Konkurrierende Lebensziele
von Socrethics
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Inhalt
2 Die Struktur der Lebensziele
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Zusammenfassung
Problemstellung 1. Gibt es allgemeingültige Lebensziele? 2. Gibt es normative Kriterien für die Gewichtung von Lebenszielen? 3. Wie kann man die Konflikte zwischen den Lebenszielen lösen?
Resultat 1) Die hinduistischen Lebensziele kann man als allgemeingültige Charaktermerkmale des Menschen, d.h. als anthropologische Erkenntnis bezeichnen. Sie erfordern jedoch eine zeitgemässe Interpretation. 2) Für die Gewichtung der Lebensziele wird auf Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis verwiesen. 3) Für die Konflikte zwischen den Lebenszielen werden folgende Lösungen vorgeschlagen: a) Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft: Der Kontraktualismus von John Rawls b) Konflikt zwischen Macht und Liebe: der Kontraktualismus von T.M.Scanlon c) Die Grundidee des Kontraktualismus kann auch auf intrapersonelle Konflikte angewendet werden, sofern man die widersprüchlichen Interessen wie unterschiedliche Personen behandelt.
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Ausgangslage
Im Aufsatz Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit wurde der moralische Perfektionismus in Bezug auf sein fehlendes Gerechtigkeitskonzept kritisiert und im Aufsatz Negative Utilitarianism and Justice wurde ein solches vorgeschlagen. Im vorliegenden Aufsatz soll nun versucht werden, die Auswirkungen dieses Konzeptes auf die Lebenspraxis zu konkretisieren.
Das Lebensziel Gerechtigkeit steht in Konkurrenz mit anderen Lebenszielen. Dabei zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen Weltbildern, welche positiv geprägt sind (z.B. dasjenige des Aristoteles) und solchen, welche negativ geprägt sind (z.B. dasjenige des Hinduismus).
Problemstellung
1. Gibt es allgemeingültige Lebensziele?
2. Gibt es normative Kriterien für die Gewichtung von Lebenszielen?
3. Wie kann man die Konflikte zwischen den Lebenszielen lösen?
Methode
1) Die Lebensziele der aristotelischen (nikomachischen) Ethik und des Hinduismus werden als Kandidaten für allgemeingültige Ziele betrachtet und miteinander verglichen.
2) Für die Gewichtung der Lebensziele wird auf den Aufsatz Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis verwiesen.
3) Als Lösungsmethode für Zielkonflikte wird der Kontraktualismus vorgeschlagen, d.h. die gleiche Ethik, welche auch im Aufsatz Negative Utilitarianism and Justice zur Anwendung kommt.
2. Die Struktur der Lebensziele
2.1 Hinduismus
Definition
In der heutigen Zeit ist die Vielfalt der Lebensziele fast unüberblickbar. Um die Konflikte zwischen den Zielen etwas konkreter untersuchen zu können, muss man versuchen, diese Vielfalt auf eine einfache Struktur zurückzuführen. Die folgende Struktur der Lebensziele (Purushartas) ist dem Hinduismus entnommen und beruht auf einer mehrtausendjährigen Erfahrung. Sie ist in diesem Sinne eine Erkenntnis in Bezug auf die grundlegenden Charakter-Merkmale des Menschen, ein Resultat der Anthropologie.
Der Hinduismus formuliert vier Lebensweisen bzw. Lebensziele:
1) Der Genuss von Sinnesfreuden (Kama)
2) Der Erwerb und die Weitergabe von materiellem Wohlstand im Rahmen von Familie und Gesellschaft. (Artha)
3) Ein rechtschaffenes Leben im Einklang mit moralischen Grundsätzen (Dharma).
4) Die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und aus der fundamentalen Unwissenheit (Moksha).
Das dritte Lebensziel gilt als Grundlage, das letzte wird als das höchste eingestuft.
Die Lebensziele (Purushartas) sind den Veden entnommen. Nachfolgend eine Übersicht:
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Liebe und Genuss Kama |
Vitales Ziel |
das Angenehme |
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Macht Artha |
Ökonomisches Ziel |
das Nützliche |
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Gerechtigkeit Dharma |
Ethisches Ziel |
das Gerechte |
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Erlösung Moksha |
Ultimatives Ziel |
die Erlösung |
Die Erweiterung der Identität durch die Lebensziele Dharma und Moksha steht im Zentrum der hinduistischen Ethik. Die Gewichtung dieser Ziele ist aber nicht fix vorgegeben, sondern abhängig von den Lebensphasen (siehe Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis).
Die hinduistischen Lebensziele korrelieren mit den oben angegebenen Lebenszielen der heutigen Gesellschaft, sind aber nicht identisch. Am deutlichsten wird dies am Beispiel der Gerechtigkeit.
