Über die Wissenschaftlichkeit der philosophischen Therapie
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Inhalt
2.1 Terminologie 2.2 Definition der Therapie 2.3 Abgrenzung zur philosophischen Beratung 2.4 Abgrenzung zur Psychotherapie 2.5 Geleitete Therapie und Selbsttherapie 2.6 Normative und individualistische Therapien 3.1 Der Achtfache Pfad des Buddha 3.2 Die stoische Affektkontrolle 3.3 Die geometrische Methode von Spinoza 4.1 Die Maieutik 4.2 Der flexible Einsatz philosophischer Konzepte 4.3 Die philosophische Psychoanalyse 5.1 Erkenntnis der Aussenwelt 5.2 Erkenntnis der Innenwelt 5.3 Quervergleich der Therapieziele 5.4 Quervergleich der Therapiemethoden 5.5 Der Zusammenhang zwischen Ziel und Methode 6.1 Therapie als Anpassung an die Realität 6.2 Therapie als Konfliktlösung 6.3 Therapie als Risikoethik
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Problemstellung 1) Inwieweit sind wissenschaftliche Erkenntnisse über die Aussen- und Innenwelt für die Therapie von Bedeutung? 2) Was ist ein vernünftiges Therapieziel? 3) Es gibt mehrere Therapiemethoden, welche den Anspruch erheben, Leiden durch Erkenntnis reduzieren zu können. Genügen diese wissenschaftlichen Anforderungen? Sind wissenschaftliche Kriterien überhaupt anwendbar?
Erkenntnis der Aussenwelt 1. Aus individualistischer Sicht spricht wenig gegen eine verzerrte Wahrnehmung (durch Religion, Drogen etc.), solange sie das Leiden reduziert. Argumente findet man wohl nur aus der Sicht einer überindividuellen Ethik, welche sich an der Vernunft orientiert. Eine solche Ethik erhebt den Anspruch, dass sie das Leiden langfristig und gesamthaft besser bekämpfen kann als Religion oder Weltflucht. 2. Eine vernunft-orientierte Ethik beobachtet die Entwicklung des globalen Leidens und der globalen Risiken. Wenn das weltweite Leiden messbar zunimmt oder wenn die Weltgesellschaft einer selbstverschuldeten Katastrophe entgegensteuert, dann ist vielleicht die Kultur als Ganzes als Patient zu betrachten, welcher einer Therapie bedarf. Es ist dann inkonsequent einzelne Patienten zu einem vernünftigen Leben anzuleiten ohne gleichzeitig (wie schon Freud in seinem Unbehagen in der Kultur) die Kultur zu analysieren, welche laufend neue Patienten produziert. 3. Zu einer vernunft-orientierten Ethik gehört auch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben. Eine sokratische Grundhaltung muss die Frage stellen, ob der Fortschrittsglaube (wie schon vorher die religiösen Heilsversprechungen) lediglich einen weiteren Vorwand liefert, um das immense Leiden in dieser Welt zu sanktionieren. Die Skepsis darf sich aber nicht nur auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt beschränken. Möglicherweise muss ethischer Fortschritt mit einem Verlust von darwinscher Fitness „bezahlt“ werden.
Erkenntnis der Innenwelt 1) Die relative Freiheit im Verhalten besteht darin, dass man seine Abhängigkeiten und Handlungsoptionen erkennt und die damit verknüpften Chancen und Risiken realistisch einschätzen kann. 2) Die (Wieder-)Entdeckung des Unbewussten und die Verankerung der biologischen Nutzenfunktion im Unbewussten machen deutlich, dass das Streben nach Einzigartigkeit eine biologische Wurzel hat und kein ultimatives Kriterium für innere Freiheit ist. Innere Freiheit wird erst erreicht durch die Erkenntnis, dass man im Überlebenskampf mit einem biologischen Ich operiert, welches in einem gewissen Sinne nur ausgeliehen ist und in fremden Diensten steht. Dieser Abhängigkeit kann man sich durch Identifikations- bzw. Wahrnehmungsänderung mindestens teilweise entziehen.
Das vernünftige Therapieziel 1) Die wichtigsten Entscheidungen im Leben eines Individuums sind mit Annahmen über Wahrscheinlichkeiten behaftet. Philosophische Therapie betreibt Risikoethik auf der Stufe von Individuen und Gruppen, wobei die Risikoethik auf Stufe Gesellschaft eine Randbedingung ist. 2) Aus Sicht der Risikoethik kann ein vernünftiges Therapieziel als Suche nach dem individuellen Risikoprofil verstanden werden. Je nach historischer Situation, sozialer Umgebung und Risiko-Aversion des Patienten kann es vernünftig sein, ein Leben in Kontemplation zu verbringen oder sich am Überlebenskampf zu beteiligen. Wer am Überlebenskampf teilnimmt, muss sich aber der Vergänglichkeit seines Ego bewusst sein. Das Therapieziel kann deshalb nie sein, nur auf die Karte des Ego zu setzen, es muss eine erweiterte Identität einschliessen. 3) Im Hinduismus würde man das Therapieziel wie folgt formulieren: Der Patient muss das Gesetz (Dharma) der Gemeinschaft erkennen und dann das persönliche Dharma finden, welche ihm innerhalb dieses Gesetzes zugewiesen ist. Abgesehen davon dass in der westlichen Welt die sozialen Schichten durchlässiger und die Rollen der Individuen flexibler geworden sind, trifft der Begriff des Dharma immer noch den Kern der Sache.
Wissenschaftlichkeit der Therapiemethoden Die Beurteilung der Therapiemethoden kommt zu unterschiedlichen Resultaten. 1. Die Wirkung von normativen Therapien (wie z.B. Vipassana oder kognitive Verhaltenstherapie) kann wissenschaftlich untersucht werden. 2. Bei individualistischen Therapien fehlt der Bezugsrahmen für die Messung des Erfolges, siehe dazu Erfolgsmessung in der philosophischen Therapie.
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Ausgangslage
Philosophische Therapie muss sich an der sokratischen Wahrheitssuche und dem daraus resultierenden wissenschaftlichen Weltbild orientieren. Wie weit dieses Weltbild eine normative Wirkung auf die Therapie hat ist Gegenstand des vorliegenden Aufsatzes.
Problemstellung
1. Inwieweit sind wissenschaftliche Erkenntnisse über die Aussen- und Innenwelt für die Therapie von Bedeutung?
2. Was ist ein vernünftiges Therapieziel?
3. Es gibt mehrere Therapiemethoden, welche den Anspruch erheben, Leiden durch Erkenntnis reduzieren zu können. Genügen diese wissenschaftlichen Anforderungen? Sind wissenschaftliche Kriterien überhaupt anwendbar?
Methode
1) In einem Quervergleich der wichtigsten historischen und aktuellen Therapieformen wird untersucht
a) wie sich Erkenntnisse über die Aussen- und Innenwelt auf die Therapie auswirken.
b) wie sich die Vorstellung des rationalen Therapiezieles verändert
c) wie sich mit den Therapiezielen auch die Therapiemethoden verändern
2) Aus den Erkenntnissen über die Therapieformen werden Schlüsse für eine zeitgemässe philosophische Therapie gezogen.
