Erfolgsmessung in der philosophischen Therapie
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Inhalt
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Ausgangslage Philosophische Therapie muss sich an der sokratischen Wahrheitssuche und dem daraus resultierenden wissenschaftlichen Weltbild orientieren. Bei normativen Therapien ist ein festes Wertsystem vorgegeben, sodass der Erfolg mit wissenschaftlichen Methoden überprüft werden kann. Bei individualistischen Therapien fehlt dieser Bezugsrahmen.
Problemstellung Wie kann die Qualität einer individualistischen Therapie gemessen werden? Sind wissenschaftliche Kriterien überhaupt anwendbar?
Resultat 1. Im Kontext der philosophischen Therapie spricht vieles dafür, dass die Bedeutung von psychologischen Theorien, Techniken und Fachsprachen für den Therapieerfolg überschätzt wird. Das intellektuelle Denken als Ganzes ist nur beschränkt wirksam, sonst wären Selbsttherapien erfolgreicher (gemessen an geleiteten Therapien). Fixe Denkstrukturen können sogar die Art von Erkenntnis verhindern, auf die es in der Therapie ankommt. 2. Beim Charisma des Therapeuten handelt es sich (mindestens teilweise) um emotionales und nicht um intellektuelles Wissen. Emotionales Wissen ist immer in einem gewissen Masse subjektiv und nicht überprüfbar. Ein Lösungsansatz zur Objektivierung könnte darin bestehen, dass die Therapie bei mehreren Therapeuten (gleichzeitig) durchgeführt oder von mehreren Therapeuten überwacht wird. Aus Kostengründen ist dies aber wohl eher ein Konzept für die Forschung als für die tägliche Praxis.
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Ausgangslage
Das Ziel aller philosophischen Therapien besteht darin, irrrationales Verhalten zu erkennen und zu vermeiden. Die spezifischen Therapieformen unterscheiden sich nicht in der Definition des Rationalitätsbegriffes, sondern in der Bewertung der Präferenzen (d.h. in den Risikoabschätzungen), welche in der Rationalitätsdefinition verwendet werden (siehe Über die Wissenschaftlichkeit der philosophischen Therapie).
1) Bei normativen Therapien kann man diese Risikoabschätzung analysieren, weil die Präferenzen genau definiert sind (d.h. weil gewisse Verhaltensweisen als allgemein richtig definiert werden). Hinter den normativen Therapien stehen bewährte Lebensphilosophien. Bewährte Lebensphilosophien sind das Resultat von kultureller Erfahrung und können durch ein Weltbild (kulturelles Wissen) und Verhaltensweisen innerhalb dieses Weltbildes charakterisiert werden. Die Therapie versucht das Wissen an den Patienten weiterzugeben und dadurch seine Präferenzen zu beeinflussen. Das Erlernen einer bewährten Lebensphilosophie stützt sich auf die These, dass man durch kulturelles Wissen negative Erfahrungen „einsparen“ kann. Die These kann für die Mehrheit richtig, für ein einzelnes Individuum aber trotzdem falsch sein. Wenn z.B. die Mehrheit mit traditionellem Verhalten ihre Frustrationen minimieren kann, dann heisst das noch lange nicht, dass dies auch für ein bestimmtes Individuum zutrifft. Aber auch der Individualismus ist keine allgemeingültige Norm. Das Streben nach Einzigartigkeit alleine ist noch kein Ausdruck von innerer Freiheit, sondern hat primär biologische Wurzeln.
2) Bei individualistischen Therapien gibt es keine allgemeinverbindlichen Aussagen über wünschbare Präferenzen. Eine individualistische Therapie unterstützt das Verlangen nach Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung ist eine Kombination des biologischen Zieles mit kulturellen Zielen, wobei im Extremfall das biologische Ziel ganz in den Hintergrund treten kann. Eine Therapie, welche die Selbstverwirklichung unterstützt, muss in der Lage sein, die biologischen Präferenzen wieder zu beleben oder die kulturellen Talente zu entdecken und zu fördern, welche das biologische Ziel ersetzen können. Das Problem dieser Therapieform besteht darin, dass ethische Normen nur noch schwer zu vermitteln sind. Der Patient sollte den Sinn von Normen selbst entdecken und der Therapeut darf die Erfahrungen der vorangegangenen Generationen nicht in den Vordergrund stellen.
