantenebene zur Ebene makroskopischer Ereignisse). Auf dieser Stufe bewirken die Naturgesetze zufällige Resultate. Zufall ist aber nicht das gleiche wie Freiheit.
Nach dem heutigen Stand des Wissens ist These 1 realistischer. Der evolutionäre Vorteil der Illusion einen libertarischen freien Willen zu besitzen könnte darin bestehen, dass sie das Selbstbewusstsein stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen bestehen, d.h. sie prämiert solche Situationen und motiviert das Individuum sie zu suchen. Ein Individuum, welches aktiv Situationen sucht, in welchen Handlungsoptionen existieren oder welches durch Reflexion Handlungsoptionen herbeiführt, hat bessere Überlebens-Chancen. Der freie Wille wäre nicht die einzige Illusion, welche das Überleben fördert (man denke z.B. an die Verdrängung der alltäglichen Risiken, an die Verdrängung der Sterblichkeit oder an religiöse Sinnstiftungen).
4.4 Hirnforschung
Nicht nur Physiker, sondern auch Hirnforscher (u.a. Wolf Singer und Gerhard Roth) wenden sich gegen die Idee der libertarischen Willensfreiheit. Wolf Singer vergleicht das menschliche Hirn oft mit einem Computer, bei dem die Hardware so flexibel ist wie Software und aufgrund äusserer Einflüsse ständig neu verschaltet wird. Die Architektur und der jeweilige Zustand des Systems "Hirn" sind für den jeweils folgenden Zustand (in Kombination mit den äußeren Einflüssen) determinierend.
1) Gemäss [GAD, Vollenweider] sind ca. 90% der Hirnforscher davon überzeugt, dass die libertarische Willensfreiheit eine Illusion ist.
2) Etwa 10% der Hirnforscher glauben, dass Qualias auf das physische System einwirken und dass Selbstreflexion nicht deterministisch erklärt werden kann.
Die Verteidiger der libertarischen Position weisen u.a. darauf hin
1) dass alle Thesen der Hirnforschung nur auf Korrelationen beruhen. Es handelt sich in diesem Sinne nicht um eine wissenschaftliche Theorie.
2) dass die Naturgesetze eher einem Netz mit Lücken gleichen, als einer flächendeckenden Abbildung der Realität (siehe z.B. Gerhard Vollmer über die „Zunahme des Kontingenten in der Wissenschaft“).
Für die phänomenale (gefühlte) Willensfreiheit verwenden wir folgende Definition:
Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen. [Beckermann]
Willensfreiheit setzt also voraus, dass man seine Präferenzen kennt, dass man sie hinterfragen und allenfalls auch dagegen handeln kann. In einer solchen Formulierung wird nicht explizit gesagt, aber angenommen, dass die Entscheidungsprozesse bewusst ablaufen. Was aber ist Bewusstsein?
Theorie des Bewusstseins
Physikalische Grundlage:
1) Für spezifische Formen von Bewusstseinsinhalten sind neuronale Korrelate bekannt. Es ist jedoch unklar, wie weit die Entdeckung solcher Korrelate das Phänomen Bewusstsein erklären kann. [Metzinger, 37]
2) Untersuchungen zeigen, dass bei bewusster Wahrnehmung von Sinneseindrücken (Stimuli) weit verteilte Regionen der Grosshirnrinde vorübergehend exakt synchronisierte Hochfrequenz-Oszillationen aufweisen. Wenn die Stimuli nicht bewusst wahrgenommen werden, dann lassen sich zwar ebenfalls Hochfrequenz-Oszillationen nachweisen, die sich aber nicht zu synchronisierten Mustern verbinden [Metzinger, 105].
Funktionalität
1. Menschliches Bewusstsein ist gefilterte Information. Es ist nur der Schatten von etwas (physikalisch) viel Reicherem und Grösserem und hat keine unabhängige Existenz [Metzinger, 41]
2. Aus Informatik-Sicht hat das Bewusstsein vermutlich die Funktion eines Arbeitsspeichers. Es ist die Teilmenge der gerade im Gehirn aktiven Informationen, welche eine ständige Überwachung erfordert, weil sie nächstens benötigt werden könnte. Diese These wird gestützt durch die Beobachtung, dass uns eine Tätigkeit immer dann bewusst ist, wenn wir sie zum ersten Mal erlernen (z.B. das Binden von Schuhen oder das Fahrradfahren). Sobald wir jedoch die Tätigkeit vollständig beherrschen, vergessen wir alles, was mit dem Lernvorgang zu tun hat [Metzinger, 89].
3. Eine Hauptfunktion des Bewusstseins besteht darin einen festen Bezugsrahmen für den Organismus zu schaffen, d.h. zu definieren was real ist [Metzinger, 95]. Die Repräsentationen der Realität im Gehirn werden aber als Realität und nicht als Repräsentation wahrgenommen [Metzinger, 72].
Eine gesicherte Theorie des Bewusstseins existiert (noch) nicht. Eine solche Theorie müsste die folgenden Probleme lösen:
1. Das Eine-Welt-Problem: Warum wird das Bewusstsein als Einheit gesehen und nicht als eine Ansammlung verschiedener bewusster Komponenten?
2. Das Jetzt-Problem: Wie kann der Eindruck eines Momentes entstehen, wo doch die Zeit immer im Fluss ist?
3. Das Wirklichkeits-Problem: Warum können wir nicht erkennen, dass wir die Wirklichkeit nur indirekt wahrnehmen? Warum sind wir als naive Realisten geboren?
4. Das Problem der Unaussprechlichkeit: Warum können wir Dinge wahrnehmen, über die wir nicht sprechen können?
5. Das Wer-Problem: Wer ist dieses „Ich“, dem die bewussten Erlebnisse zugeordnet werden?
6. Das Evolutionsproblem: Wozu dient überhaupt das Bewusstsein?
[Metzinger, 45]
Für die Frage der inneren Freiheit sind vor allem die Fragen 5 und 6 von Bedeutung. Im Folgenden untersuchen wir das Wer-Problem. Auf das Evolutionsproblem kommen wir in Kap.4.5 zurück.
Das Wer-Problem
Traditionell bezieht sich der Begriff Bewusstsein auf eine Person. Dass eine Person bewusst entscheidet, bedeutet, dass sie (moralische) Bewertungen für ihre Entscheidung verwendet. Wer ist aber dieses „Ich“, welches über Bewusstsein verfügt?
Buddha sprach: „Handlungen existieren und auch ihre Folgen, aber der Handelnde existiert nicht (…). Es gibt kein Individuum, es ist nur ein konventioneller Name, der (einer Menge von) Elementen gegeben wird“ [Metzinger, 351].
Am Ich-Gefühl ist immer ein Körpergefühl beteiligt. Dieses Körpergefühl besteht aus mehreren Komponenten:
1) Automatische Selbstzuschreibung. Sie integriert Bewusstseinsinhalte in das, was als das eigene Selbst erlebt wird. Beispiele:
a) Ein Blinder kann eine Tastempfindung am Ende des Stockes entwickeln [Metzinger, 113].
b) Wiederholte Übung kann ein Werkzeug (oder ein Sportgerät) in einen Teil der Hand verwandeln [Metzinger, 117]
2) Agentivität, d.h. das bewusste Erleben von Entscheidungen und Handlungen
3) Ein Ort im Raum
4) Interozeption (Körperwahrnehmungen)
5) Hintergrund-Emotionen
[Metzinger, 116]
Welche dieser Komponenten sind notwendig für das Ich-Gefühl?