2.1 Terminologie
Wissen
1. Verhaltensrelevantes Wissen ist ein bewertetes Modell der Innen- und Aussenwelt. Verhaltensrelevantes Wissen ist nur teilweise bewusst. Wenn nicht näher spezifiziert ist mit Wissen das verhaltensrelevante Wissen gemeint. Das Wissen wird durch subjektive und objektive Erkenntnisse erweitert.
2. Objektive Erkenntnis ist die Entdeckung einer intersubjektiv überprüfbaren Aussage. Die Überprüfung erfolgt durch verschiedene Beobachter in verschiedenen Zeitpunkten.
3. Subjektive Erkenntnis ist die Entdeckung einer subjektiv als wahr eingestuften Aussage. Die subjektive Überprüfung solcher Aussagen erfolgt durch verschiedene interne Betrachtungsperspektiven (welche die externen Beobachter ersetzen) in verschiedenen Zeitpunkten. Eine spontane Erkenntnis erweist sich oft nachträglich als Täuschung oder Wunscherfüllung.
4. Objektive Erkenntnis beruht auf Messungen, subjektive Erkenntnis auf Erfahrungen. Messungen sind von Gefühlen unabhängig. Erfahrungen sind mit Gefühlen bewertete Wahrnehmungen.
Entscheidungsgrundlagen
1) Ein Mensch entscheidet und handelt aufgrund von Präferenzen und verhaltensrelevantem Wissen. In diesem Aufsatz wird der Begriff Präferenz im weiteren Sinne verwendet und bedeutet Wunsch oder Bedürfnis. Assoziierte Begriffe sind Interesse, Bindung, Motivation, Ziel, Grund zu Handeln usw. (siehe Preference-frustration and the Hedonistic Scale):
a) Präferenzen sind mit Gefühlen verknüpft und geben dem Verhalten eine Zielrichtung
b) Präferenzen sind gleichzeitig Chancen und Risiken. Sie erzeugen Glück bei ihrer Erfüllung und Leiden bei ihrer Frustration.
2) Entscheidungen sind umso rationaler, je realistischer die Chancen und Risiken eingeschätzt werden. Die realistische Einschätzung von Chancen und Risiken setzt ein entsprechendes Wissen voraus. Dazu gehört auch das Wissen darüber, bei welchen Präferenzen durch Kooperation ein besseres Resultat erzielt werden kann als im Alleingang.
Glücksmaximierung und Leidensminimierung
1) Glücksmaximierung nimmt Leiden (Volatilität) in Kauf um Glücksgefühle zu wiederholen bzw. zu steigern. Leidensminimierung verzichtet auf Glück um nicht mehr Leiden zu müssen. Es handelt sich um unterschiedliche Prioritäten aufgrund von unterschiedlichen Erfahrungen. Aus der Sicht der Spieltheorie entspricht die Leidensminimierung einer risiko-aversen Strategie. Die Anpassung an eine neue Umgebung erfolgt über das Ergreifen von Chancen und die Vermeidung von Risiken, d.h. über wechselnde Phasen von Glücksmaximierung und Leidensminimierung.
2) Die biologischen Nutzenfunktion ist die Grundlage der Glücksmaximierung. Das Glück wird analog zum Leiden durch eine Kombination von Intensität und Dauer gemessen. Die biologische Art von Glück ist sehr intensiv, aber auch sehr volatil. Die Erfahrungen mit der spezifischen Art von Leiden, welche mit dieser Glückssuche verbunden ist, haben zur Suche nach Alternativen wie z.B. der stoischen Affektkontrolle geführt. Bei dieser Lebensphilosophie ist die Volatilität der Gefühle deutlich reduziert. Das Glück ist beständiger, aber auch weniger intensiv. Charakteristisch ist die Verschiebung von körperlichem zu seelischem Leiden, vom Risiko des Ausgesetzt-Seins zum Risiko des Eingeschlossen-Seins.
3) Die vollständige Auslöschung des Leidens ist nur in einem meditativen Zustand (Nirwana), d.h. nur für kurze Zeit erreichbar. In der Praxis hat sich gezeigt, dass eine extreme Reduktion der Volatilität (welche das Leben sozusagen erstickt) das Leiden nicht minimiert sondern wieder vergrössert. Die beste Lösung unter den gegebenen Bedingungen ist deshalb ein Kompromiss zwischen Spontaneität und Kontrolle. Der optimale Kompromiss verschiebt sich mit den Lebensphasen. Er ist zudem stark von der historischen Situation und der kulturellen Umgebung abhängig.
Risikoprofil
1) Man kann philosophische Therapie unter dem Aspekt der Optimierung betrachten. Leiden entsteht sowohl aus der Zuwendung zum Leben als auch aus der Abwendung vom Leben. Es sind aber verschiedene Arten von Leiden, welche auch mit verschiedenen Arten von Chancen (und damit Glück) verknüpft sind. Therapieren würde dann heissen, die beste Lösung in einem Zielkonflikt zu finden:
a) Die Zuwendung zum Leben bedeutet, dass man die biologische Metapräferenz (Maximierung der DNA-Kopien) respektiert, entsprechende Risiken eingeht und Leiden in Kauf nimmt. Die biologische Metapräferenz schafft immer wieder neue Präferenzen und ist die Grundlage des Suchens nach dem Glück. Sie kann nie vollständig befriedigt werden, weil sie eine Maximierungsfunktion ist und keine zeitliche Limitierung kennt. Aus dieser Erkenntnis entspringt der Versuch, die Identität zu erweitern und erfüllbare (kulturelle) Metapräferenzen zu schaffen.
b) Die Abwendung vom Leben, d.h. die Unterdrückung und Elimination von biologischen Präferenzen (um ihre spezifischen Risiken zu vermeiden) erzeugt ebenfalls Leiden. Dieses Leiden kann durch Sublimation (Umwandlung der biologischen in kulturelle Präferenzen) gemildert werden. Eine erfolgreiche Sublimation verspricht eine bestimmte Art von Glück (z.B. innere Ruhe). Allerdings ist der Sublimationsprozess selbst auch wieder mit Leiden verknüpft.
2) Abhängig von den gewählten Präferenzen (biologisch oder kulturell) kann man von verschiedenen Arten des Glücks sprechen und von spezifischen Arten des Leidens, welche mit der entsprechenden Glückssuche verbunden sind. Beispiele:
a) Heroin verbunden mit den Qualen des Entzuges
b) Spontaneität verbunden mit Leidenschaft
c) Kontemplatives Glück verbunden mit den Leiden des Sublimationsprozesses
d) Nirwana: Abwesenheit von Glück und Leiden
In einem gewissen Sinne repräsentiert jede Präferenz (bzw. ihre Erfüllung oder Frustration) eine eigene Art von Glück und eine eigene Art von Leiden.
3) Das Gesamtrisiko welches ein Entscheidungsträger einzugehen gewillt ist und die Verteilung dieses Risikos auf die wichtigsten Präferenzen wird im Folgenden als Risikoprofil bezeichnet.