Philosophische Therapie muss sich an der sokratischen Wahrheitssuche und dem daraus resultierenden wissenschaftlichen Weltbild orientieren. Bei normativen Therapien ist ein festes Wertsystem vorgegeben, sodass der Erfolg mit wissenschaftlichen Methoden überprüft werden kann. Bei individualistischen Therapien fehlt dieser Bezugsrahmen.
Problemstellung
Wie kann die Qualität einer individualistischen Therapie gemessen werden?
Sind wissenschaftliche Kriterien überhaupt anwendbar?
Philosophische Therapie
Die Themen, welche mit dem Ausdruck philosophische Therapie angesprochen werden, können grob durch den Begriff Sorge um den eigenen Zustand (ohne Vorliegen einer Krankheit) charakterisiert werden. Dazu gehören
1) Alltagsprobleme (Macht und Liebe)
2) Conditio humana (Unfälle, Krankheiten, Alter, Tod)
3) die Suche nach einem Lebenssinn (Religionsersatz)
4) das allgemeine Lebensgefühl
Individualistische Therapie
In einer individualistischen Therapie geht es darum, die ganze Lebensweise des Patienten zu überprüfen. Dabei kann man auf konkrete Probleme und fragwürdige Verhaltensweisen stossen oder auf eine negative Gesamtwertung welche sich in einem Zustand der Niedergeschlagenheit ausdrückt. Die Gesamtwertung ist im Charakter des Patienten verwurzelt und lässt sich oft nur durch das Aufdecken von unbewussten Motiven beeinflussen. Zum Aufdecken unbewusster Motive eignet sich die Methode des Assoziierens und Deutens (Hermeneutik). Die Chancen, unbewusste Motive aufzudecken wachsen mit dem Gewicht der freien Assoziation und mit der Anzahl der Therapiesitzungen. Eine Therapie auf der Basis der hermeneutischen Methode stellt aber eine spezifische Herausforderung in Bezug auf wissenschaftliche Überprüfung dar.
Abgrenzung zur Psychotherapie
Die Abgrenzung zur Psychotherapie orientiert sich
a) an der Zielsetzung (im Zentrum steht die Sorge um den eigenen Zustand und nicht Krankheitsbilder wie z.B. Hysterie, Narzissmus, Bullimie, Zwangsneurose, Angstneurose, schwere Depression usw.)
b) an der Vermeidung theoriespezifischer Begriffe
Der Begriff Psychoanalyse (ohne zusätzliche Adjektive) wird oft mit der Freudschen Psychoanalyse gleichgesetzt. Im vorliegenden Aufsatz verstehen wir darunter eine Therapieform welche mit der Methode der freien Assoziation und Deutung arbeitet, welche aber nicht auf die Terminologie und die Deutungsmuster der Freudschen Psychoanalyse (z.B. Ödipuskomplex) eingeschränkt ist.
Wissenschaftlichkeit der Methode
Zur Wissenschaftlichkeit der Methode gehören
1. Kriterien für die Messbarkeit des Therapieerfolges
2. Qualitätskriterien für die Lehrmittel und Therapeuten
In der philosophischen Therapie wird versucht, die Innenperspektive mit der Aussenperspektive abzustimmen, d.h. das Individuum mit der Realität zu konfrontieren (Realitätsprinzip). Aussagen über die Aussenperspektive sollten nicht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Das Realitätsprinzip kann allerdings temporär durchbrochen werden, wenn es darum geht, die Spontaneität eines Patienten zu beleben.
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Die Sprache einer individualistischen Therapie sollte theorieneutral sein, weil der Patient sonst in eine spezifische Richtung gelenkt wird. Eine normierte Sprache ist bereits ein Verlust an Individualität. Im Idealfall entwickelt der Patient im Laufe der Therapie eine eigene Sprache bzw. er entdeckt seine eigene Sprache [Hampe]. Falls der Patient bereits mit einer bestimmten Theorie konfrontiert wurde, dann muss die entsprechende Denkweise zuerst wieder rückgängig gemacht werden:
1) Achenbach accuses most psychotherapists, but also some philosophers whom he calls pretense philosophers, of creating "second" illusive realities by interpreting questions, complaints, or problems exclusively in terms of a specific theory, whether it be Freud's sexual-dynamic interpretation of the soul, or an exclusive Heidegarian, Sartrean, Platonic or other approach.
2) (…) Most people maintain presuppositions of a psychological nature about themselves and others. Without giving thought to the nature of these pre-conceived notions one cannot embark on a free philosophical interpretation of any problems or questions. I call the undoing of psychological and psychopathological presuppositions "de-analyzing" or "de- diagnosing." Of course, one can only proceed with undoing presuppositions if a client agrees.