Interaktions-Verhalten
Die hinduistischen Lebensziele lassen sich relativ gut mit Charakter-Eigenschaften in Verbindung bringen, welche aus der Faktorenanalyse des Interaktions-Verhaltens bekannt sind [DTV-Atlas zur Psychologie, S.213]:
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Ditention Moksha |
Dominanz Artha
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Komplianz Dharma
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Affiliation Kama
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Die oben genannten Charaktereigenschaften haben einen massgebenden Einfluss auf die Gewichtung der Lebensziele und auf das Weltbild (insbesondere auf die Utopien, siehe Utility and Suffering in Culture, End of Suffering). Umgekehrt wirkt die Wahl Lebensziele bzw. das Weltbild auch wieder auf den Charakter zurück. Charaktereigenschaften sind per Definition langfristige Anpassungen an die Innen- und Aussenwelt und lassen sich entsprechend nur langfristig verändern. Die wichtigsten institutionalisierten Formen der Charakter-Analyse und -Beeinflussung sind die familiäre Erziehung und die Schule.
2.2 Plato
Platons Kardinaltugenden
Tugenden sind Verhaltensmuster und diese sind auf Ziele ausgerichtet. Die platonischen Kardinaltugenden sind mehr oder weniger auf die hinduistischen Lebensziele ausgerichtet, obwohl die spirituelle Dimension von Moksha im Begriff Weisheit zuwenig zum Ausdruck kommt.
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Dharma Gerechtigkeit |
Moksha Weisheit |
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Artha Tapferkeit |
Kama Mässigung |
Dharma
Der Begriff Dharma umfasst nicht nur die soziale Ordnung der Gesellschaft sondern auch die Religion. Dharma ist das Bild einer idealen Gesellschaft, in welcher jeder seinen vorbestimmten Platz hat. Nach unserer Vorstellung ist dieses Konzept ungerecht, weil das Prinzip der Chancengleichheit verletzt wird. Aus Sicht des Hinduismus ist das Dharma aber gerecht, weil der vorbestimmte Platz in der Gesellschaft ein Resultat des moralischen Verhaltens in vorangegangenen Lebenszyklen ist. Die Wiedergeburtslehre der Hindus ist unplausibel aber es ist doch interessant, dass man auch im Westen vom egalitären Konzept der Gerechtigkeit weggekommen ist. Die Kasten sind vielfältig und durchlässig geworden aber es geht immer noch um das Prinzip der Spezialisierung. Die Chancengleichheit in Bezug auf die einzelnen Spezialisierungen scheitert in unserer Gesellschaft an der Ungleichheit der angeborenen Begabungen. Sogar die Grundstruktur der Spezialisierung ist kaum verändert: Philosophen oder Theologen (die Nachfolger der Brahmanen) legitimieren oder heiligen immer noch Kriege und militärische Stärke schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb welcher sich die Wirtschaft erst entfalten kann. In einem gewissen Sinne sind auch die Wissenschaftler Nachfolger der Brahmanen. Sie verfügen heute über das Geheimwissen, welches der Kriegerkaste zum Sieg verhilft. In Friedenszeiten wird der klassische Krieg durch den Wirtschaftskrieg ersetzt.
Platons Staat
Die politische Philosophie von Plato zeigt grosse Ähnlichkeit mit dem Kastensystem der Hindus, obwohl Plato die Magie der Brahmanen durch die Rationalität der Philosophen ersetzte. Ein Kastensystem ist Garant für soziale Stabilität, ähnlich wie das Gewaltmonopol in demokratischen Gesellschaften.
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Rang |
Hinduismus |
Platonismus |
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1 |
Brahmanen |
Philosophen |
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2 |
Krieger |
Wächter |
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3 |
Händler und Hirten |
Bauern und Handwerker |
2.3 Aristoteles
Strukturmodell
Im Kontext der Analyse des guten Lebens unterscheidet Aristoteles drei Lebensformen:
1. das Genussleben – mit dem Ziel Lust;
2. das politische Leben – mit dem Ziel Ehre;
3. das theoretische Leben – mit dem Ziel Erkenntnis
Im Folgenden wird ein Versuch gemacht, Tugendethik als rationale Anpassung an Anforderungen der Aussenwelt (Über-Ich) und Innenwelt (Es) zu erklären. Tugenden sind Verhaltensweisen und diese sind auf Ziele (hier Lebensformen) ausgerichtet. Dabei wird der Standpunkt vertreten, dass eine Tugend-Ethik umso problematischer ist, je detaillierter die postulierten Tugenden definiert werden. Ausgangslage ist die folgende These:
Die Lebensformen des Aristoteles haben eine Beziehung
1. zu Freuds Strukturmodell der Psyche
2. zur aristotelischen Struktur der Seele (Aristotle, chapter 7)
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Ehre Politisches Leben (Über-Ich) |
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Erkenntnis Theoretisches Leben (Ich) |
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Lust Genussleben (Es) |
Über-Ich: Die Anforderungen der sozialen Gemeinschaft
Es: Die Interessen der biologischen Nutzenfunktion
Ich: Die Vermittlung zwischen den Interessen des Es und Über-Ich
Mesotes Lehre
Die Mesotes-Lehre besagt, dass man die Extreme meiden soll. Dies gilt insbesondere auch für den Konflikt zwischen dem Es und dem Über-Ich:
1. Analog zum Freudschen Modell ist die biologische Nutzenfunktion bei Aristoteles nicht moralisch schlecht. Leiden entsteht auch durch die Unterdrückung der biologischen Bedürfnisse und es ist ein ethisches Gebot, dieses Leiden zu verhindern.