Rationalität
Ein Mensch handelt rational, wenn er seinen Nutzen maximiert unter den Randbedingungen seines Wissens.
Der Nutzen ist definiert durch ein Risikoprofil bzw. durch die entsprechenden Präferenzen.
1. Ein Mensch handelt subjektiv rational, wenn er Entscheidungen trifft und Strategien verfolgt, welche seinem Risikoprofil entsprechen.
2. Ein wissenschaftliches Weltbild (und intersubjektiv messbare Risiken im Besonderen) stellen die Grundlage intersubjektiver Rationalität dar.
Vernunft
Wir sprechen von instrumenteller Rationalität, wenn ein vorgegebenes Ziel möglichst effizient erreicht werden soll.
Vernunft oder willentliche Rationalität bedeutet, dass die Parameter in der Rationalitäts-Definition nicht einfach vorgegeben sind, sondern geprüft und geändert werden können:
1) Das Risikoprofil bzw. die entsprechenden Präferenzen können hinterfragt werden.
2) Das Wissen kann kritisch untersucht und erweitert werden
Reflexion
1) Reflexion ist prüfendes und vergleichendes Nachdenken mit dem Ziel der Erkenntnis.
2) Logisch-analytische Reflexion
Konvergierende, kontrollierte, widerspruchsfreie, mit adäquaten Gefühlen bewertete Aussagen.
Wahrnehmungen, welche die genannten Kriterien nicht erfüllen, werden unterdrückt bzw. zensuriert.
a) Naturwissenschaftliche Reflexion
i) Konfrontation mit der Aussenwelt, Abbildung, Modell
ii) Deduktion
iii) Induktion
b) Geisteswissenschaftliche Reflexion: Deutung (Hermeneutik) unter Verwendung von verschiedenen
i) Strukturen: Analogien, Metaphern
ii) Medien: Schriftsprache (Literatur), Bildsprache (Film)
3) Assoziative Reflexion
Divergierende, spontane, widersprüchliche, mit inadäquaten Gefühlen bewertete Aussagen.
Die Zensur wird ausser Kraft gesetzt.
a) freie Assoziation
b) themenbezogenes Assoziieren: Brainstorming, Tagtraum, Nachttraum
Wissenschaftlichkeit
1) Grundwert der Wissenschaft ist das Streben nach Wahrheit. Ein wichtiges Prinzip, um dies zu verwirklichen, ist die kritische Haltung gegenüber eigenen wie fremden Ergebnissen und Thesen.
Dieser Satz ist Wikipedia entnommen, könnte aber ebenso gut von Sokrates stammen.
2) Um den Begriff wissenschaftliches Arbeiten zu definieren, muss man verschiedene Aspekte der Wissenschaft beschreiben:
a) Fachsprache
2.2 Definition der Therapie
Philosophie als Ziel oder Methode
In the first place, what is philosophy as therapy? A therapy leads to health, or corrects an illness.
A philosophical therapy is a therapy that
1. either has a philosophy as the goal of the therapy
2. or uses philosophy as the method of the therapy
[Lunsford]
Es geht also darum
1. eine bewährte Lebensphilosophie zu erlernen, d.h. die Erkenntnisse anderer nachzuvollziehen (normative Therapien)
2. oder eine individuelle Lebenspraxis mit Hilfe philosophischer Methoden zu entwickeln, d.h. auf eigenen Erkenntnissen aufzubauen (individualistische Therapien)
Therapie als Erkenntnisprozess
Erkenntnis der Innen- und Aussenwelt steht (im Gegensatz zu anderen Therapien) im Zentrum der philosophischen Therapie. Subjektive Erkenntnis gründet oft auf schmerzlichen Erfahrungen. Manchmal ist es notwendig solche Erfahrungen im Laufe der Therapie zu machen oder bereits gemachte Erfahrungen wieder in Erinnerung zu rufen. Dem stehen aber viele positive Aspekte von therapeutischer Erkenntnis gegenüber. Beispiele:
1) Erkenntnis kann bei der Erfüllung von Präferenzen helfen
2) Erkenntnis kann die Handlungsoptionen und damit die Freiheit (Selbstbestimmung) erweitern. Präferenzen müssen nicht mehr zwangsläufig erfüllt werden, sondern können auch hinterfragt und eliminiert werden.
3) Gewisse Formen von Erkenntnis erlauben eine schmerzlose Elimination von Präferenzen. Das Loslassen von Bindungen welche als irrational erkannt werden, kann z.B. ein befreiendes Gefühl auslösen
4) Weil gewisse Erkenntnisprozesse mit Endorphinausschüttung verbunden sind, kann das Erkenntnisstreben selbst zu einem Bedürfnis werden.
Wissenschaftlichkeit der Therapie
Philosophische Therapie ist insofern wissenschaftlich orientiert, als sie sich auf Erkenntnis und Vernunft beruft. Sie steht damit in der Tradition der Aufklärung. Die wichtigsten Themen des wissenschaftlichen Interesses sind:
1) Die Erkenntnis der Aussenwelt und die Konsequenzen dieser Erkenntnisse für die Lebenspraxis
2) Die Erkenntnis der Innenwelt. Dazu gehören die Struktur der Psyche und die psychischen Prozesse
3) Die Rationalität der Therapieziele
4) Die Wissenschaftlichkeit der Therapiemethoden. Dazu gehören
a) Kriterien für die Messbarkeit des Therapieerfolges
b) Qualitätskriterien für die Lehrmittel und Therapeuten
In der philosophischen Therapie wird versucht, die Innenperspektive mit der Aussenperspektive abzustimmen, d.h. das Individuum mit der Realität zu konfrontieren (Realitätsprinzip). Aussagen über die Aussenperspektive sollten nicht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Das Realitätsprinzip kann allerdings temporär durchbrochen werden, wenn es darum geht, die Spontaneität eines Patienten zu beleben.
Therapieform
Eine Therapieform besteht aus
1) einem bestimmten Stand des Wissens (Erkenntnis der Aussen- und Innenwelt)
2) einem Therapieziel
3) einer Therapiemethode welche beschreibt, wie das Ziel erreicht werden soll.
2.3 Abgrenzung zur philosophischen Beratung
1) Der Begriff philosophische Beratung wurde ursprünglich verwendet, um philosophische gegen psychotherapeutische Methoden abzugrenzen:
In 1987 the terms “Philosophische Praxis” und “Philosophische Beratung” signified a type of counseling that was not psychological counseling or therapy, but a philosophical alternative and critique of psychoanalysis and psychotherapy. The idea did not relate to one specific philosophy as the foundation and essence for counseling, but to everything philosophy is and everything it can do for a person, see Achenbach, Gerd B. Philosopische Praxis (Koln: Jurgen Dinter, 1984, 1987), Psychotherapy & Philosophie (Paderborn: Junfermann Verlag, 1992) pp. 345-362. [Schuster].
Der vorliegende Aufsatz schliesst sich dieser Begriffsabgrenzung nicht an, sondern vertritt die Auffassung, dass das Adjektiv im Ausdruck philosophische Therapie genügend Klarheit schafft.
