Konkurrierende Lebensziele
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Inhalt
2 Die Struktur der Lebensziele 2.1 Hinduismus 2.2 Plato 2.3 Aristoteles 2.4 Sozialpsychologie 3.1 Grundlagen 3.2 Mit den Augen der Liebe 3.3 Die strategisch-taktische Sicht 3.4 Der Sinn für Gerechtigkeit 3.5 Die Sehnsucht nach Erlösung 3.6 Das Streben nach Erkenntnis 4.1 Grundlagen 4.2 Freud 4.3 Nietzsche 4.4 Rawls 4.5 Buddha 4.6 Sokrates 5.1 Grundlagen 5.2 Macht gegen Liebe 5.3 Erlösung gegen Liebe 5.4 Macht gegen Gerechtigkeit 5.5 Erlösung gegen Gerechtigkeit 6.1 Grundlagen 6.2 Überleben 6.3 Glück 7 Konflikte bei der Realisierung 7.1 Theorie gegen Praxis 7.2 Überzeugungskraft gegen Gewalt 7.3 Kulturpessimismus gegen Fortschritt
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Ausgangslage Ethische Konzepte wie der moralische Perfektionismus beschränken normative Aussagen auf das Methodische. Sie stehen deshalb in einem schwierigen Verhältnis zu Theorien der Gerechtigkeit (siehe Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit). In diesem Aufsatz wird versucht, normative Konzepte auf Stufe Indiviuum und Gesellschaft miteinander zu verbinden.
Problemstellung 1) Gibt es allgemeingültige Lebensziele? 2) Haben die Lebensziele einen Einfluss auf die Wahrnehmung? 3) Wie können die Konflikte zwischen den Lebenszielen gelöst werden? 4) Wie sollen die Lebensziele gewichtet werden?
Resultat 1) Die hinduistischen Lebensziele kann man als allgemeingültige Charaktermerkmale des Menschen, d.h. als anthropologische Erkenntnis bezeichnen. Sie erfordern jedoch eine zeitgemässe Interpretation. 2) Die Lebensziele beeinflussen die Wahrnehmung und damit die Entstehung von ethischen Überzeugungen (Intuitionen). 3) Bei den Konflikten zwischen den Lebenszielen und deren Realisierung gibt es oft Lösungen, welche einen beidseitigen Gewinn ermöglichen. 4) Gewichtung der Lebensziele: a) Deskriptive Sicht: Die Gewichtung der Lebensziele wird durch transzendente Erfahrungen des Glücks und des Leidens massgeblich beeinflusst. Dabei spielt die Sozialisation aber auch der Zufall eine wichtige Rolle. b) Normative Sicht: Eine vernünftige Lebensweise ist gekennzeichnet durch Risiko-Aversion in Bezug äussere und innere Risiken. Die innere Freiheit ist am grössten, wenn ein Gleichgewicht herrscht zwischen den kulturellen (kontrollierenden) und biologischen (spontanen) Kräften.
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Ausgangslage
Ethische Konzepte wie der moralische Perfektionismus beschränken normative Aussagen auf das Methodische. Sie stehen deshalb in einem schwierigen Verhältnis zu Theorien der Gerechtigkeit (siehe Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit).
In diesem Aufsatz wird versucht, normative Konzepte auf Stufe Individuum und Gesellschaft miteinander zu verbinden.
Problemstellung
1. Gibt es allgemeingültige Lebensziele?
2. Haben die Lebensziele einen Einfluss auf die Wahrnehmung?
3. Wie können die Konflikte zwischen den Lebenszielen gelöst werden?
4. Wie sollen die Lebensziele gewichtet werden?
2. Die Struktur der Lebensziele
2.1 Hinduismus
In der heutigen Zeit ist die Vielfalt der Lebensziele fast unüberblickbar. Um die Zielkonflikte etwas konkreter untersuchen zu können, muss man versuchen, diese Vielfalt auf eine einfache Struktur zurückzuführen. Die folgende Struktur der Lebensziele (Purusarthas) ist dem Hinduismus entnommen und beruht auf einer mehrtausendjährigen Erfahrung. Sie ist in diesem Sinne eine Erkenntnis in Bezug auf die grundlegenden Charakter-Merkmale des Menschen, ein Resultat der Anthropologie.
Der Hinduismus formuliert vier Lebensweisen bzw. Lebensziele welche den Veden entnommen sind:
1. Der Genuss von Sinnesfreuden (Kama)
2. Der Erwerb und die Weitergabe von materiellem Wohlstand im Rahmen von Familie und Gesellschaft. (Artha)
3. Ein rechtschaffenes Leben im Einklang mit moralischen Grundsätzen (Dharma).
4. Die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und aus der fundamentalen Unwissenheit (Moksha).
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Liebe und Genuss Kama |
vitales Ziel |
das Angenehme |
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Macht Artha |
ökonomisches Ziel |
das Nützliche |
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Gerechtigkeit Dharma |
ethisches Ziel |
das Gerechte |
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Erlösung Moksha |
ultimatives Ziel |
die Erlösung |
Die hinduistischen Lebensziele korrelieren mit den in der Tabelle angegebenen Lebenszielen der heutigen Gesellschaft, sind aber nicht identisch. Deutlich wird dies am Beispiel der Gerechtigkeit.
Dharma
1. Der Begriff Dharma umfasst nicht nur die soziale Ordnung der Gesellschaft sondern auch die Religion. Dharma ist das Bild einer idealen Gesellschaft, in welcher jeder seinen vorbestimmten Platz hat. Nach unserer Vorstellung ist dieses Konzept ungerecht, weil das Prinzip der Chancengleichheit verletzt wird. Aus Sicht des Hinduismus ist das Dharma aber gerecht, weil der vorbestimmte Platz in der Gesellschaft ein Resultat des moralischen Verhaltens in vorangegangenen Lebenszyklen ist. Die Wiedergeburtslehre der Hindus ist unplausibel aber es ist doch interessant, dass man auch im Westen vom egalitären Konzept der Gerechtigkeit weggekommen ist. Die Kasten sind vielfältig und durchlässig geworden aber es geht immer noch um das Prinzip der Spezialisierung.
2. Die Chancengleichheit scheitert in unserer Gesellschaft an der Ungleichheit der angeborenen Begabungen. Sogar die Grundstruktur der Spezialisierung ist kaum verändert gegenüber dem Hinduismus: Philosophen und Theologen (die Nachfolger der Brahmanen) legitimieren oder heiligen immer noch Kriege und militärische Stärke schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb welcher sich die Wirtschaft erst entfalten kann. Auch Wissenschaftler kann man teilweise als Nachfolger der Brahmanen sehen. Sie verfügen heute über das Geheimwissen, welches der Kriegerkaste zum Sieg verhilft. In Friedenszeiten wird der klassische Krieg durch den Wirtschaftskrieg ersetzt.
3. Für die Klassenschranken gibt es im Hinduismus z.T. extreme Beispiele. So dürfen die Parias z.B. nicht das Essgeschirr einer oberen Klasse benützen, weil sie als unrein gelten. In unserer Gesellschaft können die Armen aus Gründen der Kaufkraft kein (teures) Restaurant besuchen. Die Klassenschranken gelten nicht de jure aber de facto.
4. Westliche Partnervermittlungsinstitute und auch selbstständig aktive Individuen bevorzugen in der Regel Partner aus der gleichen sozialen Schicht. Damit wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass auch die Kinder wieder der gleichen sozialen Schicht angehören.
Hierarchie der Lebensziele
Im Hinduismus drückt sich der Wunsch zu überleben in einer höheren moralischen Bewertung von langfristigen Werten aus. Festhalten an vergänglichen Dingen bedeutet, sich an einer illusionären Wirklichkeit zu orientieren. Eine Wirklichkeit ist umso illusionärer, desto schneller sie vergeht. In diesem Sinne ist
1. die Wirklichkeit der Liebe vergänglich gemessen an derjenigen der Macht
2. die Wirklichkeit der Macht vergänglich gemessen an derjenigen des Dharma (d.h. gemessen an den Gesetzen der Kultur)
3. die Wirklichkeit der kulturellen Evolution vergänglich gemessen an den Naturgesetzen, welche der ganzen Entwicklung zugrunde liegen. Kulturen zerfallen ebenso wie Individuen. Die Naturgesetze aber sind unvergänglich und stellen in diesem Sinne die höchste Wirklichkeit dar.
Im Hinduismus hat die höchste Wirklichkeit eine spirituelle Dimension. Wer sich mit dieser Wirklichkeit identifiziert, ist unsterblich. Daraus ergibt sich die folgende Hierarchie der Lebensziele:
1. Erlösung
2. Gerechtigkeit (das tiefere Verständnis des Dharma)
3. Macht
4. Liebe
Während der Hinduismus die Lebensziele Liebe und Macht abwertet indem er sie als Rollenspiele versteht, ist der Buddhismus von einem unbedingten Willen geprägt, sich direkt an der höchsten Wirklichkeit zu orientieren. Für mehr Informationen zur hinduistischen Hierarchie der Lebensziele siehe Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis. Dort wird u.a. eine Verbindung zu theologischen Konzepten hergestellt.
2.2 Plato
Platons Kardinaltugenden
Die Gruppe von vier Haupttugenden ist erstmals bei dem griechischen Dichter Aischylos belegt, in seinem 467 v. Chr. entstandenen Stück Sieben gegen Theben (Vers 610). Er scheint sie als bekannt vorauszusetzen; daher wird vermutet, dass sie schon im griechischen Adel des 6. Jahrhunderts v. Chr. geläufig waren (…)
Platon übernahm in seinen Dialogen Politeia und Nomoi die Idee der Vierergruppe. Er behielt die Tapferkeit, die Gerechtigkeit und die Verständigkeit bei, ersetzte aber die Frömmigkeit durch Klugheit oder Weisheit. Durch diesen Schritt wurde die Frömmigkeit aus dem Tugendkatalog verdrängt (…).
Platon ordnet jedem der drei von ihm angenommenen Seelenteile und jedem der drei Stände seines Idealstaats eine Tugend zu, nämlich dem obersten Seelenteil bzw. Stand die Weisheit, dem zweitrangigen die Tapferkeit und dem niedersten die Verständigkeit oder Fähigkeit des Maßhaltens. Die Gerechtigkeit ist allen drei zugewiesen, sie sorgt für das rechte Zusammenwirken der Teile des Ganzen
(Kardinaltugend, Wikipedia).
Tugenden sind Verhaltensmuster und diese sind auf Ziele ausgerichtet. Die platonischen Kardinaltugenden sind auf die hinduistischen Lebensziele ausgerichtet mit folgenden Präzisierungen:
1) Die spirituelle Dimension von Moksha verweist auf die ursprüngliche Kardinaltugend Frömmigkeit, die erkenntnistheoretische Dimension auf die Kardinaltugend Weisheit. Die Fähigkeit sich von der Umwelt (und den eigenen psychischen Vorgängen) zu distanzieren und sie zu reflektieren diente ursprünglich dem Überleben. Im Laufe der Kulturgeschichte wurde aber der Weg zum Ziel:
a) In der griechischen Kultur wurde Erkenntnis als Selbstzweck bzw. Lebensziel anerkannt
b) In der indischen Kultur wurde der Rückzug von der Welt als Lebensziel anerkannt.
2) Der Begriff Dharma definiert eine bereits existierende und (wegen der Wiedergeburtslehre) als gerecht empfundene Ordnung. Die Tugend, welche dem Dharma dient, ist durch Achtung vor dem Gesetz, Dienst an der Gemeinschaft und Pflichterfüllung charakterisiert. Einen „Kampf um Gerechtigkeit“, kann es nur geben, wenn das Dharma gefährdet ist.
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Dharma Gerechtigkeit |
Moksha Weisheit |
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Artha Tapferkeit |
Kama Mässigung |
Lässt sich aus der Allgemeingültigkeit der Lebensziele auf die Existenz eines universell gültigen Charakterideals schliessen? Nein, weil die Lebensziele nur ein Raster sind, welcher durch die Individuen mehr oder weniger ausgefüllt wird (siehe dazu The Moral Ideal of the Complete Life). Es gibt z.B. kein allgemeingültiges Ideal kriegerisch tätig zu sein. Aber jeder Mensch trägt eine gewisse Disposition zum Kämpfen in sich, die dann im Laufe des Lebens mehr oder weniger entwickelt wird. Beim Interaktionsverhalten (Kap.2.4) gibt es in der Praxis auch selten die Idealtypen (Dominator, Aussteiger etc.), sondern vier Verhaltensweisen, welche (je nach Situation und Zusammensetzung der Gruppe) mehr oder weniger zum Zuge kommen. Eine Tugend-Ethik ist umso fragwürdiger, je detaillierter die postulierten Tugenden definiert werden ohne dass ein konkreter Kontext angegeben wird.
Platons Staat
Die Struktur des Idealstaates nach der Politeia zeigt Parallelen zum Kastensystem der Hindus, obwohl Plato die Magie der Brahmanen durch die Rationalität der Philosophen ersetzte.
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Rang |
Hinduismus |
Platonismus |
Kardinaltugend |
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1 |
Brahmanen |
Philosophen |
Weisheit |
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2 |
Kshatriyas |
Wächter |
Tapferkeit |
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3 |
Vaihyas |
Bauern und Handwerker |
Masshalten |
Varna ist Sanskrit und bedeutet wörtlich „Klasse, Stand, Farbe“. Es gibt vier Varnas:
1. Brahmanen (traditionell die intellektuelle Elite, Ausleger heiliger Schriften (Veda), Priester)
2. Kshatriyas (traditionell Krieger und Fürsten, höhere Beamte)
3. Vaishyas (traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer, Landwirte)
4. Shudras (traditionell Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner)
Darunter stehen die „Unberührbaren“, auch als Paria bekannt
(Kaste, Wikipedia)
Das hinduistische Kastensystem ist Garant für soziale Stabilität, ähnlich wie das Gewaltmonopol in demokratischen Gesellschaften.
2.3 Aristoteles
Lebensformen
Aristoteles hat die Philosophie seines Lehrmeisters Platon (vor allem die Ideenlehre) weitgehend abgelehnt und in seinem Werk Nikomachische Ethik eine eigene Ethik entworfen. Beide haben sie jedoch eine Tugend-Ethik entwickelt und der Einfluss der platonischen Kardinaltugenden auf die Lebensformen und die Mesotes-Lehre des Aristoteles ist offensichtlich. Im Kontext der Analyse des guten Lebens unterscheidet Aristoteles drei Lebensformen:
1) das Genussleben – mit dem Ziel Lust;
2) das politische Leben – mit dem Ziel Ehre;
3) das theoretische Leben – mit dem Ziel Erkenntnis
Diese lassen sich den platonischen Kardinaltugenden wie folgt zuordnen:
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Politisches Leben Gerechtigkeit |
Theoretisches Leben Weisheit |
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(Machtstreben) Tapferkeit |
Genussleben Mässigung |
Tugenden, welche sich an der Mesotes-Lehre orientieren versuchen die Extreme zu vermeiden. Im Bereich des Genusslebens besteht das Ziel z.B. darin, die Mitte zwischen Sucht/Abhängigkeit und Gefühlskälte/Lustlosigkeit zu finden.
Gelderwerb und Reichtum hält Aristoteles nicht für eine Lebensform, da Geld immer nur Mittel zu einem Zweck, aber nie selbst Ziel sei. Diese Sichtweise könnte damit zusammenhängen, dass Aristoteles’ persönlicher Erfolg durch intellektuelle Leistungen zustandekam. Trotzdem hält Aristoteles (wie die Hindus) auch äussere Güter wie Reichtum, Freunde und Macht für Bedingungen, die hilfreich oder sogar notwendig sind, um glücklich zu werden (Aristoteles, Wikipedia). In diesem Aufsatz wird die hinduistische Position vertreten, nämlich dass individuelle Macht durchaus ein eigenständiges Lebensziel sein kann und sich klar vom Einhalten gesellschaftlicher Pflichten oder Kasten bzw. Parteien-Zugehörigkeit unterscheidet:
1. Wir verweisen auf die Tatsache, dass mächtige Personen oft die Möglichkeiten, ihre Macht für die anderen Lebensziele zu verwenden nicht wahrnehmen, sondern umgekehrt die anderen Ziele opfern, um ihre Macht zu vergrössern. Dies, obwohl sie es aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung längst nicht mehr nötig hätten. Den Begriff Macht im Sinne von Sozialprestige hat Aristoteles vermutlich dem politischen Leben zugeordnet. Die antike griechische Gesellschaft orientierte sich stark am Begriff der Ehre.
2. Im Weiteren sollte man den Begriff Macht nicht auf die Dimension des materiellen Reichtums und der Ämter einschränken. Macht ist Einfluss in allgemeinster Form, Wirkung auf die anderen durch unverwechselbare Eigenschaften. Einfluss kann ausgeübt werden durch Klugheit, Schönheit, Stärke, Originalität usw. und steht oft in einem direkten Zusammenhang mit Selbstverwirklichung.
Weltbild
1) Das Streben nach der Erlösung vom Leiden ist im Hinduismus ebenso gut eine sich selbst tragende Praxis wie die Suche nach Glück in der nikomachischen Ethik: das Leiden wird um seiner selbst willen vermieden. Und das höchste Lebensziel ist auch im Hinduismus nur durch einen tugendhaften Lebenswandel erreichbar. Die unterschiedliche Färbung des höchsten Lebenszieles kommt hauptsächlich durch das Weltbild zustande. Aristoteles akzeptiert die Welt „so wie ist“ und ästhetisiert ihre Gesetze. Die Hindus sehen die Welt als einen Ort des Leidens, den man (unfreiwillig) immer wieder aufsuchen muss und dem man zu entfliehen trachtet.
2) Die Fähigkeit zur Distanzierung ist eine emotionale Voraussetzung für Reflexion und Erkenntnis. Bei den Hindus dient diese Fähigkeit primär zur Distanzierung vom Ich (und damit der Loslösung von der Welt), bei Aristoteles dient sie der perfekten Anpassung an die Welt. Hindus suchen den Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten, Aristoteles sucht die beste Strategie um zu (Über-)leben.
3) Die Nikomachische Ethik ist anthropozentrisch. Nach Aristoteles sind alle Lebewesen in einer strikten Hierarchie der Wertigkeit eingeteilt (siehe Philosophie der Tierrechte). Dabei ist es moralisch richtig, wenn die höheren Lebewesen die niedrigeren für den eigenen Vorteil nutzen. Man muss aber bedenken, dass die wissenschaftliche Erkenntnis über die genetische Verwandtschaft aller leidensfähingen Lebewesen Aristoteles nicht zur Verfügung stand. Auch im Hinduismus hat sich das Ideal des Vegetarismus erst im Laufe der Jahrhunderte durchgesetzt:
Möglicherweise als Reaktion auf den Vegetarismus im Buddhismus und auf die gestiegene Bedeutung von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, forderten die hinduistischen Schriften verstärkt Verzicht auf den Verzehr von Fleisch. In vedischen Zeiten waren die Lebensumstände noch völlig anders. In einigen Schriften gibt es Hinweise, dass Fleisch, selbst Rindfleisch, gegessen wurde, wobei es sich aber stets um das Fleisch von Opfertieren gehandelt haben dürfte. Allgemeiner Vegetarismus ist für Hindus weder eine Forderung noch ein Dogma, jedoch wird die vegetarische Lebensweise als die ethisch höhere angesehen, da Fleisch ein Produkt der Tötung ist und nicht rein (Hinduismus, Wikipedia).
2.4 Sozialpsychologie
Die hinduistischen Lebensziele lassen sich relativ gut mit Charakter-Eigenschaften in Verbindung bringen, welche aus der Faktorenanalyse des Interaktions-Verhaltens bekannt sind [DTV, S.213]:
1. Biologische Bedürfnisse, Expansion des Selbst
a. Affiliation
b. Dominanz
2. Kulturelle Ideale, Selbst-Einschränkung
a. Ditention die Aufteilung in Beobachter und beobachtetes Objekt
b. Komplianz
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Ditention Moksha |
Dominanz Artha
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Komplianz Dharma
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Affiliation Kama
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Der Begriff Dharma hat zwei Bedeutungen:
1. Er bezeichnet die geltende Gesellschafts-Ordnung. In der Faktorenanalyse entspricht dies der Versuchsanordnung und der Autorität des Versuchsleiters. In dieser Bedeutung müsste das Wort Dharma über der Gesamtheit der vier Quadrate stehen.
2. Er bezeichnet die Einhaltung der gesellschaftlichen Pflichten, d.h. eines von vier Lebenszielen
Charaktereigenschaften haben einen massgebenden Einfluss auf die Gewichtung der Lebensziele und auf das Weltbild. Umgekehrt wirken die Lebensziele und das Weltbild auch wieder auf den Charakter zurück - ein Mechanismus welcher im Kastensystem der Hindus besonders deutlich wird. Charaktereigenschaften sind per Definition langfristige Anpassungen an die Innen- und Aussenwelt (familiäre Erziehung, Schule etc.) und lassen sich entsprechend nur langfristig verändern.