3) The verb "to diagnose" is massively laden with medical connotations. In non-clinical usage, however, "to diagnose" is defined by the New Webster Comprehensive Dictionary of the English Language as "to establish or verify, as the cause or nature of a problem." One can verify the cause of noise in a motor, of failure to pass an examination, or of sadness. In this non-clinical sense, philosophical counselors do indeed "diagnose:" through philosophical means they verify the cause or nature of the client's problem. Such philosophical verification or diagnosis is completely different from medical diagnosis in that trying to understand the source or nature of the problem is not based on an a priori understanding of it.
4) De-analysis and de-diagnosis are useful for clients who habitually think about themselves in psychoanalytical or other diagnostic terms. These procedures help such clients understand the origin of their self-concepts. The counselor can then discuss with the client whether a psychological, scientific self-concept is necessarily true, or if they might not choose, discover, or create some other self-concept and philosophy of life.
[Schuster]
1) Die Basis der Hermeneutik sind Information und Kommunikation, d.h. Grössen welche durch Aufzeichnung überprüft werden können. Eine formale Beschreibung sagt aber nichts aus über das Wesentliche der Therapie. Der Inhalt der Therapie erschliesst sich nur durch Interpretation. Eine Therapie kann, wenn der Text aufgezeichnet ist, wie eine dialogisch strukturierte Novelle analysiert werden und wenn sie als Tonfilm vorliegt (d.h. auch noch die Mimik, Gebärdensprache, gesprochene Sprache etc.dazukommen) wie ein dialogisches Theaterstück. Aus den Aufzeichnungen muss man indirekt (empathisch) auf Gefühle schliessen, so wie das bei der Interpretation von Literatur oder Filmen üblich ist (direkte Aussagen des Patienten, Tonfall, Art der Gedankenverbindungen usw.). Die Empathie ist sozusagen das Messinstrument für alles, was gefühlsmässig in der Therapie abläuft.
2) Das Pathologische der Klinik, auch der psychoanalytischen, ist ein partikulares, denn jeder Krankheitsfall weicht jeweils von anderen ab. Doch sofern es gelingt, das jeweils Krankhafte zu erkennen und zu heilen, kommt es nach Freud zu einem allgemeinen Erkenntnisfortschritt über das menschliche Seelenleben überhaupt. Deshalb werden Krankengeschichten mitgeteilt, die zur Sprache bringen, wie ein individuelles Leiden entstand, erkannt und vielleicht auch geheilt werden konnte [Hampe].
Mit allgemeinem Erkenntnisfortschritt ist bei Freud die Weiterentwicklung seines psychodynamischen Modelles gemeint, in der philosophischen Therapie aber eher eine theorie-unabhängige Beispielsammlung von Krankengeschichten. Ein Therapeut, welcher viele Krankengeschichten kennt, beobachtet mit der Zeit gewisse sich wiederholende Strukturen.
a) Ein Psychotherapeut verwendet eine Fachsprache um solche Strukturen zu benennen und eine Theorie, welche erlauben sollte, die Dynamik der Veränderungen besser zu verstehen und Entwicklungen vorauszusagen.
b) In der philosophischen Therapie werden häufige Strukturen mit philosophischen Konzepten in Verbindung gebracht. Die Anwendung von philosophischen Konzepten (z.B. bei Marinoff und Cavell) bedeutet, dass offenbar die gleiche Problemlösung bzw. Deutung für verschiedene Patienten brauchbar ist. Dies steht in einem gewissen Widerspruch zu Aussage, dass jeder Patient wieder als Einzelfall betrachtet werden müsse und dass die psychotherapeutischen Konzepte aus diesem Grunde nicht anwendbar seien. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man die Konzepte in einer spezifischen, auf den Einzelfall ausgerichteten Weise anwendet und nicht im Rahmen einer allgemeingültigen, übergeordneten Theorie.
3) Die Deutungslehre von Geschichte und Geschichten hat eigene Kriterien der Wissenschaftlichkeit entwickelt. Die Frage ist aber, ob diese im gleichen Sinne auf die Therapie angewendet werden können wie etwa auf die Kulturgeschichte oder Literatur. Dazu einige Beispiele:
Beispiel 1: The woman who lost her baby
"There was a woman who had just lost her baby and she was inconsolable," he says. "Buddha told her, 'Go to each family in the village and ask everyone who's lost somebody to give you a mustard seed.' When the woman came back, she had gathered as many mustard seeds as there were houses in the village. She understood that everyone shared her problem. It didn't eliminate her pain, but she realized that losing a loved one is part of human life." [Lifewise].