2) Der Begriff Therapie wird mit kranken, der Begriff Beratung mit gesunden Menschen in Verbindung gebracht. Die Begriffe krank und gesund werden aber von der Philosophie nicht unbesehen (aus der Psychologie) übernommen, weil sie (die Philosophie) auch die Kultur und die darin eingebetteten Begriffe und Wissenschaften hinterfragt. Je nach Philosophie wird deshalb die Abgrenzung von Beratung und Therapie verschieden ausfallen. Auch innerhalb der gleichen Lebensphilosophie gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen den Begriffen gesund und krank. Im vorliegenden Aufsatz wird deshalb auf eine Abgrenzung dieser beiden Begriffe verzichtet und ein weiter Begriff von Therapie verwendet, welcher die Beratung einschliesst. Es wird von Methoden gesprochen, welche sich für das Erreichen bestimmter Ziele eignen.
3) Die Themen, welche normalerweise mit dem Ausdruck philosophische Beratung assoziiert werden, können grob durch den Begriff Sorge um den eigenen Zustand (ohne Vorliegen einer psychischen Krankheit) charakterisiert werden. Dazu gehören
a) Alltagsprobleme (Macht und Liebe)
b) Conditio humana, d.h. Unfälle, Niederlagen, Krankheiten, Naturkatastrophen, (ökonomischer) Krieg, Alter, Tod
c) die Suche nach einem Lebenssinn (Religionsersatz)
d) das allgemeine Lebensgefühl
2.4 Abgrenzung zur Psychotherapie
1) Die Abgrenzung zwischen Philosophie und Psychologie ist insofern schwierig, als in vielen Fällen eine Mischung von Methoden zur Anwendung kommt. Nachfolgend einige Beispiele aus [Schuster]:
a) Philosophical counseling did not originate in psychological counseling; it was not practiced previously by psychologists or therapists, nor was it an offshoot of a hybrid psychology- philosophy approach. There have been philosophers working in psychological- philosophical therapy and counseling approaches for decades. See, for example, the membership list of the British Association for Existential Analysis. These philosophers usually work like, and accordingly consider themselves, Existential or Humanistic Therapists or Counselors. Their method (with the exception of using philosophy) have very little if anything in common with the new non-therapy, free inquiry approach of Achenbach. It would be new, but lacking integrity, if these philosophers who are Existential and Humanistic Therapists and Counselors would start to call themselves philosophical counselors. Philosophical counseling has philosophy as origin and tradition. It is an autonomous philosophical discussion about whatever a client wishes to discuss with a philosopher. Only after some time during which Gerd Achenbach and other philosophers successfully practiced philosophical counseling did certain psychologists and psychotherapists suddenly proclaim themselves philosophical counselors
b) Elliot Cohen describes his counseling as a modified approach of Rational-Emotive Therapy and Transactional Analysis. Cohen applies philosophical concepts and methods to a preexisting psychological approach. Cohen, Elliot D. Philosophers at Work (New York: Holt, Rinehart and Winston, 1988), pp. 344-353
c) Karl Jaspers and Michel Foucault present mental health workers with the much desired but seldom attained shift in practice paradigm; that is the change from a psychological to a philosophical understanding and way of life. Jaspers and Foucault both underwent a philosophical conversion through which they separated themselves from contemporary psychiatry and psychology
Im vorliegenden Aufsatz orientiert sich die Abgrenzung zur Psychotherapie
a) an der Vermeidung theoriespezifischer Begriffe (wie z.B.diejenigen der Psychoanalyse)
b) an der Zielsetzung (im Zentrum steht die Sorge um den eigenen Zustand und nicht Krankheitsbilder wie z.B. Hysterie, Narzissmus, Bullimie, Zwangsneurose, Angstneurose, schwere Depression usw.)
Wenn eine Mischung von Konzepten vorliegt, dann wird in diesem Aufsatz der Ausdruck philosophische Psychotherapie verwendet. Ein Beispiel für eine solche Mischung ist die philosophische Psychoanalyse, bei welcher zwar die Methode des Assoziierens und Deutens verwendet wird, aber die Freudschen Deutungsmuster (wie z.B. Ödipuskomplex) hinterfragt werden.
2) Trotz ihrer weitgefassten Zielsetzung kann auch die philosophische Therapie gewisse psychische und psychosomatische Krankheiten im engeren Sinne heilen. Die Abgrenzung zur Psychologie kann nicht vollzogen werden, indem man in der Philosophie nur von Beratung spricht und nicht von Therapie. Diese Auffassung wurde auch von Wittgenstein vertreten:
Wittgenstein and other philosophers considered their philosophy therapy, although the therapy they proposed remained on a purely textual and conceptual level [Schuster].
2.5 Geleitete Therapie und Selbst-Therapie
1) Geleitete Erkenntnis unterscheidet sich von der Selbst-Erkenntnis hauptsächlich durch das Phänomen der Übertragung. Einzeltherapie kann als Spezialfall der Gruppentherapie verstanden werden. Das aufklärerische Ideal vom autonomen Menschen wird nur dann gewahrt, wenn die Rahmenbedingungen (Methodik, Therapeut, usw.) als Hilfsmittel zur Gewinnung von Autonomie verstanden werden.
2) Bei der Selbsterkenntnis können gewisse Funktionen des Therapeuten durch Medien ersetzt werden. Mit Medium ist hier das Mittel der Kommunikation in einem ganz allgemeinen Sinne gemeint. In der Zukunft sind interaktive Programme zu erwarten, welche auf verschiedene Informationsspeicher (Bücher, Filme, Tonträger). zugreifen. Philosophie in der sokratischen Tradition wird sich dann auf das kritische Hinterfragen solcher Therapie-Hilfsmittel konzentrieren.
2.6 Normative und individualistische Therapien
Das Ziel aller philosophischen Therapien besteht darin, irrrationales Verhalten zu erkennen und zu vermeiden. Die spezifischen Therapieformen unterscheiden sich nicht in der Definition des Rationalitätsbegriffes, sondern in der Bewertung der Präferenzen (d.h. in den Risikoabschätzungen), welche in der Rationalitätsdefinition verwendet werden.
1) Bei normativen Therapien kann man diese Risikoabschätzung analysieren, weil die Präferenzen genau definiert sind (d.h. weil gewisse Verhaltensweisen als allgemein richtig definiert werden). Hinter den normativen Therapien stehen bewährte Lebensphilosophien. Bewährte Lebensphilosophien sind das Resultat von kultureller Erfahrung und können durch ein Weltbild (kulturelles Wissen) und Verhaltensweisen innerhalb dieses Weltbildes charakterisiert werden. Die Therapie versucht das Wissen an den Patienten weiterzugeben und dadurch seine Präferenzen zu beeinflussen. Das Erlernen einer bewährten Lebensphilosophie stützt sich auf die These, dass man durch kulturelles Wissen negative Erfahrungen „einsparen“ kann. Die These kann für die Mehrheit richtig, für ein einzelnes Individuum aber trotzdem falsch sein. Wenn z.B. die Mehrheit mit traditionellem Verhalten ihre Frustrationen minimieren kann, dann heisst das noch lange nicht, dass dies auch für ein bestimmtes Individuum zutrifft. Aber auch der Individualismus ist keine allgemeingültige Norm. Das Streben nach Einzigartigkeit alleine ist noch kein Ausdruck von innerer Freiheit, sondern hat primär biologische Wurzeln.
