Eine interdisziplinäre Betrachtung zur Unfreiheit
von Socrethics
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Inhalt
1. Einleitung 2. Terminologie 3. Einschränkungen durch die Aussenwelt 4. Einschränkungen durch die Innenwelt
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Zusammenfassung
Ausgangslage Einige der wichtigsten aktuellen Hirnforscher vertreten die These, dass die Willensfreiheit weitgehend eine Illusion ist. Diese These hat eine tiefgründige Diskussion um die Definition von Begriffen ausgelöst und eignet sich als Fundament für ein fatalistisches Weltbild.
Problemstellung 1. Was bedeutet Willensfreiheit? 2. Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt? 3. Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?
Willensfreiheit Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Präferenzen ist und die Kausalkette der deterministischen Prozesse im Augenblick der Entscheidung durchbrochen werden kann. Ein alternatives Konzept von Willensfreiheit ist durch folgende Thesen charakterisiert: 1. Der Mensch ist nicht Letzt-Urheber seiner Präferenzen. Er kann nur die Fähigkeit entwickeln gewisse Präferenzen zu reflektieren, zu hinterfragen und zu verändern. Die Reflexionen über Präferenzen sind deterministische Hirnprozesse welche wieder auf die Präferenzen zurückwirken können. 2. Es ist plausibel anzunehmen, dass auch die Entscheidung selbst auf einem deterministischen Prozess basiert, eine zeitliche Ausdehnung hat und die Kausalkette nicht unterbricht. Dieses Konzept von Willensfreiheit wird als kompatibilistisch bezeichnet, weil es kompatibel ist mit den zurzeit bekannten Naturgesetzen.
Einschränkungen durch die Aussenwelt 1. Die Strukturen der Aussenwelt können nur soweit reflektiert werden, als unser Denkapparat dies erlaubt. Insofern gibt es nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Grenze der Freiheit. 2. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion. Strukturen haben oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem freiwillig gewählten Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert. Freiheit wird damit zu einer Frage von Präferenzen.
Einschränkungen durch die Innenwelt 1. Die zurzeit plausibelste These sagt, dass die libertarische Willensfreiheit eine Illusion ist. Der evolutionäre Vorteil dieser Illusion könnte darin bestehen, dass sie das Selbstwertgefühl stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen existieren und damit das Individuum motiviert, solche Situationen zu suchen oder herbeizuführen. 2. Normative Ethik muss auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen. Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt. Allerdings ist Individualität nur dann ein Zeichen von Freiheit, wenn sie durch die Reflexion von Präferenzen entsteht. 3. Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.
Verantwortung 1. Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen. 2. Das kompatibilistische Verständnis von Verantwortung wird nicht nur von den Libertariern herausgefordert, sondern auch von denjenigen Hirnforschern welche postulieren, dass das Bewusstsein keine steuernde Funktion ausübt. Die Begriffe Freiheit und Verantwortung lassen sich aber auch unabhängig vom Begriff Bewusstsein definieren, sofern man die Fähigkeit zur Reflexion von Bewertungen und Normen als wesentlich erklärt und nicht Gefühle von der Art wie „in einem Körper sein“ und „in der Realität sein“.
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1. Einleitung
Ausgangslage
Einige der wichtigsten aktuellen Hirnforscher vertreten die These, dass die Willensfreiheit weitgehend eine Illusion ist. Diese These hat eine tiefgründige Diskussion um die Definition von Begriffen ausgelöst und eignet sich als Fundament für ein fatalistisches Weltbild.
Problemstellung
1. Was bedeutet Willensfreiheit?
2. Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt?
3. Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?
2. Terminologie
Freiheitsgrad
Der Freiheitsgrad bezeichnet einen Parameter eines Systems. Die Eigenschaft, ein Freiheitsgrad zu sein, ergibt sich für einen Parameter daraus, Mitglied in einer Summe von Parametern zu sein, die das System beschreiben. Diese Beschreibung muss folgende Eigenschaften haben:
1. Das System ist durch die Spezifizierung der Parameter eindeutig bestimmt.
2. Wird ein Parameter weggelassen, so ist das System nicht mehr eindeutig bestimmt.
3. Jeder Parameter kann verändert werden, ohne dass sich die anderen Parameter verändern.
(aus Freiheitsgrad, Wikipedia).
Lebewesen haben viel mehr Freiheitsgrade als feste Körper. Ein Stein und ein Vogel unterliegen beide der Schwerkraft, aber der Vogel hat Systemeigenschaften, welche ihm erlauben, die Bewegungsrichtung selbständig anzusteuern. Der Vogel überwindet die Schwerkraft oder er nutzt sie zu seinem Vorteil (etwa wenn er sich fallen lässt). Der Vogel ist in diesem Sinne freier als der Stein. Die Menschen können sich nicht von den Naturgesetzen befreien aber sie können (wie der Vogel) versuchen, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Dieser Grundgedanke steckt auch hinter dem Konzept der Sublimation.
Willensfreiheit
Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen. [Beckermann]
Beispiel: Eine Person, welche die Schädlichkeit des Rauchens erkannt hat, sich entschliesst, mit dem Rauchen aufzuhören und diesen Entscheid auch umsetzen kann, verfügt über Willensfreiheit. Wenn aber diese Person die Kraft nicht aufbringt den Entscheid in die Tat umzusetzen oder das Rauchen nur temporär einstellen kann, dann ist sie in ihrer Willensfreiheit eingeschränkt.
Oben stehende Definition hat zwei Aspekte:
1. Um Präferenzen (Motive, Wünsche und Überzeugungen) zu bewerten, muss man sie zunächst kennen. Das Wissen über Präferenzen kann durch Reflexion erweitert werden.
Beispiel: Der Raucher findet in einer Psychotherapie heraus, dass er mit dem Rauchen eine andere Sucht kompensiert. Erst wenn er sich von dieser Sucht gelöst hat kann er mit dem Rauchen aufhören.
2. Die Person muss auch gegen ihre Präferenzen handeln können, d.h. sie muss in der Lage sein, den Entscheidungsprozess in einem beliebigen Augenblick abzuschliessen und willkürlich zu handeln. Dies wird als instantane Akteurskausalität bezeichnet. Die Entscheidung wird als spontane Aktion ohne zeitliche Ausdehnung und ohne Kausalität, d.h. als „kausale Lücke“ wahrgenommen. Beispiel: Der Raucher hat das Gefühl, jederzeit frei von seinen Überlegungen zur Gesundheit eine Zigarette anzünden zu können oder auch nicht. Der Realitätsgehalt dieser Wahrnehmung ist Gegenstand einer kontroversen Diskussion.
Handlungsfreiheit
Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun kann, was sie will [Beckermann].