Agentivität ist nicht notwendig, wie das Beispiel der Meditation zeigt. Das Ich-Gefühl entsteht wahrscheinlich, wenn aus räumlicher Orientierung, Körperwahrnehmungen und Selbstzuschreibung (bzw. Selbstabgrenzung) das Wissen von der eigenen Existenz auftaucht. Diesen Vorgang kann man z.B. nachvollziehen, wenn man am Morgen aufwacht und zu sich kommt [Metzinger, 151]. Wenn man sich jedoch als denkendes Subjekt erleben will und nicht einfach (wie in der Meditation) die Gedanken vorbeiziehen lässt, dann braucht es eine kognitive Agentivität, d.h. innerliches Handeln beim Denken, verbunden mit dem Gefühl die eigenen Gedanken zu verursachen [Metzinger, 177].
Gibt es ein Bewusstsein ohne Ich-Gefühl? Diese Frage muss man bejahen, weil auch selbst-lose Formen des bewussten Erlebens bekannt sind. Bei bestimmten psychiatrischen Störungen, wie etwa dem Cotard Syndrom, hören die Patienten manchmal auf das Pronomen der ersten Person zu verwenden, und – was noch erstaunlicher ist – behaupten, dass sie in Wirklichkeit gar nicht existieren [Metzinger, 99-100].
Laut Antonio Damasio sind die Aspekte des Bewusstseins in eine hierarchische Struktur eingebettet:
1) Zuunterst steht die Metarepräsentation des Körpers (das Proto-Selbst), welche bereits in niedrigen Tieren vorhanden ist. Dazu gehört u.a. auch die Wahrnehmung des Wachheitszustandes. Es gibt einen kontinuierlichen Übergang von Wachheit zu Unaufmerksamkeit, zu Schlaf, zum Komazustand und schliesslich zum Tod.
2) Die nächst höhere Stufe ist das sog. Kernbewusstsein, das Gefühl für das was passiert bzw. das Gefühl dafür, dass sich das Proto-Selbst durch die Welt bewegt und mit der Welt interagiert. Damasio beschreibt den Fall einer Patientin, welche infolge einer Hirnverletzung 6 Jahre lang nur mit dem Kernbewusstsein lebte, d.h. in einer Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Kernbewusstsein ist auch bei intelligenten Tieren vorhanden.
3) Auf der obersten Stufe steht das erweiterte Bewusstsein, die Verknüpfung des Kernbewusstseins mit autobiographischen Daten, mit einer Lebensgeschichte und ihrer Projektion in die Zukunft. Das erweiterte Bewusstsein gibt es nur bei Menschen und ev. bei gewissen Primaten.
a) Im Gegensatz zur lange vertretenen These wonach die Sprache im Zentrum des erweiterten Bewusstseins steht, scheinen es eher die Gefühle zu sein, bzw. das Wissen darüber, Gefühle zu haben. Bei Schlaganfällen verlieren Patienten z.T. die Sprache. Im Falle einer Heilung erzählen solche Patienten dass ihr Bewusstsein vollkommen intakt war, dass sie aber ihren Zustand einfach nicht kommunizieren konnten.
b) Eine wichtige Rolle scheint auch die Verbindung der linken mit der rechten Gehirnhälfte zu spielen. Wenn man diese Verbindung zerstört, dann entstehen zwei Bewusstseins-Instanzen: die eine beschreibt die Welt verbal, die andere räumlich. Zwischen den beiden Instanzen gibt es keine Kommunikation, sie werden aber trotzdem mit dem gleichen „Ich-Gefühl“ repräsentiert.
Wenn Damasios These stimmt, d.h. wenn Bewusstsein einen biologischen Körper bzw. ein Körpergefühl voraussetzt, dann ist es unmöglich, Bewusstsein innerhalb eines Computers zu erzeugen.
Entscheidungsprozesse
Betrachten wir zunächst die Etymologie des Begriffes Bewusstsein: Der lateinische Begriff der conscientia ist die Wurzel, aus der sich alle späteren Terminologien in den englischen und romanischen Sprachen entwickelt haben. Er leitet sich seinerseits von cum (mit, zusammen) und scire (wissen) ab. In der Antike, genau wie in der scholastischen Philosophie des Mittelalters, bezog sich conscientia vorwiegend auf moralisches Wissen, d.h. Wissen über Werte. Interessanterweise wurde „echtes“ Bewusstsein also mit moralischer Einsicht verknüpft [Metzinger, 45].
Moralische Einsicht ist das Resultat von Reflexionen, welche Präferenzen hinterfragen, gewichten und gegeneinander abwägen, d.h. das Resultat von Reflexionen höherer Ordnung. Dass das Abwägen von Präferenzen ohne Einsicht (Bewusstsein) ablaufen könnte, wurde traditionell gar nicht in Erwägung gezogen. Mit zunehmender Akzeptanz der Psychoanalyse änderte sich dieses Bild. Die Existenz unbewusster Entscheidungsprozesse wurde nun zumindest als vertretbare These betrachtet. Die gleichzeitige Existenz von bewussten Entscheidungsprozessen schien aber offensichtlich und wurde von niemandem bestritten. Erst in der Folge des Libet-Experimentes entstand die Vermutung, dass alle Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen könnten und dass das Bewusstsein nur ein etwas verspätet eintreffendes Begleit-Phänomen darstellt. Die spezifische Hirnaktivität, welche mit einer Bewegung korreliert, kann der bewussten Entscheidung (die Bewegung auszuführen) bis zu 10 Sekunden vorausgehen (siehe Der unbewusste Wille).
Alvaro Pascual-Leone führte 1992 ein Experiment durch, bei dem die Probanden gebeten wurden, zufällig die rechte oder die linke Hand zu bewegen. Er fand heraus, dass durch die Stimulation der verschiedenen Hirnhälften mittels magnetischer Felder die Wahl der Person stark beeinflusst werden konnte. Normalerweise wählen Rechtshänder die rechte Hand in ca. 60 % aller Fälle. Wurde jedoch die rechte Hirnhälfte stimuliert, wurde die linke Hand in 80 % aller Fälle ausgewählt (die rechte Hemisphäre des Hirns ist im Wesentlichen für die linke Körperhälfte zuständig und umgekehrt).
Trotz dieses nachweislichen Einflusses von außen berichteten die Probanden weiterhin, dass sie der Überzeugung waren, die Wahl frei getroffen zu haben (Freier Wille, Wikipedia).
Wolf Singer weist auf folgendes Experiment hin: Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte eines Probanden einen Befehl durch eine elektrische Reizung motorischer Cortex Areale, dann führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden.
Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat (Philosophie und Hirnforschung, Patrick Albertini).