2) Bei individualistischen Therapien gibt es keine allgemeinverbindlichen Aussagen über wünschbare Präferenzen. Eine individualistische Therapie unterstützt das Verlangen nach Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung ist eine Kombination des biologischen Zieles mit kulturellen Zielen, wobei im Extremfall das biologische Ziel ganz in den Hintergrund treten kann. Eine Therapie, welche die Selbstverwirklichung unterstützt, muss in der Lage sein, die biologischen Präferenzen wieder zu beleben oder die kulturellen Talente zu entdecken und zu fördern, welche das biologische Ziel ersetzen können. Das Problem dieser Therapieform besteht darin, dass ethische Normen nur noch schwer zu vermitteln sind. Der Patient sollte den Sinn von Normen selbst entdecken und der Therapeut darf die Erfahrungen der vorangegangenen Generationen nicht in den Vordergrund stellen.
3.1 Der Achtfache Pfad des Buddha
Geschichtlicher Hintergrund
Der Buddhismus konzentriert sich auf die Erkenntnis, dass alles in der Welt vergeht und dass die Verdrängung dieser Wahrheit die Hauptquelle des Leidens ist (see Tibet, Bond University, Queensland, Australia). Literatur zur Entstehung des Buddhismus:
1) Timeline of Buddhist History (5 Seiten)
2) Theravada Buddhism, the original version of Buddhism (6 Seiten)
3) In Defense of Buddhism, Chinese Cultural Studies (4 Seiten)
Der Buddhismus wurde auf der Grundlage von traditionellen hinduistischen Konzepten (insbesondere des Yoga) entwickelt. Dazu einige Hinweise:
1) Die ältesten Aufzeichnungen zum Yoga finden sich in den Upanishaden. Der wichtigste Quelltext des Yoga ist das Yoga-Sutra des Patanjali. Des Weiteren geben in der Bhagavad-Gita die Kapitelüberschriften jeweils eine besondere Form des Yoga an, z.B. Karma-Yoga oder Jnana-Yoga usw. (…) Die Bhagavad-Gita enthält direkte Anweisungen für das Yoga. (…) Kap.5, Vers 28 wendet sich den spirituellen Zielen zu: „Zügelnd die Sinne, Herz und Geist, ganz der Erlösung zugewandt - Befreit von Wünschen, Furcht und Zorn, so ist für immer er erlöst.“ (Yoga, Wikipedia).
2) Die wichtigste buddhistische Meditationstechnik, die Erkenntnis-Meditation (Vipassana), ist eine Interpretation des Patanjali Yoga Sutra. Die Vipassana-Technik wurde in Indien um ca. 500 v.Chr. von Gautama, dem historischen Buddha, wiederentdeckt (Vipassana, Wikipedia).
3) Die buddhistische Therapie war (wie auch Yoga) traditionell eine geleitete Therapie unter der Führung eines Lehrmeisters (Gurus). Es gibt eine etymologische Deutung des Gurus als Vertreiber der Dunkelheit, wobei Dunkelheit als Avidya, als Mangel an Wissen im geistigen und intellektuellen Sinne, gesehen wird (Guru, Know Library).
Erkenntnis der Aussenwelt
1) In vielen indischen Mythen findet man ein zyklisches Weltbild:
Die Welt ist dem Wechsel von Schöpfung und Auflösung unterworfen. Ein solcher Zyklus (yuga) ist ein Tag im hundertjährigen Leben des Gottes Brahma. In der Nacht ruht die Welt unentfaltet. Ein Brahma-Tag kann, je nach Zeitalter, 432 000 bis 1,7 Millionen Menschenjahre oder 1 200 bis 4 800 Götterjahre umfassen (Indische Mythologie, Lars Göhler).
Ein zyklisches Weltbild fördert das Bewusstsein, dass nicht nur das individuelle Leben, sondern auch sämtliche kulturellen Errungenschaften zwangsläufig wieder zerstört werden. Der Buddhismus übernahm vom Hinduismus das zyklische Weltbild und die Wiedergeburtslehre, nicht aber den Polytheismus.
2) Der Buddhismus kann Lebenssinn vermitteln und Religion ersetzen, weil er an religiöse Konzepte des Hinduismus anknüpft und ähnliche Gefühle erzeugt. Die Ich-Auflösung kann als Vereinigung mit Brahman, d.h. mit einem allmächtigen Gott gedeutet werden. Die Ich-Auflösung in der Meditation und im Verzicht auf materielle (und letztlich auch geistige) Güter ist als Vorstufe zu dieser Vereinigung zu verstehen.
Therapieziel
1) Im Rahmen dieses Aufsatzes kann nicht auf alle buddhistischen Therapieformen eingegangen werden. Die wesentlichen Gedanken findet man aber in der Einsichts-Meditation, welche im folgenden kurz dargestellt wird:
Vipassanā oder auch "Einsichts-Meditation" bezeichnet eine Meditationstechnik, die einen Geisteszustand kultiviert, der eine besondere Einsicht in innere mentale Phänomene (Pali: dhammas) erlaubt. Es handelt sich um eine der ältesten Meditationstechniken Indiens. Das Wort bedeutet soviel wie "die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind" (Vipassana, Wikipedia). Das Ziel der Vipassana-Meditation ist es, sich von allen Anhaftungen, an sowohl körperlichen, wie auch geistigen Empfindungen/Emotionen, zu befreien. Nach der Philosophie des Vipassanas, ist sowohl das Anhaften an Positivem wie an Negativem leidbringend. Wenn man am Positivem anhaftet, so entsteht Sehnen, nach diesem Zustand und Angst vor dem Nicht-.Vorhandensein. Bei negativen Empfindungen entsteht ein "Vermeiden-Wollen". Beide diese Zustände bringen den Menschen aus dem unvermitteltem Erleben des Hier und Jetztes heraus und erzeugen so Leid. Das Ziel des Buddhismus ist es, sich aus dem Samsara und somit aus dem Leiden des zu befreien und Mitgefühl und Liebe für die Welt zu entwickeln. Durch die intensive Betrachtung aller geistigen und körperlichen Vorgänge erlebt der Meditierende eine allmähliche Loslösung ("De-Identifikation") mit allen zuvor als "Ich" und "Mein" betrachteten Vorgängen. Gipfelpunkt dieser Erfahrung ist das im Regelfall nur Momente dauernde "Wegspringen", "Verlöschen", das gemäß buddhistischer Lehre zu einer völligen Befreiung vom Kreislauf der Geburten führt und als "Nibbana" (Nirvana) bezeichnet wird (Vipassana, Wikipedia)
2) Im Buddhismus erscheint praktische jede Bindung an die Aussenwelt irrational. Der Grund für diese Bewertung liegt nicht nur in der Vergänglichkeit der Dinge, sondern auch in der (aus heutiger Sicht) unplausiblen Wiedergeburtslehre, welche für emotionale Bindungen eine ungünstige Wiedergeburt in Aussicht stellt. Durch die Loslösung von emotionalen Bindungen (Elimination von Präferenzen) soll zunächst eine günstige Wiedergeburt und schliesslich der Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erreicht werden. Die Elimination von Präferenzen bekommt damit einen intrinsischen moralischen Wert und ist nicht mehr pragmatisch auf das aktuelle Leben ausgerichtet. Selbstlosigkeit der christlichen Art gilt als Verirrung, weil sie Bindungen verstärkt. Nur Missionsarbeit, welche die anderen über den Sinn der Wunschlosigkeit aufklärt ist moralisch (Mahajana-Buddhismus).