3.1 Grundlagen
Für die weitere Untersuchung nehmen wir an, dass jedes Lebensziel in der Psyche durch eine Art Instanz vertreten wird. Jede dieser Instanzen beschreibt die Realität in einer Perspektive, welche ihrem spezifischen Interesse entgegenkommt:
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kulturell orientierte Wahrnehmung |
biologisch orientierte Wahrnehmung |
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die Sehnsucht nach Erlösung Moksha |
strategisch-taktische Sicht Artha |
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Sinn für Gerechtigkeit Dharma |
mit den Augen der Liebe Kama |
1) Biologisch orientierte Wahrnehmung:
a) Kama: Der Verliebte verzerrt die Wahrnehmung in einer Art und Weise, welche die Attraktivität des Partners vergrössert.
b) Artha: Der Machtmensch verzerrt die Wahrnehmung in einer Art und Weise, welche seinen Einfluss vergrössert. Beispiele: Politiker, Lobbist, Rechtsanwalt.
2) Kulturell orientierte Wahrnehmung:
a) Moksha: Der Meditierende konzentriert sich auf sein Inneres und löst sich vom Rest der Welt. Die Konzentration wird erleichtert durch eine geschützte Umgebung (Rückzugsort).
b) Dharma: Der Sinn für Gerechtigkeit ist die Fähigkeit, ein moralisches Problem unabhängig von individuellen Interessen zu bewerten. Er entspricht deshalb einer unverzerrten Wahrnehmung.
Aus evolutionärer Sicht handelt es sich bei den verschiedenen Lebenszielen um verschiedene Überlebensstrategien. Die Erfüllung der verschiedenen Lebensziele wird mit verschiedenen Arten von Glücksgefühlen belohnt, ist aber auch mit spezifischen Risiken verknüpft. Dieser Zusammenhang wird im Folgenden genauer untersucht:
3.2 Mit den Augen der Liebe
Wir konzentrieren uns hier auf biologisch orientierte Formen der Liebe und auf Sublimierungen, welche dem biologischen Interesse dienen. Mutterliebe ist z.B. insofern nicht selbstlos, als sie dem biologischen Interesse dient. Altruismus wird dem Lebensziel Gerechtigkeit zugeordnet und religiöse Liebe dem Lebensziel Erlösung.
Definition
Der Ausdruck „mit den Augen der Liebe“ bezeichnet eine Form der Wahrnehmung, welche die Bindung an ein Liebesobjekt bestätigt bzw. verstärkt:
Verliebtheit wird nach Ansicht von Psychologen von einer Einengung des Bewusstseins begleitet, die zur Fehleinschätzung des Objektes der Zuneigung führen kann. Fehler des anderen können übersehen oder als besonders positive Attribute erlebt werden (Verliebtheit, Wapedia)
Die Augen der Liebe blicken durch die sog. Rosabrille:
Der Farbton „rosa“ wird im Sinne von ‚optimistisch, erfreulich, positiv‘ genutzt, diese Deutung geht auf rosig beziehungsweise rosarot zurück. Wendungen mit dieser Bedeutung sind „rosige Zeiten“ (…) oder „alles durch eine rosa(rote) Brille sehen“ (…). Die weiterführende Bedeutung ist „unrealistisch, verklärend“, wie in „die Zukunft in rosigem Licht sehen“ oder „für sie ist die Welt rosarot“ (Rosa, Wikipedia)
Im Falle der Elternliebe wird die Wahrnehmung so verzerrt, dass das eigene Kind schöner, intelligenter, geschickter oder ganz einfach liebenswerter ist als die anderen.
Evolutionäre Sicht
Das Phänomen Liebe wird mit zwei Überlebens-Strategien in Verbindung gebracht:
1. Verwandtenselektion
2. Reziproker Altruismus
1. Das Prinzip der Verwandtenselektion besagt, dass sich ein Verhalten in der Selektion bewährt, das die Verbreitung und Eignung der Gene nicht nur individuell, sondern auch über Verwandte maximiert. Je näher zwei Individuen miteinander verwandt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Träger gleicher Gene sind. Altruistisches (nichtegoistisches) Verhalten gegenüber Verwandten steigert also die Verbreitung der eigenen Gene und ist umso lohnender, je höher der Verwandtschaftsgrad ist.
2. Ein weiterer Erklärungsansatz ist das Konzept des reziproken Altruismus: Ein Helfergen kann sich durchsetzen, wenn es dem Helfer Nutzen bringt, z. B. wenn er als Folge auch selbst Empfänger von Hilfe werden kann.
(Soziobiologie, Wikipedia)
Das Glück der Liebenden
Das Gefühl der Liebe hat unzählige Facetten [Burkhart, 177]. Wir wollen hier nur kurz den Aspekt der Spontaneität ansprechen, welcher für die Verliebtheit typisch ist. Liebesglück ist oft nur möglich durch die Abwertung von Wissen und Erfahrung, durch „Leben im Augenblick“, durch den Versuch, die Dinge wieder so zu sehen wie das erste Mal. Die Vernichtung von unangenehmen Erinnerungen und schmerzlichen Erfahrungen ist eine Strategie, welche das Leben immer wieder hoffnungsvoll und unschuldig erscheinen lässt. Die Geschichte wird von Siegern geschrieben und die junge Generation, welche die Liebe neu entdeckt, strahlt eine Gewinner-Mentalität aus, weil sie noch nicht besiegt ist. Die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen wie beim ersten Mal versetzt uns aber auch in die Situation eines Kindes, welches nicht weiss, dass das Feuer weh tut [Brenner, 249]:
1. Spontane Verliebtheit führt oft zu Konflikten mit Rivalen, mit der Familie oder mit gesellschaftlichen Normen
2. Verliebtheit ist meist kein Dauerzustand; sie flaut ab und löst sich auf.
3. Die Gefühle des Verliebtseins können einseitig sein, müssen also nicht erwidert werden.
4. Verliebtheit ist mit Suchtmechanismen verknüpft und erzeugt Abhängigkeit. Gescheiterte Liebesbeziehungen enden oft in einer Ersatz-Sucht.
Bei den Makassar-Stämmen wird Verliebtheit mit allen ihren körperlichen Nebenwirkungen als typisches Phänomen der Jugend, sogar als Krankheit angesehen. Betroffene sind überzeugt, deswegen dringend einen Heiler für eine Therapie dagegen aufsuchen zu müssen (Verliebtheit, Wapedia)
Schmerzhafte Erfahrungen mit spontaner Verliebtheit begünstigen risikoärmere, altruistisch oder religiös gefärbte Formen der Liebe.
Vermutlich aus all diesen Gründen wurde das Lebensziel Liebe im Hinduismus als niedrigstes eingestuft. Anderseits ist es das einzige Lebensziel, welches direkt mit dem Namen eines Gottes (Kama) in Verbindung gebracht wird. Der Verliebte betritt eine Welt der Magie und überlässt sein Schicksal einer göttlichen Kraft, siehe Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.
3.3 Die strategisch-taktische Sicht
Definition
Als Strategie (von altgriech. strategós: Feldherrentum, Feldherrenkunst) wird in der Militärtheorie und in der Kriegsführung der zielgerichtete Einsatz von Gewalt oder die zielgerichtete Gewaltandrohung zu politischen Zwecken bezeichnet. Dem preußischen Offizier Carl von Clausewitz gelang es mit seinem Standardwerk „Vom Kriege“ als Erstem, eine umfassende, jedoch nicht allgemeingültige Theorie der Kriegsführung aufzustellen. Clausewitz sah es als geboten an, dass sich das Militär den Weisungen der Politik zu unterwerfen und als Instrument der Politik zu verstehen habe (Strategie, Wikipedia)
Eine gute Illustration von Kriegslisten geben die 36 chinesischen Strategeme.
Die Strategeme sind in China Allgemeingut. Sie sind Schullesestoff und werden als Cartoons gedruckt.
Beispiele:
1. Mit dem Messer eines anderen töten
2. Im Osten lärmen, im Westen angreifen
3. Auf das Gras schlagen, um die Schlange aufzuscheuchen
4. Den Tiger vom Berg in die Ebene locken
5. Sich mit dem fernen Feind verbünden, um den Nachbarn anzugreifen
6. Die List der schönen Frau
7. Die List des Zwietrachtsäens
usw.
In China wird das Durchschauen und Anwenden von List hoch geachtet und gepflegt. Chinesische Autoren haben unterschiedliche Überlistungstechniken benannt und systematisiert. Dies steht im Gegensatz zur europäischen Tradition, die die Anwendung von Listen und Täuschungen ächtete (Strategeme, Wikipedia)
Verallgemeinerung
Ausgehend vom Kontext des Krieges, wurden die Begriffe Strategie und Taktik nach und nach verallgemeinert und auf andere Formen der Machterhaltung und Machtvergrösserung ausgedehnt.
Beispiele:
1. Strategie in der Wirtschaft
2. Strategie in der Spieltheorie
In beiden Beispielen werden gewaltlose Mittel eingesetzt. Im zweiten Beispiel ist der Begriff Macht auch nicht mehr auf materielle Werte beschränkt. Bei immateriellen Werten geht es um Einfluss, Prestige, Ehre usw. oder nur noch um einen abstrakten Gewinn. Die strategisch-taktische Sichtweise ist charakterisiert durch:
1. Eine verzerrte Interpretation (Gewichtung) der Daten, soweit dies möglich und zum eigenen Vorteil ist
2. Vorausschau (Simulation von Varianten)
3. Suchen der besten bzw. optimalen Lösung
Die strategisch-taktische Sichtweise ist einerseits (in Bezug auf die Methodik) die Wiege der Wissenschaft, anderseits (in Bezug auf den Inhalt) aber auch ein Gegenprogramm, weil sie die Wirklichkeit zu ihrem eigenen Vorteil formen will. Information ist strategisch-taktisch gesehen ein Mittel zum Zweck. Eine realitätsnahe Beschreibung ist deshalb nicht unbedingt erwünscht. Das Unterschlagen und Verzerren von Informationen kann sich sogar auf die Beschreibung der Naturgesetze beziehen. Man muss nur dafür sorgen, dass der Gegner seine (realistischeren) Informationen nicht verbreiten kann.
Evolutionäre Sicht
Die Überlebensstrategie Macht ist ein Teil-Aspekt innerhalb Darwins Begriff der besten Anpassung und bezweichnet die Überlegenheit des Stärkeren im Kampf ums Dasein. Der Kampf ums Dasein ist teilweise (aber wirklich nur teilweise) ein gewalttätiger Krieg um das Überleben. Wer sich in diesem Kampf bewährt, gewinnt an Sozialprestige und Attraktivität; Dominanz ist eines der wichtigsten Selektionskriterien bei der Partnerwahl. In manchen Kulturen ist männliche Macht auch sehr direkt mit der Zahl der tolerierten Ehefrauen und Geliebten (und der entsprechenden Zahl von Nachkommen) verknüpft.
Das Glück des Erfolgreichen
Macht und Einfluss sind mit einem sehr direkten, biologisch bedingten Glücksgefühl verbunden und gelten als massgebende Dimensionen des sozialen Status. Ein hoher sozialer Status wiederum verbessert die Chancen Freunde und Partner zu gewinnen, welche zum persönlichen Glück beitragen. Je nach den geltenden sozialen Regeln sind die Zusammenhänge aber komplizierter. Eine Zunahme der Macht kann eine Zunahme der Freiheit (auf Kosten der anderen) bedeuten, aber auch das Gegenteil, d.h. eine Abnahme durch stärkere soziale Kontrolle.
Beispiel: Der Chef eines afrikanischen Dorfes hat vielerorts noch das Recht auf eine fast unbeschränkte Zahl von Ehefrauen und Mätressen. In Korea gibt es einen jahrhundertealten Brauch für die Männer der Oberschicht, mehrere Konkubinen zu halten [Seelmann]. Der amerikanische Präsident Bill Clinton hingegen wurde wegen einer Liebesaffäre fast seines Amtes enthoben.
Das Glück des Erfolgreichen ist ständig bedroht durch Konkurrenten, Neider, eigene Schwächen und die zufällige Verkettung unglücklicher Umstände. Das Risiko Macht und Einfluss zu verlieren ist omnipräsent.
Betreffend transzendente Erfahrungen im Bereich der Macht siehe Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.
3.4 Der Sinn für Gerechtigkeit
Definition
Ein Konzept welches das Prädikat “unparteiisch” oder „gerecht“ verdient, ist dasjenige des Urzustandes (engl. Original Position) von John Rawls. Das Interesse, welches hinter diesem Konzept steckt, könnte man als Interesse eines noch ungeborenen Menschen bezeichnen, der nicht weiss, mit welchen Eigenschaften und in welcher gesellschaftlichen Position er geboren wird. Interessen verzerren die Wahrnehmung, aber in diesem Falle besteht das Interesse genau darin, individuelle und temporäre Gewichtungen auszuschalten. Das Konzept von Rawls steht in der Tradition von Kant und geht davon aus, dass ein Gesellschaftsvertrag nur dann mehrheitsfähig ist, wenn er öffentlich begründet werden kann. Rawls vertraut auf die normative Kraft der Vernunft. Vernünftige Vertragsteilnehmer unterwerfen sich dem Gewaltmonopol des Staates, wenn dieser demokratisch organisiert ist und Minderheiten schützt.
Hedonistische Sicht
Die Annahme, dass die Vernunft ein besseres Leben ermöglicht als eine irrationale Weltanschauung ist heftig umstritten. Es dürfte schwierig sein nachzuweisen, dass die „aufgeklärten“, besitzgierigen Menschen in den Industriestaaten glücklicher leben als diejenigen in einer animistischen, nomadischen Kultur. Es dürfte aber gleichermassen schwierig sein nachzuweisen, dass die Industriestaaten einer Vernunft-Ethik folgen. Es handelt sich eher um zweck-rationale Gemeinschaften welche in einem gnadenlosen Wettbewerb mit irrationalen Kulturen stehen. Wir wollen deshalb an unserer These von der heilenden Wirkung der Vernunft festhalten:
1. Die Vernunft ist ein Werkzeug, um die Entstehung und Ausbreitung des Leidens zu erkennen und dagegen anzukämpfen.
2. Wir begründen das Primat der Vernunft mit dieser Heilwirkung.
Damit ist aber nichts gesagt über die Chancen der Vernunftethik im Konkurrenzkampf der Ethiken. Die Förderung des Glücks bzw. die Bekämpfung des Leidens muss nicht unbedingt die Überlebens-Chancen verbessern.
Evolutionäre Sicht
1. Der Begriff Gerechtigkeit wurde ursprünglich von Siegern, Herrschenden und Privilegierten defniert. Aus evolutionärer Sicht dauert der Kampf der Privilegierten gegen die Benachteiligten (und umgekehrt) solange, bis James Buchanans anarchistisches Gleichgewicht erreicht ist, d.h. bis der Grenznutzen der Eroberungsaufwendungen und die Grenzkosten der Verteidigungsanstrengungen sich die Waage halten.
2. Je mehr das Engagement für Gerechtigkeit öffentlich gezeigt wird, desto eher handelt es sich um eine kultivierte Form des individuellen Machtstrebens. Sozialprestige verbessert die Überlebens-Chancen.
Der Ursprung des Engagements für Gerechtigkeit ist wahrscheinlich die biologischen Nutzenfunktion, d.h. die Aufopferung für die Familie mit einer entsprechenden biologischen Belohnung. Der selbstlose Einsatz für Gerechtigkeit würde von Nietzsche als degenerierte Form dieser Strategie gedeutet.
Das Glück des Unparteiischen
1. Das Glück des Unparteiischen ist das Glück eines Idealisten. Das eigene Schicksal, insbesondere die eigene Sterblichkeit, verliert an Bedeutung, siehe dazu Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.
2. Vernunft-orientierte Gerechtigkeit ist ein kultureller Sinngeber, ein emotionales Fundament, welches sicherer ist als individuelle Macht. Das Risiko besteht in der Verfolgung und Bestrafung des Gerechten durch ungerechte Herrschaftssysteme. Das Scheitern der Bemühungen ist ein Risiko, welches der Unparteiische mit allen Idealisten teilt.
3. Der Urzustand ist geeignet um Multi-Generations-Projekte wie Verfassungen, Bevölkerungspolitik oder technologischen Fortschritt zu bewerten. Aber ist er auch geeignet um die verschiedenen Auffassungen über die „richtige“ Lebensweise zu bewerten? Diese Frage muss man wahrscheinlich bejahen, weil es inkonsequent wäre, ein Konzept für die Definition von Verfassungen zu verwenden, in der Erziehung und Bildung aber abzulehnen. Wenn der Entscheidungsträger im Urzustand vernünftig ist, dann versucht er vernünftige Formen des Glücks über entsprechende Bildungs-Ideale zu fördern. Verfassung und Gesetze definieren die Grenzen der Toleranz bei der Glückssuche.
3.5 Die Sehnsucht nach Erlösung
Definition
Der Begriff Erlösung stammt aus dem religiösen Bereich, wird auch im übertragenen Sinn gebraucht. Ursprünglich stand dahinter unter anderem das in der Antike übliche Freikaufen eines Sklaven, also das Kaufen und anschließende Freilassen. Im religiösen Sinn versteht man unter Erlösung einen Prozess oder einen Punkt des Heraustretens aus einem Zustand der Unfreiheit, Bedrängung und Entfremdung oder vererbten Sünde (Erlösung, Wikipedia)
In diesem Aufsatz wird der Begriff Erlösung (in Anlehnung an den hinduistischen Begriff Moksha) als Erlösung vom Leiden verstanden.
Die Sehnsucht nach Erlösung führt zur Flucht in eine andere Welt, wobei die Alltagserfahrungen als Schein-Wirklichkeit oder Übergangs-Stadium abgewertet werden. Nachstehend zwei säkulare Beispiele dieser Flucht:
1. Abwertung der Alltagserfahrungen zu einer Art Maja (wie im Hinduismus), z.B. begründet mit den Erkenntnissen der Quantenphysik.
2. Bioethical Abolitionism: Das aktuelle und historische Leiden wird als Übergangsphase betrachtet
Evolutionäre Sicht
Das Lebensziel Erlösung ist ursprünglich eine Strategie des Rückzuges von Konflikten. Rückzug bedeutet, dass man nicht gegen die herrschende Macht opponiert. Durch den Machtverzicht bietet man wenig Angriffsfläche (Strategie des „Nicht Auffallens“). Ein selbstloser Machtverzicht würde von Nietzsche als degenerierte Form dieser Strategie gedeutet.
Das Glück des Meditierenden
Einsichts-Meditation versucht die Wahrnehmung zu kontrollieren und auf die mentalen Prozesse zu konzentrieren. Das Ziel besteht darin, ein neutraler Beobachter seiner selbst zu werden. Wenn dies gelingt, dann gehören die beobachteten Prozesse nicht mehr zum „Ich“. Die Energie, welche mit den Prozessen verknüpft war, wird losgelöst und verwandelt sich in eine frei fliessende Energie; ein Zustand welcher als Abwesenheit von Leiden wahrgenommen wird. Die Einsichtsmeditation kann auf zwei Arten gedeutet werden:
1) Die Psychoanalyse betrachtet sie als eine Art von Regression (Rückfall in einen fötalen Status)
2) Hindus vertreten die Meinung, dass die Einsichts-Meditation eine tiefgründige Wahrnehmung der Realität darstellt und dass wir im Alltagsleben mit Illusionen (Maja) konfrontiert sind.
Unabhängig von dieser erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung können wir sagen, dass die Meditation eine kontrollierte Art darstellt, das Ego zu verlassen, während der Tod in der Regel eine unerwünschte und unkontrollierte Alternative darstellt. Freiwillig sein Ego zu verlassen löst ganz andere Gefühle aus, als vom eigenen Körper „betrogen“ und verlassen zu werden. Wir können deshalb die Meditation als eine Übung betrachten, welche uns hilft die Angst vor dem Tod zu überwinden.
3.6 Das Streben nach Erkenntnis
Definition
Der Begriff der Erkenntnis bezeichnet
▪ das Ergebnis (das Erkannte) und
▪ den Prozess des Erkennens (den Erkenntnisakt) (…)
Erkenntnis hat im Vergleich zum Kennen den Charakter des Neuen (…)
Zum (objektiven) Wissen wird die Erkenntnis, wenn sie unabhängig vom erkennenden Subjekt gültig ist.
(Erkenntnis, Wikipedia)
Erkenntnisperspektiven (-instanzen)
1. Aussenperspektive, objektive Erkenntnis, Wissenschaft
2. Innenperspektiven, subjektive Erkenntnis, (die Freud’schen Instanzen bilden z.B. je eine eigene Perspektive)
Erkenntnisprozesse
1. Das intuitive (emotionale) Erkennen
2. Die Bewertung von Informationen und Intuitionen durch die Vernunft
Unter Denkfreiheit verstehen wir einen Zustand, wo alle Informationsquellen zugelassen sind, auch irrationale Quellen (z.B. die Freudsche Regression im Dienste des Ich). Die Vernunft steht in Konkurrenz mit unbewussten Bewertungs-Instanzen.
Erkenntnisbereiche
1) Aussenperspektive
a) Mit dem Denkapparat erfasste Strukturen und Prozesse
b) Der Denkapparat selbst als Struktur und Prozess: Psychologie, Hirnforschung etc.
2) Innenperspektiven
a) Nach aussen gerichtete Beobachtung
b) Nach innen gerichtete Beobachtung: Introspektion, Selbsterkenntnis
Der hinduistische Begriff Moksha ist mehr mit Selbsterkenntnis verknüpft, der aristotelische Begriff Erkenntnis mehr mit der nach aussen gerichteten Beobachtung und Wissenschaft
Evolutionäre Sicht
Welche Rolle spielt das theoretische Wissen in der Psyche des Individuums?