1) Beispiel für äussere Einschränkung: Wenn eine Person rauchen will, aber durch ein Rauchverbot daran gehindert wird
2) Beispiel für innere Einschränkung: Wenn eine Person rauchen will, aber durch eine Lähmung daran gehindert wird
Letzt-Urheberschaft
Eine Person kann nur dann Letzt-Urheber des Ereignisses „E“ sein, wenn sie auch die Ereignisse (oder zumindest einen entscheidenden Teil der Ereignisse) kontrollieren kann, die für das Zustandekommen von „E“ verantwortlich sind [Beckermann].
Determinismus
1. (von lateinisch: determinare abgrenzen, bestimmen) ist ein philosophisches Konzept und zusammen mit seinem Gegenstück, dem Indeterminismus, ein wesentliches Grundelement zur Herausbildung eines konsistenten Weltbildes. Er geht davon aus, dass alle Ereignisse nach feststehenden Gesetzen ablaufen und sie durch diese vollständig (vorher-) bestimmt bzw. determiniert seien. Deterministen sind also der Auffassung, dass bei bekannten Naturgesetzen und dem vollständig bekannten Zustand eines Systems der weitere Ablauf aller Ereignisse prinzipiell vorherbestimmt ist und folglich weder ein echter Zufall, noch Wunder bzw. ähnliche nicht-physische Phänomene existieren (aus Determinismus, Wikipedia)
2. Deterministisch sind auch Systeme, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, so dass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist. Da diese Dynamik einerseits den physikalischen Gesetzen unterliegt, andererseits aber irregulär erscheint, bezeichnet man sie als deterministisches Chaos. Chaotische Systeme sind nichtlineare dynamische Systeme (aus Wikipedia, Chaosforschung).
3. Deterministisch sind schliesslich alle Prozesse, welche zu einer sog. unglücklichen Verkettung von Umständen führen, siehe z.B. Murphy’s Laws. Echten Zufall gibt es nur in der Quantenmechanik.
Kausalität
1) (v. lat.: causa = Ursache) bezeichnet die Beziehung (Relation) zwischen Ursache und Wirkung, also die Einheit beider Ereignisse/Zustände zusammen. Die Kausalität (ein kausales Ereignis) hat eine feste zeitliche Richtung, die immer von der Ursache ausgeht, auf das die Wirkung folgt. Kurz: Ein Ereignis oder der Zustand A ist die Ursache für die Wirkung B, wenn A der Grund ist, der B herbeiführt. Beispiel: „Der Tritt auf das Gaspedal verursacht, dass das Auto beschleunigt“.
2) Gemäss der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik ist der Wahrscheinlichkeitscharakter quantentheoretischer Vorhersagen nicht Ausdruck der Unvollkommenheit der Theorie, sondern des prinzipiell nicht-deterministischen Charakters von Naturvorgängen. Obwohl die Quantenmechanik nicht deterministisch ist, ist sie dennoch kausal, was man insbesondere daran erkennt, dass auch die Quantenmechanik es nicht erlaubt, Ereignisse in der Vergangenheit zu verändern (aus Kausalität, Wikipedia). Determinismus schliesst Kausalität ein aber nicht umgekehrt.
3) Beispiel einer Nicht-Kausalität ist die Creatio ex nihilo
Kompatibilismus
Unter Kompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit vereinbar sind. Kompatibilisten betonen den Zusammenhang zwischen Freiheit und Willentlichkeit (voluntariness). Frei sind dem Kompatibilismus zufolge die Handlungen, die man ausführt, weil man sie ausführen will, d.h. die keinerlei inneren oder äußeren Zwängen unterliegen [Beckermann]. Frei von inneren Zwängen wird man durch die Fähigkeit, die eigenen Präferenzen reflektieren und abwägen zu können.
Inkompatibilismus = Libertarianismus
Unter Inkompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit unvereinbar sind. Eine Person handelt nur dann frei, wenn sie der einzige verursachende Grund für die Handlung ist und auch anders handeln könnte [Wikipedia]. Die Entscheidung darf nicht auf Umstände zurückgehen, welche die Person selbst nicht kontrollieren kann [Beckermann]. Massgebend ist also die Letzt-Urheberschaft (origination).
3. Einschränkungen durch die Aussenwelt
3.1 Weltbild und Religion
Das naturwissenschaftliche Weltbild [GAD, Hampe].
Alle in diesem Aufsatz zitierten Arbeiten sind von einem naturwissenschaftlichen Weltbild geprägt. Es gibt aber nicht nur ein naturwissenschaftliches Weltbild, sondern eine ganze Reihe von Weltbildern, welche sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelten. Zu jedem dieser Weltbilder gehört ein Symbolsystem. Symbolsysteme sind historisch gewachsene, kulturelle Produkte. Das Fallen eines Gegenstandes wurde im Laufe der Wissenschaftsgeschichte von verschiedenen Wissenschaftlern durch je eigene Symbolsysteme beschrieben.
1) Aristoteles
2) Kepler
3) Newton
4) Einstein
Man muss deshalb zwischen Naturnotwendigkeiten (laws of nature) und ihren Beschreibungen, den Naturgesetzen (laws of science) unterscheiden Ein Naturgesetz wird in einem ganz bestimmten Symbolsystem formuliert, welches frei gewählt werden kann. Eine Naturnotwendigkeit ist demgegenüber fest vorgegeben und begrenzt die Handlungsmöglichkeiten. Es sind aber nicht nur die Naturnotwendigkeiten, welche die Handlungsoptionen bestimmen, sondern auch die Art und Weise, wie die Natur beschrieben wird. Dies kann am Beispiel von Edgar Allan Poe’s Erzählung Sturz in den Mahlstrom erläutert werden:
Die Rettung vor dem Mahlstrom besteht darin, zunächst das Phänomen zu beobachten, dann festzustellen, dass zylindrische Gegenstände langsamer vom Mahlstrom erfasst werden als die anderen, dann vom Schiff zu springen und sich an einem Fass festzubinden. Der Zusammenhang zwischen der Form eines Gegenstandes und seiner Anziehung durch den Mahlstrom entspricht einem Naturgesetz und damit einer Art von Beschreibung, welche zur Auswahl steht. Die wissenschaftliche Beschreibung zeigt eine Rettungsmöglichkeit, während magische bzw. religiöse Beschreibungen (wie Höllenschlund, Strafe Gottes usw.) zum Tode führen. Reflexion erweitert die Handlungsoptionen und vergrössert damit die Freiheit
Erkenntnistheoretischer Status
Wissenschaftliche Theorien unterscheiden sich von unwissenschaftlichen durch die Überprüfbarkeit und Genauigkeit ihrer Aussagen. In Poppers Aufsatz-Sammlung Objektive Erkenntnis wird die Bewährung einer Theorie wie folgt definiert:
Unter dem Bewährungsgrad einer Theorie verstehe ich (K.Popper) einen konzentrierten Bericht der den Stand der kritischen Diskussion einer Theorie hinsichtlich folgender Punkte bewertet:
1) der Grad ihrer Prüfbarkeit
2) die Strenge der Prüfungen
3) das Resultat der Prüfungen
Die Bewährung ist wesentlich komparativ. Im Allgemeinen kann man nur sagen eine Theorie A habe einen höheren (oder niedrigeren) Bewährungsgrad als eine konkurrierende Theorie B (bis zu einem gewissen Zeitpunkt).