Diese Anekdote kann man aus folgenden Gründen als „gut“ bezeichnen:
1. Die einfache Form unterstützt den einfachen Inhalt
2. Die Erkenntnis ist sozusagen „körperlich“, in Form einer Tätigkeit, nachvollziehbar
3. Die Anekdote orientiert sich an Alltags-Erfahrungen
Wenn viele Leute die Anekdote als „gut“ bezeichnen, dann erhält dieses Werturteil eine bestimmte Allgemeingültigkeit. Im Folgenden soll untersucht werden wie es sich verhält, wenn ein Werturteil umstritten ist.
Beispiel 2: His Girl Friday
Interpretation eines Hollywood Filmes mit Hilfe von antiken philosophischen Konzepten [Cavell]:
Second, it's true that the reader need not consider whether Hollywood screenwriters under contract and on deadline decided to infuse their screenplays with deliberate allusions to Nietzsche, Freud or Aristotle. Cavell never seriously acts as if the films' authors intended to link the antics of Cary Grant with Plato's “Myth of the Cave”. Instead, the reader can (and should) ask whether the films in question can bear the analogical weight of being the cinematic enactment of great themes in Western philosophy. I don't think there is necessarily a definitive answer to this question, but in the case of this book, the answer is no: Cavell tries to infuse these movies with more significance than they can bear. Take, for example, a discussion of “His Girl Friday”. Cavell is first concerned with comic and indirect references to the female character's "behind." Then, sentences later, we read, "Here the ancient insight of Aristotle of language as the condition of the political, joins the insight of Freud (elaborated by Lacan) of human desire as a (an unfinished) social (or say joint) construction, or reconstitution, of human desire out of biological need, of language as reaching in its expressiveness to the depths of individual construction and reconstitution." What? Let's get back to Hildy's "behind." Alford, Steven E. (2006), Philosopher shares thoughts Holliwood-style
Das Urteil von Steven Alford lautet kurz:
Die Vergleiche mit philosophischen Konzepten sind inadäquat, der Inhalt wird überinterpretiert.
Bei einer Überinterpretation muss man zwischen Struktur und Inhalt der Deutung unterscheiden:
1) Bei der Struktur ist bis zu einem gewissen Masse eine Nicht-Übereinstimmung objektiv feststellbar. Vielleicht findet aber der Patient den Vergleich trotz struktureller Differenzen anregend oder bereichernd.
2) Beim Inhalt lässt sich argumentieren, dass der Patient in einer bestimmten Therapiesituation beliebig viele Bezüge herstellen kann, solange sie ihm bedeutsam erscheinen. Eine inhaltliche Interpretation lässt sich nur in dem Masse allgemeingültig kritisieren wie sie Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.
Beispiel 3: Mr. Deeds goes to town
Interpretation eines Hollywood Filmes [Cavell 2004]:
Can Movies Teach Moral Philosophy? (…) Mr. Cavell may be too generous in attributing moral subtleties to films because in many, moral education is really a blunt and predetermined thing, particularly when it comes to matters of class. Wealth abounds, for example, but it is riddled with crude snobbery; moral education requires rejecting the hauteur, at the very least and, in some cases, as in "Mr. Deeds," in adopting an almost ideological disgust with the wealthy. The ideal, characters often learn, is to be rich but act populist, to undermine class while reaping its benefits, the way Hepburn learns to be sassy in "The Philadelphia Story" and Colbert's heiress learns to love a penniless journalist. In these films the couple that jokes together belongs together: social iconoclasts without material worries. Even by Mr. Cavell's standards this is a fairly weak version of moral perfectionism [Jefs Web Files].
Das Urteil von Jef Albright lautet kurz:
Die Moralphilosophie der Hollywood Filme orientiert sich an Klischees (reiche Leute sind unsympathisch usw.) und eignet sich nicht zur Begründung oder Vermittlung von moralischen Werten.
Dieses Urteil lässt sich mit folgenden Überlegungen anfechten:
1) Der Begriff Klischee insinuiert bereits eine negative Bewertung. Der neutralere Begriff Deutung lässt offen, ob die Assoziation mit dem besagten Film in einer bestimmten Therapiesituation den Patienten überzeugt und seiner Situation entspricht.
2) Die Frage ist ob der Autor einen (platonischen) Anspruch auf Allgemeingültigkeit der Deutung erhebt oder ob er bloss darstellen will, wie der Erkenntnisprozess funktioniert.