2. Die biologische Nutzenfunktion (der Egoismus) und das Prinzip der Gerechtigkeit haben in der Psyche eine ähnlich klare Stellung wie ein Ideal. Es stehen sich folglich zwei Ideale gegenüber, zwischen welchen das Freudsche Ich vermitteln muss.
Wenn man das biologische und das ethische Ideal auf ein praktisches Problem anwendet, dann entsteht die Struktur eines Optimierungsproblems mit zwei widersprüchlichen Zielfunktionen. Das Konfliktlösungs-Ideal ist die optimale Lösung dieses Problems unter den gegebenen Randbedingungen, bzw. das Gleichgewicht der Überlegungen, welche für die eine oder andere Position sprechen.
Beziehung zu Platons Kardinaltugenden
Aristoteles hat die Philosophie seines Lehrmeisters Platon (vor allem die Ideenlehre) weitgehend abgelehnt und in seinem Werk Nikomachische Ethik eine eigene Ethik entworfen. Beide haben sie jedoch eine Tugend-Ethik entwickelt und der Einfluss der platonischen Kardinaltugenden auf die Lebensformen und die Mesotes-Lehre des Aristoteles ist offensichtlich:
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Politisches Leben Gerechtigkeit |
Theoretisches Leben Weisheit |
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- Tapferkeit |
Genussleben Mässigung |
Bei Aristoteles fehlt allerdings das individuelle Machtstreben als eigenständiges Lebensziel.
Das individuelle Machtstreben
Gelderwerb und Reichtum als Ziel hält Aristoteles nicht für eine Lebensform, da Geld immer nur Mittel zu einem Zweck, aber nie selbst Ziel ist. Er plädiert für das theoretische Leben als beste Lebensform. Dass Aristoteles die Macht nicht als eigenständiges Lebensziel sieht, könnte mit der Unabhängigkeit seines persönlichen Erfolges vom Machtstreben zusammenhängen. Er hält aber (wie die Hindus) auch äußere oder körperliche Güter wie Reichtum, Freunde und Macht für Bedingungen, die hilfreich oder sogar notwendig sind, um glücklich zu werden (Aristoteles, Wikipedia). In diesem Aufsatz wird die Position vertreten, dass Macht durchaus ein eigenständiges Lebensziel sein kann:
1) Als Begründung wird einerseits auf die Tatsache verwiesen, dass mächtige Personen oft ihre Möglichkeiten, Macht in die anderen Lebensziele umzusetzen nicht wahrnehmen, sondern umgekehrt die anderen Ziele opfern, um ihre Macht zu vergrössern. Sie suchen immer wieder den Kampf, obwohl sie es aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung längst nicht mehr nötig hätten. Den Begriff Macht im Sinne von Sozialprestige hat Aristoteles offenbar dem politischen Leben zugeordnet.
2) Im Weiteren sollte man den Begriff Macht nicht auf die Dimension des materiellen Reichtums und der Ämter einschränken. Macht ist Einfluss in allgemeinster Form, Wirkung auf die anderen durch unverwechselbare Eigenschaften. Einfluss kann ausgeübt werden durch Klugheit, Schönheit, Stärke, Originalität usw. Das Streben nach Selbstverwirklichung ist in vielen Fällen das Streben nach genau diesem Einfluss.
Aristotelische Tugenden
Die Aristotelischen Tugenden werden wie folgt gruppiert:
1) Charakter-Tugenden (ethische Tugenden) sind Haltungen, für die kennzeichnend ist, dass man sie loben und tadeln kann. Sie werden durch Erziehung und Gewöhnung ausgeprägt.
a) Tapferkeit, Sanftmut, Grossmut
b) Mässigung (Besonnenheit), Feinfühligkeit
2) Zu den Verstandes-Tugenden (dianoetische Tugenden) zählen Klugheit und Weisheit.
a) Weisheit bezieht sich auf das Wissen von Unveränderlichem
b) Allein die Klugheit (phronêsis) ist mit dem Handleln verknüpft, und zwar als Tugend mit dem Ziel eines guten Lebens. Sie ist – neben den Charakter-Tugenden – notwendig, um in konkreten Entscheidungssituationen im Hinblick auf das gute Leben handeln zu können. Im Bereich menschlicher Handlungen gibt es – anders als in den Wissenschaften – keine Beweise, und um klug zu sein, bedarf es dabei auch der Erfahrung. Die Funktion der Klugheit besteht darin, die Mitte (mesotês) zu wählen.
Die nachfolgende Abbildung ist ein Versuch, die Tugenden den Zielen zuzuordnen:
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Ehre Politisches Leben (Über-Ich) |
Tapferkeit Sanftmut, Grossmut |
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Erkenntnis Theoretisches Leben (Ich) |
Klugheit Weisheit |
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Lust Genussleben (Es) |
Mässigung Feinfühligkeit |
Während die Zuordnung der platonischen Kardinaltugenden zu den Lebensformen noch überzeugt, ist es bereits problematisch, Sanftmut, Grossmut und Feinfühligkeit als Tugenden zu propagieren, wenn man keinen Kontext angibt. Diese Tugenden sind z.B. ausgesprochen hinderlich in Kriegszeiten, zumindest wenn das theoretische Leben durch ein Aufgebot für den Militärdienst gestört wird. Mehr zur Problematik der Tugendethik siehe On the Principles of Non-Violence and Disengagement.