Es gibt aber noch eine andere Art von Bewährung. Eine Theorie muss die Darwin’sche Fitness ihrer Anhänger verbessern oder sie droht auszusterben. Das naturwissenschaftliche Weltbild erfüllt offenbar diese Anforderung, insbesondere in Bezug auf den militärischen und ökonomischen Wettbewerb. Dies ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Freiheit im Denken nur ein Nebenprodukt des Überlebenskampfes ist und keine steuernde Funktion ausübt.
3.2 Idealisierender Humanismus
Gefangenheit im Ideal
Das Streben danach, dem göttlichen Vorbild und seinen Anforderungen gerecht zu werden, steht einer freien Lebensgestaltung diametral entgegen. So sagt etwa Augustinus:
Wenn du dich selbst erbaust, wirst du eine Ruine erbauen.
Der idealisierende Humanismus übt eine ähnliche Funktion aus wie die Religion. Die Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen verunmöglicht die Entwicklung eines individuellen Lebenssinnes und die Versöhnung mit den menschlichen Schwächen. Das humanistische Ideal ersetzt das religiöse Ideal. Einen ersten Schritt zur Befreiung von einem fixen Menschenbild und zu mehr Toleranz tat Erasmus von Rotterdam bereits im 16.Jh:
Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist (aus Philosophie….was ist das?)
Befreiung
Eine Gegenbewegung zum idealisierenden Humanismus im 20. Jh. war die Existenzphilosophie. Begründet wurde sie von Kierkegaard, philosophisch analysiert von Heidegger und Jaspers, literarisch ausformuliert von Camus und Sartre.
Der Existentialismus ist eine besondere Ausdrucksform der französischen Existenzphilosophie. Im Kern des Existentialismus stehen die Schriften von Sartre, welche auf Ideen von Hegel, Heidegger und Husserl aufbauen [GAD, Strassberg]. Sartre wehrt sich gegen die Wesensbestimmung des Menschen durch Theorien und betrachtet die individuellen existentiellen Erfahrungen des Menschen als massgebend. Der Mensch ist nicht auf eine Ordnung bezogen, sondern schafft Ordnungen mit seinem Beispiel (L'être et le néant).Was aber heisst existentiell?
Was wirklich wichtig ist, findet der Mensch meist erst heraus, wenn er in eine kritische Situation gerät, durch Tod, Kampf, Leiden, Schuld ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird. Was dann noch wichtig ist, ist existenziell, was hinfällig wird, ist überflüssig (aus Philosophie….was ist das?)
Der metaphysische Humanismus, jede Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen, artet nach Sartre in Antihumanität aus. (…) Notwendig ist eine umfassende, negative, kritische Position, die gegen einfache und feste Menschen- und Weltbilder andenkt und anrennt, die auch das Unmenschliche aufrichtig in den Blick rückt. Die Epoche des (nur) positiven Humanismus, der Renaissance und der (optimistischen) Aufklärung ist zu Ende (aus Jean Paul).
Während die Existenz-Philosophie zur Befreiung von metaphysischen Idealen aufrief, entdeckte eine Gruppe von Linguisten, Psychologen, Soziologen und Anthropologen (später Strukturalisten genannt), dass metaphysische Ideale nur einen Spezialfall einer allgemeinen Form von Gefangenschaft darstellen.
3.3 Strukturalismus
Ursprung des Strukturalismus
Der Strukturalismus entstand aus dem Versuch, naturwissenschaftliche Methoden auf die Sprache anzuwenden. Die Beziehungen zwischen Sprach-Phänomenen sollten im gleichen Sinne untersucht werden, wie die Beziehungen zwischen Natur-Phänomenen. Hauptprinzip ist das Auffinden von Einsetzungs- und Ersetzungsregeln, d.h. eine Art Reduktionismus. Später wurde dieser Versuch auch auf andere geisteswissenschaftliche Bereiche ausgedehnt.
Levi-Strauss argumentiert, dass die Kultur wie eine Sprache sei: nur ein Aussenstehender könne die ihr zugrunde liegenden Regeln verstehen.
Dass das menschliche Denken durch die Sprache limitiert wird, ist offensichtlich. Wir denken in vorgegebenen Begriffen und Satz-Strukturen. „Der Mensch verhält sich so, als ob er der Schöpfer und Herr der Sprache sei, es ist aber ganz im Gegenteil die Sprache, die sein Gebieter ist und bleibt.“ (Heidegger). Wenn es eine Analogie gibt zwischen Sprache und Kultur, dann wird das Handeln im gleichen Sinne limitiert wie das Denken.
Das strukturalistische Weltbild wurde u.a. von folgenden Philosophen beeinflusst [GAD, Strassberg]:
1. Marx, welcher die Macht der ökonomischen Verhältnisse analysierte („Das Sein bestimmt das Bewusstsein“)
2. Freud, welcher die Macht des Über-Ichs analysierte (soziale Normen werden im Unbewussten verankert).
3. Nietzsche, welcher den Willen zur Macht analysierte („Wahrheit ist die Lüge, welche gewonnen hat“).
Nicht nur die Handlungen, auch die Reflexionen, welche hinter diesen Handlungen stehen und sogar die Fähigkeit zur Reflexion sind durch die Kultur bestimmt. Warum kann z.B. der eine der zwei Brüder in Poe’s Novelle Sturz in den Mahlstrom die Phänomene naturwissenschaftlich reflektieren und der andere nicht? Ein Strukturalist würde sagen, dass den beiden Brüdern verschiedene Rollen in der Gesellschaft zugewiesen wurden
Grundidee des Strukturalismus
Eine Analyse ist struktural, wenn sie nicht von isolierten Phänomenen sondern von Beziehungen ausgeht. Ein einzelnes Element hat keine Bedeutung, nur die Beziehungen sind massgebend [GAD, Strassberg]:
1. Ausgangspunkt dieser Sichtweise war Freuds Hinweis, dass im Traum einzelne Elemente nicht von sich aus etwas bedeuten würden, sondern erst im Zusammenhang zu sprechen anfingen. Gemäss Lacan ist das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert.