Das praktische Leben dient ursprünglich dem biologischen Ziel und die Theorie unterstützt die Praxis. Das theoretische Wissen trägt deshalb meist die Farbe von praktischen Interessen. Es kann eine Machtposition verschaffen, dem Prestige bei der Partnersuche dienen (wie Pfauenfedern), Leiden verhindern oder auf politische Ziele ausgerichtet sein. Wenn man die Psyche mit dem Parlament in einer Konkordanzdemokratie vergleicht, dann entspricht das theoretische Leben den Fachkommissionen, welche aus den Parlamentariern (Interessengruppen) gebildet werden. Selbstlose (zweckfreie) oder der Selbstauflösung dienende Theorie würde von Nietzsche mit einer degenerierten Fachkommision assoziiert.
1. Die Theorie überlebt in der Psyche des Individuums, wenn sie sich in der Praxis bewährt.
2. Der Theoretiker überlebt in der Gesellschaft, wenn er sich nützlich macht.
Die wissenschaftliche Sicht
Welches Interesse steckt hinter der wissenschaftlichen Sicht?
Die wissenschaftliche Wahrnehmung sollte sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie nicht durch Interessen verzerrt ist und intersubjektiv überprüft werden kann. Trotzdem ist wissenschaftliche Erkenntnis in der Regel ein Werkzeug und steht im Dienste von Interessen. Das Interesse drückt sich aus in der Wahl und Gewichtung des Forschungsgebietes, das Desinteresse im Vernachlässigen und Unterschlagen von Fakten und ganzen Wissensbereichen. Energie und Ressourcen, welche investiert werden, sagen etwas aus über das relative Interesse an den Projekten.
Beispiele für die Beziehung zwischen Forschungsprojekten und Interessen (Lebenszielen):
1. Paradise engineering hat einen Bezug zu Freuds Lustprinzip (Lebensziel Liebe)
2. Transhumanism hat einen Bezug zu Nietzsches Übermensch (Lebensziel Macht)
3. Sozialwissenschaften haben einen Bezug zu Rawls’ idealer Gesellschaft (Lebensziel Gerechtigkeit)
4. Bioethical Abolitionism hat einen Bezug zu Buddhas Befreiung vom Leiden (Lebensziel Erlösung)
In all diesen Fällen verspricht die Wissenschaft Fortschritte bei der Erfüllung uralter Wünsche; und nur solange sie diese Versprechungen einhält, wird der immense materielle und geistige Aufwand für die Forschung toleriert.
Selbsterkenntnis
Die aristotelischen Verstandestugenden Klugheit und Weisheit sind Hilfsmittel (Werkzeuge) und nicht Lebensziele. Diese Tugenden sind untrennbar mit Selbsterkenntnis verknüpft, d.h. mit der Fähigkeit, die eigenen Interessen bzw. Ziele zu reflektieren.
Für den antiken griechischen Philosophen Sokrates ist Selbsterkenntnis die Bedingung für Sittlichkeit. Der unter anderem bei Heraklit überlieferte, oft auch Thales bzw. den Sieben Weisen zugeschriebene Wahlspruch „Erkenne Dich selbst“ schmückte den Eingang des antiken Apollontempels zu Delphi. Die Forderung nach Selbsterkenntnis stellt damit eine der ältesten und nach wie vor wichtigsten Forderungen der Philosophie gegenüber dem Einzelnen dar.
Selbsterkenntnis kann allen Lebenszielen dienen. Der Wunsch nach Selbsterkenntnis und Neuorientierung wächst mit den Problemen, welche beim Verfolgen der Lebensziele auftauchen. Wer konfliktfrei und erfolgreich agiert hat in der Regel keine Motivation, seine Ziele zu hinterfragen und neu zu gewichten. Umgekehrt kann der ruhige und distanzierte Wissenschaftler durch Verliebtheit, Unfall oder Krankheit jäh von seinem Beobachterposten gerissen und mit ganz neuen Prioritäten konfrontiert werden.
Das Glück des Beobachters
Die Beobachtung der Welt aus einer sicheren Distanz, welche ursprünglich als Mittel gedacht war, kann zum Ziel gemacht werden. Wenn das emotionale Engagement mit der Freiheit der Forschung kombiniert wird, dann sprechen wir von der glücklichen Wissenschaft. Viele Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller und Theoretiker aller Art liefern einen Informationsdienst ohne soziale oder politische Ambitionen. Sie wissen viel über die Realität, sind aber indifferent in Bezug auf die Verwendung ihres Wissens. Der „Elfenbeinturm“ hat eine ähnliche Funktion wie der Rückzugsort für die Meditation.
Der Begriff Elfenbeinturm hat seinen Ursprung als elfenbeinerner Turm im biblischen Hohen Lied (7, 5).
Das heute übliche Verständnis des Elfenbeinturms als einem immateriellen Ort der Abgeschiedenheit und Unberührtheit, an dem sich vor allem Literaten und Wissenschaftler aufhalten, entstand im Lauf des 19. Jahrhunderts in Europa (…).
Forschung und Produktion von Kunst im Elfenbeinturm bezeichnet einen Intellektuellen, der für seine Aufgabe lebt und sich nicht um die gesellschaftlichen Folgen seiner Tätigkeit kümmert, sondern einzig nach wissenschaftlicher und künstlerischer Wahrheit sucht (Elfenbeinturm, Wikipedia)
Ist der Standpunkt des distanzierten Beobachters ein vernünftiger Weg zum Glück?
Wenn ein Beobachter seine Gefühle in den Prozess der Beobachtung investiert, dann kann die Beobachtungstätigkeit zu einer Quelle des Glücks werden. Wahrscheinlich sind sowohl buddhistische als auch wissenschaftliche Erkenntnisprozesse mit einer Endorphinausschüttung verbunden. Dem Glück der Erkenntnis geht eine lange Periode der Konzentration voraus:
1. In der Wissenschaft ist die Intensität des Glücksgefühls mit der Neuigkeit der Information (dem sog. Aha-Erlebnis) verbunden, sodass immer wieder neue Entdeckungen gemacht werden müssen. Im Moment des Erkennens löst sich der Wissenschaftler von den Bindungen an Strukturen und Prozesse, welche die Wirklichkeit falsch darstellen.
2. In der Meditation ist die Intensität des Glücksgefühls mit einem Gefühl der Vertrautheit verbunden. Wenn man das „Wesentliche“ einmal kennt, dann hat die Suche ein Ende. Der Buddhismus postuliert dass mit Ausnahme des „wesentlichen“ Wissens (die ethische Priorität des Leidens und der Weg zur Befreiung) letzlich alle Bindungen falsch sind und dass komplexe Technologien diese falschen Bindungen verstärken. Wer einem Macht-Motiv (Übermensch, Transhumanismus etc.) folgt, der muss immer wieder neue Strukturen und Prozesse verstehen; für die Buddhisten hat Erkenntnis etwas Befreiendes.
Die Position des Wissenschaftlers nähert sich derjenigen des Buddhisten, wenn er ziellos (d.h. spielerisch) arbeitet. Während der Buddhist seine Werke aber immer wieder loslässt (vgl. Sand Mandala), tendiert der Wissenschaftler zu einer macht-orientierten Anhäufung des Wissens mit entsprechenden Verlust-Risiken. Die Position des Wissenschaftlers nähert sich derjenigen eines Pantheisten, wenn sein Lebensziel darin besteht die Naturgesetze zu erkennen und sich damit zu identifizieren. Dabei gibt es einen fliessenden Übergang von Machtphantasien (Streben nach Allmacht und Allwissenheit) zu religiöser Hingabe (wie z.B. bei Spinoza).
Soziale Umgebung:
1. Der Stereotyp des glücklichen Wissenschaftlers kann leicht benützt und manipuliert werden von strategisch-taktischen Interessen. Die Indifferenz des glücklichen Wissenschaftlers endet in der Regel erst dann, wenn seine Forschungsprojekte durch Machtkämpfe oder (ökonomische) Kriege gestoppt werden oder wenn er von negativen sozialen Folgen seiner Tätigkeit überrascht wird.
2. Sowohl die Mediation als auch die wissenschaftliche Forschung erfordern einen emotionalen Schutzraum, d.h. ein Minimum an stabilen sozialen Beziehungen. Die Familie kann durch eine wissenschaftliche oder klösterliche Gemeinschaft ersetzt werden. Ohne eine solche emotionale Basis ist die Loslösung von der materiellen Welt ein Risiko (in Bezug auf psychosomatische Krankheiten und Depressionen). Das Glück des distanzierten Beobachters hängt in der Regel ab von Menschen, welche diese Distanz wieder aufheben. Das psychische Gleichgewicht eines glücklichen Einsiedlers ist nur für wenige erreichbar.
4.1 Grundlagen
Im Laufe der kulturellen Evolution entwickelten sich die biologischen Strategien zu Ethiken mit je eigenen Rationalisierungen. Da jede Ethik mit einer spezifischen Wahrnehmung (Intuition, Sichtweise, Weltbild) ausgerüstet ist, versucht sie die Realität zu ihren Gunsten zu interpretieren.
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Moksha |
Artha
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Dharma
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Kama
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Wir untersuchen im Folgenden einige grundlegende Typen von säkularen Ethiken:
1. Individualistische Ethiken (Nietzsche, Freud)
2. Normative Ethiken (Rawls, Buddha)
Dem Streben nach Erkenntnis (Sokrates) kann nicht einem einzelnen Lebensziel zugeordnet werden, sondern wird von allen Interessen gesteuert. Es begründet keine eigene Ethik, sondern liefert Argumente. Wir dürfen das Streben nach Erkenntnis auch nicht mit Wissenschaft gleichsetzen. Das Streben nach Erkenntnis führt zu einem Methoden-Pluralismus mit einem Wunsch nach intersubjektiver Verständigung. Die Wissenschaft ist eingeschränkt auf Bereiche, wo intersubjektive Verständigung präzise definiert werden kann.
Kunst ist ein Mittel der Kommunikation und steht ebenfalls im Dienste aller Lebensziele. Kunst begründet keine eigene Ethik, sondern liefert emotionale „Einsicht“. Die Thematik der verschiedenen rationalen Sichtweisen, welche durch unterschiedliche Konstitution und Erfahrungen bedingt sind, wird z.B. in der Erzählung Das vollkommene Leben [Hampe] aufgegriffen. Eine Besprechung dieses Buches findet man in Moral Relativism and the Search for Happiness.
Losgelöst vom täglichen Leben und menschlichen Bezügen nähert sich Kunst der Meditation und damit dem Lebensziel Erlösung.
4.2 Freud
Die Zuordnung von Freud zum Lebensziel Kama wird aufgrund der zentralen Stellung begründet, welche das Lustprinzip in der Psychoanalyse einnimmt.
Die Herkunft aller Formen der Lust, die auf der biologischen Ebene erkennbar werden, sah Freud über die Deutung der Träume in einer universalen, triebenergetischen Lebenskraft, die er die „Libido“ nannte (…). Wissenschaftlich vergleichbar ist der Begriff „Libido“ dem der „Lebenskraft“ bzw. „elan vital“ im Sinn Henri Bergsons (Lustprinzip, Wikipedia).
Freud führte die zahlreichen 'hysterischen' Anfälle in der damaligen Gesellschaft (vor allem bei den Mädchen aus vornehmen Häusern) auf die Unterdrückung der biologischen Wünsche zurück. Durch die krankmachenden gesellschaftlichen Vorschriften wurde der Arzt und Heiler Freud fast zwangsläufig zum Anwalt der unterdrückten Triebe. Den Begriff Ethik ordnete er den krankmachenden (insbesondere religiös begründeten) Vorschriften zu, sodass der Begriff Heilung mit einer Abwendung oder Befreiung von Ethik (bzw. Religion) verknüpft wurde.
Um von einer Ethik Freuds zu sprechen, muss man sich von seiner Verwendung des Begriffes Ethik lösen. Da Freud versucht, das Leiden seiner Patienten durch Bewusstmachen der unterdrückten biologischen Wünsche zu heilen, könnte man dieser Bewusstmachung einen moralischen Wert zuordnen. Für eine Ethik auf dieser Grundlage verweisen wir auf Cavells moralischen Perfektionismus (siehe z.B. Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit). Psychoanalyse steht in Konflikt mit Offenbarungsreligionen, weil sie Religionen deutet, anstatt die Deutungshoheit der Religion zu anerkennen. Das generelle Hinterfragen von Normen macht aber auch vor anderen kulturellen Einrichtungen nicht halt:
Von der Einschätzung, dass die Religion eine illusionäre, aber doch äusserst relevante Gestaltungskraft in der Kultur darstellt, kommt Freud zu einem generellen Verdacht gegenüber den Institutionen des kulturellen Lebens (…):
„Wenn wir die religiösen Lehren als Illusionen erkannt haben, erhebt sich sofort die weitere Frage, ob nicht auch anderer Kulturbesitz, den wir hochhalten und von dem wir unser Leben beherrschen lassen, ähnlicher Natur ist. Ob nicht die Voraussetzungen, die unsere staatlichen Einrichtungen regeln, gleichfalls Illusionen genannt werden müssen [Hampe, 186]
Mit „Illusion“ ist hier „glücksversprechende Illusion“ gemeint.
Wie wir gesehen hatten, bewältigt die Kultur in Freuds Augen „die Aggressionslust des Individuums“ dadurch, dass sie seine körperlichen und emotionalen Kräfte schwächt, indem sie ihm viele Nöte des Lebens abnimmt, auf diese Weise ihn jedoch letztlich „entwaffnet“ und durch ihre Normen „eine Instanz in seinem Inneren“ erschafft, ihn „wie durch eine Besatzung in der eroberten Stadt überwachen lässt.“ Die Überwachungsinstanz, die die Kultur zur Beherrschung der Aggression einsetzt, ist das Gewissen oder, wie Freud es nennt, das „Überich“. In dieser psychischen Instanz üben die verinnerlichten Wertvorstellungen, die Menschen von ihren Eltern in der Kindheit übernehmen, eine lebenslange Kontrolle aus [Hampe, 188]
Kultivierung bedeutet daher nicht ein Verschwinden der Aggression, sondern eine Umformung, bei der die zwischenmenschliche und gegen gestaltete Dinge gerichtete Aggression zu einer wird, die sich innerhalb des einzelnen Menschen, in seinem eigenen psychischen Leben abspielt; kurz gesagt: aus interindividueller Aggression wird innerindividuelle. Betrachtet man in einer etwas banalen Kategorisierung Aggression und Zerstörung als schlecht, Friedfertigkeit und Konstruktion als gut, so stellt die Kultivierung eines Menschen keineswegs eine Entwicklung zum Guten dar. Es scheint nur so, als würde sie das Zerstörerische der Aggression aus der Welt geschafft, es wird aber nur unter den Teppich gekehrt [Hampe, 190]
Die Thematik der kulturell kontrollierten Agression wird z.B. in der Novelle A Clockwork Orange von Anthony Burgess aufgegriffen.
Laut Freud können die kulturellen Glücksversprechungen nicht eingehalten werden. Dass die psychoanalytische Befreiung der Individuen eine Gesellschaft mit weniger Leiden produziert ist aber möglicherweise auch eine Utopie. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass reales Leiden einfacher zu ertragen ist als neurotisches Leiden. Man muss sich nur agressive „befreite“ Partner, Mitarbeiter, Jugendliche, Konkurrenten und im schlimmsten Fall Kriegsgegner vorstellen um die gutbürgerlichen Neurosen wieder schätzen zu lernen. Für Freud ist die (biologische) Verknüpfung von Agression und Lust jedenfalls Anlass zu einem tiefgründigen Kulturpessimismus [Freud].
4.3 Nietzsche
Motivation
Nietzsche wollte anders als klassische Moralphilosophen keine Moral herleiten oder begründen, sondern die geschichtliche Entwicklung und die psychischen Voraussetzungen bestimmter moralischer Wertvorstellungen nachvollziehen (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Dies ist im Prinzip das Programm der deskriptiven Ethik. Nietzsche hat jedoch bestehende Ethiken in einer Art und Weise bewertet, welche weit von einer neutralen Beschreibung entfernt ist.
Unter den zahlreichen von Nietzsches Genealogie der Moral beeinflussten Denkern sind Sigmund Freud und Michel Foucault zu nennen (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Vorrede
In der Vorrede zu seiner Schrift kritisiert Nietzsche Paul Rées Der Ursprung der moralischen Empfindungen (1877). Rée und seinesgleichen seien viel zu sehr voreingenommen für moderne, utilitaristische und altruistische Moralvorstellungen, um die Genealogie der moralischen Werte zu verstehen (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Erste Abhandlung: Gut und Böse
Hier wird der von [Nietzsche] seit Menschliches, Allzumenschliches angedeutete Unterschied zwischen einer Herren- und Sklavenmoral erläutert:
1. Herren- und Sklavenmoral: Herrenmoral sei die Haltung der Herrschenden, die zu sich selbst und ihrem Leben Ja sagen könnten, während sie die anderen als „schlecht“ (Wortstamm: „schlicht“) abschätzten. Sklavenmoral sei die Haltung der „Elenden […], Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen […], Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen“, die zuerst ihr Gegenüber – die Herrschenden, Glücklichen, Ja-Sagenden – als „böse“ bewerteten und sich selbst dann als deren „guten“ Gegensatz ausmachten. Es sei vor allem die Moral des Christentums gewesen, die eine solche Sklavenmoral zum Teil selbst hervorgerufen, in jedem Fall aber begünstigt und sie dadurch zur herrschenden Moral gemacht habe.
2. Ressentiment: Dies sei das Grundempfinden der Sklavenmoral. Aus Missgunst, Neid und Schwäche schüfen sich die „Missratenen“ eine imaginäre Welt (zum Beispiel das christliche Jenseits), in der sie selbst die Herrschenden sein und ihren Hass auf die „Vornehmen“ ausleben könnten. (Nietzsche, Wikipedia)
Die zweite Art der Wertung sieht Nietzsche im Judentum und Christentum, der ersten ordnet er das römische Reich, aber auch noch die Renaissance und Napoléon zu. Freilich würde der Gegensatz zwischen diesen Arten der Moral immer noch in einzelnen, zwiespältigen Menschen ausgekämpft; in den höheren und geistigeren Naturen seien heute beide Arten der Wertschätzung vorhanden und im Kampf miteinander. Im Ganzen sei allerdings die Sklavenmoral siegreich gewesen. Nietzsche selbst drückt mehrfach – wenn auch nicht ohne Vorbehalte und Differenzierungen – seine deutlich stärkere Sympathie für die „vornehme“ Weltsicht aus, und scheint zu hoffen, dass sie dank seiner Philosophie den Kampf gegen die „pöbelhafte“ Moral wieder aufnehmen kann (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Ein weiterer wichtiger Begriff in Nietzsche’s Moralkritik ist das Mitleid. Während der Pessimist Schopenhauer Mitleid ins Zentrum seiner Ethik gestellt hat, um seine Philosophie der Verneinung des Lebens umzusetzen, drehte Nietzsche die These vom Mitleiden nach seinem Bruch mit der Schopenhauerschen Philosophie um: Weil das Leben zu bejahen sei, gelte das Mitleid – als Mittel zur Verneinung – als Gefahr. Es vermehre das Leiden in der Welt und stehe dem schöpferischen Willen entgegen, der immer auch vernichten und überwinden müsse – andere oder auch sich selbst. Aktive Mitfreude im Gegensatz zum passiven Mitleid oder eine grundsätzliche Lebensbejahung (amor fati) seien die höheren und wichtigeren Werte (Nietzsche, Wikipedia).
Zweite Abhandlung: „Schuld“, „schlechtes Gewissen“ und Verwandtes
Hierin untersucht Nietzsche die Herkunft der Idee, Menschen könnten „Verantwortung“ für etwas übernehmen, und das im Tierreich außergewöhnliche menschliche Gedächtnis überhaupt. Den moralischen Begriff der „Schuld“ sieht er im materiellen Begriff der „Schulden“ gegen einen Gläubiger begründet. Er deutet die vielfältigen vorgeblichen und realen Zwecke an, die die Strafe in der Geschichte diverser Kulturen gespielt habe. Sie sei, wie alle Tatbestände, unter neuen Machtkonstellationen immer neuen Interpretationen unterworfen gewesen. Das schlechte Gewissen hat nach Nietzsche seinen Ursprung in der Zivilisierung des Menschen, der unter dem Druck, in einer organisierten Gesellschaft zu leben, seinen aggressiven Trieb nach innen und gegen sich selbst lenke (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Dritte Abhandlung: was bedeuten asketische Ideale?