2.4 Synthese
Nachfolgend eine Synthese der bis anhin diskutierten Strukturen:
1) Bei Platon wird der Begriff Weisheit mit dem höchsten Ziel (Erkenntnis) assoziiert. Dieser Begriff stimmt gut mit dem Begriff Weisheit (als Wissen vom Unabänderlichen) bei Aristoteles überein. Bei Aristoteles wird aber Weisheit zusammen mit Klugheit als Verstandestugend klassiert und aus den Charaktertugenden ausgegliedert. Der freiwerdende Platz wurde im untenstehenden Schema durch die Lebensform religiöses Leben und die Charaktertugend Spiritualität ersetzt. Der Ort, an dem der Charakter des Menschen (aus)gebildet wird, ist für Aristoteles die Polis und nicht der Unterricht bei einem Guru. Das aristotelische Über-Ich erhält mit Moksha eine zusätzliche Dimension welche dem hinduistischen Begriff der Weisheit (gefühlsmässiges nicht nur intellektuelles Wissen) besser entspricht. Die Unterdrückung der spirituelle Dimension im Menschen erhöht das Risiko einer Depression oder eines radikalen Skeptizismus (vom Unbewussten erzwungenes Loslassen aller Bindungen)
2) Bei den Hindus ist das Streben nach individueller Macht ein eigenständiges Lebensziel. Diesem Ziel wurde im untenstehenden Schema die Lebensform Machtstreben zugeordnet. Aristoteles versteht politische Leben als Dienen an der Gemeinschaft mit dem Ziel der Ehre. Im Hinduismus ist Machtstreben nicht zwangsläufig in eine Polis eingebunden und das Ziel ist eher die Dominanz der Familie oder Sippe. Das aristotelische Es erhält mit Artha eine zusätzliche Dimension
Über-Ich
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Dharma Politisches Leben Gerechtigkeit |
Moksha Religiöses Leben Spiritualität |
Ich
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- Theoretisches Leben Klugheit/Weisheit |
Es
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Artha Machtstreben Tapferkeit |
Kama Genussleben Mässigung |
Mesotes-Lehre
1. In der Ausgewogenheit der hinduistischen Lebensziele kommt der Respekt für die biologische Nutzenfunktion zum Ausdruck. Das Gleichgewicht zwischen dem Freudschen Es (biologisches Ziele) und Über-Ich (ethische Ziele) wurde bereits in Kap.2.1 mit der Mesotes-Lehre in Verbindung gebracht. Die Natur des Menschen wird nicht durch ein utopisches Ideal verzerrt. Man darf nicht vergessen, dass durch die Gleichstellung der ethischen Lebensziele mit den biologischen Lebenszielen die Anforderungen bereits hoch gesteckt sind. Für die ausschliessliche Identifikation mit ethischen Zielen braucht es eine bestimmte Konstitution welche im Hinduismus (in einer heute nicht mehr vertretbaren Weise) mit dem ethischen Verhalten in vorausgehenden Lebenszyklen erklärt wird. Wenn diese Konstitution gegeben ist, dann übersteuert sie das Kriterium der Ausgewogenheit
2. Bei Aristoteles ist vernünftiges Handeln der Weg zum Glück. Das Bestreben, alle Handlungen der Vernunft zu unterwerfen und die starke Betonung des Tätigseins birgt die Gefahr, dass die Gefühle als Steuerungsinstrument des Handelns verdrängt werden. Aber zur Vernunft gehört auch, dass man den Gefühlen Raum lässt. Ein stark vom Kopf her gesteuertes Leben erfordert eine vom Durchschnitt abweichende Veranlagung. Bei Aristoteles wird die Problematik der ethischen Überforderung immerhin durch den seelischen Reinigungsprozess (Katharsis) angesprochen.
Die Hierarchie der Lebensziele
1) Das Genussleben im Sinne einer bloßen Befriedigung der Begierden hält Aristoteles für sklavisch und verwirft es. Auch im Hinduismus wird Kama als niedrigstes Lebensziel betrachtet.
2) Für Aristotels ist Gerechtigkeit Tugend in vollkommener Ausprägung, vor allem weil sie nicht nur auf den Einzelnen selbst sondern auf den Mitbürger bezogen ist. In der Bestimmung der Gerechtigkeit als umfassender persönlicher Rechtschaffenheit stimmte Aristoteles mit Platon überein (siehe Aristoteles, Wikipedia). Im Hinduismus hat der Begriff Dharma eine übergreifende Bedeutung, welche nicht nur die persönliche Rechtschaffenheit, sondern auch die Rechtsordnung der Gesellschaft umfasst.
3) Die Tugend der Klugheit/Weisheit hat bei Aristoteles eine ähnliche Sonderstellung, wie Moksha im Hinduismus. Dazu ein Auszug aus der nikomachischen Ethik, Wikipedia: Glückseligkeit (eudaimonía) wird als das höchste Gut angesehen. Das folgt für Aristoteles daraus, dass die Glückseligkeit für sich selbst steht – sie ist nicht, wie andere Güter, lediglich Mittel zum Zweck. Im Gegensatz zu anderen Gütern erstreben wir Glückseligkeit um ihrer selbst willen. Sie ist, wie Aristoteles sagt, „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns.“
Doch worin besteht nun die Glückseligkeit?