2. Auch jedem kulturellen Gegenstand geht eine Ordnung voraus. Erst der Katalog macht die Bibliothek aus, die Nachbarschaft eines Buches definiert die Eigenschaften des Buches. Der Begriff Bedeutung entspricht dem Platz in der Landkarte der Nachbarschaften. Die Welt wird erst zugänglich, wenn wir uns in einem Symbolsystem (analog dem Bibliotheks-Katalog), d.h. in einer Sprache bewegen. Regeln und Gesetze (d.h. symbolische Ordnungen) prägen anschliessend die Wahrnehmung von Realität. Auch das Ich, die Gefühle, ergeben sich aus einem Netz von Verpflichtungen. Daraus folgt Foucaults These vom Tod des Subjekts, wie er sie in seinem Buch Die Ordnung der Dinge präsentierte
3. Man könnte die Lacan’sche Sichtweise auch umdrehen und sagen, dass die Sprache strukturiert ist wie das Unbewusste: „Es“ spricht. (Was von der Nacht übrig bleibt). Das Unbewusste kommt entwicklungsgeschichtlich vor der Sprache. Die Beziehungen existieren zunächst im Unbewussten und werden nach und nach in ein Symbolsystem übersetzt. Die Welt wird jetzt auf eine andere Art zugänglich.
Ursprung der Kultur [GAD, Strassberg].
1) Was unterscheidet die Kultur von der Natur? Nach Levi-Strauss verlässt der Mensch dort die Natur, wo er über die Familie hinaus zu tauschen beginnt (speziell: Inzest-Verbot und Tausch von Frauen und Gütern). Jetzt entwickeln sich Gesetze und bestimmte Rollen bzw. Funktionen in der Gesellschaft. Das Gesetz bestimmt die (richtigen) Gefühle und nicht umgekehrt. Das Gesetz bestimmt was menschlich ist, aber es ist nicht vom Menschen geschaffen. Gesetze definieren Beziehungen, welche sich aus der Natur der Dinge notwendig ergeben. Das Subjekt kann nur den ihm zugeordneten Platz in der Struktur einnehmen. Mit der Stellung in der Struktur sind auch seine Präferenzen (Gefühle, Neigungen, Interessen) bestimmt
2) Weshalb gibt es Strukturen? Strukturen müssen das Triebhafte binden. Mythen müssen z.B. Machtverhältnisse festigen. Historische Ereignisse werden zu diesem Zweck zu einer Art Naturgesetz umgedeutet.
Gefangenheit in der Struktur und Befreiung [GAD, Strassberg].
1) Die Illusion, dass wir autonom handeln verstellt uns den Blick, dass unsere Triebe in der Struktur gebunden sind. Die Illusion des Ich macht die Leute gefügig. Wer sich durch Reflexion ganz in die Struktur hineinbegibt kann erkennen, wie das Ich aus kulturellen Beziehungen zusammengesetzt ist. Die Struktur wird transparent und die Illusion des Ich bricht zusammen. Nur aus dieser Position heraus ist ein Widerstand denkbar. Wie aber könnte dieser aussehen? Das, was ausserhalb der Struktur ist, kann nicht mit den Mitteln innerhalb der Struktur beschrieben werden. Ein bewusster Austritt ist in diesem Sinne nicht möglich.
2) Es gibt aber trotzdem eine Sehnsucht, über die Struktur hinauszukommen. Diese Sehnsucht wurde von gewissen Strukturalisten mit der Schizophrenie oder mit einer angestrebten Herrschaft des Unbewussten in Verbindung gebracht. Wo Es war soll (wieder) Es werden (Lacan). Gemäss Lacan sind Strukturen immer instabil; es droht der Einbruch des Unbewussten bzw. (in der Terminologie von Lacan) der Einbruch des Realen.
3) Ein Versuch, dem Leiden an der Struktur zu entfliehen besteht darin, die Nicht-Existenz des Ich und damit eine fremdbestimmte Rolle zu akzeptieren. Dies wurde von einigen Strukturalisten als mystischen Aufgehen in der Struktur bezeichnet und erinnert an das hinduistische Dharma.
4) Ein anderer Versuch der Befreiung wäre das Schaffen einer individuellen Sprache (z.B. in der Psychoanalyse) oder das Eintauchen in eine fremde Kultur. Ein Strukturalist würde jedoch auch die Psychoanalyse als Teil des Systems betrachten und zudem postulieren, dass die fremde Kultur nur mit den Augen der eigenen Kultur gesehen werden kann. Kommt hinzu dass die fremden bzw. wirklich alternativen Kulturen am aussterben sind. Die Lebensweise der Jäger und Sammler kann z.B. in absehbarer Zeit nicht mehr nachvollzogen werden. Im Unterschied zur Existenzphilosophie nimmt der Strukturalismus vorwiegend einen deskriptiven Standpunkt ein.
5) Aus normativer Sicht kann man versuchen, die individuelle Freiheit als Ziel der Struktur zu definieren. In einer liberalen Gesellschaft ist es einfacher, die Gefangenschaft in der Struktur zu akzeptieren. Aber Freiheit wird im Allgemeinen nicht geschenkt, sondern muss erkämpft und verteidigt werden.
4. Einschränkungen durch die Innenwelt
4.1 Physik
Letzturheberschaft
Für Libertarier macht die Letzt-Urheberschaft den Kern von Freiheit aus. Dabei muss man unterscheiden zwischen der
1. Letzt-Urheberschaft der Präferenzen, welche dem Entscheid zugrunde liegen
2. Letzt-Urheberschaft des Entscheides
In diesem Kapitel wird nur die Letzt-Urheberschaft des Entscheides untersucht. Für die Letzt-Urheberschaft der Präferenzen siehe Kap.4.3 Soziobiologie.
Wie viele Welten?
1. Die inkompatibilistische (libertarische) Freiheitstheorie der „zwei Welten“ geht von instantaner Akteurskausalität aus. Die zwei Welten entstehen dadurch, dass man einerseits sagt: "Das Gehirn unterliegt den klassischen Naturgesetzen und damit der Kausalität" und dass man andererseits sagt "ein Mensch kann frei, d.h. ohne kausale Abhängigkeit entscheiden“.
2. Die kompatibilistische Freiheitstheorie geht davon aus, dass nicht nur die Entscheidungsvorbereitung, sondern auch der Entscheid selbst eine zeitliche Ausdehnung beansprucht und einen kausalen Prozess spiegelt. Diese These wird dadurch gestützt, dass (mit Ausnahme der Quantenverschränkung in der Quantenmechanik) keine instantanen Wirkungen bekannt sind. Trotzdem haben wir das Gefühl in einem einzigen Augenblick „frei“ entscheiden zu können
Wie kann man die Erfahrung „frei entscheiden zu können“ versöhnen mit dem Wissen, dass die Vorgänge im Gehirn kausal determiniert sind? Warum können wir nicht einfach akzeptieren, dass der libertarische freie Wille eine Illusion ist?