Nietzsche untersucht die unterschiedlichen Gestalten, in denen asketische Ideale in der Geschichte aufgetreten sind und heute auftreten, sowie ihre vielfältigen (vermeintlichen und tatsächlichen) Zwecke. Er deutet und bewertet das Verfolgen solcher Ideale bei Künstlern – Richard Wagners Parsifal als Beispiel –, Philosophen – besonders Schopenhauers Willensverneinung –, bei Priestern, bei den nach eigener Einschätzung „Guten und Gerechten“, bei Heiligen und schließlich auch bei modernen vermeintlichen Gegen-Idealisten, Atheisten, Wissenschaftlern und kritischen, antimetaphysischen Philosophen. Deren unbedingter „Wille zur Wahrheit“ sei die letzte, feine Gestalt des asketischen Ideals. Nach einer Betrachtung des gegenwärtigen und kommenden Nihilismus in Europa gibt Nietzsche einen letzten Grund an, warum bisher das asketische Ideal fast als einziges geehrt worden sei: nämlich schlicht in Ermangelung eines besseren Ideals. Der Mensch könne nicht „nicht wollen“, und so habe er bisher lieber noch in Nihilismus und Askese „das Nichts gewollt“ (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Nietzsche’s Moral
Die Gedankengänge werden von Nietzsche zu einer immer radikaleren Kritik am Christentum, etwa in Der Antichrist, gebündelt. Dieses sei nicht nur nihilistisch in dem Sinne, dass es der sinnlich wahrnehmbaren Welt jeden Wert abspreche – eine Kritik, die in Nietzsches Verständnis auch den Buddhismus trifft –, sondern im Gegensatz zum Buddhismus auch aus Ressentiment geboren. Das Christentum habe jede höhere Art Mensch und jede höhere Kultur und Wissenschaft behindert. In den späteren Schriften steigert Nietzsche die Kritik an allen bestehenden Normen und Werten: Sowohl in der bürgerlichen Moral als auch im Sozialismus und Anarchismus sieht er die Nachwirkungen der christlichen Lehren am Werk. Die ganze Moderne leide an décadence. Dagegen sei nun eine „Umwertung aller Werte“ nötig (Nietzsche, Wikipedia).
Alle drei Abhandlungen enden mit der Aussicht auf eine neue Moral, für die Nietzsche auf seinen Zarathustra verweist. Diese neue Moral ist allerdings nach Ansicht aller Rezipienten nicht so klar und deutlich zu erkennen wie Nietzsches Kritik der bisherigen „Moralen“ (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).
Dass diese neue Moral nicht so deutlich zu erkennen ist mag daran liegen, dass Nietzsche oft von einer Methode und nicht von einem Resultat spricht. Wenn man sein Konzept so versteht, dass jeder seine eigene Moral schaffen und mit anderen Ethiken konkurrieren muss, dann kann es kein eindeutiges Resultat geben. Mehr zu dieser Interpretation findet man in der Dissertation Moral als Selbsterschaffung von [Zerm]. Es ist jedoch fraglich, ob Nietzsche eine individuell und selbständig entwickelte Ethik akzeptieren würde, welche nach der Auflösung des Selbst trachtet (wie z.B. den Buddhismus). Seine Texte bewerten das Streben nach Macht und den Willen zum Überleben in einer durchaus normativen Art und Weise.
Freuds Ethik
unterscheidet sich von derjenigen Nietzsches hauptsächlich dadurch, dass sie am
unbewussten Wunsch nach Glück (bzw. Lust) festhält und den Wert der Kultur in
Frage stellt, während Nietzsche jedes Opfer recht ist, um kulturelle
Überlegenheit zu erreichen. Freuds und Schopenhauers
Kulturpessimismus stellen den (moralischen) Wert des Lebens in Frage, während
Nietzsche jede Geisteshaltung verwirft, welche das Überleben gefährdet.
Nietzsche würde eher die Tätigkeit des Analysierens verwerfen, als ein
pessimistisches Resultat zu akzeptieren.
4.4 Rawls
Gewaltmonopol
Die Vertragstheorie ist ursprünglich ein Gedankenexperiment, um staatliche Rechtsordnungen moralisch und institutionell zu begründen. Vertragstheorien versuchen, die vertraglich beschlossenen Gewaltmonopole als folgerichtige historische Entwicklung plausibel zu machen. Sie können als Gedankenexperiment verstanden werden, das sich in einen argumentationsstrategischen Dreischritt gliedert: Naturzustand – Gesellschaftsvertrag – Gesellschaftszustand. Es wird von einem Naturzustand als rechtsfreiem Raum ausgegangen, in dem sich jeder mit jedem im Krieg befindet. Dabei wird die traditionelle christliche Vorstellung einer "Gnade von oben", die für den Frieden sorgt, ausgeblendet. Der Naturzustand ist so unerträglich, dass alle sich wünschen, ihn aufzulösen. Der Gesellschaftszustand als Rechtsraum, in dem die Gesellschaftsmitglieder geordnet zusammenleben, stellt sich als kleineres Übel dar. Daher postuliert die Vertragstheorie, dass diejenigen, die sich im Naturzustand befinden, durch einen Vertrag (also durch freiwillige Übereinkunft) in den Gesellschaftszustand übergehen. Die Vertragstheorie behauptet nicht, tatsächliche Ereignisse zu beschreiben, sondern ist hypothetisch. Das Gedankenexperiment versucht zu zeigen, dass der rechtsfreie Raum eine Gefangenendilemma-Situation mit sich bringe, also die Unmöglichkeit gegenseitigen Vertrauens. Die Anwendung des Rechts erscheint dann als friedenssichernder Ausweg.
(Vertragstheorie, Wikipedia)
Vertragskonzepte
1. Die Vertragstheorie von Hobbes ist eine sehr pragmatische Art von Moral und ziemlich resistent gegen alle von Nietzsche angeführten Argumente. Ein Individuum entscheidet sich für einen sozialen Vertrag und gegen die Anarchie, weil es sich einen Vorteil davon erhofft. Die Starken und Mächtigen unterschreiben den Vertrag, weil sie gewillt sind, einen Preis für Stabilität zu bezahlen. Die Idee der rationalen Kooperation hat keine Beziehung zu den von Nietzsche kritisierten Grundlagen der Moral (göttlicher Wille, Mitleid, Nächstenliebe oder andere Ideale). Nachfolger von Hobbes sind z.B. Gauthier, Narveson und Buchanan.
2. Kant geht von der Maxime aus, dass alle vor dem Gesetz gleich sein sollten, eine Forderung, welche ursprünglich gegen den Adel gerichtet war. Der gegenseitige Respekt (Autonomie des Individuums, Menschenwürde) führt zur Reziprozität der moralischen Ansprüche. Wenn Reziprozität auf alle angewendet wird, dann entsteht das Prinzip der moralischen Universalität [Ulrich, 32]. Kant forderte dass soziale Verträge öffentlich begründet werden müssen, sodass ihre Logik von jedermann nachvollzogen werden kann. Nachfolger von Kant sind z.B. Rawls und Scanlon .
(Die erste Art von Vertragstheorie wird im Englischen als Contractarianism bezeichnet, die zweite als Contractualism, siehe Contractarianism, Stanford Encyclopedia of Philosophy). Die Kantianische Linie der Vertragstheorie kann trotz ihres rationalen Denkansatzes als idealistisch bezeichnet werden und ist damit in der Schusslinie von Nietzsche. Die Idee der Autonomie und der Menschenwürde sind Errungenschaften der Aufklärung, d.h. ein Stück kulturelle Abwendung von biologischen Gesetzen. Die Idee des Zusammenlebens der Menschen auf der Grundlage von Vernunft ist ein kulturelles Phänomen. Falls die Vernunft-Ethiken dem Sozialdarwinismus auf Dauer überlegen sind, dann darf auch Nietzsche dieser milden Form von Idealismus zustimmen. Die Frage, ob die normative Kraft der Vernunft ausreicht ist aber völlig offen.
Freiheit und Solidarität
1. Der Übergang von der biologischen bzw. natürlichen Ordnung zu einer gewaltfreien, demokratischen Gesellschaftsstruktur entschärft viele Konflikte des Zusammenlebens, ist aber selbst auch mit Risiken behaftet. Laut [Freud] können aufgestaute Aggressionen innerhalb der Gemeinschaft können Gewaltausbrüchen gegen fremde Gemeinschaften oder gegen Minderheiten innerhalb der eigenen Gemeinschaft führen (z.B. gegen diejenigen, welche mit den ethischen Vorschriften am schlechtesten zurechtkommen). Gegen innen gerichtete Aggression kann auch die Verbreitung von Depressionen oder von neurotischen Verzerrungen des Charakters begünstigen. Das Rawl’sche Gerechtigkeitsideal ist ein mittlerer Weg zwischen ethischen Gesetzen welche stark in das individuelle Leben eingreifen (wie etwa bei strenggläubigen Juden oder Muslims) und einer gesetzlosen, anarchistischen Welt, welche nur die Starken und Anpassungsfähigen fördert. Gerechtigkeit im Sinne von Rawls ist kein Egalitarismus, sondern ein Ausbalancieren von Freiheit und Solidarität. Die biologischen Kräfte versuchen, die Gesetze in Richtung Sozialdarwinismus zu drängen. Rawls’ Konzept (marktwirtschaftliche Gesetze kombiniert mit einer Umverteilung) ist eine Verbindung von liberalen und sozialen Ideen, ein sog. Egalitärer Liberalismus.
2. Für eine tiefgründige Analyse des Konfliktes zwischen Freiheit und Solidarität wird auf Rawls Theory of Justice verwiesen. Das reflexive Gleichgewicht von Rawls hat eine Beziehung zum Freudschen Strukturmodell (Gleichgewicht zwischen Es und Über-Ich) und zur aristotelischen Mesotes-Lehre. Die biologische Nutzenfunktion hat in der Psyche (mindestens statistisch gesehen) eine ähnlich klare Stellung wie ein Ideal und ist mathematisch genau definierbar. Das Gerechtigkeitsideal ist ebenso genau definierbar, wie man sich leicht anhand von Rawls formelartigen Grundsätzen überzeugen kann. Es stehen sich folglich zwei Ideale gegenüber, zwischen welchen das Freudsche Ich vermitteln muss.
Umverteilung
1) Wettbewerb
a) Die Gesetze der freien Marktwirtschaft stellen eine sublimierte Version des biologischen Konkurrenzkampfes dar. Es müssen zwar gewisse Regeln und Rahmenbedingungen (insbesondere die Grundrechte) eingehalten werden, im Übrigen aber gilt das Recht des Stärkeren. Die Idee des freien Wettbewerbes besteht darin, dass er letztlich wieder allen zugute kommt. Dieses Ziel wird im Gesellschaftsvertrag festgelegt und hat den Charakter eines Ideals.
b) Im Unterschied zum Aushandeln eines Gesellschaftsvertrages hat bei den Vertragsverhandlungen in einer freien Marktwirtschaft nicht jeder Vertragspartner das gleiche Stimmrecht. Die Verträge unterliegen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage und schaffen Ungleichheiten. Diese können erst später durch einen gesellschaftlichen Umverteilungsmechanismus wieder ausgeglichen werden.
2) Differenz-Prinzip
a) Die Idee des Differenz-Prinzips besteht darin, das individuelle Machtstreben nicht zu unterdrücken, sondern durch eine Umverteilung für das Gerechtigkeitsideal nutzbar zu machen. Das Gerechtigkeitsideal stellt Meritokratie über Egalitarismus um parasitäres Verhalten zu bekämpfen
b) Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage der materiellen Umverteilung sondern auch eine Frage von emotionaler Zuwendung, Talenten und Anpassungsfähigkeit. Diese Art von Gerechtigkeit lässt sich (wenn überhaupt) nur durch Erziehung, Weiterbildung und Therapien beeinflussen.
c) Ungerechtigkeit wird auch durch Schicksalsschläge (Krankheit, Unfälle etc.) erzeugt. Materielle Umverteilung nach Schicksalsschlägen ist zwar im Rahmen von Versicherungen möglich, aber der emotionale (und weitaus wichtigere) Teil des Leidens ist nicht beeinflussbar.
Intergenerationelle Gerechtigkeit
Unter dem Begriff intergenerationelle Gerechtigkeit werden zwei Themen angesprochen:
Die Verantwortung gegenüber den Alten: Stichwort „drohender Kollaps der Sozialvorsorgesysteme, bedingt durch Geburtenrückgang und Überbevölkerung“.
Die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen: Stichwort „Umweltverschmutzung, Verschlechterung der allgemeinen Lebensverhältnisse und Ausbeutung von Rohstoffen“.
Intergenerationelle Gerechtigkeit, Stefan J.W.Marti
Siehe auch Negative Utilitarianism and Justice.
Überlegungen zur intergenerationellen Gerechtigkeit in der Populations-Ethik findet man in The Procreation of Risk.
Privater Bereich
Betrachten wir zuerst die Rahmenbedingungen des Gesetzes: Das Rawls’sche Gerechtigkeitsideal unterstützt grundsätzlich den liberalen Standpunkt, solange die Freiheit des einen nicht die Freiheit des anderen einschränkt. Damit entsteht in vielen Bereichen des privaten Lebens eine Art Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage. Es müssen zwar die gesetzlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden, im Übrigen aber gilt das Recht des Stärkeren. Das Privatrecht sieht, im Gegensatz zum öffentlichen Recht, eine aus der Privatautonomie abgeleitete Freiheit des Willens vor, die es dem Einzelnen gestattet, mit anderen in eine Rechtsbeziehung zu treten (oder auch darauf zu verzichten). Im Bereich der Partnerschaften muss z.B. jeder selbst versuchen, die für ihn beste Mischung aus Autonomie (Freiheit) und Gemeinsamkeit (Schutz) zu finden.
Weil Verfassungen für eine grosse Zahl von Menschen und für viele Generationen gelten, kommen die Überlegungen der Spieltheorie zum Tragen. Bei Verträgen in kleinen Gruppen ist diese Theorie nicht anwendbar. Tomas M.Scanlon, der populärste zeitgenössische Vertreter des Kontraktualismus entwickelte die pragmatischen Überlegungen beim Abschliessen von Verträgen zu einer ethischen Theorie. Diese gründet auf zwei Ideen
1. Ethik ist eine Angelegenheit zwischen Individuen
2. Eine Tat muss darnach beurteilt werden, ob sie vor den anderen gerechtfertigt werden kann.
Dabei werden folgende Voraussetzungen gemacht:
1. Die anderen sind vollständig informiert
2. Sie denken rational
3. Sie können frei entscheiden
Eine Tat ist dann moralisch vertretbar, wenn es unter diesen Bedingungen keine vernünftigen Gründe gibt, sie abzulehnen. Scanon konzentriert sich auf das, was moralisch falsch ist, nicht auf das was richtig sein könnte [Voorhoeve, 2]. Er folgt damit einer Idee von Karl Popper:
It adds to clarity in the fields of ethics, if we formulate our demands negatively
(Karl R.Popper, The Open Society and its Enemies, London 1945, I 9 n.2).
Der Kontraktualismus ist flexibler als die antike Tugendethik, weil er stets den Kontext der Tat miteinbezieht. Diebstahl kann z.B. entschuldigt werden, wenn der Dieb aus guten Gründen gestohlen hat (Contractualism, Wikipedia).
Die Schwächen des Konzeptes liegen in den Voraussetzungen:
1. Die Betroffenen sind häufig ungleich informiert
2. Es gibt kein rationales Denken unabhängig von Gefühlen
3. Die Freiheit ist in der Praxis oft eingeschränkt (z.B. durch materielle Abhängigkeit)
4. Offene und direkte Mitteilungen lösen nicht nur Probleme, sondern schaffen auch Konflikte.
5. Nicht vertragsfähige aber leidensfähige Lebewesen werden nicht geschützt (z.B.geistig Behinderte und Tiere)
Die Ethik von Scanlon ist konzeptionell verwandt mit dem moralischen Perfektionismus von Stanley Cavell. Das Normative konzentriert sich auf die Methode und definiert kein inhaltliches Ziel.
4.5 Buddha
Der Buddhismus entstand in einem völlig anderen historischen Umfeld als Rawls’ Theory of Justice. Wir versuchen hier zwei zentrale Werte des Buddhismus in die heutige Zeit zu übertragen:
Risiko-Aversion
1) Die Mehrheit der Menschen hat eine natürliche Tendenz zur Risiko-Aversion. Ausgewogene Erfahrungen verstärken diese Aversion, weil Glück in einem asymmetrischen Verhältnis zum Leiden steht (siehe dazu Negative Utilitarianism and Justice). Das Differenz-Prinzip von Rawls konzentriert sich auf den materiellen (korrigierbaren) Aspekt von Ungerechtigkeit und gilt als risiko-avers. Die Tatsache, dass emotionale Ungerechtigkeit nicht materiell kompensiert werden kann, spricht dafür, vermeidbare Ungerechtigkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen.
2) Die gleichen Argumente sprechen für Gewaltprävention. Eine gerechte Verfassung lässt sich aber nicht gewaltlos in die Praxis umsetzen. Die schwierige Aufgabe besteht darin abzuschätzen, welches Leiden verursacht werden darf, um ein noch grösseres Leiden zu vermeiden. Der Buddhismus ist in solchen Abschätzungen ausgesprochen risikio-avers und vermutet, dass schon die Staatenbildung eine Fehlkonstruktion ist. Die Verbindung der Lehre mit nationalstaatlichen Interessen und Kriegen steht jedenfalls klar in Widerspruch zur rückzugs-orientierten Philosophie des Gründers. Siehe dazu The Principles of Non-Violence and Disengagement.
3) Gerechtigkeit ist auch eine Frage des Wissens. Man kann z.B. durch gut gemeinte aber kontraproduktive Ideologien und Hilfsaktionen die Lage verschlimmern. Es ist deshalb eine Aufgabe jeder Vernunft-Ethik, die kulturellen Systeme möglichst gut zu verstehen. Dazu gehören insbesondere auch die Ambivalenz der Technik und die von ihr produzierten Risiken. Siehe dazu On the Perception of Risk and Benefit. Die vielen kleinen Entscheidungen im Alltag summieren sich zu gravierenden Auswirkungen auf das Ökosystem, die Entwicklungsländer, andere Kulturen, die Tierwelt usw. Der Einzelne ist sich der Folgen nicht bewusst, weil sie indirekt oder langfristig sind. Man muss die strukturelle Gewalt des Systems erkennen, um gerecht zu handeln. Aus buddhistischer Sicht befinden wir uns auf dem falschen Weg wenn wir Komplexität schaffen, die uns nicht mehr erlaubt, die Folgen des täglichen Handelns abzuschätzen.
Mitgefühl
Mitgefühl hat wahrscheinlich eine evolutionäre Grundlage und diente ursprünglich der biologischen Nutzenfunktion. Mitgefühl hat aber auch einen kognitiven Aspekt. Es gibt gute Gründe in den Mitmenschen (eingeschlossen die zukünftigen Generationen) einen Teil unseres eigenen Selbst zu sehen.
1. Es ist nicht eine individuelle Seele, welche wiedergeboren und einem Lernprozess unterworfen ist, aber es sind Gene, welche wiedergeboren werden und einem Lernprozess unterworfen sind. Der genetische Unterschied zwischen den Menschen beträgt nur ca. 0.5 % (siehe Mendel und die Mathematik der Vererbung); Menschen werden zu 99.5 % reinkarniert.
2. Es gibt zwar viele Funktionen in unserer Psyche und in unserem Körper, die von einer ganz bestimmten Genkombination und Lebensgeschichte geprägt sind, aber die weitaus grösste Zahl der Funktionen haben wir mit allen Menschen gemeinsam. Insofern lebt ein Teil unseres Selbst in den anderen.
3. Eine ähnliche Überlegung gilt auch für die Beziehung zwischen Menschen und leidensfähigen Tieren. Die genetische Übereinstimmung mit gewissen Primaten beträgt bis zu 98%.
Gefühlsmässig ist es schwierig diese Übereinstimmung zu sehen, weil der Phänotyp viel stärker variiert als der Genotyp. Was die Verbindung zu Mitmenschen betrifft ist es hilfreich, sich selbst aus einer gewissen Distanz betrachten. Wer die einzelnen Stationen (Phasen) seines Lebens, die Veränderungen des Charakters, der Gefühlslage und der äusseren Erscheinung reflektiert, der wird wahrscheinlich bestätigen, dass er früher ein anderer Mensch war. Wer sein Leben als zusammengesetzt aus verschiedenen Personen sieht, der kann besser nachvollziehen, dass ein wesentlicher Teil seines Selbst in den anderen lebt (siehe auch Negative Utilitarianism and Justice). Buddha kannte die genetischen Gesetze nicht, aber er spürte intuitiv, dass die leidensfähigen Lebewesen durch einen komplexen Mechanismus miteinander verbunden sind. Er distanzierte sich von der hinduistischen Vorstellung der individuellen Seele, aber insistierte auf einer kausalen Weitergabe von „Wirkungen“.
4.6 Sokrates
Die normative Kraft der Vernunft
„Es gibt keine Instanz über der Vernunft. Wenn die Wahrheit der religiösen Lehren abhängig ist von einem inneren Erlebnis, das diese Wahrheit bezeugt, was macht man mit den vielen Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis nicht haben? Man kann von allen Menschen verlangen, dass sie die Gabe der Vernunft anwenden, die sie besitzen, aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen existiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden ekstatischen Zustand die unerschütterliche Überzeugung von der realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen hat, was bedeutet das dem Anderen?“ Freud, zitiert von [Hampe, 187].
Freud argumentiert hier in der stillschweigenden Annahme, dass alle Menschen Vernunft besitzen und sie frei anwenden können. Die mehr oder weniger starke Ausprägung (bzw. Anwendung) der Vernunft ist aber ein kulturelles Merkmal. Wir sind deshalb mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie bei der religiösen “Erleuchtung”. Es gibt mehr oder weniger vernünftige Menschen, abhängig von der Bildungs-Situation und von den individuellen Erfahrungen innerhalb einer Kultur. Es gibt auch mehr oder weniger Möglichkeiten argumentative Debatten zu führen, abhängig von den tolerierten Kommunikationsformen. Die Entstehung von Moral durch Begründungen, die Reflexion von Präferenzen, die Bewertung von Risiko-Aversion und Mitgefühl, all diese Elemente einer Vernunft-Ethik sind an eine entsprechende Sozialisation geknüpft.