Was immer das Bewusstsein des eigenen Willens noch sein mag, es scheint auf jeden Fall etwas zu sein, das man mit Hilfe eines schwachen elektrischen Stromes und einer Elektrode im Gehirn an- und ausschalten kann [Metzinger, 181].
Gemäss Wegner und Wheatley wird das phänomenale Erleben des Willens oder der mentalen Verursachung durch folgende drei Prinzipien beherrscht [Wegner]:
1. Ausschliesslichkeit: der Gedanke der Versuchsperson ist die einzig mögliche und introspektiv verfügbare Ursache der Handlung
2. Konsistenz: die subjektive Absicht muss inhaltlich zur Handlung passen
3. Priorität: der bewusste Gedanke muss der Handlung innerhalb eines angemessenen Zeitraumes vorangehen.
[Metzinger, 183]
In den zitierten Experimenten ist die Willensfreiheit offenbar eine doppelte Illusion, weil die Entscheidungsprozesse nicht nur deterministisch, sondern auch unbewusst ablaufen. Die bewusste Wahrnehmung hat keine steuernde Funktion, sondern ist nur ein (mehr oder weniger genaues und verspätetes) Abbild des unbewussten Prozesses. Aber kann man diesen Befund verallgemeinern?
Die Frage, ob die Bewegung einer Hand etwas über den freien Willen einer Person aussagt, muss vorsichtig diskutiert werden. Denn die für die Handbewegung notwendigen Fertigkeiten sind im prozeduralen Teil des Langzeit-Gedächtnisses enthalten. Wenn wir aber eine freie und moralisch fundierte Willensentscheidung treffen wollen, dann nutzen wir die Erfahrungen und das Wissen des episodischen Teils des Langzeit-Gedächtnisses. Libets Experiment kann daher nur Aussagen über Entscheidungen machen, welche wie die Handbewegungen nicht moralisch gewertet werden müssen. Eine ausführliche und differenzierte Betrachtung dieses Problems nehmen Prof. Dr. Benedikt Grothe und Prof. Dr. Martin Korte in ihren Vorlesungen an der LMU München bzw. Universität Tübingen vor, die als Videoaufzeichnungen öffentlich zugänglich sind (Freier Wille, Wikipedia).
Störungen
Beim sog. Alien-Hand-Syndrom, unterliegt eine der beiden Hände nicht mehr der willentlichen Steuerung, führt aber zielgerichtete Handlungen aus (wie etwas das Ziehen eines Steines im Damespiel). Die betreffenden Personen erleben die unkontrollierte Hand immer noch als ihre eigene. Was fehlt ist die Wahrnehmung eines Willensaktes. Es scheint unbewusste Mechanismen zu geben, welche festlegen, wann uns eine Bewegung als Willensakt erscheint [Metzinger, 172].
Auch bei diesem Beispiel kann man argumentieren, dass es sich nicht um moralische Entscheidungsprozesse handelt und die Aussagekraft für das Problem der Willensfreiheit entsprechend limitiert ist. Es gibt allerdings Störungen, welche sich nicht nur auf die Bewegung einer Hand beziehen und wo möglicherweise das semantische Gedächtnis (ein Teil des deklarativen Langzeit-Gedächtnisses) mitbeteiligt ist [Metzinger, 173]:
1. Gewisse Patienten erleben jedes bewusst wahrgenommene Ereignis in ihrer Umgebung als direkt durch sie selbst verursacht.
2. Umgekehrt haben gewisse Schizophrenie das Gefühl, dass der eigene Körper und die Gedanken ferngesteuert sind.
Im Vergleich mit gesunden Personen stimmt die Wahrnehmung des Willens noch viel weniger mit der realen Situation überein. Im ersteren Fall wird ein Übermass an Wirkung vorgetäuscht im letzteren Fall (in einer Art Umkehrsituation) ein völliges Ausgeliefertsein. Alles spricht dafür, dass es sich bei der Wahrnehmung der Willens um eine eigenständige Funktion handelt, welche mehr oder weniger korrekt mit der realen Situation gekoppelt wird. Es ist deshalb theoretisch denkbar, dass diese Funktion bei allen Entscheidungsprozessen mit etwas Verzögerung aufgerufen wird und eine Illusion erzeugt.
Beim akinetischen Mutismus fällt der Patient keine Entscheidungen [Metzinger, 179]. Es besteht entsprechend kein Anlass, die Funktion „Wahrnehmung des Willens“ zu aktivieren. Die Wahrnehmung „Nichts zu wollen“ stimmt mit der realen Situation überein.
5.1 Definition
Freiheit als Bedingung
Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man frei entscheiden kann. Freiheit ist die Voraussetzung für Verantwortung. Entsprechend den verschiedenen Definitionen von Freiheit gibt es deshalb verschiedene Definitionen von Verantwortung.
1) Man kann die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Entscheidungen ablehnen mit der Begründung
a) dass es ohne Letzt-Urheberschaft auch keine Letzt-Verantwortung gibt
b) dass es unmöglich ist, aus deterministischen physikalischen Prozessen eine Letzt-Urheberschaft des Menschen abzuleiten
2) Der Begriff Verantwortung kann kompatibilistisch definiert werden. Innerhalb dieses Begriffes muss man wiederum zwischen zwei verschiedenen Stufen der Verantwortung unterscheiden:
a) Ablehnung der Verantwortung für unbewusste Motive
Eine Verantwortung liegt nur dann vor, wenn die Entscheidung durch bewusstes Abwägen von Präferenzen getroffen wird. Für unbewusste Motive, welche dieses Abwägen beeinflussen, ist der Entscheidungsträger nicht verantwortlich.
b) Verantwortung, welche unbewusste Motive einschliesst
Im Unbewussten stecken persönliche Erfahrungen und Bewertungen und man kann sie deshalb auch als Teil des Selbst betrachten. Dass man positive Leistungen des Unbewussten (z.B. die Fähigkeit im Schlaf Probleme zu lösen) der eigenen Person gutschreiben darf, wird nicht bestritten. Warum sollte das nicht auch für negative Leistungen gelten? Sowohl die Abgrenzung zwischen Ich und Es als auch die Abgrenzung zwischen Entscheidungsanfang und –ende ist unscharf. Es gibt keine punktuellen Entscheidungen. Im Allgemeinen kommt eine Mischung aus bewusster aktueller Reflexion und unbewussten, langfristig entstandenen Motiven zur Anwendung. Man ist in einem gewissen Masse determiniert durch seine Geschichte, aber man ist auch mitverantwortlich für diese Geschichte [GAD, Hampe].
Beispiel: Bei einem Penalty muss ein Fussball-Torhüter blitzartig entscheiden, ob er stehen bleiben oder in eine Ecke hechten soll. Wegen der Knappheit der Zeit wird die Entscheidung im Wesentlichen im Unbewussten getroffen. Dabei werden sehr viele Informationen (Bewegung des Schützen, Erfahrungen, Tipps etc.) in einem individuellen Entscheidungsprozess verarbeitet. Der Torhüter ist verantwortlich für seine Entscheidung, obwohl ein grosser Teil der Bewertungen im Unbewussten erfolgt. Die Verantwortung wird akzeptiert, weil die unbewussten Bewertungen das Resultat einer langen, persönlich geprägten Geschichte sind. Zu dieser Geschichte gehört insbesondere das Antrainieren von Fussball-spezifischen Reflexen.