Beispiel 4: Philadelphia story
Interpretation eines Hollywood Filmes [Cavell 2004]:
To paraphrase (and, heaven knows, to simplify), moral perfectionism is the idea not that we can become flawlessly good, but rather that we can, by a combination of self-knowledge, luck and grace, get ourselves right and be true to those we love. In the classic comedy of remarriage ("Philadelphia Story" may be the most familiar example) the central couple recovers from the failure of their first union and eventually, after various humiliations and setbacks, constitutes a more perfect one. Or as Dr. Cavell puts it: "I claim of remarriage comedy that its subject, or a way of putting one of its principal subjects, is the creation of the woman with and by means of a man, something I describe further as a search for the new creation of the human, say of human relationship, which implies that friendship and mutual education between the sexes are still a happy possibility, that our experience, and voices, are still to be owned by each of us and shared between us, say by dispossessing those who would dispossess us of them." A.O.Scott (2004), Charlie Kaufman's Critique of Pure Comedy.
Das Urteil von A.O.Scott lautet kurz:
Die Interpretation ist inhaltlich adäquat aber formal zu komplex. Der gleiche Inhalt könnte auch einfacher und klarer formuliert werden.
(Ein Kriterium analog zu Ockhams Rasiermesser in den Naturwissenschaften).
Dieses Urteil lässt sich wie folgt anfechten:
1) Die vereinfachte Version von A.O.Scott deckt sich inhaltlich nicht mit der komplexeren Version von S.Cavell. Es müsste noch abgeklärt werden wie weit die Komplexität der Form im vorliegenden Fall notwendig ist, um die Differenziertheit des Inhaltes zu unterstützen.
2) Es kann auch sein, dass der Patient auf die Form und gar nicht auf den Inhalt anspricht. Die Form kann sogar das Verständnis des Inhaltes unnötig erschweren und wird trotzdem vom Patienten positiv beurteilt.
Die Abhängigkeit von Präferenzen
Oben stehende Beispiele zeigen, dass praktisch jeder Versuch, die Deutungsqualität unabhängig von den beteiligten Personen zu beurteilen scheitert. Friedrich Schleichermacher entdeckte bereits im 19.Jh. die Zusammenhänge zwischen dem Text, seinem Verfasser und dem Leser:
Die Texte werden als der Ausdruck der Psyche, des Lebens und der geschichtlichen Epoche des Verfassers begriffen und das Verstehen wird gleichgesetzt mit einem Wiedererleben und Einleben in das Bewusstsein, das Leben und die geschichtliche Epoche, aus der die Texte entstammen. Die Hermeneutik wird zu einer allgemeinen Kunstlehre, sich in das Leben einzufühlen, das hinter einem gegebenen Geistesprodukt steht (Hermeneutik, Wikipedia).
Hans-Georg Gadamer legte 1960 in seinem Standardwerk Wahrheit und Methode überzeugend dar, dass der Interpret und das zu Interpretierende in einem Verhältnis der Gegenseitigkeit stehen und sich in einem „Hermeneutischen Zirkel” bewegen. In der Folge dehnte die Hermeneutik ihren Gegenstandsbereich auf das ganze Spektrum verstehender Erkenntnis aus, indem sie betonte, dass jegliche Form von Wissen letztlich auf Auslegung beruhen müsse. Gadamers Werk verschaffte den Geisteswissenschaften eine starke Position gegenüber den Naturwissenschaften. Die Frage der Deutungsqualität in der Psychoanalyse wurde aber vorerst nicht als spezifisches Problem erkannt.
Eine Verbindung zwischen Hermeneutik und Psychoanalyse findet man im Werk von Paul Ricoeur, welcher die Beziehung zwischen Interpretieren und Erinnern untersuchte. In der Psychoanalyse hat die Qualität einer Deutung etwas mit der Fähigkeit zu tun, Erinnerungen im Patienten wachzurufen, insbesondere die Erinnerungen an verdrängte Präferenzen. Eine (vereinfachte) psychoanalytische These lautet wie folgt:
1. Eine Deutung wird von einem Patienten genau dann als „gut“ beurteilt wird, wenn sie seinen (unbewussten) Präferenzen entgegenkommt. Der „Aha-Effekt“ bei der Deutung ist abhängig von der Interessenlage.