Die biologische Interpretation der Gerechtigkeit (Kap.3.4) ist zwar reduktionistisch, aber auch kulturelle Phänomene sind den evolutionären Mechanismen unterworfen. Die normative Kraft der Vernunft ensteht aus der (möglichen) Überlegenheit einer vernünftigen Kultur.
Kulturelle Überlegenheit (z.B: kriegerischer und ökonomischer Art) entsprach ursprünglich einem biologischen Muster wonach Dominanz zu einer höheren Zahl von Nachkommen führt. Das Muster ist zwar mittlerweile komplexer geworden; militärische und ökonomische Überlegenheit korreliert nicht mehr mit dem Wachstum der Population und die mächtigsten Familien sind nicht mehr die grössten Familien. Aber die Tendenz, dass sich die Moral der überlegenen Kultur durchsetzt, ist immer noch vorhanden. Der Erfolg legitimiert die Moral; die Gesetze werden von den Siegern erlassen. Beispiel:
1948: Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN-Generalversammlung am 10. Dezember, maßgeblich motiviert durch die Menschenrechtsverletzungen des Zweiten Weltkriegs (Menschenrechte, Wikipedia).
Eine Koalition von heterogenen Systemen gewann den Krieg. Die Menschenrechte haben sich im Westen durchgesetzt, weil die demokratischen westlichen Nationen zur siegreichen Koalition gehörten. Man muss sich überlegen, welche Ethik bei einem Sieg des Nationalsozialismus propagiert worden wäre.
Aufklärung
Die Sozialisation welche die Vernunft-Ethik rettet ist die Kultur der Aufklärung. Aufklärung hat einen universalistischen Anspruch. Der Begriff moralischer Universalismus bezieht sich aber nicht auf alle Werte, sondern nur auf einen „harten“ Kern. Der moralische Universalismus postuliert z.B. dass es möglich ist durch Argumentieren einen globalen Konsensus zu erreichen bezüglich
1. Gewaltmonopol des Staates (d.h. gewaltlose Lösung der Konflikte zwischen Bürgern)
2. Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Justiz)
3. The rule of law (niemand steht über dem Gesetz)
4. Menschenrechte
Diese Werte sichern die Freiheit des Denkens und der öffentlichen Diskussion, d.h. die Voraussetzungen, unter welchen die herrschende Moral immer wieder kritisiert werden kann.
Die Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht und wird in einer Verfassung als ein gegen die Staatsgewalt gerichtetes Grundrecht garantiert, um zu verhindern, dass die öffentliche Meinungsbildung und die damit verbundene Auseinandersetzung mit Regierung und Gesetzgebung beeinträchtigt oder gar verboten wird. In engem Zusammenhang mit der Meinungsfreiheit sichert die Informationsfreiheit den Zugang zu wichtigen Informationen, ohne die eine kritische Meinungsbildung gar nicht möglich wäre; das Verbot der Zensur verhindert die Meinungs- und Informationskontrolle durch staatliche Stellen. Im Unterschied zu einer Diktatur sind der Staatsgewalt in einer Demokratie die Mittel der vorbeugenden Informationskontrolle durch Zensur ausdrücklich verboten (Meinungsfreiheit, Wikipedia).
Für Menschen, welche in einer irrationalen, aber kulturell homogenen Umgebung sozialisiert werden ist es schwierig, Rationalisierungen zu durchschauen. Das verfügbare Wissen und die Sprache sind bereits so konzipiert, dass Alternativen ausgeschlossen werden. Wer die Alternativen nicht sieht, kann auch nicht politisch aktiv werden. Man muss zuerst erkennen, dass es Alternativen gibt und dass diese unterdrückt werden. Im Falle eines nationalsozialistischen Sieges hätten die Theoretiker des Dritten Reiches die notwendigen Gründe gefunden, um ihre „Moral“ zu rechtfertigen. Sie hätten vermutlich den Begriff „vernünftig“ für ihre Ethik verwendet. Moralischer Universalismus ist auch erreichbar, indem man Theoriediskussionen verhindert und die Sprache verzerrt. Wie die Geschichte des Totalitarismus zeigt, ist es sogar möglich die Psychiatrie so umzufunktionieren, dass sie oppositionelle Gedanken pathologisiert. Noch einfacher erreicht man aber den moralischen Universalismus, indem man alle Menschen mit abweichenden Wertvorstellungen ausrottet.
Die Befreiung des Denkens ist u.U. ein gefährliches Projekt und erfordert eine spezielle, von der historischen Situation abhängige Technik.
Mit obenstehender Aussage haben wir uns bereits auf die Rolle des Widerstandes festgelegt. Wir können uns aber fragen, warum sich die zufriedene Mehrheit in einem faschistischen Staat überhaupt um innere Freiheit bemühen sollte. Die allgemeine Form dieser Frage wird durch den Vergleich des suchenden Sokrates mit dem glücklichen Schwein thematisiert. Es ist tatsächlich schwierig, die Suche nach Erkenntnis zu begründen, wenn das Glück des Schweines gesichert ist. In der Realität ist dieses Glück aber nie gesichert; es ist immer bedroht durch Konkurrenzkampf, Krankheit, Alter und Tod. Der glückliche Faschist ist zusätzlich bedroht durch die Willkür der Diktatur, welche ihn (oder seine Angehörigen und Freunde) jederzeit von den Geschützten zu den Verfolgten umklassieren kann.
Wir haben jetzt den Wunsch nach Denkfreiheit mit der Fragilität des Glücks und mit drohendem zukünftigem Leiden begründet. Aus evolutionärer Sicht dürfte das Nachdenken aus Situationen des aktuellen Leidens entstanden sein. Wenn aber dieses Nachdenken erst einmal existiert, dann zeigt sich bald, dass es mit Erfolg auf zukünftiges Leiden angewendet werden kann. Die Verknüpfung von Reflexion und Leiden (bzw. volatilem Glück) hat eine lange Tradition und ist institutionalisiert in der philosophischen Therapie:
Philosophische Therapie
1. Philosophische Therapie, welche von der Unterdrückung durch gesellschaftliche Normen befreit, steht in der Tradition von Nietzsche und Freud. Aus der Sicht der Unterdrückten spricht vieles dafür, Selbstverwirklichung zur moralischen Norm zu erheben, wie dies z.B. der moralische Perfektionismus von Stanley Cavell vorgibt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Psychoanalysen zu einer Expansion der Wünsche und Geltungsansprüche tendieren und innere Konflikte in äussere verwandeln. Neurotisch gebundene Energie wird befreit und die Agression nach aussen gelenkt. Passivität wird tendenziell zu Aktivität und Angepasstheit zu Rebellion. Psychoanalyse schafft die Voraussetzungen für eine wirksame Opposition gegen verkrustete oder totalitäre Gesellschaftssysteme (und ist konsequenterweise in solchen Systemen verboten).
2. Die Befreiung der biologischen Kräfte von ihrer neurotischen Verzerrung hat aber auch eine Kehrseite. Die Denkfreiheit wird jetzt nicht mehr durch ein totalitäres (Glaubens-)system bedroht, sondern durch die eigene Natur. Wer leidenschaftlich lebt, kommt nicht mehr zum Nachdenken. Wer die Gesetze selbst schafft, bedroht die Freiheit der anderen. An einem gewissen Punkt wird die Vernunft selbst als unterdrückende Instanz empfunden und der Weg zu einer rationalen Kooperation verschlossen. Damit stossen wir auf den Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit. Die biologischen Kräfte wirken wie ein totalitäres System, welches keine Alternativen zulässt. In Kulturen, welche unter strengen moralischen Vorschriften leiden geht oft vergessen, dass die Abwesenheit von Moral zu einer Tyrannei der Stärkeren führt oder zu einem Chaos von Konflikten. In solchen Situationen braucht es wieder mehr Moralität. Philosophische Therapien in der hellenistischen Tradition haben gezeigt, dass Reflexion zu mehr Selbstkontrolle und Verzicht führen kann.
(siehe Philosophy as Therapy - Introduction)
Fazit: Innere Freiheit ist verknüpft mit emotionaler Freiheit. Es ist ein fragiles Gleichgewicht zwischen der Tyrannei der Aussenwelt (zum Teil in einer internalisierten Form) und derjenigen der eigenen (biologischen) Natur. Für eine ausführlichere Darstellung siehe Über die Wissenschaftlichkeit der philosophischen Therapie.
5.1 Grundlagen
Die von den Lebenszielen gesteuerten Arten der Wahrnehmung (Kap.3) existieren in verschiedenen Personen, aber auch als verschiedene Perspektiven innerhalb der gleichen Person. Die fiktiven Interessenvertreter innerhalb unserer Psyche kooperieren oder bekämpfen sich je nach Situation, so wie die Parteien in einem demokratischen Parlament. Jede Partei hat ihre eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit. In der Spieltheorie ist die Dualität von Konkurrenz und Kooperation bekannt unter dem Namen Kooperationswettbewerb oder Coopetition.
1) Beispiele für konkurrierende Wahrnehmungen
a) Der Verliebte gerät in Konflikt mit seinem eigenen Sinn für Gerechtigkeit
b) Der Gerechte kämpft gegen die Versuchung von Ruhm und Geld.
2) Beispiele für kooperierende Wahrnehmungen
a) Der Mächtige, welcher seinen Einfluss dazu verwendet, mehr Gerechtigkeit zu schaffen
b) Frauen, welche sich in dominante Männer verlieben.
Die wichtigsten Konflikte welche aus konkurrierenden Wahrnehmungen entstehen sind die folgenden:
1) Der Konflikt zwischen Macht (Artha) und Liebe (Kama)
2) Der Konflikt zwischen Erlösung (Moksha) und Liebe (Kama)
3) Der Konflikt zwischen Macht (Artha) und Gerechtigkeit (Dharma)
4) Der Konflikt zwischen Erlösung (Moksha) und Gerechtigkeit (Dharma)
Aus den Interessen-Konflikten entstehen entsprechende Konflikte und Diskurse zwischen Ethiken. Zu jedem dieser Konflikte beschreiben wir einen Lösungsansatz, welcher auf beidseitigem Gewinn (sog. Win-Win-Strategie) aufbaut.
5.2 Macht gegen Liebe
Konflikt
1) Machtorientierte Liebe: Das biologische Ideal ist letztlich die Maximierung der Anzahl DNA-Kopien. Die Liebe ist deshalb als Suchtmechanismus konzipiert, welcher nach Expansion drängt. Das Streben nach Liebe und Genuss ist ähnlich wie das Machtstreben einem Konkurrenzkampf unterworfen. Dieser Mechanismus wurde schon früh erforscht um den entsprechenden Herausforderungen besser gewachsen zu sein. Im Hinduismus wird Kama mit der Kunst verbunden, seine Bedürfnisse nach Genuss zu befriedigen. Zu Bewältigung des Konkurrenzkampfes dient eine Typologie der menschlicher Gefühle und Reaktionen, vergleichbar mit derjenigen von Theophrastos (einem Schüler von Aristoteles) oder des französischen Moralisten La Bruyère. Als Quintessenz konstatiert La Bruyère, daß Egoismus, Geltungssucht und Eigennutz die wahren Handlungsmotive der Menschen sind.
2) Romantische Liebe: Das biologische Ziel kann auch mit ethisch unverdächtigen Mitteln erreicht werden. Bei der romantischen (wahren) Liebe ist das Gemeinsame so stark, dass die Autonomie-Bedürfnisse in den Hintergrund treten. In diesem Falle ist weder ein Vertrag noch eine Abmachung notwendig. Das gilt insbesondere auch für die Mutter-Kind Beziehung. Das romantische Ideal ist jedoch für die meisten Menschen nicht oder nur für eine kurze Zeit erreichbar und kann deshalb nicht Grundlage einer Ethik der Liebe sein. Im Allgemeinen entsteht nach einer gewissen Zeit ein Konflikt zwischen Macht und Liebe.
Diskurs
Dem Liebenden erscheint die Liebe so stark, dass er alle Widerstände für überwindbar hält. Selbst der Tod kann ihn nicht schrecken. Aus
der Sicht des Liebenden gilt der Satz des Vergil: Omnia vincit Amor – Der Liebe ist kein Hindernis zu groß; sie besiegt alles [Gerhardt, 3]
Der Liebende glaubt, dass ihm der Tod nichts anhaben könne, in Wirklichkeit aber bleibt auch er der Macht des Todes (und einer Reihe kleinerer Schicksalsmächte) unterworfen. Vor dem nüchternen Blick des unbeteiligten Beobachters wird aus der Zuversicht
des Liebenden ein Traum, vielleicht sogar ein Wahn, der schnell vergeht, wenn ihm die Realität der menschlichen Dinge entgegensteht. Ein Psychologe, der es nicht schon als Erfolg verbucht, wenn sich sein Proband gut fühlt, kann den die Grenzen des Todes missachtenden Überschwang der Liebe vermutlich gleich als Potenzillusion durchschauen. Und ein in Liebesdingen erfahrener Beobachter denkt die kommenden Enttäuschungen der Verliebten gleich mit. Ein mitleidiges Lächeln, das den Anflug von Neid wohl wissend überspielt, ist das Beste, was für jene übrig bleibt, die sich im Eros den Widrigkeiten des Lebens und des Sterbens überhoben glauben [Gerhardt, 3]
Zum Glück ist es nicht so, dass man die Tatsachen des Lebens nur aus der Position des neutralen Beobachters erkennen kann. Es ist eine längst als falsch erwiesene wissenschaftstheoretische Position, dass man teilnahmslos und selbstvergessen sein muss, um etwas erkennen zu können. Wir brauchen vielmehr eine ausgeprägte Neugier für die Realität, wenn wir sie genau erfassen wollen. Mehr noch: Wir benötigen ein leidenschaftliches Interesse an uns selbst, den Ernst der eigenen Existenz und eine wache Aufmerksamkeit für die Art, in der wir uns von unseresgleichen unterscheiden, wenn wir die Wirklichkeit, die wesentlich aus feinen und feinsten Unterschieden besteht, exakt beschreiben und bestimmen wollen (…). Liebe macht nicht blind. Sie öffnet vielmehr erst die Augen für das, worauf es ankommt [Gerhardt, 4-5].
Mit dem unbedenklichen Ausleben des Eros sind nach wie vor größte Risiken verbunden [Gerhardt, 15]
Es ist die Liebe, die uns aus der Enge des Daseins herausführt und den zur Endlichkeit gehörenden Tod weit hinter sich lässt. Nichts Großes geschieht ohne Liebe [Gerhard, 17].
Intrapersonelle Konfliktlösung
Vernunft und Liebe sind nicht ein harmonisches Paar sondern betrachten sich gegenseitig als inkompetent. Falls die Vernunft überhaupt um Rat gefragt wird, dann verweist sie auf eine Abschätzung von Chancen und Risiken:
1. Risiko-orientierte Betrachtung: Wer liebt muss auf das Glück der Macht und Kontrolle verzichten. Wer Macht ausüben will, muss auf das Glück der Hingabe und des Vertrauens verzichten. Liebe ist intensiver aber risikoreicher. Ein kontrolliertes Gefühl kann kein grosses Gefühl sein.
2. Chancen-orientierte Betrachtung: Die ideale Lösung ist dann gefunden, wenn sowohl das Bedürnis nach Freiheit als auch das Bedürfnis nach Schutz befriedigt ist. Mit dem Begriff Freiheit ist hier nicht nur Bindungsfreiheit gemeint, sondern auch innere Befreiung beim gleichen Partner.
Interpersonelle Konfliktlösung
Ein beidseitiger Gewinn liegt dann vor, wenn die Partner in der Liebesbeziehung einen Machtzuwachs erfahren. Im biologischen Sinne ist dies mindestens dann der Fall, wenn die Beziehung zu Nachwuchs führt. Mit dem Begriff Machtzuwachs ist hier aber Entwicklung und Einfluss im allgemeinsten Sinne gemeint. Gemeint ist auch die Verstärkung des Teams, wenn sich zwei Spezialisten mit unterschiedlichen Fertigkeiten zusammentun.
Interessanterweise gibt es Beziehungen mit Schein-Gewinnen, sog. Kollusionen. In diesen Fällen passen die neurotischen Dispositionen beider Partner wie Schlüssel und Schloss zusammen.
Die Partner spielen unbewusst füreinander, oft klischeehafte und stereotype, wechselseitig komplementäre Ergänzungsrollen zur Aufrechterhaltung der Beziehung (…). Im Zusammenleben kommt es in dem kollusiven neurotischen Arrangement im Laufe der Zeit häufig zu einer zunehmenden Polarisierung, mit der Folge, dass die dann gelebten Extrempositionen für einen oder beide Partner belastend werden (wenn beispielsweise der eine Partner immer unselbstständiger, der andere immer selbstständiger und dominanter wird). (Kollusion, Wikipedia).
Wir verweisen hier auf die umfangreiche Literatur über Paartherapie und begnügen uns mit einem einzigen Hinweis: Die Ratgeber-Literatur ist zwar gut gemeint aber ungeeignet für die Lösung von unbewussten Konflikten.
5.3 Erlösung gegen Liebe
1. Der Begriff Liebe wird hier im Sinne des hinduististischen Kama verwendet und entspricht ungefähr dem Freudschen Lustprinzip.
2. Erlösung heisst Erlösung vom Leiden.
Konflikt
1. Das biologische Ziel ist das Überleben und die Replikation der Gene. Das buddhistische Ziel ist die Erlösung vom Leiden durch die Befreiung von der biologischen Natur des Menschen.
2. In der Meditation wird nach einem kontrollierten Glück gesucht, welches unabhängig ist vom Zustand der Welt, während die Psychoanalyse eine Anpassung an den Zustand der Welt anstrebt. Die Psychoanalyse kann zu einer (in Bezug auf das Überleben) verbesserten Wahrnehmung führen, indem sie verdrängte Gefühle wieder befreit. In der Meditation wird gerade umgekehrt die sog. „normale“ Wahrnehmung als Verzerrung (Maja) betrachtet.
Diskurs
Aus der Sicht von Nietzsche entscheidet das Leben darüber, was wahr ist. Das Leben wird sehr direkt mit dem Begriff Wahrheit assoziiert im Sinne von „Wer überlebt hat immer recht“. Die biologischen Gesetze verlangen ein dionysisches Bejahen der ewigen Kreisläufe von Leben und Tod, Entstehen und Vergehen, Lust und Schmerz. Wir müssen uns mit der Urkraft identifizieren, welche das „Rad des Seins“ in Bewegung hält (Wille zur Macht, Wikipedia). Der buddhistische Versuch, dem Rad der Wiedergeburten zu entkommen, ist nur der Ausdruck einer alten und müde gewordenen Kultur.
Aus der Sicht des Buddhismus ist das Leben ein Gegenprogramm zur Wahrheit.
1) Die Bewertungen, welche spontan aus dem Unbewussten kommen sind oft objektiv falsch (z.B. das Gefühl nie sterben zu müssen)
2) Die Bewertungen, welche objektiv richtig wären, sind oft nicht vorhanden (es gibt z.B. kein Gefühl dafür, ein Werkzeug der Biologie zu sein).
Der Buddhismus sieht das Unbewusste als Produzent von Täuschungen, welche nur durch die Vernunft aufgedeckt werden können. Die Verliebtheit in das Leben erzeugt ebenso gut eine verzerrte Wahrnehmung wie die Verliebtheit in einen Partner, mit dem Unterschied, dass man vom Leben mit Sicherheit verlassen wird. Das dauerhafte Glück ist eine Illusion, welche durch die Erfahrung des Leidens und den Tod zerstört wird. Die Wiedergeburt und Wieder-Sterben-müssen ist ein Zwang, dem es zu entkommen gilt. Wer sich am Unbewussten orientiert, dem wird das nie gelingen. Die Wahrheit (Nicht-Existenz als bestmögliche Wahl) wird vom Leben in der gleichen Art und Weise unterdrückt, wie totalitäre Regierungen die Wahrheit unterdrücken: durch einen immensen Propaganda-Apparat, welcher die Wahrnehmung verzerrt, lebensfeindliche Informationen vernichtet und lebensfreundliche belohnt.
Ein psychoanalytischer Einblick in den buddhistischen Charakter würde vermutlich eine neurotische Störung diagnostizieren. Aus der Sicht von Freud ist die Bevorzugung der Nicht-Existenz Ausdruck einer Depression und erfordert psychologische Behandlung. Ähnlich wie die begleitete Einsichts-Meditation ermöglicht die Psychoanalyse die Beobachtung mentaler Prozesse an einem geschützten Ort, in der Obhut eines wohlgesinnten Begleiters (Analytikers anstelle des Gurus). Im Schutz einer solchen Umgebung ist es leichter sich zu öffnen und neue Perspektiven zu finden. Das bereits vorhandene Wissen funktioniert nämlich wie ein Filter, welcher nur die Informationen durchlässt, welche die bereits bestehenden Modelle der Realität (z.B. eine buddhistische Weltsicht) bestätigen. Die Technik der freien Assoziation produziert demgegenüber spontane Wahrnehmungen, weil keine Zeit da ist, um die Gedanken zu zensurieren. Spontaneität führt zurück zum „normalen“, biologisch geprägten Leben.