Freiheit und Zufall
John Searle, ein Vertreter des biologischen Naturalismus, schlägt folgende Antwort vor (siehe Between a Rock and a Hard Place):
Der Grund für das Beharren auf der libertarischen Willensfreiheit liegt wahrscheinlich darin, dass wir zwischen Entscheidungsvorbereitung und Entscheid eine „kausale Lücke“. wahrnehmen. Aber ist diese Lücke real oder illusorisch? Zweifellos ist auch die Wahrnehmung der kausalen Lücke durch Gehirnprozesse gesteuert. Wenn sie also real sind, dann muss es im Gehirn einen Indeterminismus geben. Zwei Thesen stehen sich gegenüber:
1. Der libertarische freie Wille hat etwa den gleichen Realitätsanspruch wie ein Regenbogen
2. Der libertarische freie Wille reflektiert einen realen Mechanismus im Gehirn, der Mensch ist Letzt-Urheber des Entscheides
Betrachten wir die Konsequenzen der beiden Thesen:
1) Nach These 1 wäre es möglich eine Maschine zu bauen, welche Entscheidungsprozesse deterministisch abwickelt aber einen libertarischen freien Willen vorgaukelt. Es ist aber schwer zu erklären, warum die Illusion des libertarischen freien Willens überhaupt entstanden ist, wenn sie keinen evolutionären Vorteil bringt.
2) Nach These 2 dürfte der Entscheidungsprozess in der Maschine nicht deterministisch sein. Soweit heute bekannt gibt es nur in der Quantenmechanik indeterministische Prozesse (genauer: beim Übergang von der mikrophysikalischen Quantenebene zur Ebene makroskopischer Ereignisse). Auf dieser Stufe bewirken die Naturgesetze zufällige Resultate. Zufall ist aber nicht das gleiche wie Freiheit.
In diesem Aufsatz wird nur These 1 weiter verfolgt. Der evolutionäre Vorteil der Illusion einen libertarischen freien Willen zu besitzen könnte darin bestehen, dass sie das Selbstbewusstsein stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen bestehen, d.h. sie prämiert solche Situationen und motiviert das Individuum sie zu suchen. Ein Individuum, welches aktiv Situationen sucht, in welchen Handlungsoptionen existieren oder welches durch Reflexion Handlungsoptionen herbeiführt, hat bessere Überlebens-Chancen. Der freie Wille wäre nicht die einzige Illusion, welche das Überleben fördert (man denke z.B. an die Verdrängung der alltäglichen Risiken, an die Verdrängung der Sterblichkeit oder an religiöse Sinnstiftungen).
4.2 Hirnforschung
1) Gemäss [GAD, Vollenweider] glauben etwa 90% der Hirnforscher, dass Bewusstsein ein Epiphänomen ist. Ein Epiphänomen kann keine steuernde Funktion ausüben.
2) Etwa 10% der Hirnforscher glauben, dass Qualias auf das physische System einwirken und dass Selbstreflexion nicht deterministisch erklärt werden kann.
Die bekanntesten deutschen Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth wenden sich vor allem gegen die Idee der libertarischen Willensfreiheit. Wolf Singer vergleicht das menschliche Hirn oft mit einem Computer, bei dem die Hardware gleichzusetzen ist mit der Software, betont aber gleichzeitig die Unterschiede zwischen Hirn und Computer. Im Gegensatz zu letzterem ist das Hirn ein dynamisches System, welches für Einflüsse offen ist, und ständig neu verschaltet wird. Nichts desto trotz sei die Architektur und der jeweilige Zustand des Systems "Hirn" für den jeweils folgenden Zustand in Kombination mit den äußeren Einflüssen determinierend. So kommt Singer zu dem Schluss: "Die Annahme zum Beispiel, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch." Er begründet dies unter anderem mit folgendem Beispiel: Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte eines Probanden einen Befehl, zum Beispiel durch eine elektrische Reizung motorischer Cortex Areale, "führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden. Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat." (aus Philosophie und Hirnforschung, Patrick Albertini).
Die Opposition gegen die Kompatibilisten kommt hauptsächlich von der Seite der Philosophie, siehe Zur Kritik Bremer Hirnforschung. Sie weist u.a. darauf hin
1) dass alle Thesen der Hirnforschung nur auf Korrelationen beruhen. Es handelt sich in diesem Sinne nicht um eine wissenschaftliche Theorie
2) dass die Naturgesetze eher einem Netz mit Lücken gleichen, als einer flächendeckenden Abbildung der Realität (siehe z.B. Gerhard Vollmer über die „Zunahme des Kontingenten in der Wissenschaft“).
4.3 Soziobiologie
Die Inkohärenz der Letzt-Urheberschaft
Für Libertarier macht die Letzt-Urheberschaft den Kern von Freiheit aus. Welche Entscheidungen ich treffe, das hängt von meinen Präferenzen und letzten Endes von meinem Charakter ab – davon, was für ein Mensch ich bin. Aber frei können meine Entscheidungen nur dann sein, wenn meine Präferenzen ihrerseits auf mich und nicht auf Umstände zurückgehen, auf die ich keinen Einfluss habe. Die Frage ist nun, ob es wirklich sinnvoll ist anzunehmen, Personen könnten in diesem Sinne tatsächlich die letzte Quelle und der Ursprung aller ihrer Ziele und Absichten sein.
Die Formulierung ist zumindest irritierend. Menschen kommen doch nicht als Wesen ohne alle Wünsche und Absichten auf die Welt, um sich dann die Wünsche und Präferenzen auszusuchen, die sie gerne haben würden. Ein Wesen ohne Wünsche und Absichten hätte gar kein Motiv, sich überhaupt Ziele und Absichten zuzulegen, und es hätte auch keine Kriterien, nach denen es auswählen könnte (…) Es kann gar nicht anders sein, als dass wir schon mit einer beträchtlichen Zahl natürlicher Wünsche auf die Welt kommen – den Wünschen nach Essen, Geborgenheit, Zuwendung, usw. Und es ist nicht besonders sinnvoll zu sagen, die Natur manipuliere uns dadurch oder mache uns dadurch unfrei, dass sie uns diese Wünsche mit auf den Weg gibt. Unsere Freiheit beruht vielmehr darauf, dass sich in uns Menschen im Laufe der Zeit die Fähigkeit entwickelt hat, uns unserer Wünsche bewusst zu werden und über sie nachzudenken [Beckermann]
Die biologische Nutzenfunktion
Da der Mensch ein biologisches Wesen ist, muss auch die biologische Nutzenfunktion in der Psyche prominent vertreten sein. Diese Aussage hat einen erkenntnistheoretischen Status, welcher nahe bei einem Naturgesetz liegt. Wir kommen mit einer beträchtlichen Zahl von natürlichen Wünschen auf die Welt (wie Beckermann sagt), aber diese Präferenzen sind letztlich dem biologischen Ziel (die DNA zu replizieren) untergeordnet. Dabei gelten folgende Einschränkungen:
1. Die biologischen Strategien zur Vermehrung von Genen sind vielfältig und teilweise indirekt. Das bedeutet, dass die Psyche eines Menschen nicht zwangsläufig durch das biologische Ziel geprägt ist, viele Kinder zu haben.