Aristoteles sieht die Glückseligkeit nicht als Zustand, sondern als eine Tätigkeit oder besser ein Tätigsein.
Als hervorragendste Tätigkeit betrachtet er diejenige, welche den Menschen ausmacht und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Auf der Suche nach einem Unterscheidungskriterium gelangt Aristoteles zur Vernunft, die nur dem Menschen eigen ist.
Die Bewertung des vernünftigen Tätigseins als höchste Form des Glücks ist kulturspezifisch. In fast allen Religionen wird die Erfahrung der höchsten Wirklichkeit angestrebt (das hinduistische Samadhi, das buddhistische Nirwana, die christliche Mystik). Diese Erfahrungen werden nicht mit vernünftigem Tätigsein in Verbindung gebracht. Das Fehlen der Religion als Lebensform und der Spiritualität als Charaktertugend ist der markanteste Unterschied zwischen dem Hinduismus und der nikomachischen Ethik. Allerdings hat bei Aristoteles das Erkennen der Naturgesetze einen quasi-religiösen (pantheistischen) Charakter, sodass sein theoretisches Leben auch teilweise ein religiöses Leben ist.
Weltbild
1. Das Streben nach der Erlösung vom Leiden (durch Erkenntnis und Anwendung der Vernunft) ist im Hinduismus ebenso gut eine sich selbst tragende Praxis wie die Suche nach Glück in der nikomachischen Ethik: das Leiden wird um seiner selbst willen vermieden. Und das höchste Lebensziel ist auch im Hinduismus nur durch einen tugendhaften Lebenswandel erreichbar. Die unterschiedliche Färbung des höchsten Lebenszieles kommt hauptsächlich durch das Weltbild zustande. Aristoteles akzeptiert die Welt „so wie ist“ und ästhetisiert ihre Gesetze. Die Hindus sehen die Welt als einen Ort des Leidens, den man (unfreiwillig) immer wieder aufsuchen muss und dem man zu entfliehen trachtet.
2. Die Fähigkeit zur Distanzierung ist eine emotionale Voraussetzung für Reflexion und Erkenntnis. Bei den Hindus dient diese Fähigkeit primär zur Distanzierung vom Ich (und damit der Loslösung von der Welt), bei Aristoteles dient sie der perfekten Anpassung an die Welt. Hindus suchen den Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten, Aristoteles sucht die beste Strategie um zu (Über-)leben.
Tierrechte
1. Die nikomachische Ethik ist anthropozentrisch. Nach Aristoteles sind alle Lebewesen in einer strikten Hierarchie der Wertigkeit eingeteilt (siehe Philosophie der Tierrechte). Dabei ist es moralisch richtig, wenn die höheren Lebewesen die niedrigeren für den eigenen Vorteil nutzen. Man muss aber bedenken, dass die wissenschaftliche Erkenntnis über die genetische Verwandtschaft aller leidensfähingen Lebewesen Aristoteles nicht zur Verfügung stand.
2. Allgemeiner Vegetarismus ist für Hindus weder eine Forderung noch ein Dogma, jedoch wird die vegetarische Lebensweise als die ethisch höhere angesehen, da Fleisch ein Produkt der Tötung ist und nicht sattvic (rein). Vegetarier sind in allen Bevölkerungsschichten zu finden, besonders wird der Verzicht aber von Brahmanen erwartet (Hinduismus, Wikipedia).
3. Kontraktualismus
3.1 Definition
Ausgangslage
1. Im Aufsatz Negative Utilitarianism and Justice wurde der Kontraktualismus (engl. Contractualism) als diejenige Ethik bezeichnet, welche der Idee des Negativen Utilitarismus am besten entgegenkommt ohne seine theoretischen Mängel zu teilen. Der Kontraktualismus ist aber nicht nur als Verfassungsgrundlage, sondern auch eine allgemeine Ethik zur Bewältigung von Konflikten. Dies ist gleichzeitig eine Absage an die Tugendethik. In diesem Aufsatz wird davon ausgegangen, dass es unmöglich ist Tugenden zu definieren, welche unabhängig vom Kontext zu richtigen Entscheidungen führen.
2) Für die weitere Analyse gehen wir von den in Kap.2.4 definierten Lebenszielen aus. Unabhängig von der Gewichtung dieser Ziele entstehen vier Arten von Konflikten:
a) Konflikt zwischen den Interessen des Individuums und der Gemeinschaft
b) Konflikt zwischen Macht und Liebe
c) Konflikt zwischen den biologischen und religiösen Interessen des Individuums
d) Konflikt zwischen dem theoretischen und praktischen Leben
Für die biologischen Ziele Macht und Liebe gibt es sublimierte Formen, sodass die Konflikte in ungezählten kulturellen Abwandlungen durchgespielt werden. In diesem Aufsatz kann nicht auf kulturelle Besonderheiten eingegangen werden. Der Konflikt zwischen sublimierten und biologischen Zielen entspricht in seinen Grundzügen dem Konflikt zwischen dem theoretischen und praktischen Leben und wird in Kap. 3.5 behandelt.