Buddha betrachtet umgekehrt das sog. „normale“ Leben als Verirrung. In der Psychoanalyse muss der buddhistische Patient seinen geschützten Beobachterposten verlassen und wird wieder in den Körper hineingezogen. Warum aber sollte er sich mit einem vergänglichen Körper identifizieren und damit einer absolut sicheren Niederlage entgegensteuern? Die Psychoanalyse hilft eine Sprache zu finden für verloren gegangene Bewusstseinsinhalte. Der Buddhismus hilft eine Sprache zu finden, welche den umgekehrten Vorgang fördert. Wenn die Sprache bereits ausdrückt, dass die Dinge vergänglich sind, dann wird unmittelbar bewusst dass es sinnlos ist, sie festhalten zu wollen.
Beispiel: In der buddhistischen Tradition wird für Farbe das gleiche Wort verwendet wie für gern haben aus sexuellem Verlangen.
Der Begriff Farbe hat eine spezielle Bedeutung, weil er als starkes Charaktermerkmal der Dinge gesehen wird. Teilweise wird der Begriff Farbe sogar synonym mit Ding verwendet (…) Auch der menschliche Körper wird als etwas Farbiges wahrgenommen (…). Aus buddhistischer Sicht ist aber die Farbigkeit der Dinge zugleich das Sinnbild der Vergänglichkeit schlechthin (…). Im Buddhismus ruht ein asketisch-melancholischer Blick auf der Sexualität, der auf die Flüchtigkeit allen Begehrens hinweist [Seelmann].
Der Buddhismus versucht Distanz zur biologischen Bestimmung des Menschen zu gewinnen. Die Energie der biologischen Bindungen soll aber durch Erkenntnis umgelenkt werden und nicht durch Zwang. Wenn dies gelingt, dann resultieren keine Neurosen und keine Depressionen, sondern eine stabile Art von Glück. Der Buddhismus betrachtet die Psychoanalyse als Interessenvertretung der Biologie und nicht als tiefgründige Ethik. Wenn der Begriff Normalität durch die Anhänger des Systems „Leben“ definiert wird, dann ist es nicht erstaunlich dass sie rückzugs-orientierte Ethik als psychische Störung klassieren. Dieser Mechanismus ist bestens bekannt aus der Geschichte von totalitären Systemen.
Interpersonelle Konfliktlösung
Würden sich alle Menschen von ihrer biologischen Identität distanzieren, so verschwände die Menschheit. Würden alle Menschen nur ihre biologische Identität zu verwirklichen suchen, so gäbe es keine Vorstellung eines den Menschen möglichen Glücks und keine bewährten Praktiken, es zu realisieren. Insofern muss man das Nebeneinander von sorgenvollem biologisch determiniertem Leben und den nach Glück strebenden Existenzen nicht als ein parasitäres Verhältnis betrachten, in dem die, die die Seelenruhe anstreben, auf Kosten derer existieren, die arbeiten und sich sorgen. Man kann dieses Verhältnis auch als ein symbiotisches beschreiben, in dem die einen, dadurch, dass sie anderen den Lebensunterhalt schenken, eine Freiheit ermöglichen, in der Praktiken der Selbstbefreiung zum Glück erkundet und überliefert werden, die für alle Menschen eine Möglichkeit darstellen [Hampe, 163].
Intrapersonelle Konfliktlösung
Das Lebensziel Erlösung ist untrennbar mit Selbsterkenntnis verknüpft. Das Loslösen wird erleichtert durch die Fähigkeit, sich selbst und die Situation in welcher man sich befindet aus einer gewissen Distanz betrachten zu können. In welchem Sinne ist hier ein beidseitiger Gewinn möglich? Durch das Loslösen (Dekonditionieren) wird Energie frei, welche anschliessend auf andere Ziele gerichtet werden kann. Man erreicht also die Befreiung von einer schmerzhaften Bindung und gewinnt neue Energie für glücklichere Bindungen. Das Ideal besteht darin, sich möglichst schmerzlos, d.h. im richtigen Moment von den richtigen Wünschen zu lösen. In der zweiten Lebenshälfte wird das Ego als Ganzes zu einer hoffnungslosen Position und erfordert eine neue Ausrichtung (erweiterte Wahrnehmung des Selbst). Das Erkennen des richtigen Momentes lässt sich nicht in einfachen und allgemeinen Regeln formulieren. Es ist eine Frage der Konstitution, der Umgebung und der Biographie. Das spricht eher für eine individualistische Therapie als für Ratgeber-Literatur mit Allgemeingültigkeits-Anspruch.
5.4 Macht gegen Gerechtigkeit
Konflikt
Der Sozialdarwinismus als „natürliche“ Ordnung impliziert folgenden Grundkonflikt zwischen Individuum und Gesellschaft:
Das unbegrenzte Streben der Individuen nach Macht führt zu Oligarchien, Dynastien und Nepotismus. Die privilegierte und egoistische Minderheit unterdrückt die Mehrheit bzw. wird umgekehrt durch eine unterdrückte (oder neidische) Minderheit bedroht. Freiheit schafft Ungleichheit.
Diskurs
Für Freud löst die Ethik tatsächlich überhaupt kein Problem, sondern sie ist selbst Teil des Problems. Die Ethik ist nichts anderes als die Formulierung der Ideale der Kultur, in ihr manifestiert sich nach Freud das, was er das kulturelle Über-ich nennt. Sofern dieses kulturelle Über-ich zum Zweck der Erhaltung der menschlichen Vergemeinschaftung und zur Abwendung des Krieges aller gegen alle, Regeln in einer Ethik formuliert, ist die Ethik selbst ein Kulturphänomen, nicht etwas, dass die kulturelle und die natürliche Existenz des Menschen miteinander versöhnen könnte. Allenfalls kann die Ethik noch, wie Freud dies auch tut, als ein therapeutisches Projekt betrachtet werden, in dem die Beschädigungen gelindert werden sollen, die Individuen notwendigerweise aufgrund der Widersprüchlichkeit ihrer natürlichen Ausstattung und der Widersprüche zwischen individuellen und kulturellen Bestrebungen erleiden müssen. Eine solche Therapie ist allerdings so wenig ein Weg ins Glück wie ein Gipsbein, das besser ist als ein offener Bruch [Hampe, 195-196].
Die relative Verbesserung, welche eine solche Therapie erzielt, ist nicht vernachlässigbar, sondern massiv. Wer einmal einen offenen Bruch erlitten hat zweifelt nicht mehr am Sinn der Therapie. Wer die Schrecken eines Bürgerkrieges kennengelernt hat, zweifelt nicht mehr am Sinn eines Gesellschaftsvertrages. Ethik macht die Menschen nicht glücklich, ist aber trotzdem unentbehrlich als sog. „kleineres Übel“. Ethik als Hindernis zum Glück ist zudem eine unausgewogene Betrachtung, welche von einer starken Position ausgeht. Das Primat der Menschenwürde, (d.h. Kant’s Maxime, dass jeder vor dem Gesetze gleich ist), war ursprünglich eine Kampfansage an den Adel und zeigt, dass Vernunft-Ethik eine Schutzfunktion für die Schwächeren hat.
Psychoanalyse und Ethik sitzen im selben natürlich-kulturellen Boot, sofern beide versuchen, therapeutisch zu sein, an den Beschädigungen des Lebens bei Erwachsenen zu arbeiten, die aus ihrer natürlich-kulturellen Zerrissenheit resultieren. In seiner Psychoanalyse der Kultur versucht Freud zu zeigen, inwiefern die Kulturleistungen auf einer Sublimierung, einem Nichtausleben von Trieben, beruhen und darauf immer angewiesen sind und sein werden. Freud hofft dabei, dass die Kultur die Leistung, die menschlichen Triebe umzuleiten, einmal mit möglichst geringen Unterdrückungsanstrengungen und auf möglichst wahrhaftige Weise vollbringen wird. Deshalb auch sein Interesse an der christlichen Ethik. „Das Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ ist für Freud „die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs.“ Doch, meint Freud, „Das Gebot ist undurchführbar; eine so grossartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen“ [Hampe, 197].
Vernunft-Ethiken sind nicht so „unpsychologisch“ wie die christliche Ethik. Kant’s Forderung, dass ethische Gesetze für jeden Menschen nachvollziehbar sein sollten und dass man sie öffentlich begründen muss, ist eine starke Alternative zu den Offenbarungs-Religionen.
Die Ethik baut als philosophische Disziplin allein auf das Prinzip der Vernunft und unterscheidet sich vom klassischen Selbstverständnis theologischer Ethik, die sittliche Prinzipien als in Gottes Willen begründet annimmt (Ethik, Wikipedia)
Wenn die Menschen einsehen, dass es keine transzendente Macht ist, die ihnen Opfer von ihren Begierden abverlangt, wenn sie einsehen, dass alle Kultur Menschenwerk ist, um Menschen vor der Natur und vor allem vor ihrer eigenen Natur zu schützen, dann werden sie in Freuds Augen die Mechanismen der Kultivierung vielleicht nicht mehr als fremde Zwänge ansehen. Solange religiöse Illusionen und philosophische Glückssuchen und Glücksversprechen die Kultivierung absichern sollen, wird die Kultur in dem Moment bedroht, wo die entsprechenden Versprechungen und Abschreckungen als Illusionen entlarvt werden. Solange die Erwartungen an die möglichen Errungenschaften der Kultur überzogen sind, das heisst, das Glück oder gar die Unsterblichkeit betreffen, wird sie immer wieder als etwas, das Erwartungen nicht entspricht, also eigentlich versagt hat, verachtet und ihre Ansprüche auf Triebsublimierungen werden zurückgewiesen werden [Hampe, 198]
Ethik ist rational, wenn sie auf gegenseitigem Vorteil durch Kooperation beruht. Wo aber ist der gegenseitige Vorteil, wenn es sich um zukünftige Generationen handelt? Die aktuelle Generation zieht nur einen beschränkten Vorteil aus dem Glück der zukünftigen Generationen. Warum sollte man vorsichtig umgehen mit natürlichen Ressourcen? Man muss die zukünftigen Generationen nicht einmal ignorieren, man kann sich auch ein (unrealistisches) optimistisches Szenario zurechtlegen, welches zukünftige Ressourcenprobleme verleugnet.
Was ist ein realistisches Szenario? Ist der Optimismus der Aufklärung berechtigt oder ist die hinduistische Vorstellung von zyklischer Zerstörung realistischer? Die Komplexität des Systems erlaubt für absehbare Zeit keine zuverlässige Vorhersage, so dass wir auf Wahrscheinlichkeiten angewiesen sind. Gemäss den Thesen von
1. Utility and Suffering in Culture
2. On the Perception of Risk and Benefit
gibt es keinen Anlass, den optimistischen Szenarien eine höhere Wahrscheinlichkeit zu geben. Wenn diese Thesen stimmen, dann müssen wir optimistische Weltanschauungen als verzerrte Wahrnehmungen der Wirklichkeit betrachten.
Der Vorteil einer realistischen Weltsicht besteht darin, dass man nicht enttäuscht wird. Aber warum sollten wir nicht von unwiderlegten Utopien profitieren? Bis zur Widerlegung (möglicherweise erst nach zahllosen Generationen) leben die Utopisten glücklicher als die Realisten. Nur die Generation, welche schliesslich mit der Realität konfrontiert wird (z.B. diejenige, welche keine Ressourcen mehr hat oder einem technologischen Worst Case zum Opfer fällt) bezahlt den Preis für das Glück der vorangehenden Generationen.
Um die Zerstörung von Utopien zu rechtfertigen braucht man ein Generationen-übergreifendes Konzept von Gerechtigkeit. In ähnlicher Weise ist das spontan handelnde Individuum in Konflikt mit seinen eigenen langfristigen Interessen (Beispiel: Rauchen ist in Konflikt mit dem langfristigen Interesse Lungenkrebs zu vermeiden).
Oft betrachten wir unser eigenes zukünftiges Selbst wie einen Fremden. Aber ist das nicht unvermeidlich? Wir können nicht leben ohne ein gewisses Mass von Spontaneität und diese ist in Konflikt mit Voraussicht. Die permanente Unterschätzung der Risiken, die Hoffnung auf alle Arten von Fortschritt und die Verdrängung des Todes tragen zu unserem Glück bei. Aus diesen Gründen ist es schwierig, den Wert von Illusionen zu bestreiten.
Interpersonelle Konfliktlösung
Eine Möglichkeit den Konflikt zwischen individuellen Interessen und dem Gemeinwohl zu lösen besteht darin, das Machtstreben nicht zu unterdrücken, sondern für die Gemeinschaft nutzbar zu machen. Diese Strategie kommt auch in Rawls Differenz-Prinzip zum Ausdruck.
1. Was materielle Güter betrifft kann der unvermeidliche Machtverlust aufgeschoben werden, indem man die Gemeinschaft erst im Nachlass berücksichtigt. Das Erbrecht (Pflichtteil) erschwert allerdings in vielen Ländern eine Umverteilung.
2. Eine Erbschaftssteuer ist grundsätzlich gerechter als eine Einkommenssteuer, weil sie einen Vermögenszuwachs besteuert, welcher ohne Leistung zustande kommt [Kissling, 87]. Durch eine Änderung der Steuer-Arten kann deshalb ein gerechteres Steuersystem geschaffen werden ohne die Steuern zu erhöhen. Absurd wird die Situation wenn die Bürger gezwungen werden, unsolidarisch zu handeln. Liberale und soziale Interessen treffen sich in der Forderung, dass bei Erbschaften wohltätige Institutionen anstelle der Kinder berücksichtigt werden dürfen [Kissling, 89].
3. Eine Besteuerung auf Luxusgüter (Geltungskonsum) ist ebenfalls gerechter als eine Einkommenssteuer. Der Geltungskonsum wirkt nur durch seine relative Position und diese wird durch anteilsmäßige Besteuerung nicht verschoben. Mit dieser Steuer leistet aber der Reiche beim Erwerb von Luxusgütern indirekt einen Beitrag an das Allgemeinwohl.
Intrapersonelle Konfliktlösung
Die ideale Lösung besteht darin, eine Machtposition auszuüben, welche im Dienste der Gerechtigkeit steht.
5.5 Erlösung gegen Gerechtigkeit
Konflikt
1) Der Begriff Dharma wird mit Achtung vor dem Gesetz, Dienst an der Gemeinschaft und Pflichterfüllung in Verbindung gebracht, d.h. mit Tugenden, die auch in der heutigen Zeit erwartet werden, wenn eine vernünftige Verfassung in Kraft ist oder verteidigt werden muss.
2) Der Theravada-Buddhismus geht davon aus, dass alle lebensfreundlichen Aktionen kontraproduktiv sind. Die Sehnsucht nach Erlösung (vom Leiden) führt zur Flucht in eine andere Welt, wobei die Alltagserfahrungen als Schein-Wirklichkeit abgewertet werden.
Der Rückzug von der Gemeinschaft stösst auf Misstrauen und Ablehnung. Die passive (nutzlose) Minderheit wird durch die aktive Mehrheit bedroht.
Diskurs
Die Vernunft-Ethik kann vielleicht in der Zukunft durch einen globalen sozialen Vertrag etabliert werden.
Der Konkurrenzkampf wird damit nicht beseitigt, sondern nur von der physischen auf die psychische und strukturelle Ebene verschoben. Selbst wenn es gelingen würde diesen Kampf zu mildern wäre das Leiden immer noch immens. Die technologischen Erlösungs-Szenarien sind ebenso unrealistisch wie die Eschatologien. Der selbstlose Einsatz für Gerechtigkeit darf nicht mit einer falschen Botschaft verknüpft werden. Die wahre Botschaft ist Selbstlosigkeit und nicht Weltverbesserung. Es gibt nur das Potential des Einzelnen, sich zu befreien.
Eine Vernunft-Ethik, welche nicht verteidigt wird, stirbt aus. Nur eine lebensfreundliche Ethik kann die Herrschaft der Vernunft tradieren.
Die Hoffnung der buddhistischen Mönche, dass ihre Erkenntnis überlebt, klammert sich an die Erfahrung, dass es in der Kultur (wie auch in der Natur) Nischenstrategien gibt. Der Buddhismus stirbt deshalb nicht aus, weil er ein Stück Realität beschreibt, dem niemand ausweichen kann. Risiko-averse, mitfühlende Ethiken haben zwar wenig Chancen im Wettkampf der Systeme, aber transzendente Erfahrungen des Leidens (die durch Reflexion vermieden oder überwunden werden können) schaffen immer wieder neue Formen des Buddhismus.
Mit einer Nischenstrategie überlässt man die Macht der Irrationalität und beraubt sich der Möglichkeit, die kulturelle Evolution positiv zu beeinflussen: „The only thing necessary for the triumph of evil is for good men to do nothing.“ (Autor unbekannt)
Die Frage der moralischen Bewertung von politischer Passivität ist mehr als 2000 Jahre alt. Wir verweisen hier auf den Diskurs zwischen Theravada- und Mahajana-Buddhisten.
Interpersonelle Konfliktlösung
Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit akzeptiert theoretisch lebensfreundliche und rückzugs-orientierte Haltungen. In der Summe seiner Wirkungen ist sie jedoch klar lebensfreundlich:
Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind“, das unmittelbare Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik (Habermas, Wikipedia).
Eine Konfliktlösung besteht darin, dass man Lebensraum schafft für rückzugs-orientierte Menschen und sie von gesellschaftlichen Verpflichtungen (insbesondere von der bewaffneten Verteidung) entbindet. Ein beidseitiger Gewinn kann aber nur dann entstehen, wenn der Rückzug des Individuums im Dienste der Gemeinschaft erfolgt. Das ist genau dann der Fall, wenn die Erkenntnisse, welche der Meditierende gewinnt, wieder der Gemeinschaft vermittelt werden.
Intrapersonelle Konfliktlösung
Eine Form der Vermittlung, welche von den Mahajana-Theoretikern vorgeschlagen wurde, ist das gewaltlose Engagement für die Verbreitung ethischen Wissens. Eine konkrete Vorstellung was das in der damaligen Praxis bedeutete geben die Gelübde eines Bodhisattva. Um die Grundidee zu retten und die Praxis an die heutige Zeit anzupassen müsste man vielleicht das Ideal eines „Bodhisattva ohne Heiligenschein“ entwickeln.
In Kap.3 haben wir einen deskriptiven Standpunkt eingenommen und versucht, die Interessen, welche hinter den Lebenszielen stecken, aus evolutionärer Sicht zu erklären. In der Tradition von Sokrates wollen wir jetzt versuchen, Kriterien bzw. Argumente für eine „vernünftige“ Gewichtung der Lebensziele zu finden.
6.1 Grundlagen
Zweck-Rationalität
1. Ein Mensch handelt subjektiv rational, wenn er (unter der Randbedingung seines Wissens) seinen Nutzen maximiert
2. Ein wissenschaftliches Weltbild (und intersubjektiv messbare Risiken im Besonderen) stellen die Grundlage der intersubjektiven Rationalität dar.
Der Nutzen entsteht aus der Befriedigung von Präferenzen. Präferenzen sind mit Chancen und Risiken verknüpft. Das Risiko-Profil ergibt sich aus der Art und Gewichtung der Präferenzen. In unserem Falle
1. entsprechen die Lebensziele den wichtigsten Präferenzen
2. entspricht das Risiko-Profil (in einer sehr komprimierten Form) der Gewichtung dieser Lebensziele
Rationalisierung
Das Ich kann verschiedene Rollen (Interessenvertretungen) einnehmen, so wie ein Charakterdarsteller in einem Theaterstück. Im Laufe der Lebensgeschichte spezialisiert sich das Individuum (aktiv) auf bestimmte Rollen oder wird durch Sozialisation (passiv) in die Rollen gedrängt, welche noch zu haben sind. Die Bedeutung der bewussten Entscheidungen in diesem Prozess wird vermutlich überschätzt. Die Rollenwahl hängt stark mit transzendenten Erfahrungen zusammen. Erfahrungen mit dem Ausser-sich-sein vor Glück bestätigen oder verstärken die Bindung an intensive Formen des Glücks. Ausser-sich-sein vor Schmerz führt zu einer Fluchtbewegung in risikoärmere Formen. Obwohl transzendente Erfahrungen häufig durch Zufall zustande kommen, werden sie als unmittelbar wahr empfunden und ihre Intensität kann selbst die Logik zu Fall bringen. Das rationale Denken wird anschliessend manipuliert, um es mit diesen Erfahrungen in Einklang zu bringen (Rationalisierung).
Innere Freiheit
Freudsche Sicht
1) Innere Freiheit ist ein Gleichgewicht zwischen kulturellen und biologischen Kräften, so dass beide Parteien gegeneinander opponieren können. Wenn wir die Pyche mit einem demokratischen Parlament vergleichen dann würde das heissen, dass eine starke Opposition vorhanden sein muss, welche die Interessen (das Lobbying) hinter den Argumenten aufdeckt und Rationalisierungen entlarvt.
2) Das Aufdecken der Interessen ist nur möglich, wenn man die Perspektive wechseln kann. Im Freudschen Instanzen-Modell würde das z.B. heissen, dass man die Perspektiven des Über-Ich und des Es unterscheiden und die vermittelnde Perspektive des Ich einnehmen kann.
3) Innere Freiheit ist die Voraussetzung für authentische Moral. Eine authentische Moral ist die durch Wissen (Erfahrung) und Reflexion gefundene Lösung, welche ein Mensch für den Konflikt zwischen den biologischen (Es) und kulturellen (Über-Ich) Anforderungen findet.