2. Das biologische Ziel kann beim Menschen derart durch kulturelle Normen überlagert werden, dass es nur noch im Unbewussten wirkt
Ob wir durch die biologische Nutzenfunktion manipuliert werden oder nicht ist eine Frage der Identifikation. Wer sich voll mit seiner biologischen Natur identifiziert, fühlt sich nicht durch biologische Bedürfnisse manipuliert. In einer Kultur, welche Sublimation verlangt, kann umgekehrt das biologische Ziel zu einem Hindernis bei der Verfolgung von kulturellen Zielen werden.
4.4 Psychologie
Methodik
Die beste Methode um die genetische Bestimmung des Verhaltens und damit das Mass der inneren Einschränkungen abzuschätzen ist die Zwillingsforschung. Erblichkeit wird oft missverstanden als der Anteil der Erbanlagen an der Ausprägung eines Merkmals bei einem bestimmten Menschen. Sie bestimmt aber den genetischen Anteil an den Unterschieden. Menschen unterscheiden sich, weil sie verschiedene Genvarianten tragen und weil sie in verschiedenen Umwelten leben. Eine Erblichkeit von z.B. 88 % für den Body-Mass-Index würde bedeuten, dass 88 % der Unterschiede des Body-Mass-Index in der Bevölkerung durch genetische Unterschiede bedingt sind, nicht aber, dass ein einzelner Mensch nur zu 12 % für sein Gewicht verantwortlich ist (siehe Zwillingsforschung, Wikipedia).
Temperament
Das Temperament wird nach Strelau als überwiegend genetisch bestimmt, aber es muss unterschieden werden zwischen (gering veränderbarem) Temperament und dem Verhalten, in welchem das Temperament zum Ausdruck kommt, denn das Verhalten ist veränderbar.
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Interaktions-Verhalten
In verschiedenen Analysen wurde versucht, die persönlichen Eigenarten bei Interaktionen auf wenige Hauptmerkmale zu reduzieren (Berkowitz). Dabei haben sich zwei Dimensionen und ihre Kombination als besonders klärend für die Darstellung des Aufbaus von Beziehungsstilen erwiesen.
1. Die erste Dimension beschreibt in zwei Begriffen die Neigung zur Kommunikation: Affiliation und der Gegenbegriff Ditention.
2. Die zweite Dimension bezieht sich auf zwei Begriffe, die mit dem Zuordnungsverhältnis zu tun haben: Dominanz und der Gegenbegriff Komplianz
Das Interaktions-Verhalten steht in Zusammenhang mit der Ausschüttung von biochemischen Konzentraten im Gehirn. Diese Ausschüttungen sind teilweise genetisch bestimmt:
1. Die Neigung zur Affiliation steht in Zusammenhang mit dem Neurotransmitter Dopamin.
2. Die Neigung zur Dominanz steht in Zusammenhang mit dem Steroidhormon Testosteron.
Die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch biochemische Mechanismen wird bereits von Personalberatern, Karriereplanern und Marketing-Experten ausgewertet (siehe z.B. Brain-Script von H.Häusel).
Verhaltensstörungen
1. Viele Verhaltensstörungen im Jugend- und Erwachsenenalter werden mit genetisch bedingten, vorgeburtlichen oder frühkindlichen Störungen der sogenannten neuromodulatorischen Systeme im Gehirn in Verbindung gebracht. Diese Systeme sind der Entstehungsort neuronaler Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, die vom sogenannten Hirnstamm aus über ein sehr weitverzweigtes Netz von Nervenfasern in viele Bereiche des Gehirns verteilt werden und unsere psychische Befindlichkeit stark beeinflussen (aus Wer oder was bestimmt unser Handeln?)
2. Auch das kriminelle Verhalten ist genetisch beeinflusst, wobei jedoch in der Regel nicht ein spezifisches Verhalten, sondern ein Verhaltens-Stil vererbt wird. Selbst bei konkret definierten Störungen wirken Gene nicht deterministisch sondern erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit des Auftretens (aus Kriminalität und Genetik).
4.5 Psychoanalyse
Freuds Lehre pendelte zwischen Freiheit und Determinismus [Guggenheim]:
1) Die Psychoanalyse war zuerst durch die Traumdeutung, d.h. durch eine hermeneutische Methode geprägt. In der freien Assoziation versucht sich der Patient von der kausalen Denkweise zu lösen und „zufällige“ Gedanken zu akzeptieren, Gedanken die keinen „Grund“ haben, unlogisch erscheinen und (scheinbar) unvernünftig sind.
2) Die Triebtheorie ist ein Versuch, die Psychoanalyse auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen, wobei man beachten muss, dass zu Freuds Zeiten naturwissenschaftliche Theorien immer auch deterministische Theorien waren. Freud war aber nicht konsequent in dieser Zielsetzung. Innerhalb der Triebtheorie findet man den Begriff des Triebschicksals welcher den Zufall betont und damit den Determinismus wieder untergräbt.
3) Das Freudsche Strukturmodell unterteilt die Psyche grob in drei Instanzen: Ich, Es und Über-Ich. Am Schluss der Theorieentwicklung steht die Metapher vom Reiter (Ich), dessen Pferd (Es) ab und zu den Gehorsam verweigert, d.h. eine Mischung aus Handlungsfreiheit und unbewusstem Zwang
5. Verantwortung
5.1 Definition
Freiheit als Voraussetzung
Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man frei entscheiden kann. Freiheit ist die Voraussetzung für Verantwortung. Entsprechend den verschiedenen Definitionen von Freiheit gibt es deshalb verschiedene Definitionen von Verantwortung.
1) Man kann den Begriff Verantwortung ablehnen mit der Begründung
a) dass es ohne Letzt-Urheberschaft auch keine Letzt-Verantwortung gibt
b) dass es unmöglich ist, aus deterministischen physikalischen Prozessen eine Letzt-Urheberschaft des Menschen abzuleiten
c) dass Bewusstsein keine steuernde Funktion ausübt, sondern nur ein Gefühl ist, welches Hirnprozesse begleitet.
2) Man kann den Begriff Verantwortung kompatibilistisch definieren. Innerhalb dieses Begriffes muss man wiederum zwischen zwei verschiedenen Stufen der Verantwortung unterscheiden:
a) Ablehnung der Verantwortung für unbewusste Motive
Eine Verantwortung liegt nur dann vor, wenn die Entscheidung durch bewusstes Abwägen von Präferenzen getroffen wird. Für unbewusste Motive, welche dieses Abwägen beeinflussen, ist der Entscheidungsträger nicht verantwortlich.
b) Verantwortung, welche unbewusste Motive einschliesst
Im Unbewussten stecken persönliche Erfahrungen und Bewertungen und man kann sie deshalb auch als Teil des Selbst betrachten. Dass man positive Leistungen des Unbewussten (z.B. die Fähigkeit im Schlaf Probleme zu lösen) der eigenen Person gutschreiben darf, wird nicht bestritten. Warum sollte das nicht auch für negative Leistungen gelten? Sowohl die Abgrenzung zwischen Ich und Es als auch die Abgrenzung zwischen Entscheidungsanfang und –ende ist unscharf. Es gibt keine punktuellen Entscheidungen. Im Allgemeinen kommt eine Mischung aus bewusster aktueller Reflexion und unbewussten, langfristig entstandenen Motiven zur Anwendung. Man ist in einem gewissen Masse determiniert durch seine Geschichte, aber man ist auch mitverantwortlich für diese Geschichte [GAD, Hampe].