Im Folgenden wird der Kontraktualismus auf jede der vier Konfliktarten angewendet. Dabei werden auch einige kontroverse normative Thesen angesprochen, u.a. als Herausforderung an den moralischen Perfektionismus welcher das Normative auf die Methodik beschränkt.
3.2 Individuum und Gemeinschaft
Methodik
Die Vertragstheorie oder der Kontraktualismus (engl. Contractualism) ist ursprünglich ein Gedankenexperiment, um staatliche Rechtsordnungen moralisch und institutionell zu begründen.
Vertragstheorien versuchen, die vertraglich beschlossenen Gewaltmonopole als folgerichtige historische Entwicklung plausibel zu machen. Sie können als Gedankenexperiment verstanden werden, das sich in einen argumentationsstrategischen Dreischritt gliedert: Naturzustand – Gesellschaftsvertrag – Gesellschaftszustand
Es wird von einem Naturzustand als rechtsfreiem Raum ausgegangen, in dem sich jeder mit jedem im Krieg befindet. Dabei wird die traditionelle christliche Vorstellung einer "Gnade von oben", die für den Frieden sorgt, ausgeblendet. Der Naturzustand ist so unerträglich, dass alle sich wünschen, ihn aufzulösen. Der Gesellschaftszustand als Rechtsraum, in dem die Gesellschaftsmitglieder geordnet zusammenleben, stellt sich als kleineres Übel dar. Daher postuliert die Vertragstheorie, dass diejenigen, die sich im Naturzustand befinden, durch einen Vertrag (also durch freiwillige Übereinkunft) in den Gesellschaftszustand übergehen.
Die Vertragstheorie behauptet nicht, tatsächliche Ereignisse zu beschreiben, sondern ist hypothetisch. Das Gedankenexperiment versucht zu zeigen, dass der rechtsfreie Raum eine Gefangenendilemma-Situation mit sich bringe, also die Unmöglichkeit gegenseitigen Vertrauens. Die Anwendung des Rechts erscheint dann als friedenssichernder Ausweg.
(Vertragstheorie, Wikipedia)
Die Grundlagen für eine Verfassung werden im Aufsatz Negative Utilitarianism and Justice diskutiert.
Konflikte
Der Sozialdarwinismus als „natürliche“ Ordnung impliziert folgenden Grundkonflikt zwischen Individuum und Gesellschaft:
1. Das unbegrenzte Streben der Individuen nach Macht und Liebe führt zu Oligarchien, Dynastien und Nepotismus. Die privilegierte und egoistische Minderheit unterdrückt die Mehrheit bzw. wird umgekehrt durch eine neidische Minderheit bedroht. Freiheit schafft Ungleichheit. Ungleichheit verlangt ab einem gewissen Punkt nach Korrektur.
2. Der Rückzug von der Gemeinschaft stösst auf Misstrauen und Ablehnung. Die passive (nutzlose) Minderheit wird durch die aktive Mehrheit bedroht. Das Individuum möchte Sich dann von den gesellschaftlichen Verpflichtungen zurückziehen, wenn es den Eigeninteressen dient. Die Gemeinschaft möchte das Individuum dann entlassen, wann es ihr nicht mehr dient.
Freiheit und Solidarität
1) Für eine tiefgründige Analyse des Konfliktes zwischen Freiheit und Solidarität wird auf Rawls Theory of Justice verwiesen. Das reflexive Gleichgewicht von Rawls hat eine Beziehung zum Freudschen Strukturmodell (Gleichgewicht zwischen Es und Über-Ich) und zur Aristotelischen Mesotes-Lehre. Die biologische Nutzenfunktion (und damit der Egoismus) hat in der Psyche eine ähnlich klare Stellung wie ein Ideal. Diese Eigenschaft mag damit zusammenhängen dass die Funktion mathematisch genau definierbar ist. Das Gerechtigkeitsideal ist ebenso genau definierbar, wie man sich leicht anhand von Rawls formelartigen Grundsätzen überzeugen kann. Es stehen sich folglich zwei Ideale gegenüber, zwischen welchen das Freudsche Ich vermitteln muss. Wenn man das biologische und das ethische Ideal auf ein praktisches Problem anwendet, dann entsteht die Struktur eines Optimierungsproblems mit zwei widersprüchlichen Zielfunktionen. Das Konfliktlösungs-Ideal ist die optimale Lösung dieses Problems unter den gegebenen Randbedingungen, bzw. das Gleichgewicht der Überlegungen, welche für die eine oder andere Position sprechen. Die Unterdrückung der biologischen Bedürfnisse (Es) durch Anforderungen der Solidarität (Über-Ich) wird in Rawls Theorie durch die Grundrechte verhindert.