Buddhistische Sicht
Ein gewisses Einfühlungsvermögen (Empathie) in andere Menschen ist evolutionär angelegt. Wenn man sich in die Position eines anderen hineinversetzen kann, dann ist auch die Grundlage gegeben, um sich von Eigeninteressen zu lösen. Im oben verwendeten Modell entspricht das einer Betrachtung des demokratischen Parlamentes von aussen. Innere Freiheit aus buddhistischer Sicht ist die Fähigkeit, durch Meditation die Wahrnehmung des Selbst zu erweitern und vom Ego zu lösen.
Vernunft
Vernunft ist eine Erweiterung der Zweck-Rationalität. Das bedeutet, dass die Parameter in der Rationalitäts-Definition nicht einfach vorgegeben sind, sondern geprüft und geändert werden können. Konkret heisst das:
1) Die Zielsetzung kann kritisch untersucht werden
a) Die Präferenzen, aus welchen der Nutzen zusammengesetzt ist, können hinterfragt werden.
b) Die Maximierungsfunktion darf angezweifelt und durch eine andere Aggregation der Präferenzen ersetzt werden
2) Das Wissen kann kritisch geprüft und erweitert werden durch
a) Wissenschaftliche Erkenntnis (Psychologie, Soziologie, Evolutionstheorie etc.)
b) Emotionales Wissen (Lebenserfahrung, philosophische Therapie)
Verhaltensmodell
Die traditionelle Ökonomie verwendet ein Modell des menschlichen Verhaltens welches Homo Oeconomicus genannt wird.
Der Homo oeconomicus bezeichnet einen (fiktiven) Akteur, der
1. rational handelt,
2. seinen eigenen Nutzen maximiert,
3. auf Restriktionen reagiert,
4. feststehende Präferenzen hat
5. und über (vollständige) Information verfügt.
(Homo Oeconomicus, Wikipedia)
Wenn der abstrakte Begriff Nutzen durch den konkreten Begriff Glück ersetzt wird, dann spricht man von hedonistischer Reduktion. Ist das Verhalten des homo oeconomicus nach unserer Definition vernünftig?
1. Es ist denkbar, dass das menschliche Verhalten einen Nutzen (Glück oder genauer: Zufriedenheit mit dem Leben) maximiert; aber diese Maximierung erfolgt nicht über eine Sequenz von rationalen Entscheidungen
2. Nur die Art der Lebensziele ist eine anthropologische Konstante; die Gewichtung und die untergeordneten Präferenzen ändern sich im Laufe des Lebens.
3. Die Vollständigkeit der Informationen ist ebenfalls eine unzulässige Vereinfachung.
Ein alternatives Modell des menschlichen Verhaltens ist folgendes:
Das Konzept der vier konkurrierenden Lebensziele beschreibt die langfristigen Eigenschaften (den Charakter) des menschlichen Verhaltens. Die Lebensziele werden durch intensive oder lang andauernde Erfahrungen gewichtet und produzieren konfliktierende Wahrnehmungen bzw. Bewertungen (Intuitionen). Die Intuitionen werden rationalisiert, so dass auf beiden Seiten der Konflikte Argumente auftauchen (Kap.5). Dieser innerpsychische Diskurs führt schliesslich zu einem reflexiven Gleichgewicht, welches die Grundlage des Verhaltens bildet. Das Gleichgewicht ist dynamisch und verändert sich im Laufe der Lebensgeschichte.
Dieses deskriptive Modell ist zwar etwas realistischer als dasjenige des homo oeconomicus. Von vernünftigem Verhalten können wir aber erst dann sprechen, wenn wir Argumente für eine bestimmte Gewichtung der Lebensziele finden und dann versuchen, die Interessen entsprechend zu beeinflussen.
6.2 Überleben
Kann uns die Entstehungsgeschichte der Vernunft einen Hinweis auf die Gewichtung der Lebensziele geben?
1. Die Vernunft entstand (im Laufe der Evolution) aus einer Flexibilisierung der Zweck-Rationalität. Diese wiederum war ein Werkzeug, um das biologische Ziel (maximale Replikation der Gene) zu erfüllen.
2. Das hedonistische System steuerte ursprünglich das Verhalten im Sinne des biologischen Zieles. Glück und Leiden waren nur Hilfsmittel.
Aufgrund dieser Entstehungsgeschichte wollen wir versuchsweise den abstrakten Begriff Nutzen in unserer Vernunft-Definition mit dem konkreten Begriff biologische Nutzenfunktion ersetzen. Die Zweck-Rationalität (als Vorläufer der Vernunft) steuert die Gewichtung der Lebensziele in Richtung maximaler Replikation der Gene. Die Lebensziele können wir dann als Überlebens-Strategien (für Gene) interpretieren wie das z.B. in Kap.3 gemacht wurde. Um das biologische Ziel zu erreichen, müssen wir die Lebensziele Liebe und Macht am stärksten gewichten. Aber warum sollten wir das biologische Ziel übernehmen? Laut Stephen J.Gould verläuft die Evolution zufällig und ungerichtet. Es ist irreführend zu sagen, dass aussterbende Arten ihr Ziel verfehlen, wenn sie gar kein Ziel haben. Das einzelne Gen hat ebenso wenig einen Überlebenswillen wie der Genpool. Die Aufwertung des Zieles „Überleben und expandieren“ zum höchsten moralischen Wert entspringt einem biologisch begründeten Gefühl. Dieses Gefühl wird in die Gene hineininterpretiert.
Weil der individuelle Wunsch zu überleben chancenlos ist, kann man ihn auch in einem gewissen Sinne als naiv bezeichnen. Es gibt kein Überleben der Individualität; auch nicht mit Hilfe von Dynastien; das Individuum ist nur ein Werkzeug der biologischen Nutzenfunktion. Für diese Werkzeugfunktion fehlt uns (aus leicht ersichtlichen Gründen) das Gefühl, es wird uns aber schrittweise klar, wenn wir unseren biologischen Dienst getan haben. Der Wunsch durch kulturelle Schöpfungen oder durch einen künftigen Übermenschen (mit welchem man sich identifiziert) unsterblich zu werden hat die Eigenschaften eines Ideals und gleicht damit den Konzepten, welche Nietzsche ironischerweise aufs Heftigste bekämpfte. Selbst wenn wir in der biologischen Evolution ein Ziel entdecken würden, müssten wir ihm nicht folgen. Unsere Definition der Vernunft erlaubt es, biologische Ziele abzulehnen.
Wenn sich die Vernunft gegen das Leben wendet wird sie zu einer Schwäche im Sinne der Darwinschen Fitness. Sie unterscheidet sich aber von einer körperlichen oder intellektuellen Schwäche dadurch, dass sie Leiden reduziert und nicht vergrössert. Damit ist auch schon die Alternative angedeutet, nach welcher die Lebensziele gewichtet werden könnten.
6.3 Glück
Aristoteles
Ein plausibler Versuch die Lebensziele zu bewerten besteht darin, ihren Beitrag zum Glücklichsein zu untersuchen. Damit wird das Glück (welches biologisch gesehen ein Werkzeug ist) zum kulturellen Ziel gemacht:
Glückseligkeit (eudaimonia) wird als das höchste Gut angesehen. Das folgt für Aristoteles daraus, dass die Glückseligkeit für sich selbst steht – sie ist nicht, wie andere Güter, lediglich Mittel zum Zweck. Im Gegensatz zu anderen Gütern erstreben wir Glückseligkeit um ihrer selbst willen. Sie ist, wie Aristoteles sagt, „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns.“ (nikomachische Ethik, Wikipedia).
Um das Glück zu erreichen, muss man Verstandes-Tugenden und (durch Erziehung und Gewöhnung) Charaktertugenden ausbilden, wozu ein entsprechender Umgang mit Begierden und Emotionen gehört (Aristoteles, Wikipedia)
Die wichtigsten Charaktertugenden (Kardinaltugenden) beziehen sich auf die vier Lebensziele und sind mit einer je eigenen Art von Glück verknüpft. Die verschiedenen Arten können aber in eine einzige Grösse aggregiert werden, welche Aristoteles als gutes Leben oder einfach Glück bezeichnet. Wir gehen davon aus dass alle Präferenzen (und dazu gehören auch die vier Lebensziele) auf eine hedonistische Skala abgebildet werden können (siehe Preferences and the Hedonistic Scale).
1) Das Genussleben im Sinne einer bloßen Befriedigung der Begierden hält Aristoteles für sklavisch und verwirft es. Auch im Hinduismus wird Kama als niedrigstes Lebensziel betrachtet.
2) Das individuelle Machtstreben wird bei Aristoteles abgewertet. Gelderwerb und Reichtum hält Aristoteles nicht für eine Lebensform, da Geld immer nur Mittel zu einem Zweck, aber nie selbst Ziel sei.
3) Für Aristoteles ist Gerechtigkeit Tugend in vollkommener Ausprägung, vor allem weil sie nicht nur auf den Einzelnen selbst sondern auf den Mitbürger bezogen ist. In der Bestimmung der Gerechtigkeit als umfassender persönlicher Rechtschaffenheit stimmte Aristoteles mit Platon überein (siehe Aristoteles, Wikipedia). Im Hinduismus hat der Begriff Dharma eine übergreifende Bedeutung, welche nicht nur die persönliche Rechtschaffenheit, sondern auch die Rechtsordnung der Gesellschaft umfasst.
4) Aristoteles sieht die Glückseligkeit nicht als Zustand, sondern als vernünftiges Tätigsein. Dazu ein Auszug aus der nikomachischen Ethik:
Als hervorragendste Tätigkeit betrachtet Aristoteles diejenige, welche den Menschen ausmacht und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Auf der Suche nach einem Unterscheidungskriterium gelangt Aristoteles zur Vernunft, die nur dem Menschen eigen ist (nikomachische Ethik, Wikipedia)
Wir können die Auszeichnung des vernünftigen Tätigseins auch damit begründen, dass die Vernunft eine Wahl ermöglicht zwischen verschiedenen Arten von Glück (sie kann z.B. nachhaltige Formen bevorzugen). Vernünftiges Tätigsein kann sich grundsätzlich auf alle Lebensziele beziehen und ist damit nicht an ein spezifisches Interesse gebunden. Es hat deshalb eher den Charakter eines Werkzeuges als eines Zieles. Die Bewertung des vernünftigen Tätigseins als höchste Form des Glücks ist kulturspezifisch. In fast allen Religionen wird die Erfahrung der höchsten Wirklichkeit angestrebt (das hinduistische Samadhi, das buddhistische Nirwana, die christliche Mystik). Allerdings hat bei Aristoteles hat das Erkennen der Naturgesetze einen quasi-religiösen (pantheistischen) Charakter, sodass eine Verbindung entsteht zwischen dem wissenschaftlichen Erkennen der Naturgesetze und dem introspektiven Erkennen der höchsten Wirklichkeit. Wenn Erkenntnis dazu dient, sich von der materiellen Welt zu lösen und (in quasi meditativer Art) in eine geistige Welt einzutauchen (wie etwa bei Spinoza), dann ordnen wir sie dem Lebensziel Erlösung zu.
Risiko-Aversion
Unsere Vernunft-Definition sagt, dass das Wissen erweitert werden kann, wobei unter Wissen auch emotionale Erfahrung eingeschlossen ist. Warum sollten wir für die ideale Gewichtung der Lebensziele nicht von einem möglichst vollständigen Wissen ausgehen? Wenn das Verhalten der Menschen mit zunehmender Erfahrung risiko-avers wird, warum sollte ein Ideal dies nicht berücksichtigen? Die mit dem Alter zunehmende Risiko-Aversion ist das Resultat von Lernen durch Erfahrung. Warum sollte man alle negativen Erfahrungen selbst machen müssen?
Betrachten wir die hinduistische Hierarchie der Lebensziele aus der Sicht der Risiko-Aversion:
1. Durch die Identifikation mit unvergänglichen Werten entsteht ein Gefühl der Unsterblichkeit (Kap.2.1)
2. Jede Art von Leiden kann als ein Leiden an der Vergänglichkeit interpretiert werden, weil jeder glückliche oder angenehme Zustand (z.B. körperliche Unversehrtheit) nur eine beschränkte Zeit dauert.
Mit dieser Interpretation entspricht die (aufsteigende) Hierarchie der Lebensziele einer zunehmenden Tendenz zur Risiko-Aversion.
1. Im Hinduismus wird das spirituelle Überleben (Brahman) mit dem Kriterium Glück (bzw. Befreiung vom Leiden) widerspruchslos verbunden.
2. Im Buddhismus wird das spirituelle Überleben als eine Hilfskonstruktion betrachtet, welche genau dann nicht mehr benötigt wird, wenn im Zustand der Wunschlosigkeit (Nirwana) auch der Wille zu überleben verschwindet.
Innere Risiken
Die Praxis hat gezeigt, dass Risiko-Aversion auch auf die Innenwelt angewendet werden muss. Das Bestreben, alle Handlungen der Vernunft zu unterwerfen birgt die Gefahr, dass die Gefühle als Steuerungsinstrument des Handelns verdrängt werden. Aber zur Vernunft gehört auch, dass man den Gefühlen Raum lässt. Ein zu starkes Insistieren auf Idealen kann durch psychische und psychosomatische Krankheiten zu schwerem Leiden führen und damit genau das bewirken, was man mit den Idealen eigentlich vermeiden wollte. Die Gefahr einer moralischen Überforderung wurde von den Schöpfern der Ideale schon früh erkannt:
1) Im Buddhismus wird durch den sog. mittleren Weg ein seelisches Gleichgewicht angestrebt und zerstörerische Askese bewusst vermieden.
2) Im Hinduismus wird über das ganze Leben gesehen eine gewisse Ausgewogenheit der Ziele angestrebt, in welcher der Respekt für die biologischen Bedürfnisse zum Ausdruck kommt. Das Gleichgewicht zwischen den biologisches Zielen (Artha und Kama) und den ethischen Zielen (Dharma und Moksha) kann ähnlich begründet werden wie die aristotelische Mesotes-Lehre, d.h. durch eine realistische Einschätzung der Chancen und Risiken. Die Natur des Menschen soll nicht durch ein utopisches Ideal verzerrt werden, weil sonst kontraproduktive Entwicklungen zu befürchten sind. Aus dem Wünschbaren (Idealen) entsteht durch die Praxis das Mögliche. Man darf nicht vergessen, dass durch die Gleichstellung der kulturellen Lebensziele (Freudsches Über-Ich) mit den biologischen Lebenszielen (Freudsches Es) die Anforderungen bereits hoch gesteckt sind. Für die ausschliessliche Identifikation mit kulturellen Zielen braucht es eine bestimmte Konstitution welche im Hinduismus (in einer heute nicht mehr vertretbaren Weise) mit dem moralischen Verhalten in vorausgehenden Lebenszyklen erklärt wird. Wenn diese Konstitution gegeben ist, dann übersteuert sie das Kriterium der Ausgewogenheit.
3) Auch das aristotelische (übergewichtete) Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis erfordert eine spezielle Konstitution. Bei Aristoteles wird die Problematik der moralischen Überforderung durch den seelischen Reinigungsprozess (Katharsis) angesprochen.
Der mittlere Weg Buddhas ist rückzugs-orientierter als derjenige von Aristoteles, weil Buddha die äusseren Risiken stärker gewichtet als die inneren. Er verfügt über eine effiziente psychologische Methode zur Reduktion der inneren Risiken und ist überzeugt, dass die Chancen der Aussenwelt die damit verknüpften Risiken nicht aufwiegen.
Lebensphasen
Die hinduistische Beschreibung der Lebensphasen (Ashramas) orientiert sich an der geistigen Entwicklung des Individuums:
Die psychische und spirituelle Persönlichkeit eines Individuums versucht, sich im Evolutionsprozess auszudehnen und zu wachsen. Dieser wachsende und sich intensivierende Vorgang nimmt auf bestimmten Stufen spezifische Färbungen an, so dass das Individuum dem Leben gegenüber jeweils eine charakteristische Form des Denkens und Verhaltens zur Schau stellt. Von diesen Stufen, die als Ashramas bekannt sind, gibt es hauptsächlich vier:
1. die Stufe der Überschwänglichkeit und Energie der Jugend, welche Ausbildung und Disziplin benötigt und die nach Wissen sucht (Brahmacharya)
2. die Stufe der äusseren Aktivität und der sozialen Beziehungen, in der man die normalen menschlichen Sehnsüchte erfüllt und als ein Teil der grossen Menschengesellschaft seinen entsprechenden Pflichten nachgeht (Grihastha)
3. die Stufe der grösseren Denkreife, in der man die Vergänglichkeit der zeitlichen Werte und des materiellen Besitzes entdeckt und danach strebt, sich in die Wahrheit hinter den Erscheinungen zu vertiefen (Vanaprashta)
4. die Stufe der Erleuchtung, in der man ein Leben der Vereintheit mit der höchsten Wirklichkeit lebt (Sannyasa).
Diese “Stufen” sind die “Ordnungen des Lebens”, die von den sich wandelnden Schwerpunkten notwendig gemacht werden, die das Leben im Laufe der sich entfaltenden Evolution setzt (Yoga-Psychologie).
Bei den weltlich orientierten Hindus wird ein Gleichgewicht zwischen kulturellen und biologischen Kräften angestrebt:
1. In der Jugendphase geht es darum, eine innere Kontroll-Instanz (Über-Ich) aufzubauen. Es dominiert die familiäre Erziehung und die Schule. Der Jugendliche muss die kulturellen Gesetze kennenlernen. Im Idealfall entsteht ein Gleichgewicht zwischen kontrollierenden und spontanen Kräften in der Psyche, sodass der Jugendliche weder undiszipliniert noch depressiv ist.
2. Im Erwachsenenalter tritt die innere Kontroll-Instanz an die Stelle der Erzieher. Diese Instanz sollte dafür sorgen, dass in der Partnerschaft, bei der Familiengründung, Eroberung und Verteidigung einer Position in der Gesellschaft usw. das kulturelle Gesetz (Dharma) respektiert wird.
3. Das Pensionsalter ist charakterisiert durch Abgabe der Verantwortung in Familie und Beruf, den Zerfall der Macht; Alter, Krankheit und Konfrontation mit dem Tod. Der Drang nach Selbstverwirklichung verliert an Bedeutung. Es entsteht jetzt eine Art Umkehr-Situation, ein Gleichgewicht zwischen den Ängsten, welche der biologische Zerfall auslöst und der Sicherheit, welche die Gemeinschaft und die Religion geben. Die Erfahrung des inneren Kontrollverlustes bewirkt, dass die äusseren kontrollierenden Kräfte positiv wahrgenommen werden. Das biologisch gesteuerte Es wird zur Bedrohung, das kulturell gesteuerte Über-Ich zur rettenden Instanz. Der Gegner ist nicht mehr aussen (Erzieher, Moralgesetze) sondern im Inneren (Krankheit, Zerfall).
Der Sannyasin hat die Wahrnehmung seines Selbst erweitert und so die Angst vor dem Tod überwunden. In seinem psychischen Gleichgewicht sind die kulturellen Kräfte (gegenüber dem durchschnittlichen Hindu) stark übergewichtet. Das kann durch eine spezielle Konstitution oder eine spezielle Lebenserfahrung erklärt werden. Aus Freudscher Sicht hat der Sannyasin einen neurotischen Charakter und ist in seiner kulturellen Prägung gefangen. Aus hinduistischer Sicht hat er sich endgültig von den biologischen Zwängen befreit.
Der Fluss des Lebens
Für aufgeklärte Erwachsene, welche um Macht und Liebe kämpfen, ist die Aufgabe des Egos eine fremde Gefühlswelt. Die Identifikation mit dem Lebensziel Erlösung entsteht erst durch Erfahrung und stellt einen Fluchtort bzw. Schutz vor dem (im Alter immer bedrohlicher werdenden) Leiden dar. Glück ist etwas Relatives. Vom Ort des extremen Leidens aus gesehen ist die Nicht-Existenz des Egos so attraktiv wie das Glück, vom Ort der Gefühlslosigkeit aus gesehen. Das lebenslange Beharren auf den Zielen Macht und Liebe zeugt von Realitätsverlust. Die Quellen des Glücks verschieben sich mit dem Alter und erfordern eine Anpassung. Mit dem Fluss des Lebens gehen heisst, um Macht und Liebe kämpfen, wenn man jung ist und sich vom Ego lösen, wenn man alt wird. Diese Strategie erzielt für die Mehrheit der Menschen das grösstmögliche Glück, bzw. das kleinstmögliche Leiden. Sie ist auch die einzige Möglichkeit, um die Tradition weiterzugeben. Die Menschen müssen immer wieder leiden und sterben im Kreislauf der Wiedergeburten um das Wissen am Leben zu erhalten.
Im Vergleich mit Aristoteles ist das hinduistische Modell realistischer
1. weil es das individuelle Machtstreben als Ziel anerkennt
2. weil es die Lebensphasen, insbesondere das Loslösen vom Leben berücksichtigt
3. weil das nach aussen gerichtete Erkenntnisstreben bei der Mehrheit der Menschen nicht das Lebensziel Erlösung (vom Leiden) ersetzen kann.