3) Freiheits-Skeptiker (u.a. bedeutende Hirnforscher) lehnen den Begriff Verantwortung vollständig ab, weil auch beim bewussten Abwägen von Präferenzen eine Täuschung vorliegen könnte. Wenn Bewusstsein wirklich nur ein Epiphänomen ist, dann entstehen alle Bewertungen durch unbewusste Prozesse. Die Entscheidung des Torhüters (im oben stehenden Beispiel) zu trainieren und sich damit Fussball-spezifische Reflexe anzueignen würde dann nicht (der Wahrnehmung entsprechend) durch bewusste Reflexion entschieden, sondern (entgegen der Wahrnehmung) unbewusst. Die Reflexion würde nur nachträglich vom Bewusstsein (mehr oder weniger genau) dokumentiert. So abenteuerlich diese These klingt, sie hat eine gute Chance der Realität zu entsprechen. Die Gegenargumente sind jedenfalls noch wenig überzeugend (siehe Epiphänomen, Wikipedia). Welches sind die Konsequenzen für die Lebenspraxis?
a) Auch wenn die Freiheits-Skeptiker Recht behalten sollten, so brauchen wir doch immer noch Begriffe, welche die verschiedenen Arten von Entscheidungsprozessen (unbewusste und scheinbar bewusste) benennen. Wenn jemand sagt, dass er frei und bewusst entschieden habe, dann sollten wir diese Sprachregelung im Alltag akzeptieren, weil sie mit den Intuitionen übereinstimmt. Im Kontext von Physik und Hirnforschung müssen wir aber präzisieren, dass wir von kompatibilistischer Willensfreiheit sprechen und (falls die Argumente der Freiheits-Skeptiker zutreffen) die Entscheidung in Wahrheit unbewusst getroffen wurde.
b) Auch das Unterbewusste ist ein Teil des Selbst. Nach gängiger Praxis ist eine (voll zurechnungsfähige) Person für ihre unbewussten Entscheidungsprozesse verantwortlich. In der Rechtssprechung können die Begriffe Verantwortung und Schuld nicht durch die Sprache der Hirnforschung ersetzt werden.
In den nachfolgenden Betrachtungen verwenden wir die Begriffe Verantwortung, Schuld, Freiheit usw. im traditionellen Sinne, d.h. sie beziehen sich auf den phänomenalen (gefühlten) Aspekt:
Selbstkontrolle
Die Präferenzen, welche in einer Entscheidung abgewogen werden, drücken oft ein körperliches Befinden aus; die Körpersignale werden sozusagen zu Argumenten innerhalb der geistigen Tätigkeit der Entscheidungsfindung. Umgekehrt wirkt aber die geistige Tätigkeit auch auf das körperliche Befinden zurück. Reflexion ist mit einer inneren Distanzierung vom Objekt der Betrachtung verbunden. Dies wird z.B. bei der sprachlichen Beschreibung einer Situation deutlich. Eine sprachliche Beschreibung erzwingt ein gewisses Mass von Distanzierung und Selbstkontrolle, d.h. sie wirkt wie ein Dämpfungsmechanismus auf den Körper zurück. Der Überlebende in Poe’s Geschichte vom Sturz in den Mahlstrom verstärkt seine Selbstkontrolle durch die Reflexionstätigkeit und wird deshalb nicht von Panik ergriffen [GAD, Hampe].
Selbstkontrolle ist die Grundlage von kompatibilistischer Verantwortung. Sie kann gelehrt und gelernt werden.
Der Bezugspunkt
Verantwortung setzt nicht nur Freiheit, sondern auch ein gegenüber, einen Bezugspunkt voraus. Aus einer Vernunft-orientierten (säkularen) Sicht gibt es nur eine Verantwortung gegenüber der eigenen Person und gegenüber anderen Lebewesen. Dabei geht es im Wesentlichen darum
1) sein Leben gegenüber den selbst gewählten Lebenszielen zu prüfen und Empathie zu empfinden gegenüber der Person, welche man in der Zukunft sein wird
2) sein Leben gegenüber den Interessen der Gemeinschaft zu prüfen
3) auch die Interessen der leidensfähigen Tiere zu berücksichtigen. Im Zusammenhang mit der Hirnforschung betrifft dies z.B. die Labortiere [Metzinger, 323]
Es geht also darum, dass man eine Lebensphilosophie entwickelt und sich politisch positioniert. Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung wird allerdings immer komplexer. Beispiel: Bei neuen Medikamenten und Drogen sind die Chancen und Risiken kaum zu überblicken. Was sind gesellschaftlich erwünschte Bewusstseins-Zustände? Was sind die langfristigen Konsequenzen? Laut Thomas Metzinger sollte ein wünschenswerter Bewusstseins-Zustand mindestens drei Bedingungen erfüllen:
1. Er sollte Leid minimieren, nicht nur bei Menschen, sondern bei allen leidensfähigen Lebewesen.
2. Er sollte Wissen und Einsicht erweitern
3. Er sollte die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten weitere wertvoller Bewusstseins-Zustände in der Zukunft erhöhen.
[Metzinger, 327]
In der Erziehung und Bildung müsste man entsprechend alle Bewusstseins-Zustände fördern, von denen wir glauben, dass sie wertvoll sind [Metzinger, 331]. Könnte die Neurowissenschaft den Mystikern helfen, bessere Mystiker zu sein? Haben tiefe Meditationserfahrungen möglicherweise auch einen Einfluss auf die Fähigkeit, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen und ein politisch mündiger Bürger zu werden? [Metzinger, 336]. Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe Der Begriff einer Bewusstseinskultur.
5.2 Äussere Einschränkungen
Wissen über die Aussenwelt
In jeder Kultur gibt es so etwas wie eine Norm des Wissens. Man kann schuldig werden durch einen Mangel an Wissen,
aber auch durch eine Erweiterung des Wissens:
1) Mangel an Wissen: Beispiel: Wenn man die Verkehrsregeln nicht kennt wird man gebüsst.
2) Die Erweiterung des Wissens über die kulturelle Norm hinaus ist mit einer Paradoxie verknüpft: Derjenige, welcher sich darum bemüht, kann die Verantwortung erkennen und schuldig werden, während derjenige, welcher in Unwissenheit verharrt nicht schuldig werden kann. Beispiel: In der Zeit des deutschen Nationalsozialismus wurden die Bürger solange nicht mitschuldig, als sie keine Kenntnis von den Konzentrationslagern hatten. Die Norm bestand darin, nichts über die Judenvernichtung zu wissen.
Das stärkste Argument für die Erweiterung des ethischen Wissens ist (ähnlich wie bei der Ablehnung von Utopien) ein vernunft-orientiertes Konzept von Gerechtigkeit. Aus individualistischer Sicht ist es besser, nicht schuldig werden zu können.