2) Der psychologische Konfikt innerhalb des Individuums hat eine Analogie auf der Stufe der Gesellschaft. Der Übergang von der biologischen bzw. natürlichen Ordnung zu einer gewaltfreien, demokratischen Gesellschaftsstruktur entschärft viele Konflikte des Zusammenlebens, ist aber selbst auch mit Risiken behaftet. Aufgestaute Aggressionen innerhalb der Gemeinschaft können zu Gewaltausbrüchen gegen fremde Gemeinschaften oder gegen Minderheiten innerhalb der eigenen Gemeinschaft führen (z.B. gegen diejenigen, welche mit den ethischen Vorschriften am schlechtesten zurechtkommen). Gegen innen gerichtete Aggression kann auch die Verbreitung von Depressionen oder von neurotischen Verzerrungen des Charakters begünstigen. Das Gerechtigkeitsideal ist ein mittlerer Weg zwischen ethischen Gesetzen welche stark in das individuelle Leben eingreifen (wie etwa bei strenggläubigen Juden oder Muslims) und einer gesetzlosen, anarchistischen Welt, welche nur die Starken und Anpassungsfähigen fördert. Gerechtigkeit im Sinne von Rawls ist kein Egalitarismus, sondern ein Ausbalancieren von Freiheit und Solidarität. Die biologischen Kräfte versuchen, die Gesetze in Richtung Sozialdarwinismus zu drängen. Rawls’ Konzept steht für liberale, marktwirtschaftliche Gesetze kombiniert mit einer optimalen Umverteilung. Die Suche nach Lösungen, welche liberale mit sozialen Ideen verbinden entspricht dem Konfliktlösungs-Ideal von Rawls.
3) Gerechtigkeit ist auch eine Frage von Gewalt. Eine gerechte Verfassung lässt sich nicht gewaltlos in die Praxis umsetzen. Die schwierige Aufgabe der Konfliktlösung besteht darin abzuschätzen, welches Leiden verursacht werden darf, um ein noch grösseres Leiden zu vermeiden. Siehe dazu On the Principles of Non-Violence and Disengagement.
4) Gerechtigkeit ist auch eine Frage des Wissens. Man kann z.B. durch gut gemeinte aber kontraproduktive Ideologien und Hilfsaktionen die Lage verschlimmern. Es ist deshalb eine ethische Pflicht, die kulturellen Systeme möglichst gut zu verstehen. Dazu gehören insbesondere auch die Ambivalenz der Technik und die von ihr produzierten Risiken. Die vielen kleinen Entscheidungen im Alltag summieren sich zu gravierenden Auswirkungen auf das Ökosystem, die Entwicklungsländer, andere Kulturen, die Tierwelt usw. Der Einzelne ist sich der Folgen nicht bewusst, weil sie indirekt oder langfristig sind. Man muss die strukturelle Gewalt des Systems erkennen, um richtig zu handeln.
Thesen:
1. Das Gerechtigkeitsideal von Rawls hat einen platonischen Charakter, d.h. es ist das zwangsläufige Resultat eines Erkenntnisprozesses.
2. Die Verteidigung der Grundrechte legitimiert den Einsatz von Gewalt (siehe dazu On the Principle of Non-Violence and Disengagement).
Umverteilung
1) Wettbewerb
a) Die Gesetze der freien Marktwirtschaft stellen eine sublimierte Version des biologischen Konkurrenzkampfes dar. Es müssen zwar gewisse Regeln und Rahmenbedingungen (insbesondere die Grundrechte) eingehalten werden, im Übrigen aber gilt das Recht des Stärkeren. Die Idee des freien Wettbewerbes besteht darin, dass er letztlich wieder allen zugute kommt. Dieses Ziel wird im Gesellschaftsvertrag festgelegt und hat den Charakter eines Ideals.
b) Im Unterschied zum Aushandeln eines Gesellschaftsvertrages hat bei den Vertragsverhandlungen in einer freien Marktwirtschaft nicht jeder Vertragspartner das gleiche Stimmrecht. Die Verträge unterliegen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage und schaffen Ungleichheiten. Diese können erst später durch einen gesellschaftlichen Umverteilungsmechanismus wieder ausgeglichen werden.
2) Differenz-Prinzip
a) Die Idee des Differenz-Prinzips besteht darin, das individuelle Machtstreben nicht zu unterdrücken, sondern durch eine Umverteilung für das Gerechtigkeitsideal nutzbar zu machen. Das Gerechtigkeitsideal stellt Meritokratie über Egalitarismus um parasitäres Verhalten zu bekämpfen.
b) Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage der materiellen Umverteilung sondern auch eine Frage von emotionaler Zuwendung und transzendenter Erfahrungen. Diese Art von Gerechtigkeit lässt sich nicht steuern. Es sollte aber mindestens ein Bewusstsein dafür vorhanden sein, dass fast jeder Mensch Anerkennung und transzendente Erfahrungen braucht.
These: Eine Umverteilung erfüllt die Anforderungen des Gerechtigkeitsideals, wenn sie das beste Resultat für die Verlierer erzeugt, ohne die Gewinner zu demotivieren.
Noch ein paar Gedanken zur Motivation:
1. Eine Wirtschaft mit kleineren Steuersätzen kann einen höheren Steuerertrag erzielen als eine Wirtschaft mit hohen Steuersätzen.