Ist das Gleichgewicht zwischen den kulturellen (kontrollierenden) und biologischen (spontanen) Kräften ein ethisches Ideal? Gemäss Kap.6.1 spielt es eine wichtige Rolle für den Zustand innerer Freiheit (aus Freudscher Sicht) und damit für das Zustandekommen von authentischen moralischen Entscheidungen. Für dieses Gleichgewicht gibt es aber ein weites Spektrum von Möglichkeiten. Wenn sich ein Individuum authentisch für ein rückzugs-orientiertes Leben entscheidet, dann gibt es wenig Argumente, um diese Entscheidung moralisch anzufechten (siehe The Moral Ideal of the Complete Life). Letztlich geht es darum die inneren und äusseren Risiken richtig einzuschätzen; und dies ist nur im konkreten Fall möglich und nicht in einer allgemeinen ethischen Theorie.
7. Konflikte bei der Realisierung
Alle bisherigen Untersuchungen handelten von Zielkonflikten. Wir wenden uns jetzt Konflikten zu, welche bei der Realisierung der Lebensziele auftauchen.
7.1 Theorie gegen Praxis
Konflikt
Bei jedem der vier Lebensziele gibt es Konflikte zwischen Theoretikern und Praktikern. Die Theoretiker interessieren sich oft für Zusammenhänge, die nicht praxisrelevant sind; die Praktiker spüren den Handlungsdruck und entscheiden zuweilen auch ohne Theorie. Nirgends ist das so deutlich wie im Verhältnis der Sozialwissenschaften zur Politik (Lebensziel Gerechtigkeit). Eines der prominentesten Beispiele ist die Luhmann-Habermas Kontroverse [Maciejewski]:
1. Habermas ist der Meinung, dass Soziologie die Gesellschaft kritisieren muss und dass Wissenschaft eine moralische Verpflichtung hat
2. Luhman ist der Meinung, dass man zuerst die Theorie verbessern muss, bevor man Ratschläge erteilt.
Habermas über Luhmanns Theorie: "Es ist alles falsch, hat aber Qualität." (NDR-Online).
Luhmann über Habermas (sinngemäss): „Er wartet auf Vernunft und suggeriert Utopien, anstatt zeitgemässe Soziologie zu betreiben“ [Luhmann, 1148].
Wenn wir davon ausgehen, dass auch im sozialen Bereich die Wissenschaft von Interessen geleitet ist, dann steht deskriptive Ethik grundsätzlich im Dienste der normativen Ethik. Die Stoiker, Spinoza, Kant u.a. waren sogar der Meinung, dass die Normen des Zusammenlebens erkannt werden können.
Diskurs
Die Evolution hat das Leben in ein faschistoides System von unvorstellbarer Grausamkeit verwandelt. Der Begriff faschistoid ist gerechtfertigt, weil die Mehrheit diese Grausamkeiten nicht kennt oder nicht wissen will, solange sie profitiert. Man kann auf die empirischen (statistischen) Daten verweisen, um zu dokumentieren, dass der Begriff faschistoid einer unverzerrten Wahrnehmung entspricht.
Aus wissenschaftlicher Sicht verlässt man die Position des neutralen Beobachters wenn man das Leben faschistoid nennt. Der Wissenschaftler verneint nicht die Statistik der Grausamkeiten, aber versucht das Leben einfach so beschreiben wie es ist, ohne moralische Bewertung. Statistische und historische Daten lassen sich auf ganz verschiedene Art und Weise interpretieren. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, eine bestimmte Interpretation zu unterstützen (auch nicht die von Nietzsche), sondern die Mechanismen der Interpretation zu erforschen.
Die Mechanismen der Interpretation wurden (im Buddhismus) schon vor mehr als 2000 Jahren erforscht. Nietzsche’s „Entdeckung“, dass Interpretationen letzlich vom Leben dominiert werden, ist eine längst bekannte Wahrheit; neu ist nur die pathetische Verpackung. Distanziertheit hilft der herrschenden Macht, weil sie von dieser als Einverständnis gedeutet werden kann.
Wenn sich Theoretiker für Themen interessieren, die nicht praxisrelevant sind oder keine Priorität haben, dann nähern sie sich dem Lebensziel Erlösung, d.h. sie arbeiten mehr für ihr eigenes Wohl als für das Gemeinwohl. Der Realisierungskonflikt Theorie gegen Praxis ist doch teilweise wieder vom Zielkonflikt Erlösung gegen Gerechtigkeit geprägt.
Metapher
Das persönliche Engagement unterscheidet den Sinn für Gerechtigkeit von der distanzierten Beobachtung. Diese unterschiedlichen Positionen lassen sich anhand von Rawls’ Metapher vom Urzustand darstellen. Wenn der Entscheidungträger im Urzustand ein unpolitischer Wissenschaftler wäre, dann würde er sich mit der Beschreibung von Glück und Leiden begnügen. Wenn er aber eine Person darstellt, die auf ihre Inkarnation wartet und später den Risiken dieser Welt ausgesetzt ist, dann versucht er Einfluss zu nehmen. Gemäss den Ausführungen in Negative Utilitarianism and Justice hätte ein solcher Entscheidungsträger eine starke Präferenz für Risiko-Aversion.
Intrapersonelle Konfliktlösung
1. Luhmann hat insofern Recht, als die Theorie ungenügend entwickelt ist und möglicherweise nie genügend entwickelt sein wird (weil die Menschen irrational handeln und vieles vom Zufall abhängt).
2. Habermas hat insofern Recht, als Politiker und Bürger unter Handlungsdruck stehen und eine Richtlinie für moralisches Verhalten brauchen.
Fazit: Es ist sinnvoll eine Vernunft-Ethik als Richtlinie zu entwickeln. Unter Hinweis auf das Theoriedefizit müssen allerdings auch rückzugs-orientierte Strategien wie der Buddhismus respektiert werden. Ein beidseitiger Gewinn entsteht genau dann, wenn die Theorie auf die Praxis ausgerichtet ist und von der Praxis motiviert wird.
1. Ein Politiker kann z.B. wissenschaftliche Erkenntnisse verwenden, um Risiken zu reduzieren und Gerechtigkeit zu fördern.
2. Umgekehrt profitiert der unpolitische Wissenschaftler von der Stabilität, welche durch eine gerechte und risiko-averse Gesellschaftsordnung geschaffen wird.
Intrapersonelle Konfliktlösung
Die Personalunion der beiden oben genannten Rollen ist
1. der Wissenschaftler, welcher unparteiisch politisiert, bzw.
2. der Politiker, welcher wissenschaftlich argumentiert.
7.2 Überzeugungskraft gegen Gewalt
Gewalt kann sich auf alle Lebensziele beziehen. Dazu nur ein paar Stichworte
1. Liebe: Vergewaltigung
2. Macht: Krieg zwischen Clans, Stämmen, Ethnien
3. Erlösung: Selbstmord
4. Gerechtigkeit: Revolution
Vernunft-orientierte Gerechtigkeitstheorien tun sich schwer in der Definition der Fälle, wo Gewalt angewendet werden darf (Stichworte: Notwehr, Strafvollzug, Töten aus Mitleid, etc.). Sie haben aber noch mehr Mühe zu entscheiden, ob ihre Sicht von Gerechtigkeit gewaltsam gegenüber irrationalen Herrschaftssystemen durchgesetzt werden darf. Auf dieses Problem wollen wir uns im Folgenden konzentrieren.
Konflikt
Nehmen wir an, der Nationalsozialismus hätte sich durchgesetzt. Wir würden dann in einer Welt leben, welche einen verzerrten Begriff von Vernunft verwendet. Nietzsches Ethik des Überlebens paktiert mit der Herrschaft des Irrationalen und toleriert jede Form des Leidens. Aus der Sicht einer Vernunft-Ethik ist dies genau die Entwicklung, die es zu verhindern gilt. Aber ist sie auch um jeden Preis zu verhindern? Führt die stoische Bereitschaft jeden Preis für den Sieg der Vernunft zu zahlen in eine bessere Welt oder zu einer Spirale zunehmenden Leidens?
Diskurs
Der Mensch ist ein zoon politikon – ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen (Politik, Aristoteles)
Wer in einer vernünftigen Welt leben will, der muss sich (mit allen Konsequenzen) für eine Vernunft-Ethik einsetzen. Nur eine Vernunft-Ethik schafft die Institutionen, welche die Freiheit des Denkens auch sichern und verteidigen können.
Eine unangenehme Konsequenz besteht darin, dass man Waffensysteme der gleichen Komplexität und Zerstörungskraft bauen muss wie die rivalisierenden irrationalen Ethiken.
Es ist unmoralisch, die Verteidung der Denkfreiheit anderen zu überlassen und gleichzeitig davon zu profitieren. Die Verweigerung gesellschaftlicher Pflichten ist zumindest inkonsequent für Menschen mit familiärem Engagement.
Wenn man eine Familie nur mit Gewalt verteidigen kann, dann ist dies ein Argument für Kinderlosigkeit.
Unabhängige Menschen können den Kriegsdienst verweigern und gewaltlos politisch agieren.
Der Diskurs um die moralische Bewertung von gewaltlosem Engagement gegenüber bewaffneter Verteidigung ist mehr als 2000 Jahre alt (z.B. Bergpredigt). Wir verweisen hier auf den Diskurs zwischen der Pazifismus-Bewegung und ihren Gegnern.
Nehmen wir eine Situation an, in welcher bewaffnete Verteidigung ihren Preis wert ist (gemessen an der Grössenordnung des geschätzten Leidens). Wenn sich Ethiker in dieser Situtation weigern Militärdienst zu leisten, dann nähern sie sich dem Lebensziel Erlösung, d.h. sie arbeiten mehr für ihr eigenes Wohl als für das Gemeinwohl. Der Realisierungskonflikt Überzeugungskraft gegen Gewalt ist doch teilweise wieder vom Zielkonflikt Erlösung gegen Gerechtigkeit geprägt.
Interpersonelle Konfliktlösung
Das Zusammenwirken von verschiedenen Strategien in einer Gemeinschaft kann insgesamt ein besseres Resultat erzielen als eine einheitliche Haltung. Eine solche Gemeinschaft ist flexibler in der Beurteilung von Konfliktsituationen und verfügt über mehr Optionen.
Intrapersonelle Konfliktlösung
Was für die Gemeinschaft wahr ist, gilt in diesem Falle auch für das Individuum. Es ist besser die Optionen offen zu halten als strikte Regeln festzulegen. Der oben skizzierte Diskurs sucht nach einer allgemeinen Antwort auf die Frage der Gewaltlosigkeit. Es ist aber mindestens so plausibel dass es ein ganzes Spektrum von vertretbaren Strategien gibt, angefangen vom Einsiedler und Epikuräer über das aristotelische Zoon politikon bis zum Tyrannenmörder, je nach den Chancen und Risiken einer bestimmten Situation. Siehe On the Principles of Non-Violence and Disengagement.
7.3 Kulturpessimismus gegen Fortschritt
Fortschrittsdenken kann sich auf alle Lebensziele beziehen. Dazu nur ein paar Stichworte
1. Kama: Paradise engineering, synthetische Drogen
2. Artha: Übermensch, Allmacht, Allwissenheit (Wissen = Macht), Unsterblichkeit, Transhumanism
3. Erlösung: Bioethical Abolitionism
4. Gerechtigkeit: Gegengewicht zur Macht des Zufalls durch unbegrenzte „Reparatur-Möglichkeiten“.
Wir haben das Primat der Vernunft mit ihrer Heilwirkung begründet. Aber ist es wirklich heilsam, die Kultur der Aufklärung auch weltweit durchzusetzen? Es ist ja nicht nur die physische Gewalt, welche notwendig ist, um die Vernunftherrschaft zu sichern, sondern auch die strukturelle Gewalt der Evolution welche uns daran zweifeln lässt ob das alles zu einem guten Ende kommt und seinen Preis wert ist. Die gleichen Gedanken machten sich Philosophen schon vor mehr als 2000 Jahren, wenn auch mit wesentlich geringeren Kenntnissen der Naturgesetze. Wie heute gab es ein weites Spektrum von Bewertungen, von tief pessimistisch bis total optimistisch. Nachstehend eine kleine Tabelle mit Ethiken, welche sich an der Vernunft orientierten:
|
Fortschrittsdenken |
Kulturpessimismus |
|
Aristoteles |
Buddhismus |
|
Sokrates |
Skeptizismus |
|
Früher Stoizismus |
Später Stoizismus |
Die griechische Kultur markiert den Beginn der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung, eine Entwicklung welche vermutlich die (gegenüber der indischen Kultur) optimistischere Weltsicht erklärt. Wir wollen es unterlassen, nach 2500 Jahren eine Bilanz zu ziehen und begnügen uns mit der Feststellung, dass die buddhistischen Wahrheiten bis jetzt noch nicht widerlegt sind. Die technologischen Visionen der Transzendenz konkurrieren deshalb mit uralten Konzepten:
1. Das wissenschaftliche Erkennen der höchsten Wirklichkeit konkurriert mit dem introspektiven Erkennen, d.h. die Aussenperspektive konkurriert mit der Innenperspektive.
2. Die Gottwerdung durch technologischen Perfektionismus konkurriert mit dem Pantheismus, d.h. das Schaffem von Neuem konkurriert mit der Heiligung des Bestehenden.
Historisch gesehen befinden wir uns insofern in einer erstmaligen Situation, als eine (nachhaltige) technologische Verbesserung der Lebensbedingungen machbar erscheint. Das Prinzip der Risiko-Aversion führt dann nicht mehr unbedingt zur Lebensverneinung. Wenn eine gerechte und hoch technologisierte Gesellschaft die traumatischen Formen des Leidens für alle und nachhaltig beseitigen kann, dann ist dies ein starkes Argument für eine lebensfreundliche Ethik (gegenüber der Alternative „Naturzustand“). Wir konzentrieren uns im Folgenden diesen Realisierungskonflikt (d.h. auf das Lebensziel Erlösung):
Konflikt
Vernunft-Ethiken unterscheiden sich in der Bewertung der Zukunft:
1. Die lebensfreundliche Haltung und gründet u.a. auf folgenden Argumenten:
a) Das Risiko von psychischen Krankheiten, welche eine lebensfeindliche Ethik erzeugt.
b) Die Möglichkeit einer technologischen Erlösung (Ausrottung des traumatischen Leidens)
2) Wer die Welt „so wie sie ist“ nicht akzeptieren kann und
a) positiven Aktionen nur eine lokale oder ungenügende Wirkung zugesteht oder
b) allen Aktionen eine kontraproduktive Wirkung unterstellt (wie die Theravada-Buddhisten)
der muss versuchen aus dem Kreislauf der (genetischen) Wiedergeburten auszutreten.
Diskurs
Man muss nicht alles oder immer mehr wissen, sondern nur das Wesentliche. Das Wesentliche ist die Erkenntnis, dass die Verhinderung des Leidens oberste Priorität hat und das Wissen, wie man sich befreien kann. Dazu braucht es keine Technologie.
Auch ein Buddhist wird alt und krank und ist dann dankbar für medizinische Versorgung. Die westliche Hoffnung ruht auf der These, dass eine Mischung von Kooperation und Konkurrenz langfristig eine kulturelle Reduktion des Leidens ermöglicht.
Man braucht schon sehr viel Vertrauen in die kulturelle Evolution, um in voller Kenntnis der Kulturgeschichte optimistisch zu bleiben. Es ist mindestens so plausibel anzunehmen, dass die zunehmende Komplexität der Umgebung und die Verlängerung der Lebensdauer das Leiden vergrössert (analog zur biologischen Ebene). Wer länger leben kann und intensiveres Glück erfährt, der hängt noch stärker am Leben. Der medizinische Fortschritt wird wahrscheinlich einen Kampf um längere Lebensdauer auslösen. Technologie ist ambivalent und schafft immer wieder neue Formen des Leidens. Die Idee der technologischen Erlösung ist einfach eine weitere Utopie, um das immense Leiden in dieser Welt zu rechtfertigen.
Wir verweisen auf den Diskurs zwischen Fortschrittsdenken und Kulturpessimismus.
Technologische Erlösung ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ein Ethiker, welcher auf die Gemeinschaft vertraut muss sich mit dem Lebensziel Gerechtigkeit befassen. Ethiker, welche der Technologie misstrauen, neigen zum Lebensziel Erlösung. Insofern ist der Realisierungskonflikt Kulturpessimismus gegen Fortschritt doch teilweise wieder vom Zielkonflikt Erlösung gegen Gerechtigkeit geprägt.
Interpersonelle Konfliktlösung
Ein beidseitiger Gewinn entsteht durch Wissenschaften, welche Leiden verhindern
Beispiele:
1. Systemtheorie im Dienste einer risiko-aversen Ethik
2. Bioethical Abolitionism (z.B. Palliativmedizin, Antidepressiva)
3. Wissenschaftliche Methoden der Empfängnisverhütung
Die Konfliktlösung besteht darin, dass man Technologie nicht grundsätzlich ablehnt, sondern an der Reduktion von Leiden misst. An diesem Kriterium gemessen wurde bis jetzt (gesamthaft) noch kein Fortschritt erzielt, siehe
1. Utility and Suffering in Culture
2. On the Perception of Risk and Benefit
Die rückzugs-orientierte buddhistische Position ist deshalb weiterhin vertretbar.
Fazit: Der technologische Fortschritt ändert nichts an der Gewichtung der Lebensziele. Er ändert nur die Mittel, mit welchen die Ziele erreicht werden sollen (z.B. technologische Erlösung als Alternative zur spirituellen Erlösung). Weil wir die Gewichtung der Lebensziele mit Risiko-Aversion begründet haben, sollte die Technik zuerst dort eingesetzt werden, wo Risiken reduziert werden (wie in den oben angegebenen Beispielen). Umgekehrt müsste man versuchen die Entwicklung dort zu bremsen, wo neue Risiken geschaffen werden (wie im Bereich des Machtstrebens).
Intrapersonelle Konfliktlösung
Berufe in den oben angegebenen Bereichen.
1) Die hinduistischen Lebensziele kann man als allgemeingültige Charaktermerkmale des Menschen, d.h. als anthropologische Erkenntnis bezeichnen. Sie erfordern jedoch eine zeitgemässe Interpretation.
2) Die Lebensziele beeinflussen die Wahrnehmung und damit die Entstehung von ethischen Überzeugungen (Intuitionen).
3) Bei den Konflikten zwischen den Lebenszielen und deren Realisierung gibt es oft Lösungen, welche einen beidseitigen Gewinn ermöglichen.
4) Gewichtung der Lebensziele:
a) Deskriptive Sicht: Die Gewichtung der Lebensziele wird durch transzendente Erfahrungen des Glücks und des Leidens massgeblich beeinflusst. Dabei spielt die Sozialisation aber auch der Zufall eine wichtige Rolle.
b) Normative Sicht: Eine vernünftige Lebensweise ist gekennzeichnet durch Risiko-Aversion in Bezug äussere und innere Risiken. Die innere Freiheit ist am grössten, wenn ein Gleichgewicht herrscht zwischen den kulturellen (kontrollierenden) und biologischen (spontanen) Kräften.
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1. Brenner Peter J. (2002), Das Glück in der Literatur, in Glücksforschung – Eine Bestandesaufnahme, Bellebaum Alfred (Hg.), UVK-Verlag, Konstanz 2. Burkhart Günther (2002), Glück in der Liebe, in Glücksforschung – Eine Bestandesaufnahme, Bellebaum Alfred (Hg.), UVK-Verlag, Konstanz 3. DTV-Atlas zur Psychologie, 4.Aufl.(1994), Deutscher Taschenbuch Verlag, München 4. Freud Sigmund (1930), Das Unbehagen in der Kultur, Internationalter Psychoanalytischer Verlag, Wien 5. Freud, Sigmund (1927/1948), Nachwort zur “Frage der Laienanalyse”, in: Ders., Gesammelte Werke IVX, Frankfurt am Main. 6. Gerhardt Volker (2008), Liebe ist stärker als der Tod 7. Hampe Michael (2009), Das vollkommene Leben, Hanser Verlag, München 8. Kissling Hans (2008), Reichtum ohne Leistung, Verlag Rüegger, Zürich 9. Luhmann Niklaus (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M 10. Maciejewski Franz, Hrsg.(1973), Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Beiträge zur Habermas-Luhmann-Diskussion. Theorie-Diskussion Supplement, Bd.1, Suhrkamp, Frankfurt am Main. 11. Nietzsche (1878-1880), Menschliches, Allzumenschliches – Ein Buch für freie Geister (mit zwei Fortsetzungen) 12. Seelmann Hoo Nam (2009), Die Farbe des Verlangens, Neue Zürcher Zeitung, Nr.187, B2 13. Ulrich Peter (2008), Integrative Economic Ethics, Cambridge University Press 14. Voorhoeve Alex (2001), Kant on the Cheap, Thomas Scanlon Interviewed, The Philosopher’s Magazin, Issue 16 15. Zerm Stephanie (2005), Moral als Selbsterschaffung, Dissertation Universität Hannover
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Weiterführende Literatur
Tugendethik 1. Aristoteles, Nikomachische Ethik 2. Beisbart C., Einführung in die antike Ethik, Verstandestugenden 3. Keller Markus, Die Tugend als Mitte bei Aristoteles
Ethischer Relativismus Schaber Peter, Ethischer Relativismus
Vertragsorientierte Ethik 1. Leist, A. (1991). Intergenerationelle Gerechtigkeit. In: Kurt Bayertz (Hg.): Praktische Philosophie (S. 322-360). Reinbeck: RoRoRo 2. Scanlon T.M., What we owe to each other 3. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Reflective Equilibrium
Sozialpsychologie Berkowitz Leonhard, Advances in Experimental Social Psychology
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