Gerechtigkeit
Wie die Naturwissenschaft eindrücklich gezeigt hat, kann man äussere Einschränkungen teilweise durch Wissen beseitigen. Das Nachdenken über Einschränkungen kann aber auch zur Erkenntnis führen, dass gewisse Strukturen Schutz bieten und damit Freiheit in einem anderen Bereich schaffen.
Beispiel: Das Gewaltmonopol des Staates schränkt die Durchsetzung der individuellen Interessen ein, schafft aber gleichzeitig die Freiheit sich unbedroht in der Gemeinschaft zu bewegen.
Soziale Freiheiten sind eine Frage von Präferenzen. Die Freiheit des einen ist oft die Unfreiheit des anderen; Freiheit auf gesellschaftlicher Ebene ist untrennbar mit dem Begriff Gerechtigkeit verknüpft. Je nachdem wie die Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit definiert sind, ändert sich auch der Begriff von Verantwortung. Verantwortung ist abhängig von der normativen Ethik, welche man anstrebt. Sie kann die Opferung von Eigeninteressen verlangen und sinnvoll interpretieren. Verantwortung setzt Normen oder mindestens Denkweisen voraus, denen gegenüber man sich verpflichtet fühlt.
Machtmittel
Verantwortung ist abhängig von der Handlungsfreiheit. Wenn die Machtmittel eingeschränkt sind, dann ist auch die Verantwortung entsprechend eingeschränkt.
5.3 Innere Einschränkungen
Verantwortung gegenüber sich selbst
Innere Einschränkungen können teilweise durch eine Erweiterung des Bewusstseins (z.B. in einer Psychotherapie) beseitigt werden. Führt das Freud’sche Programm „aus Es soll Ich werden“ demnach zur inneren Freiheit? Die Antwort ist nicht eindeutig. Unbewusste Einschränkungen in einem Bereich der Psyche können die Freiheiten in einem anderen Bereich vergrössern. Beispiele:
1) Selbstkontrolle und Verdrängung aggressiver Gedanken (Tötungswünsche im Besonderen) beseitigen die latente Gefahr, das Gewaltmonopol des Staates zu verletzen und im Gefängnis zu landen.
2) Ein Pianist gewinnt Spontaneität (Freiheit) im künstlerischen Ausdruck, indem er zuerst durch einen harten Lernprozess die Technik der Tastenbeherrschung im Unterbewussten verankert [GAD, Hampe].
Wenn der Mensch auch für seine unbewussten Motive verantwortlich ist, dann muss er versuchen, seinen eigenen Charakter zu kennen und zu formen. Er muss seine Lebensweise nicht nur gegenüber der Aussenwelt, sondern auch gegenüber sich selbst rechtfertigen können. Er hat eine Verantwortung für sein eigenes Glück, nicht nur in der Gegenwart sondern auch gegenüber der Person, welche er in der Zukunft sein wird.
Fremdbestimmung und Autonomie der Moral
1. Fremdbestimmung ist nicht a priori schlecht. Man kann durchaus zum Schluss kommen, dass die Tradition, in welcher man erzogen wurde und welche sich jetzt im Unterbewussten festgesetzt hat, moralisch richtig ist. Bei der Entwicklung einer autonomen Moral geht es nicht darum eine einzigartige oder neue Moral zu schaffen, sondern es geht darum die moralische Position, welche man vertritt, eigenständig begründen zu können und nicht auf eine höhere Instanz verweisen zu müssen.
2. Bei der Reflexion der Fremdbestimmung geht es in erster Linie um eine erfolgreiche Anpassung an die Umgebung und erst in zweiter Linie um die Bewusstmachung der unbewussten Motive. Die Verdrängung von Tötungswünschen kann z.B. durchaus moralisch erwünscht sein und sowohl den Interessen der Gemeinschaft als auch denjenigen des Individuums entgegenkommen. Diese Beschreibung passt auf eine der drei Definitionen des wahren Selbst im moralischen Perfektionismus, siehe Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit.
Die Evolutionstheorie erklärt die graduelle Entwicklung des Bewusstseins und der Willensfreiheit und gibt damit wichtige Hinweise auf ihre Funktion.
6.1 Biologische Evolution
Verschafft Bewusstsein einen evolutionären Vorteil?
Die Evolution wird weitgehend von Zufallsereignissen getrieben und verfolgt kein Ziel. Es ist falsch anzunehmen, dass die Evolution zum Bewusstsein führen musste. Andere Pfade der Evolution waren möglich und bleiben immer noch möglich [Metzinger, 87]. Nachdem das Phänomen Bewusstsein aber einmal (möglicherweise zufällig) entstanden war, bewies es einen Wert im Überlebenskampf. Eine Funktion, welche keinen evolutionären Vorteil verschafft, verschwindet wieder mit der Zeit (weil sie unnötig Energie verbraucht).
Die Frage, welchen Überlebensvorteil das Bewusstsein konkret bietet, ist noch weitgehend ungeklärt. Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften des Bewusstseins, welche seinen Trägern Vorteile verschafft haben könnten, z.B.
1) Das Verstehen der geistigen Zustände von Artgenossen und die Vorhersage ihres Verhaltens in sozialen Interaktionen.
2) Die Anpassung von Handlungsplänen für längere Zeiträume
3) Die Lösung von inneren Konflikten, die durch „festgefahrene“ geistige Verarbeitungsvorgänge entstehen.
usw. [Metzinger, 88]
Einer dieser Überlebensvorteile wird vermutlich dominiert haben. Bei den anderen handelt es sich dann eher um eine Art „kreative Zweckentfremdung“ (Exaptation) [Metzinger, 122]. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Reflexionen höherer Ordnung eine solche Zweckentfremdung darstellen.
Bewusstsein und Realität
Die These, wonach das Bewusstsein die Entscheidungsprozesse verbessert, ist aber umstritten. Falls das Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist, wie die meisten Hirnforscher vermuten, dann müssen wir alle Thesen verwerfen, bei welchen der evolutionäre Vorteil durch direkte Verbesserung der Entscheidungen erklärt wird (weil dann das Bewusstsein gar keine steuernde Funktion ausübt).
Um Entscheidungsprozesse zu verbessern, müsste das Bewusstsein die Realität unverfälscht darstellen. Die traditionelle Annahme, dass uns die Inhalte unseres phänomenalen Bewusstseins auf direkte und unmittelbare Weise gegeben sind, ist aber falsch:
1) Es gibt z.B. eine neurologische Störung, welches es unmöglich macht, Gegenstände durch Ertasten zu erkennen (Astereognosie). In diesem Falle ist das Sinnesorgan (die Haut) intakt, aber die Verbindung zum Bewusstsein gestört [Metzinger, 48].