2. Die Qualitätskriterien der Hermeneutik wie Informiertheit, Genauigkeit, Differenziertheit etc. werden durch das „unwissenschaftliche“ Kriterium subjektives Interesse herausgefordert. Über die Qualität der Deutung entscheiden nicht nur objektive sondern auch subjektive Kriterien. Man kann sich das so vorstellen, dass eine Deutung die Präferenzen des Patienten mehr oder weniger gut vertritt, so wie etwa ein Verteidiger die Interessen seines Mandanten mehr oder weniger gut vertritt.
3. Bei Deutungen mit intersubjektivem Anspruch (wie z.B. der Deutung von literarischen Werken) würde das heissen, dass eine Deutung nicht nur an den allgemeinen Kriterien der Hermeneutik, sondern auch an den (unbewussten) Präferenzen der Leser gemessen wird. Die Tatsache, dass eine Deutung für die Mehrheit gut sein kann, für die Minderheit aber schlecht, lässt sich dann u.a. mit der unterschiedlichen Interessenlage erklären.
Die Abhängigkeit von Biographie und Kultur
1) Wenn die Qualität einer Deutung von den Präferenzen des Patienten abhängt, dann auch von seiner Biographie und den kulturspezifischen Bewertungen, welche in diese Biographie eingegangen sind. Vielleicht hat der Patient aber ein ambivalentes Verhältnis zur Kultur entwickelt, in welcher er aufgewachsen ist und sein Unbewusstes rebelliert gegen die kulturellen Normen. So kann auch ein Wissenschafter eine Deutung positiv bewerten obwohl sie im Widerspruch zu wissenschaftlichen Aussagen steht.
2) Die Therapie ist auch ein Stück weit Biographie. Die Präferenzen des Patienten sind keine feste Grösse sondern ändern sich im Laufe der Therapie. Eine Therapie erweitert das Wissen und verändert damit die Präferenzen. Die gleiche Deutung kann am Anfang der Therapie zurückgewiesen und später akzeptiert werden.
Die Gesetze des Unbewussten
Der psychoanalytische Denkansatz erscheint zunächst unwissenschaftlich, weil er Deutungen nach einem subjektiven Masstab bewertet. Im vorliegenden Falle ist aber der subjektive Masstab das eigentliche Ziel der Suche. Man will die Interessen hinter den Deutungen transparent machen und damit die Voraussetzungen für eine kritische Analyse schaffen.
Wie aber weiss man, ob die Interessen hinter den Deutungen richtig erkannt werden?
1. Gemäss Freud ist eine Deutung dann richtig, wenn „Material nachfliesst“, d.h. wenn der Patient eine Vielzahl von Ideen und Erinnerungen produziert, welche mit der Deutung zusammenhängen. Eine falsche Deutung bringt den Patienten zum Verstummen oder lässt ihn das Thema wechseln.
2. Ein anderes Kriterium ist die Wiederholung von Motiven. Motive oder Gedankenverbindungen, die immer wieder auftauchen, führen zu den gesuchten unbewussten Präferenzen bzw. Konflikten.
Der wissenschaftliche Status von Lehrsätzen über die Funktionsweise des Unbewussten ist aber umstritten, siehe z.B. Sigmund Freud, The Internet Encyclopedia of Philosophy
Einfluss-Faktoren
Da sich die philosophische Therapie (laut Definition) nicht primär mit mentalen Krankheiten befasst, spricht vieles dafür, dass die Bedeutung von psychologischen Theorien, Techniken und Fachsprachen für den Therapieerfolg überschätzt wird. Das intellektuelle Denken als Ganzes ist nur beschränkt wirksam, sonst wären Selbsttherapien erfolgreicher (gemessen an geleiteten Therapien). Fixe Denkstrukturen können sogar die Art von Erkenntnis verhindern, auf die es in der Therapie ankommt.
The latest in psychotherapy appears to be philosophical counselling. Is this on the principle that where nothing can be shown to work, anything is as good as anything else? Reading Plato might also have incidental advantages not available to those who are treated with pills, behavioural therapy or non-directive counselling. (As well as curing you, it might make you think.) Or is it that psychotherapists have rediscovered the classical ideal of philosophy as therapy? Can we expect a resurgence of the ancient Stoic virtues or of ataraxia or even of Spinozistic rationality among the psychologically afflicted?
Later philosophers have not always provided such positive precedents. Would it really be a good idea to give Kierkegaard to the obsessively religious, or Nietzsche to the paranoid, or the early Wittgenstein to those who have difficulty in coping with everyday normality? Nor is it easy to see how Sartre would help couples sort out their relationships, or Russell someone pathologically insensitive to the feelings of others.