Selbstkontrolle
Die Präferenzen, welche in einer Entscheidung abgewogen werden, drücken oft ein körperliches Befinden aus; die Körpersignale werden sozusagen zu Argumenten innerhalb der geistigen Tätigkeit der Entscheidungsfindung. Umgekehrt wirkt aber die geistige Tätigkeit auch auf das körperliche Befinden zurück. Reflexion ist mit einer inneren Distanzierung vom Objekt der Betrachtung verbunden. Dies wird z.B. bei der sprachlichen Beschreibung eine Situation deutlich. Eine sprachliche Beschreibung erzwingt ein gewisses Mass von Distanzierung und Selbstkontrolle, d.h. sie wirkt wie ein Dämpfungsmechanismus auf den Körper zurück. Der Überlebende in Poe’s Geschichte vom Sturz in den Mahlstrom verstärkt seine Selbstkontrolle durch die Reflexionstätigkeit und wird deshalb nicht von Panik ergriffen [GAD, Hampe].
Selbstkontrolle ist die Grundlage von kompatibilistischer Verantwortung. Sie kann gelehrt und gelernt werden.
Der Bezugspunkt
Verantwortung setzt nicht nur Freiheit, sondern auch ein gegenüber, einen Bezugspunkt voraus. Aus einer Vernunft-orientierten (nicht-religiösen) Sicht gibt es nur eine Verantwortung gegenüber der eigenen Person und gegenüber den Mitmenschen. Dabei geht es im Wesentlichen darum
1) sein Leben gegenüber den selbst gewählten Lebenszielen zu prüfen und Empathie zu empfinden gegenüber der Person, welche man in der Zukunft sein wird
2) sein Leben gegenüber den Interessen der Gemeinschaft zu prüfen
Das erstere setzt voraus, dass man eine Lebensphilosophie entwickelt, das zweite, dass man sich politisch positioniert. Das erstere wirkt als innere, das letztere als äussere Anforderung. Diese Anforderungen bzw. Ideale können zu Konflikten mit den Funktionen (Zuständigkeiten, Kompetenzen, Pflichten) führen, welche einem in der Gesellschaft übertragen werden.
5.2 Bewusstsein
Ist Bewusstsein massgebend für Verantwortung?
Entstehung des Bewusstseins
Die Fähigkeit des Bewusstseins scheint zu erfordern, dass es im Hirn kognitive Strukturen gibt, welche die Repräsentation des „Draussen“ nochmals reflektieren und auf die gleiche Weise verarbeiten, wie die sensorischen Areale die Signale aus der Umwelt. Diese Funktion eines „inneren Auges“ könnte gedacht werden als Folge einer Iteration, einer wiederholten Anwendung des Prozesses auf sich selbst. Metarepräsentationen würden hirninterne Prozesse anstatt der Umwelt abbilden. In einem kombinatorischen Spiel ergäbe sich Kreativität. In dieser Theorie würde es also genügen dem Hirn einige Areale hinzuzufügen, die auf interne Prozesse in gleicher Weise schauen, wie die bereits bestehenden Areale auf äussere Erscheinungen, um über die Bildung von Metarepräsentationen zu einem Sich-Gewahr-Werden seiner eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen zu gelangen (Enrico Snozzi).
Die Frage ist, ob die Struktur der Metarepräsentation eine notwendige oder eine hinreichende Bedingung ist für die Entstehung von „Bewusstsein“. Wenn sie hinreichend ist, dann könnte man Bewusstsein auch durch Projekte der künstlichen Intelligenz schaffen. Viele Hirnforscher sind allerdings der Meinung, dass Bewusstsein einen biologischen Körper bzw. ein Körpergefühl voraussetzt.
Laut Antonio Damasio hat das Bewusstsein eine hierarchische Struktur:
1) Zuunterst steht die Metarepräsentation des Körpers (das Proto-Selbst), welche bereits in niedrigen Tieren vorhanden ist. Dazu gehört u.a. auch die Wahrnehmung des Wachheitszustandes. Es gibt einen kontinuierlichen Übergang von Wachheit zu Unaufmerksamkeit, zu Schlaf, zum Komazustand und schliesslich zum Tod.
2) Die nächsthöhere Stufe ist das sog. Kernbewusstsein, das Gefühl für das was passiert bzw. das Gefühl dafür, dass sich das Proto-Selbst durch die Welt bewegt und mit der Welt interagiert. Damasio beschreibt den Fall einer Patientin, welche infolge einer Hirnverletzung 6 Jahre lang nur mit dem Kernbewusstsein lebte, d.h. in einer Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Kernbewusstsein ist auch bei intelligenten Tieren vorhanden.
3) Auf der obersten Stufe steht das erweiterte Bewusstsein, die Verknüpfung des Kernbewusstseins mit autobiographischen Daten, mit einer Lebensgeschichte und ihrer Projektion in die Zukunft. Das erweiterte Bewusstsein gibt es nur bei Menschen und ev. bei gewissen Primaten.
a) Im Gegensatz zur lange vertretenen These wonach die Sprache im Zentrum des erweiterten Bewusstseins steht, scheinen es eher die Gefühle zu sein, bzw. das Wissen darüber, Gefühle zu haben. Bei Schlaganfällen verlieren Patienten z.T. die Sprache. Im Falle einer Heilung erzählen solche Patienten dass ihr Bewusstsein vollkommen intakt war, dass sie aber ihren Zustand einfach nicht kommunizieren konnten.
b) Eine wichtige Rolle scheint auch die Verbindung der linken mit der rechten Gehirnhälfte zu spielen. Wenn man diese Verbindung zerstört, dann entstehen zwei Bewusstseins-Instanzen: die eine beschreibt die Welt verbal, die andere räumlich. Zwischen den beiden Instanzen gibt es keine Kommunikation, sie werden aber trotzdem mit dem gleichen „Ich-Gefühl“ repräsentiert.