2) Umgekehrt kann sich das Bewusstsein von sinnlichen Eindrücken einstellen, obwohl die betreffenden Sinnesorgane geschädigt sind:
a) Besonders augenfällig wird dies bei einer bestimmten Gruppe von Störungsbildern, die in der Neuropsychologie als Anosognosien bezeichnet werden. Sie bestehen darin, dass der Patient ein bestehendes Bewusstseinsdefizit nicht mehr als solches erleben kann. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Antons Syndrom. Patienten, die durch eine Verletzung des visuellen Cortexes von plötzlicher Blindheit befallen werden, bestehen in manchen Fällen hartnäckig darauf, dass sie noch sehen. Sie stoßen sich gleichzeitig an Möbelstücken und anderen Hindernissen, sie zeigen alle Anzeichen funktionalen Blindseins. Trotzdem verhalten sie sich so, als ob ihnen das subjektive Verschwinden der visuellen Welt nicht bewusst wäre. So produzieren sie zum Beispiel auf Fragen nach ihrer Umgebung falsche, aber konsistente Konfabulationen: Sie erzählen Geschichten über nicht-existente phänomenale Welten, die sie selber zu glauben scheinen, und streiten jedes funktionale Defizit in Bezug auf ihre Sehfähigkeit ab [T.Metzinger, Das Problem des Bewusstseins].
Das Bewusstsein ist in diesem Falle gekoppelt mit einer Traumwelt, welche die Bewältigung der Realität erschwert. Es stärkt das Gefühl intakt zu sein, verschlechtert aber gleichzeitig die adaptiven Fähigkeiten des Organismus.
b) Blinde Menschen sind manchmal in der Lage, im Traum zu sehen [Metzinger, 199].
Das Bewusstsein bezieht sich auch bei intakten Personen auf Repräsentationen und nicht auf die Wirklichkeit selber, so dass eine Wirklichkeit vorgetäuscht werden kann. Beispiele:
1. Die Simulation von virtuellen Realitäten (z.B. im 3D-Film) erzeugt ein Gefühl der Präsenz und des vollständigen Eintauchens. Wie im Traum wird dabei verhindert, dass echtes körperliches Verhalten erzeugt wird. Wenn im Traum diese motorische Hemmung im versagt (REM-Sleep Behavior Disorder) dann ist der Patient gezwungen, auch dramatische und gewalttätige Träume auszuagieren.
2. Das Phänomen des falschen Erwachens zeigt, dass das Gefühl sich in der Realität zu befinden ein- und ausgeschaltet werden kann. Das Traum-Selbst ist wie der asognostische Patient, dem nach einer Hirnverletzung die Einsicht in geistige Defizite fehlt. Offenbar ist die Lebendigkeit, Klarheit und Prägnanz eines bewussten Erlebnisses kein hinreichender Beleg dafür, dass man sich tatsächlich in der Wirklichkeit befindet.
3. Der Traum ist ein gutes Beispiel für die Tendenz unseres Gehirnes, Sinn zu konstruieren. Während des REM-Schlafes werden chaotische innere Signale durch PGO-Wellen erzeugt. Das Gehirn versucht, diese Signale zu interpretieren und konstruiert zu diesem Zweck ein Märchen, in welchem das Ego des Traumzustandes die Hauptrolle spielt. Das System erkennt die Signale, die es in eine innere Erzählung verwandelt nicht als Eigenprodukte.
[Metzinger, 197-202].
Damit stellt sich die Frage, ob der evolutionäre Vorteil des Bewusstseins nicht generell auf der Gefühlsebene zu suchen ist. Es ist denkbar, dass Bewusstsein erst in der Form des Selbst-Bewusstseins (d.h. durch intrinsische Motivation, emotionale Stärkung) einen Überlebensvorteil bietet [Metzinger, 88]. Die bewussten Informationen erhalten durch emotionale Stärkung eine höhere Priorität und werden dann möglicherweise dauerhafter abgespeichert. Dies lässt sich vergleichen mit dem Anfertigen einer Dokumentation über Entscheidungen. Man dokumentiert nur wichtige Entscheidungen und immer nachträglich, d.h. die Dokumentation trägt nichts zur Entscheidungsfindung bei. Sie verbessert aber möglicherweise die Qualität von zukünftigen Entscheidungen. Trauminhalte werden nach dem Erwachen oft sehr schnell vergessen. In unserer Analogie würde das heissen, dass (als Täuschung erkannte) Dokumente nachträglich abgewertet oder entsorgt werden.
John-Dylan Haynes vergleicht das Bewusstsein mit einem Spotlight. Das Unterbewusste entscheidet, ob das Licht eingeschaltet und worauf der Lichtstrahl gerichtet wird [Douglas, 32]. Die beleuchtete Szene wird dokumentiert und erhält eine gewisse Priorität im Gedächtnis, der Rest bleibt im Dunkeln.
Bewusstsein bei Tieren
1) Bewusstsein ist kein Alles-oder-Nichts Phänomen, sondern tritt graduell auf.
2) Bewusstsein ist auch kein einheitliches Phänomen, sondern hat verschiedene Aspekte
a) Wahrnehmung der Aussenwelt
b) Aufmerksamkeit
c) Gefühle, insbesondere das Ich-Gefühl
d) Gedächtnis
e) Reflexionen höherer Ordnung, insbesondere das Wissen um die eigene Existenz
[Metzinger, 36].
Wenn wir den Begriff Bewusstsein über solche Aspekte definieren, dann ist es plausibel anzunehmen, dass ein bestimmter Grad von Bewusstsein auch bei Tieren vorkommt. Es wurden z.B. folgende Fragen untersucht:
1. Weiss ein Tier was es tut? Bei Ratten kann die Frage positiv beantwortet werden.
2. Erkennt sich ein Tier im Spiegel? Bei Schimpansen lautet die Antwort ja, bei Gorillas nein.
3. Können Tiere bei anderen Wesen emotionale oder kognitive Vorgänge identifizieren? Bei Schimpansen dürfte dies wiederum zutreffen.
(siehe Intelligenz und Modellgebrauch bei höheren Tieren, Mueller Science)
Tiere haben (vermutlich) gegenüber den Menschen ein Defizit in Bezug auf die Reflexionen höherer Ordnung. Letztere sind notwendig, um vorauszuplanen und das Wissen um die eigene Existenz mit dem Wissen um den Tod zu verbinden. Das typisch menschliche Bewusstsein, welches man mit dem Begriff Conditio humana verbindet, dürfte es demnach bei Tieren nicht geben.
Willensfreiheit bei Tieren
1. Falls das Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist, dann ist es irrelevant für das Vorhandensein von Willensfreiheit. Nach dieser, hauptsächlich von Hirnforschern vertretenen These dokumentiert das Bewusstsein die Entscheidungsprozesse, aber beeinflusst sie nicht. Die Frage ist nun, ob die Entscheidungsprozesse (welche phänomenal als Willensfreiheit wahrgenommen werden) ein Alles-oder-Nichts Phänomen sind oder (wie das Bewusstsein) graduell auftreten? Es ist plausibel anzunehmen, dass es evolutionäre Vor- und Zwischenstufen zum differenzierten Erkennen, Abwägen und Ändern der Präferenzen gibt. Nach dem heutigen Stand des Wissens gibt es aber keine Tiere, welche (nach einem solchen Entscheidungsprozess) gegen die eigenen Interessen handeln können. Wenn wir dieses Kriterium verwenden (welches viel mit der Definition von moralischem Verhalten zu tun hat) dann gibt es allerdings auch bei den Menschen verschiedene Stufen von Willensfreiheit.