On reflection, it might be better to keep the pills after all [Philosophy, 1].
Folgende Faktoren tragen zum Therapieerfolg bei:
1) Die emotionale Umgebung
a) das Einfühlungsvermögen (Empathie) und die Anteilnahme des Therapeuten am Schicksal des Patienten, speziell die Wertschätzung seiner Einzigartigkeit. Jeder Mensch ist selbst eine Norm, er ist ein Ziel und nicht ein Mittel (Kant). Es geht darum dieses Spezielle zu erkennen.
b) die Sympathie (Chemie) zwischen Patient und Therapeut, die charakterliche Verwandtschaft
2) Das Aufdecken der unbewussten Präferenzen (bei Therapien welche mit freier Assoziation und Deutung arbeiten):
a) Die Qualität der Deutungen. Der Therapeut muss über eine spezifische Begabung für das Deuten verfügen, der Patient über ein Minimum-Verständnis für Deutungszusammenhänge. Im Weiteren spielt die Erfahrung des Therapeuten in seiner Rolle als Therapeut und Patient (siehe Charisma weiter unten) eine wichtige Rolle.
b) Die emotionale Umgebung erleichtert die Überwindung von inneren Widerständen. Wenn sich Deutungen gegen Widerstände durchsetzen, dann sind sie mit einer emotionalen Öffnung, mit einem „Beichteffekt“ verbunden. Konflikte zwischen gesellschaftlichen Normen und individuellen Wünschen werden sichtbar und können analysiert werden.
3) Jetzt erst kommen das intellektuelle Verstehen der Probleme und das rationale Abschätzen der Chancen und Risiken ins Spiel. Die Analyse der Konflikte ist aber nicht nur eine Frage der Intelligenz, sondern auch eine Frage der allgemeinen Lebenserfahrung und Sozialkompetenz.
Wenn Theorien, Techniken und Fachsprachen nicht entscheidend sind, dann muss man sich überlegen, was die philosophische Therapie von einem Gespräch unter guten Freunden unterscheidet. Bei einem solchen Gespräch können ja auch Erkenntnisse gewonnen und die Sorgen durch menschliche Anteilnahme gelindert werden (eine Gelegenheit um auf das alte Sprichwort: geteiltes Leid ist halbes Leid hinzuweisen). Man kann durchaus die These vertreten, dass es keine scharfe Trennlinie gibt:
In philosophical counseling empathetic understanding replaces the scientific method of diagnosing people's hardships and questions. Free philosophical discussion grounded in empathy is a way to reach new insights either into oneself or into life as a whole. In philosophical practice and counseling, hermeneutics or interpretation is not the revelation of scientific truths underlying communication. Instead there is a dialectical process in which the practitioner becomes one with the problem, not by applying a particular philosophy to it, but by giving the client a fresh self-explicatory impulse. Hermeneutics happens [Schuster].
Das Charisma
1. Der Begriff Charisma wird hier im soziologischen Sinne, d.h. im Sinne von Tradierung des Wissens durch persönliche Initiation verwendet. Er bedeutet, dass der Therapeut in einer eigenen Therapie einen Erkenntnisprozess erlebt hat, welcher ihm ermöglicht den Prozess des Patienten zu verstehen oder sogar vorauszusehen. Bildlich gesprochen ist der Therapeut schon einen ähnlichen Weg gegangen, wie ihn der Patient jetzt gehen muss. Er hat das Land bereist und nicht nicht nur ein Buch darüber gelesen.
2. Im Falle eines Psychoanalytikers drückt sich das Charisma in der Fähigkeit aus, die richtigen Deutungen im richtigen Zeitpunkt zu finden. Ein erfahrener Psychoanalytiker verfügt nicht nur über eine höhere Deutungsqualität als ein „Laie“, sondern weiss auch, dass eine sachlich zutreffende Deutung kontraproduktiv wirken kann, wenn sie im falschen Zeitpunkt geäussert wird.
3. Die Analyse der Konflikte, welche zur Verdrängung der Präferenzen geführt haben setzt demgegenüber keine psychoanalytische Erfahrung voraus. Konflikte, bei welchen die Interessenlage bewusst ist, können durch das Abschätzen von Chancen und Risiken bewertet und ev. gelöst werden.