3) Aus wissenschaftlicher Sicht ist die buddhistische Reinkarnationslehre unplausibel. Wenn man die Wiedergeburt aus der Sicht der modernen Genetik betrachtet, dann muss die Frage des Nicht-Beteiligtseins neu überdacht werden. Wenn man die Denkweise des Buddha (und nicht das Resultat des Denkens) auf die heutige Zeit überträgt, dann gibt es gute Gründe zur Annahme, dass Buddha diese Infragestellung selbst geleistet hätte. Dies lässt sich aus dem Bemühen erkennen, die Wiedergeburtslehre mit Beweisen auf eine rationale Grundlage zu stellen:
Solche Beweise, obschon formal korrekt in den logischen Normen ihrer Zeit vorgetragen, blieben auch in ihrer Zeit umstritten, und zwar wegen der in ihnen enthaltenen systemgebundenen Voraussetzungen. Sie lassen sich daher charakterisieren als der Ausdruck einer lebendigen und starken Rationalität, die für große Teile der buddhistischen Tradition typisch ist. Der indische Mythos von der Wiedergeburt ist in dieser Weise im Buddhismus zu einer Wirklichkeit verwandelt worden, die so beschaffen ist, dass sie innerhalb der rationalen Modelle der anthropologischen und soteriologischen Theorien denkbar war. Damit können aber auch die entwickelten Argumentationen und Beweise nicht nur als Folge bestimmter systematischer Notwendigkeiten oder gesellschaftlichen Drucks verstanden werden, sondern besonders auch als ein weiteres Zeugnis dafür, dass diese Tradition von ihren Gläubigen nicht die irrationale Annahme ihrer Vorstellungen vom Dasein der Lebewesen auf Treu und Glauben verlangt hat, sondern Annahme auf der Grundlage von rationaler Überprüfung (Die Wiedergeburtslehre im Buddhismus, Ernst Steinkellner).
Therapiemethode
1) Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad im Besonderen werden im Buddhismus als therapeutisches Konzept zur Befreiung vom Leiden verstanden:
In other words, the Noble Eightfold Path, the path leading to the end of suffering, is a comprehensive path, an integrated therapy. It is designed to cure the disease of suffering through eliminating its causes (…) The Tree of Enlightenment, by Peter Della Santina
Die Kernidee der Therapie besteht darin, auf möglichst schmerzlose Weise Präferenzen zu eliminieren und damit auch das mögliche Leiden, welches aus der Nichterfüllung dieser Präferenzen entstehen könnte. Eine Elimination von Präferenzen ist weniger schmerzvoll, wenn sie auf dem Wege der Erkenntnis erreicht wird und nicht durch die Konfrontation mit der Aussenwelt oder durch moralische Verbote. Das Loslassen von Bindungen, welche als irrational erkannt werden, kann ein Gefühl der Befreiung auslösen.
Eine ausführlichere Beschreibung dieses Konzeptes findet man in The Principles of Non-Violence and Disengagement.
2) In der Vipassana-Technik (siehe Therapieziel weiter oben) geht es um die Auflösung von geistigen Konditionierungen.
Die Meditation besteht im aufmerksamen Beobachten aller Daseinsphänomene, hierzu zählt die Satipatthána vier Grundlagen der Achtsamkeit auf:
a) das Körperliche (káyánupassaná), Empfindungen am Körper (z.B. Kribbeln, Druck, Schmerz etc.)
b) Gefühle und Emotionen (vedanánupassaná),
c) Bewußtsein und Gedanken (cittánupassaná) und
d) Geistobjekte (dhammánupassaná).
Diese Ausgangspunkte der Achtsamkeit werden aufmerksam betrachtet. In der Lehre Buddhas wird die gesamte Welt als nama und rupa erfahren, d.h. "Geist und Körper" bzw. "Begriffe und Formen“.
Nach der buddhistischen Lehre entstehen aus dem Achtfachen Pfad drei Tugenden:
a) Sila - (Pali: Shila) ethisches Verhalten
b) Samadhi - (Pali: samatta) Konzentration oder Kontemplation
c) Prajna - (Pali: Panna) umfassende, intuitive Weisheit
Alle zusammen sind die Voraussetzung für einen erfolgreichen Fortschritt in der Vipassana-Meditation, aber werden auch gestärkt als Ergebnis erfolgreicher Meditation. Durch das Einhalten dieser Regeln wird zum einen vermieden, dass anderen Schaden zugefügt wird. Zum anderen ist es ein Selbstschutz, um den spirituellen Fortschritt nicht zu gefährden. Eine geistige Läuterung ist nur möglich, wenn auf der Ebene der Handlungen ethisches Verhalten praktiziert und damit ein anhaltender Zustand der Reuelosigkeit erreicht wird. Ansonsten ist der Geist zu erregt, zu unruhig und grob, um für die tiefgreifende Arbeit Fortschritte zu machen (Vipassana, Wikipedia).
3) Reflexive Gedankengänge können einen krankmachenden Suchtmechanismus auslösen. Komplexe Theorien oder eine komplizierte Sprache haben eine anti-therapeutische Wirkung. Die Reflexion, welche ursprünglich zum Ziel führen sollte, beginnt nach und nach die Erreichung des Zieles zu verhindern. Die Buddhisten haben diesen Mechanismus schon früh durchschaut. Weil Intellektualität an Sprache gebunden ist, versuchen z.B. Zen-Buddhisten die Bindungen an Begriffe zu lösen und die Sprachlogik zu zerstören. Der Zen-Buddhismus steht in der Tradition des Advaita-Vedanta:
In dem Moment, in dem man etwas benennt, hat man es mit einem Etikett versehen. In dem Moment, in dem man es etikettiert, hat man es in eine Schachtel gesteckt, es begrenzt, seine organische Natur gestoppt. Es ist die dem Verstand eigene Natur, Dinge zu erfassen, sie zu verstehen, zu analysieren, sie auseinanderzunehmen. Im Allgemeinen ist es die wahre Natur von Advaita, alles wieder zusammenzufügen [Aja].
Damit kommt man in die Nähe von Wittgensteins viel zitiertem Satz:
„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen, und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (Wittgenstein, Wikipedia).