2. Leiden ist mit einem Gefühl der Unfreiheit verknüpft. Bei starken Schmerzen schrumpft das Bewusstsein sozusagen auf einen Punkt zusammen. Das Phänomen Schmerz nimmt im Laufe der Evolution an Intensität zu. Es könnte durchaus sein, dass die Fähigkeit Schmerz zu empfinden zur evolutionären Entwicklung von Entscheidungsprozessen beitrug. Menschen haben vermutlich intensivere Schmerzen als Tiere, aber sie verfügen auch über das grössere Potential, um sich davon zu befreien. Für eine Untersuchung zur biologischen Evolution des Leidens siehe Utility and Pain in Biology.
6.2 Kulturelle Evolution
Künstliche Intelligenz
Laut Thomas Metzinger sollten wir alles unterlassen, was zu einer Erhöhung der Gesamtmenge des Leidens und der Verwirrung in der Welt führt. Angesichts der zahlreichen inneren und äusseren Einschränkungen der Freiheit (und der Unvermeidbarkeit der Risiken) ist es schon beim Menschen eine offene Frage, ob die Schaffung eines neuen Egos ethisch vertretbar ist. Aus der Sicht der Risikoethik ist der Sinn von künstlichen Egos aber noch viel zweifelhafter: Menschen leiden z.T. unter Kinderlosigkeit aber sie leiden (noch) nicht unter dem Fehlen von Ego-Maschinen (…) Man darf auch die Unumkehrbarkeit bestimmter Entwicklungen nicht übersehen. Unsere eigenen Kriterien dafür, was als eine Person behandelt werden sollte, würden es unmöglich machen, diese künstlichen Wesen wieder zu auszuschalten [Metzinger, 279-282].
Die Entwicklung könnte aber auch eine andere Wendung nehmen, in welcher nicht die künstlichen Wesen geschützt werden müssen, sondern die Menschen, welche diese Wesen geschaffen haben. Die von den Strukturalisten analysierte Gefangenschaft in der Struktur könnte eine handfeste Bedeutung annehmen, wenn die Menschen durch Maschinen mit einer überlegenen künstlichen Intelligenz dominiert werden. Wie gross ist diese Gefahr?
Man nimmt an, dass es Gehirnfunktionen gibt, welche eine Maschine nicht (und eventuell nie) nachvollziehen kann und dass diese Funktionen bei den wichtigsten gesellschaftlichen Entscheidungen beteiligt sind. Es gibt aber auch in zunehmendem Masse informations-verarbeitende Prozesse, welche ein Mensch nicht nachvollziehen kann. Die Entwicklung verläuft (abgesehen von der medizinischen Technologie) nicht in eine Richtung, wo man um jeden Preis menschliche Funktionen maschinell nachbilden will (z.B. indem man ihnen ein Bewusstsein einpflanzt), sondern eher in die Richtung von Spezialisierungen. Menschen und Maschinen spezialisieren sich in unterschiedliche Richtungen und es ist gut möglich, dass der Mensch in seiner Spezialisierung einzigartig bleibt. Trotz seines Bewusstseins kann er aber möglicherweise die kulturelle Entwicklung nicht massgebend beeinflussen. Es ist denkbar, dass komplexe und wichtige Entscheidungen zunehmend an Maschinen ohne Bewusstsein übertragen werden. Verantwortungen würden dann immer noch mit Institutionen und Funktionen verknüpft, aber die betreffenden Funktionen nicht mehr von Menschen ausgeführt. Bewusstsein hat in der Evolution nicht zwangsläufig den höchsten Stellenwert.
Die hedonistische Tretmühle
Die Hirnforschung hat eine eigene Perspektive geschaffen, unter der man den uns bekannten Teil der physikalischen Welt und die Evolution des Bewusstseins betrachten kann: Nämlich als einen sich ausdehnenden Ozean des Leidens und der Verwirrung an einem Ort, wo es so etwas vorher nicht gegeben hat (…) Die psychologische Evolution hat uns nicht für dauerhaftes Glück optimiert – ganz im Gegenteil, sie hat uns auf die hedonische Tretmühle gesetzt (…). Wir können diese Struktur in uns erkennen, aber wir werden niemals in der Lage sein, ihr zu entfliehen. Wir sind diese Struktur. [Metzinger, 280].
Diese Betrachtung ist etwas einseitig, weil im Laufe der Evolution auch die Intensität des Glücks zunahm und nebst aller Verwirrung auch Orientierungspunkte (wie der Buddhismus und die Aufklärung) geschaffen wurden. Buddha beschrieb schon vor mehr als 2000 Jahren die Welt als Ozean des Leidens. Er wies auch darauf hing, dass wir in einer hedonistischen Tretmühle gefangen sind, weil wir immer wieder neue Wünsche schaffen. Ist es wirklich unmöglich, dieser Struktur zu entfliehen? Buddha war der Meinung, dass jeder das Potential hat sich zu befreien. Aus heutiger Sicht bezog er sich dabei auf die phänomenale (gefühlte) Willensfreiheit. Die Hindus sind der Meinung, dass der buddhistische Weg ein Schicksal sei. Sie liegen damit auf der Linie der heutigen Freiheits-Skeptiker.
In der Evolution der Nervensysteme hat sowohl die Anzahl der Bewusstseinssubjekte als auch der Reichtum der gefühlsmässigen Nuancen, in denen diese Subjekte leiden können, stetig zugenommen und dieser Vorgang ist noch nicht zu einem Ende gekommen (…).
Wir sind ständig gezwungen, so glücklich wie eben möglich zu sein – uns gut zu fühlen - ohne dass wir jemals einen stabilen Zustand erreichen.
Wenn wir der naturalistischen Weltsicht folgen, dann gibt es keine Zwecke (…). Subjektive Zwecke entstehen in unseren Gehirnen, aber die Evolution respektiert sie in keiner Weise; sie nimmt keine Rücksicht auf das Leiden der Einzelwesen (…).
Wenn das zutrifft, dann ergibt sich aus der Logik der psychologischen Evolution, dass die Tatsache in einer hedonistischen Tretmühle gefangen zu sein, dem Ego so weit wie möglich verborgen bleibt (…) Viele neue Einsichten aus der evolutionären Psychologie zeigen, dass Selbsttäuschung eine sehr erfolgreiche Strategie sein kann. Aus dieser Sicht ist der philosophische Pessimismus eine Fehlanpassung, ein gefährlicher Verlust von „geistiger Gesundheit“ im biologischen Sinne. Aber nun beginnen sich die Dinge zu verändern. Die Wissenschaft greift zunehmend auf störende Weise in unsere natürlichen Verdrängungsmechanismen ein [Metzinger, 280-281].
Überlebens-Strategien sind in Konflikt mit Strategien zur Bekämpfung des Leidens. Der Buddhismus, welcher der Bekämpfung des Leidens die höchste Priorität einräumt, hat die Strategie der Selbsttäuschung von Anfang an verworfen.