4. Das Konzept des Charisma steht in einem gewissen Widerspruch zur Aussage, dass jeder Patient wieder ein Einzelfall sei. Wenn das Charisma des Therapeuten entscheidend ist, dann bedeutet dies, dass sich beim Patienten offenbar etwas wiederholt, was beim Therapeuten schon stattgefunden hat. Der Widerspruch löst sich auf, wenn der Therapeut seine Erfahrung in einer spezifischen, auf den Patienten ausgerichteten Form anwendet und nicht nach einem allgemeingültigen Rezept.
5. Beim Charisma handelt es sich (mindestens teilweise) um emotionales und nicht um intellektuelles Wissen. Emotionales Wissen ist immer in einem gewissen Masse subjektiv und nicht überprüfbar. Ein Lösungsansatz zur Objektivierung könnte darin bestehen, dass die Therapie bei mehreren Therapeuten (gleichzeitig) durchgeführt oder von mehreren Therapeuten überwacht wird. Aus Kostengründen ist dies aber wohl eher ein Konzept für die Forschung als für die tägliche Praxis.
Therapievergleich
Die Bewertung einer Therapie ist mit vielen Variablen konfrontiert. Es genügt z.B. nicht festzustellen, dass sich das allgemeine Lebensgefühl des Patienten im Laufe der Therapie verschlechtert hat. Man muss auch berücksichtigen, ob sich die Umgebung zum Nachteil des Patienten verändert hat oder ob der Patient an einer Depression leidet, welche sich ohne Therapie noch viel dramatischer entwickelt hätte.
Die Diskussion um den wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse ist auch für die philosophische Version der Psychoanalyse relevant. Beispiele:
1. Wissenschaftlichkeit: Vorüberlegungen zu einem schwierigen Begriff, Ulrich Schlünder (1993)
2. Die Geschichte der „Stellungnahme zur psychoanalytischen Therapie“, Forum der Psychoanalyse (2004), Vol.20
Jürgen Kriz kommt in seinem Aufsatz Perspektiven zur ”Wissenschaftlichkeit” von Psychotherapie zum Schluss dass die beiden Grundfragen:
1. ”Wirkt eine bestimmte Psychotherapie überhaupt und wenn ja: wie effektiv?” (Therapieerfolg)
2. ”Wirkt Vorgehensweise A besser als Vorgehensweise B?” (Therapievergleich)
zwar ähnlich klingen wie naturwissenschaftliche Fragen aber nicht entsprechend beantwortet werden können. Die Quintessenz seiner Untersuchungen ist folgende:
Bei einer angemessenen Würdigung der zusammengetragenen Aspekte müssen wir uns von der Fiktion verabschieden, wir könnten und sollten in nächster Zeit auf wissenschaftlich redliche Weise entscheiden, welches Therapieverfahren das beste oder effektivste ist.
1. Im Kontext der philosophischen Therapie spricht vieles dafür, dass die Bedeutung von psychologischen Theorien, Techniken und Fachsprachen für den Therapieerfolg überschätzt wird. Das intellektuelle Denken als Ganzes ist nur beschränkt wirksam, sonst wären Selbsttherapien erfolgreicher (gemessen an geleiteten Therapien). Fixe Denkstrukturen können sogar die Art von Erkenntnis verhindern, auf die es in der Therapie ankommt.
2. Beim Charisma des Therapeuten handelt es sich (mindestens teilweise) um emotionales und nicht um intellektuelles Wissen. Emotionales Wissen ist immer in einem gewissen Masse subjektiv und nicht überprüfbar. Ein Lösungsansatz zur Objektivierung könnte darin bestehen, dass die Therapie bei mehreren Therapeuten (gleichzeitig) durchgeführt oder von mehreren Therapeuten überwacht wird. Aus Kostengründen ist dies aber wohl eher ein Konzept für die Forschung als für die tägliche Praxis.
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1. Cavell Stanley (2004), Cities of Words, Cambridge 2. Hampe Michael (2007), Die eigene Stimme in der Psychoanalyse 3. Jefs Web Files (2006), Can Movies Teach Moral Philosophy? 4. Lifewise (2002), Philosophical therapy 5. Philosophy No.73 (1998), Editorial: Plato or Prozac?, Cambridge University Press 6. Schuster Shlomit C. (2008), What do I mean when I say “Philosophic Counceling”?
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Weiterführende Literatur
Philosophische Therapie 1. De Botton Alain, Trost der Philosophie, Fischer, Frankfurt am Main, 2001 2. Marinoff Lou, Bei Sokrates auf der Couch, DTV, München, 2002
Kulturphilosophie Freud Sigmund, Das Unbehagen in der Kultur, Fischer, 2001, S.29-108
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