4) Eine Referenz in die umgekehrte Richtung stammt aus einem Aufsatz über die philosophische Therapie von Wittgenstein [Schmidt] und beginnt wie folgt:
Nur am Rande sei hier auf eine interessante Parallele zum Zen-Buddhismus verwiesen: Auch dort führt der Weg zunächst weg vom Alltagsbewusstsein, um schließlich genau dort wieder zu enden. Im Ch'uan Teng Lu, einer der ältesten Koan-Sammlungen der Zentradition, wird folgender berühmter Ausspruch des Meisters Ch'ing-Yüan überliefert: "Bevor ich 30 Jahre lang Zen studierte, waren für mich Berge Berge und Flüsse Flüsse. Als ich zu einem tieferen Wissen gelangte, kam ich an den Punkt, wo ich sah, dass Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse sind. Jetzt aber, wo ich das Innerste des Zen begriffen habe, habe ich Ruhe gefunden. Und zwar deshalb, weil ich Berge wieder als Berge und Flüsse wieder als Flüsse sehe." Auch im Zen gilt der alltägliche Weg als der wahre Weg. Genauso wie bei Wittgensteins philosophischer Therapie wäre es aber kurzschlüssig zu meinen, man könne gleich von Anfang an im Alltagsbewusstsein verharren, gleichsam "im Trockenen" bleiben, ohne den Sumpf überhaupt zu betreten. Der Weg in die "tiefe Verwirrung" ist unumgänglich, um schließlich zur inneren Ruhe zu gelangen. Wittgensteins letztendliches Ziel ist - wie ganz ähnlich im Zen - nicht eine neue Theorie, sondern der radikale Abbruch eines endlosen leerlaufenden Diskurses. "Friede in den Gedanken, das ist das Ziel dessen der philosophiert", heißt es in "Vermischte Bemerkungen"; und in den "Philosophischen Untersuchungen" findet sich der erstaunliche Satz: "Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will." (Nr. 133)
Die Dinge und Menschen sind immer noch die gleichen, aber die Wahrnehmung hat sich geändert (eine Thematik welche z.B. von Cavell in seiner Analyse der Remarriage Komödien aufgegriffen wurde). In der Advaita-Vedanta besteht das Ziel darin zu erkennen, dass hinter den Dingen und Menschen ein göttliches Gesetz steht (bzw. dass sie dieses Gesetz darstellen) und dann alle Wahrnehmungen auf dieses Gesetz auszurichten und mit ihm Eins zu werden:
Wesentliches Charakteristikum des Advaita-Vedanta ist die Wesensidentität von Atman, der individuellen Seele, und Brahman, der Weltseele, deshalb die Bezeichnung Advaita-Vedanta, 'Vedanta der Nichtzweiheit'. Der Erkenntnisprozess des Menschen und der Weg zur Erlösung besteht darin, diese Einheit zu erkennen. Dualität tritt demnach nur dort auf, wo avidya, Unwissenheit, herrscht. Die wahre Erkenntnis, die diese Unwissenheit überwindet, führt zur Advaita-Erfahrung und damit zur Befreiung, moksha.
(Vedanta, Wikipedia)
3.2 Die stoische Affektkontrolle
Geschichtlicher Hintergrund
1. Es darf vermutet werden, dass gewisse Ideen aus der östlichen Philosophie über Handelsrouten durch den arabischen Golf nach Griechenland gelangten. Um 600 v.Chr.hatten indische Händler feste Niederlassungen in Babylon (Buddhismus und Christentum, Geschichte einer Begegnung, Kap.2.2.4).
2. Im 4.Jh. v.Chr. im Gefolge der Eroberungen Alexander des Großen bekam die griechische Kultur eine starke Wirkung auf den Orient, wurde aber im Gegenzug von orientalischen Elementen durchdrungen und umgeformt. Sie verlor dabei ihren national-griechischen Charakter und wurde zu einer kosmopolitischen Menschheits-kultur. Nach der politisch-militärischen Eroberung Griechenlands durch Rom begann die kulturelle Eroberung des römischen Reiches durch die griechische Kultur. Aber auch hier kommt es zu Rückwirkungen. Die Römer waren ein praktisches Volk. Der Schwerpunkt der Philosophie verlagerte sich von der Spekulation über die Natur zur Ethik. Philosophie wurde schwerpunktmäßig praktische Lebensphilosophie. Zenon aus Kition (Zenon der Stoiker 340 - 260), ursprünglich ein Kyniker, gründete in Athen in der Stoa poikile (Bunte Säulenhalle - der ursprüngliche Versammlungsort) eine Philosophenschule, in der kynische Lehren mit den Auffassungen anderer Philosophen (besonders Heraklit und Aristoteles) verbunden wurden. Die Stoiker teilten ihr System in drei Teile: Logik, Physik und Ethik. Die Ethik ist der wichtigste Teil, Logik und Physik nur Vorstufen (Stoiker und Epikureer, Peter Möllers PhiloLex).
Aufgrund dieser historischen Entwicklung gibt es viele Bezüge zwischen dem Stoizismus und der nikomachischen Ethik.
Erkenntnis der Aussenwelt
1) Die einprägsamste Kurzformel für das stoische Weltbild hat Kaiser Mark Aurel als letzter der bedeutenden Stoiker hinterlassen (Selbstbetrachtungen VII, 9): „Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, so wie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.“ Aus einem Urfeuer, dem Äther, entsteht in stoischer Sicht alles Seiende. Aller Stoff (Hyle) ist durch die göttliche Vernunft (Logos) beseelt. So ist die stoische Lehre gleichermaßen materialistisch wie pantheistisch. Die Stoiker sind von der strengen Kausalität alles Geschehens überzeugt (Stoa, Wikipedia)
2) Der Mensch könne als Vernunftwesen die universelle Gesetzmäßigkeit erkennen. Die einzige Tugend sei ein im Wissen um diese Gesetzmäßigkeit geführtes vernünftiges Leben. Hierin bestehe die einzige Glückseligkeit. Dem gegenüber gebe es nur ein einziges Übel: unvernünftiges Leben. Alles andere, was von den Menschen im allgemeinen hochgeschätzt werde, z. B. Leben, Gesundheit, Ehre, Besitz, oder was sie zu vermeiden suchen, z. B. Krankheit, Tod, Armut, Knechtschaft, sei weder gut noch schlecht, sondern gleichgültig (Adiaphora). Aufgabe des Menschen sei ein fortwährender Kampf gegen die Affekte. Sie gaukelten uns Gleichgültiges und Schlechtes als wertvoll vor. Das Ziel solle ihre völlige Überwindung sein. Der Stoizismus forderte allen Ereignissen, sowohl den (nach Meinung der Nichtstoiker) negativen wie positiven, mit Leidenschaftslosigkeit zu begegnen (apatheia). Wer dies erreicht habe, der sei wahrhaft weise. Bis hierhin ist es die kynische Ethik. Unter dem römischen Einfluß kommen aber nun zwei wichtige Dinge hinzu:
a) Die Lehre, daß alles Äußere gleichgültig sei, wird eingeschränkt, so daß z. B. Ehe, Familie und Staat, aber auch Wissenschaft, eine gewisse Rechtfertigung erhalten.
b) Während die Kyniker letztlich Egoisten waren, forderten die Stoiker eine allgemeine Gerechtigkeit und Menschenliebe, wie sie bis dahin die Antike nicht gekannt hatte. Die Stoiker waren die ersten, die im Altertum einen umfassenden Humanitätsgedanken und Kosmopolitismus vertreten haben.