Bewusstsein und Adaption
Die Frage, welchen Überlebensvorteil das Bewusstsein bietet, ist noch weitgehend ungeklärt. Es hat sich gezeigt, daß die traditionelle Annahme, die Inhalte unseres phänomenalen Bewußtseins seien uns auf direkte und unmittelbare Weise gegeben, falsch sein muss. Besonders augenfällig wird dies bei einer bestimmten Gruppe von Störungsbildern, die in der Neuropsychologie als Anosognosien bezeichnet werden. Sie bestehen darin, dass der Patient ein bestehendes Bewusstseinsdefizit nicht mehr als solches erleben kann. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Antons Syndrom. Patienten, die durch eine Läsion des visuellen Cortex von plötzlicher Blindheit überfallen werden, bestehen in manchen Fällen hartnäckig darauf, dass sie noch sehen. Sie stoßen sich gleichzeitig an Möbelstücken und anderen Hindernissen, sie zeigen alle Anzeichen funktionalen Blindseins. Trotzdem verhalten sie sich so, als ob ihnen das subjektive Verschwinden der visuellen Welt nicht subjektiv bewusst ist. So produzieren sie zum Beispiel auf Fragen nach ihrer Umgebung falsche, aber konsistente Konfabulationen: Sie erzählen Geschichten über nicht-existente phänomenale Welten, die sie selber zu glauben scheinen, und streiten jedes funktionale Defizit in Bezug auf ihre Sehfähigkeit ab [T.Metzinger, Das Problem des Bewusstseins]. Es ist denkbar, dass Bewusstsein erst in der Form des Selbst-Bewusstseins, d.h. durch emotionale Stärkung des Individuums einen Überlebensvorteil bietet, aber nichts zur Verbesserung der adaptiven Fähigkeiten beiträgt.
Bewusstsein und Reflexion
Wenn man unbewusste Motive im kompatibilistischen Begriff der Verantwortung einschliesst, dann ist es nahe liegend, die Bedeutung des Bewusstseins allgemein in Frage zu stellen. Reflexive Hirnprozesse (Vergleiche, Prüfungen etc.) können auch ohne Bewusstsein ablaufen und man könnte den Begriff Verantwortung diesen Prozessen zuschreiben, unabhängig davon, ob sich das Bewusstsein synchron einstellt. Diese Sprachregelung macht umso mehr Sinn, desto mehr das Bewusstsein nur ein begleitendes und nicht ein steuerndes Gefühl darstellt. Reflexionen, welche auf Präferenzen zurückwirken sind technisch gesehen zwar nur Hirnprozesse, welche Datenspeicher verändern, funktional gesehen aber wichtige Anpassungen an die innere und äussere Umgebung. Die Umgebung wird berücksichtigt und nicht vernachlässigt oder gar ignoriert. Man könnte sagen, dass die kritische (sokratische) Untersuchung von Normen und die Prüfung von Bewertungen (relativ zu einer moralischen Norm) relevant ist für das Zuschreiben von verantwortlichem Entscheiden und Handeln, während das begleitende Bewusstsein sozusagen eine Luxusfunktion ist. Wenn sich in der Praxis zeigt, dass Reflexionen fix mit dem Phänomen Bewusstsein gekoppelt sind, dann ändert das nicht viel an dieser Sicht der Dinge. Der Entscheidungsträger könnte theoretisch auch verantwortlich Handeln ohne sich dessen bewusst zu sein. Er ist aber trotzdem noch frei in einem kompatibilistischen Sinne, sofern er seine eigenen Präferenzen kennt, individuell bewertet und selbständig gegeneinander abwägt.
Weiterentwicklung des Bewusstseins
Man nimmt an, dass es Gehirnfunktionen gibt, welche eine Maschine nicht (und eventuell nie) nachvollziehen kann und dass die wichtigsten Entscheidungen von Menschen mit dieser Art von Bewusstsein getroffen werden. Es gibt aber auch in zunehmendem Masse informations-verarbeitende Prozesse, welche ein Mensch nicht nachvollziehen kann. Die Entwicklung verläuft (abgesehen von der medizinischen Technologie) nicht in eine Richtung, wo man um jeden Preis menschliche Funktionen maschinell nachbilden will, sondern eher in die Richtung von Spezialisierungen. Menschen und Maschinen spezialisieren sich in unterschiedliche Richtungen und es ist gut möglich, dass der Mensch in seiner Spezialisierung einzigartig bleibt. Trotz seines Bewusstseins und kann er aber möglicherweise die kulturelle Entwicklung nicht massgebend beeinflussen. Es ist denkbar, dass Verantwortung zunehmend an Maschinen ohne Bewusstsein übertragen wird. Bewusstsein hat in der Evolution nicht zwangsläufig den höchsten Stellenwert.
5.3 Äussere Einschränkungen
Wissen über die Aussenwelt
In jeder Kultur gibt es so etwas wie eine Norm des Wissens. Man kann schuldig werden durch einen Mangel an Wissen,
aber auch durch eine Erweiterung des Wissens:
1) Mangel an Wissen: Beispiel: Wenn man die Verkehrsregeln nicht kennt wird man gebüsst.
2) Die Erweiterung des Wissens über die kulturelle Norm hinaus ist mit einer Paradoxie verknüpft: Derjenige, welcher sich darum bemüht, kann die Verantwortung erkennen und schuldig werden, während derjenige, welcher in Unwissenheit verharrt nicht schuldig werden kann. Beispiel: In der Zeit des deutschen Nationalsozialismus wurden die Bürger solange nicht mitschuldig, als sie keine Kenntnis von den Konzentrationslagern hatten. Die Norm bestand darin, nichts über die Judenvernichtung zu wissen.
Das stärkste Argument für die Erweiterung des ethischen Wissens ist (ähnlich wie bei der Ablehnung von Utopien) ein vernunft-orientiertes Konzept von Gerechtigkeit. Aus individualistischer Sicht ist es besser, nicht schuldig werden zu können.
Gerechtigkeit
Wie die Naturwissenschaft eindrücklich gezeigt hat, kann man äussere Einschränkungen teilweise durch Wissen beseitigen. Das Nachdenken über Einschränkungen kann aber auch zur Erkenntnis führen, dass gewisse Strukturen Schutz bieten und damit Freiheit in einem anderen Bereich schaffen.
Beispiel: Das Gewaltmonopol des Staates schränkt die Durchsetzung der individuellen Interessen ein, schafft aber gleichzeitig die Freiheit sich unbedroht in der Gemeinschaft zu bewegen.
Soziale Freiheiten sind eine Frage von Präferenzen. Die Freiheit des einen ist oft die Unfreiheit des anderen; Freiheit auf gesellschaftlicher Ebene ist untrennbar mit dem Begriff Gerechtigkeit verknüpft. Je nachdem wie die Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit definiert sind, ändert sich auch der Begriff von Verantwortung. Verantwortung ist abhängig von der normativen Ethik, welche man anstrebt. Sie kann die Opferung von Eigeninteressen verlangen oder mindestens sinnvoll interpretieren. Verantwortung setzt Normen oder mindestens Denkweisen voraus, denen gegenüber man sich verpflichtet fühlt.
Machtmittel
Verantwortung ist abhängig von der Handlungsfreiheit. Wenn die Machtmittel eingeschränkt sind, dann ist auch die Verantwortung entsprechend eingeschränkt.