2. Eine Erbschaftssteuer ist für die Mehrheit weniger demotivierend als eine Einkommenssteuer [Kissling, 87].
3. Absurd wird die Situation wenn die Bürger gezwungen werden, unsolidarisch zu handeln. Liberale und soziale Interessen treffen sich in der Forderung, dass bei Erbschaften wohltätige Institutionen anstelle der Kinder berücksichtigt werden dürfen [Kissling, 89].
Rückzug und Entlassung
1) Der Gesellschaftsvertrag regelt die Rollen, welche dem Individuum in der Gemeinschaft zugeteilt sind
a) Schul-Pflicht
b) Wehrdienst-Pflicht
c) Pflicht zur Erwerbstätigkeit, Steuerpflicht
d) Wirtschaftliche Pflichten, soweit entsprechende Verträge vorliegen (Kredite, Arbeits-Verträge, usw.)
e) Soziale Pflichten, soweit entsprechende Verträge vorliegen (Ehe, Kinder)
Aus Sicht der Gemeinschaft sollte das Individuum seine Pflichten erfüllen und sich genau dann zurückziehen, wenn es nicht mehr gebraucht wird - nicht früher und nicht später. Diese Vorstellung steht aber in der Regel in Konflikt mit den Interessen des Individuums und nur wenige sind in der Lage, sich durch Erbschaft oder eigene Wirtschaftsleistung mehr Freiheit zu verschaffen. Das Gerechtigkeitsideal schützt das Individuum nur insofern, als im Rahmen der Religionsfreiheit gewisse Pflichten (z.B. Wehrdienst) erlassen werden können.
2) In den meisten Ländern gibt es wenig Toleranz gegenüber Drogenabhängigen. Es gibt aber eine kulturspezifische Toleranz in Bezug auf einzelne Stoffe (z.B.in Bezug auf Alkohol, Haschisch, Opium, Beruhigungsmittel etc.). Die Erlösung vom Leiden durch Drogen und Medikamente birgt Suchtrisiken und erzeugt Abhängigkeiten. Gegen Ende des Lebens ist sie aber eine zu prüfende Alternative.
These: Die Grundrechte sollten Menschen schützen, welche nicht leistungsfähig sind oder aus dem „System“ austreten möchten (wie z.B. Mönche, Einsiedler, Künstler) solange ihre materiellen Ansprüche minimal sind.
3.3 Macht und Liebe
Methodik
Warum kann nicht die gleiche Art des Kontraktualismus verwendet werden wie beim Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft? Der Grund liegt darin, dass Verfassungen für eine grosse Zahl von Menschen und für viele Generationen gelten sollen und aus diesem Grunde die Überlegungen der Spieltheorie zum Tragen kommen. Bei Verträgen in kleinen Gruppen ist diese Theorie nicht anwendbar. Tim Scanlon, der populärste zeitgenössische Vertreter des Kontraktualismus entwickelte die pragmatischen Überlegungen beim Abschliessen von Verträgen zu einer ethischen Theorie. Diese gründet auf zwei Ideen
1. Ethik ist eine Angelegenheit zwischen Individuen
2. Eine Tat muss darnach beurteilt werden, ob sie vor den anderen gerechtfertigt werden kann.
Dabei werden folgende Voraussetzungen gemacht:
1. Die anderen sind vollständig informiert
2. Sie denken rational
3. Sie können frei entscheiden
Eine Tat ist dann moralisch vertretbar, wenn es unter diesen Bedingungen keine vernünftigen Gründe gibt, sie abzulehnen. Scanon konzentriert sich auf das, was moralisch falsch ist, nicht auf das was richtig sein könnte (Kant on the Cheap, S.2). Er folgt damit einer Idee von Karl Popper:
It adds to clarity in the fields of ethics, if we formulate our demands negatively (Karl R.Popper, The Open Society and its Enemies, London 1945, I 9 n.2).
Der Kontraktualismus ist wesentlich flexibler als die Tugendethik, weil er stets den Kontext der Tat miteinbezieht. Diebstahl kann z.B. entschuldigt werden, wenn der Dieb aus guten Gründen gestohlen hat. Im Kontraktualismus geht es also nicht nur um die Vertretung der eigenen Interessen, sondern auch (in Analogie zu Kant) um den Respekt für die anderen.
(Contractualism, Wikipedia)
Die Schwächen des Konzeptes liegen in den Voraussetzungen:
1. Die Betroffenen sind häufig ungleich informiert
2. Es gibt kein rationales Denken unabhängig von Gefühlen
3. Die Freiheit ist in der Praxis oft eingeschränkt (z.B. durch materielle Abhängigkeit)
4. Offene und direkte Mitteilungen lösen nicht nur Probleme, sondern schaffen auch Konflikte.
5. Nicht vertragsfähige aber leidensfähige Lebewesen werden nicht geschützt (z.B.geistig Behinderte und Tiere)
Trotz seiner Schwächen ist der Kontraktualismus ein gutes Konzept um Leiden zu bekämpfen. Nur schon der Wille Transparenz zu schaffen ist ein starkes Motiv; das Leiden wird oft verdrängt oder verheimlicht. Das Konfliktpotential von offenen und direkten Mitteilungen kann durch vermittelnde Personen (Freunde, Therapeuten etc.) entschärft werden.
Der Kontraktualismus ist konzeptionell verwandt mit dem moralischen Perfektionismus. Das Normativ