Die philosophischen Hoffnungen, das Leiden in dieser Welt reduzieren zu können beruhen (wie auch im Buddhismus) auf einer Zunahme des Bewusstseins bzw. der Erkenntnis. Diese Hoffnungen erfahren einen Dämpfer durch die These, wonach das Bewusstsein möglicherweise nur ein Epiphänomen ist und keine steuernde Funktion ausübt. Einmal abgesehen davon, dass diese These immer noch heftig umstritten ist, darf man nicht vergessen, dass auch unbewusste Mechanismen eine positive Wirkung haben können. Das Phänomen des biologischen Altruismus entstand z.B. ohne Wirkung des Bewusstseins. Es ist auch denkbar, dass die zunehmende Komplexität der Umgebung zu einer zunehmenden Reflexionstätigkeit führt und die Evolution dadurch in günstige Bahnen lenkt. Für eine Untersuchung zur kulturellen Evolution des Leidens, siehe Utility and Suffering in Culture.
Willensfreiheit
Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Präferenzen ist und die Kausalkette der deterministischen Prozesse im Augenblick der Entscheidung durchbrochen werden kann. Ein alternatives Konzept von Willensfreiheit ist durch folgende Thesen charakterisiert:
1. Der Mensch ist nicht Letzt-Urheber seiner Präferenzen. Er kann nur die Fähigkeit entwickeln gewisse Präferenzen zu reflektieren, zu hinterfragen und zu verändern. Die Reflexionen über Präferenzen sind deterministische Hirnprozesse welche wieder auf die Präferenzen zurückwirken können.
2. Es ist plausibel anzunehmen, dass auch die Entscheidung selbst auf einem deterministischen Prozess basiert, eine zeitliche Ausdehnung hat und die Kausalkette nicht unterbricht.
Dieses Konzept von Willensfreiheit wird als kompatibilistisch bezeichnet, weil es kompatibel ist mit den zurzeit bekannten Naturgesetzen.
Einschränkungen durch die Aussenwelt
1. Die Strukturen der Aussenwelt können nur soweit reflektiert werden, als unser Denkapparat dies erlaubt. Insofern gibt es nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Grenze der Freiheit.
2. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion. Strukturen haben oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem freiwillig gewählten Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert. Freiheit wird damit zu einer Frage von Präferenzen.
Einschränkungen durch die Innenwelt
1. Die zurzeit plausibelste These sagt, dass die libertarische Willensfreiheit eine Illusion ist. Der evolutionäre Vorteil dieser Illusion könnte darin bestehen, dass sie das Selbstwertgefühl stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen existieren und damit das Individuum motiviert, solche Situationen zu suchen oder herbeizuführen.
2. Normative Ethik muss auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen. Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt. Allerdings ist Individualität nur dann ein Zeichen von Freiheit, wenn sie durch die Reflexion von Präferenzen entsteht.
3. Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) und das Bewusstsein spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.
Verantwortung
1. Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen.
2. Die meisten Hirnforscher sind Freiheits-Skeptiker. Wenn Bewusstsein wirklich nur ein Epiphänomen ist, dann entstehen alle Bewertungen durch unbewusste Prozesse. Die Reflexionen werden dann nur nachträglich vom Bewusstsein (mehr oder weniger genau) dokumentiert.
3. Auch wenn die Freiheits-Skeptiker Recht behalten sollten, so brauchen wir doch Begriffe, welche die verschiedenen Arten von Entscheidungsprozessen benennen. Wenn jemand sagt, dass er frei und bewusst entschieden habe und die Verantwortung übernehme, dann sollten wir diese Sprachregelung im Alltag akzeptieren, weil sie mit den Intuitionen übereinstimmt. Im Kontext von Physik und Hirnforschung müssen wir aber präzisieren, dass wir von kompatibilistischer Willensfreiheit sprechen und (falls sich die Argumente der Freiheits-Skeptiker durchsetzen) die Entscheidungen in Wahrheit unbewusst getroffen werden.
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1) Beckermann Ansgar, Haben wir einen freien Willen? 2) Douglas Kate (2010), How Powerful is the Subconscious?, New Scientist, 3.April 3) DTV Atlas zur Psychologie (1994), 4.Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 4) GAD (2006), Herausforderungen an die Freiheit im 20.Jh., Tagesseminar in der Helferei Grossmünster in Zürich vom 11.März a) Hampe Michael, Gesetzmässigkeit und Freiheit b) Guggenheim Josef, Freiheit und Triebschicksal c) Strassberg Daniel, Der unglückliche Strukturalist d) Vollenweider Franz, Gehirn und Freiheit 5) Graeff Johannes (2008), Das Darwinsche Paradox der Homosexualität, Neue Zürcher Zeitung Nr.199 vom 27.Aug., Beilage B1, Forschung und Technik 6) Hampe Michael, Philosophien des Glücks 7) Metzinger Thomas (2009), Der Ego Tunnel, Berlin Verlag 8) Nedoptil Norbert (2006), Kriminalität und Genetik 9) Roth Gerhard (2006), Wer oder was bestimmt unser Handeln? 10) Searle John (2007), Between a Rock and a Hard Place 11) Wegner Daniel, Wheatley Thalia (1999), Apparent Mental Causation
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Weiterführende Literatur
Philosophie 1. Bieri Peter, Das Handwerk der Freiheit, München 2001 2. Chrisholm Roderick M., Human Freedom and the Self, in: Gary Watson (ed.), The Free Will, New York 1982 3. Dennett Daniel, Freedom Evolves, London und New York 2003 4. Habermas Jürgen, Freiheit und Determinismus, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 52/2004 5. Hampe Michael, Gesetz und Distanz, Heidelberg 1996 6. Mittelstaedt Peter / Weingarten Paul, Laws of Nature, Heidelberg und New York 2005. 7. Pauen Michael, Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung, Frankfurt am Main 2004. 8. Seel Martin, Teilnahme und Beobachtung, in: Neue Rundschau 116 / 2005, Heft 4, S.141-153 9. Weinert Friedel, Laws of Nature, Berlin 1998 10. Wikipedia, Freier Wille
Geschichte Wikipedia, Geschichte des freien Willens
Strukturalismus 1. Jäger Marc-Christian, Poststrukturalismus für Einsteiger 2. Krempl Stefan, Ich – wer ist das heute? 3. Kurzweil Ray, Homo Sapiens 4. Rissing Thilo, Das Wahrsprechen des Subjekts 5. Strassberg Daniel, Das poietische Subjekt
Physik Vogelmann Frieder, Die Faszination vorschneller Schlüsse
Hirnforschung 1. Drei Sat Redaktion, Literatur zum Thema Hirnforschung 2. Singer Wolf, Ein neues Menschenbild 3. Vollenweider Franz, Gehirn und Geist, das gefährdete Ich 4. Werner Ulrich, Artikel von Gerhard Roth 5. Zürcher Tages-Anzeiger, Sein oder Nichtsein ist keine Frage mehr
Psychologie Rowe David C., Genetik und Sozialisation, Weinheim: Psychologie Verlags-Union 1997. Guggenheim Josef, Freiheit und Triebschicksal, Bulletin 2006.2 der GAD, Zürich
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