(Stoiker und Epikureer, Peter Möllers PhiloLex)
3) Der Pantheismus ist keine Religion, sondern eine Weltanschauung, da er keine Religionsstifter, Religionsgemeinschaften, heiligen Schriften, Institutionen, Rituale oder Dogmen kennt. Auch sind die religiösen Ver- und Gebote unvereinbar mit den Naturgesetzen, die der Pantheismus auf ein "Gott" genanntes Höchstes Gesetz zurückzuführen sucht, so Platon im Begriff der "dynamis" und Aristoteles in dem des "Demiurg (Unbewegter Beweger)". Verschiedene Vertreter des Pantheismus haben durchaus unterschiedliche Hypothesen und Theorien entwickelt. Manche Menschen sehen auch im Hinduismus oder dem Sufismus Ausprägungen des Pantheismus auf religiöser Ebene. Beim Hinduismus besteht der allumfassende Brahman aus allen unveränderlichen Ichs (Atman). Diese finden sich sowohl in jeder Materie, als auch in allen Lebewesen. (Auszug aus Pantheismus, Wikipedia)
Der Pantheismus kann Lebenssinn vermitteln und Religion ersetzen, weil er an religiöse Konzepte anknüpft und ähnliche Gefühle erzeugt. Die Identifikation mit einem höchsten Gesetz entspricht der Vereinigung mit Brahman oder mit einem allmächtigen Gott. Die Eudämonie kann als Vorstufe zu dieser Vereinigung verstanden werden.
Therapieziel
1) Der Stoizismus orientiert sich an der Vernunft und versucht irrationale Präferenzen zu eliminieren. Ähnlich wie im Buddhismus soll die Elimination von Präferenzen durch Erkenntnis bzw. Einsicht (anstelle von moralischen Geboten oder Verboten) erreicht werden.
2) Im Stoizismus wird eine vergängliche Präferenz (wie bei Sokrates) nur dann als irrational betrachtet, wenn man ihre Vergänglichkeit verleugnet. Aus heutiger Sicht ist eine Präferenz in dem Masse irrational, als man ihre Risiken unter- oder überschätzt. Die Erkenntnis der Vergänglichkeit führt zu einer schwächeren Bindung an die Welt, aber nicht zum Aufgeben aller Bindungen. Die Bindungen an die Welt unterliegen einer Risikoabwägung. Affekte werden im Stoizismus generell als hohe Risiken eingestuft und bekämpft.
Therapiemethode
1) Das therapeutische Konzept stützt sich auf folgende ethische Grundlagen:
a) Macht der Vernunft
b) Selbstbeherrschung, Affektkontrolle, Freiheit von Leidenschaften
c) Selbstgenügsamkeit
d) Aber nicht radikale Triebunterdrückung
(Stoa, Wikipedia)
2) Nach stoischer Auffassung ist Eudämonie nur dann zu erreichen, wenn kein Affekt die Seelenruhe stört. Ein Affekt ist ein übersteuerter Trieb. Stoisches Ideal ist die Apathie, die Freiheit von solchen Affekten. Es wird zwischen 4 Grundarten von Affekten unterschieden:
a) Lust
b) Unlust
c) Begierde
d) Furcht.
Entscheidend für die Apathie ist die Erkenntnis, dass alle äußeren Güter keinen Wert für das seelische Wohlbefinden haben (Auszug aus Affekt, Wikipedia)
3) Eine detaillierte Anleitung, wie das stoische Konzept in die Praxis umgesetzt werden kann findet man im Handbuch des Epiktet.
3.3 Die geometrische Methode von Spinoza
Geschichtlicher Hintergrund
1. Möglicherweise wurde die deduktive Methode von Spinoza durch die vier edlen Wahrheiten des Buddha beeinflusst. Die vier edlen Wahrheiten enthalten die Kernidee einer schrittweisen Deduktion des richtigen Verhaltens aus psychologischen Erkenntnissen.
2. Im Weiteren gibt es auffällige Bezüge zur nikomachischen Ethik und damit auch zum Stoizismus.
3. Man muss sich gewärtigen, dass Spinoza den 30igjährigen Krieg vor Augen hatte (…). Spinoza war Anhänger eines starken Staates, der dem Egoismus und Fanatismus Einzel-ner wie Gruppen Einhalt gebieten kann. Er trat auch für die Trennung von Kirche und Staat ein, weil sich die Religionen (und er meinte hier alle monotheistischen Religionen), als Quelle eines zerstörerischen Fanatismus erwiesen hätten.
[Lackner]
Weltbild und Religion
1) Spinoza vertrat in seinem theologisch-politischen Traktat von 1670 die These, Judentum und Christentum seien lediglich vergängliche Phänomene ohne absolute Gültigkeit. Er war überzeugt, dass Religion durch Vernunft ersetzt werden kann. Spinozas Ethik kann u.a. als Reaktion auf eine weltanschauliche Verunsicherung gedeutet werden (siehe z.B. Spinoza als Marrane) und als Versuch, mit Hilfe der Vernunft wieder Sicherheit zu gewinnen. Eine detaillierte Darstellung von Spinozas Weltbild findet man in Spinoza, Peter Möllers philosophisches Lexikon.
2) Spinozas Gott ist grundsätzlich indifferent gegenüber dem Leiden. Möglicherweise hat Spinoza den göttlichen Gesetzen moralische Begriffe wie gut und notwendig zugeordnet um seine Lehre nicht zu gefährden (sie wurde in der damaligen Zeit als atheistisch eingestuft). In seinen Vorträgen verwendete er oft eine mehrdeutige Ausdrucksweise, um den Kritikern nicht Argumente zu liefern.
3) Man muss auch bedenken, dass Spinoza keine Kenntnisse von der biologischen Evolution und der damit verbundenen Zunahme des Leidens hatte. Er konnte auch nicht wissen, dass Zufälligkeit tiefgründiger ist als mangelnde Erkenntnis. Selbst Einstein hielt 300 Jahre später (immer noch unter dem Einfluss von Spinoza) einen willkürlich agierenden Gott für undenkbar und verwarf aus diesem Grunde die Quantenmechanik.
Therapieziel
Bezüglich der Elimination von irrationalen (in der Terminologie von Spinoza inadäquaten) Präferenzen nimmt Spinoza eine ähnliche Position ein wie der Stoizismus. Bei den rationalen Präferenzen erhält das wissenschaftliche Tätigsein eine Sonderstellung. Erkenntnisstreben und Wissenserwerb sind aber aus heutiger Sicht Präferenzen, welche (wie alle anderen auch) auf ihr Chancen/Risiken-Verhältnis für ein bestimmtes Individuum geprüft werden müssen. Für Menschen, welche das gleiche Risikoprofil aufweisen wie Spinoza erscheint sein Therapieziel rational, für die anderen verzerrt.
Therapiemethode
1) Ähnlich wie im Stoizismus wird eine emotionale Distanzierung von risikoreichen Präferenzen angestrebt. Umgekehrt wird die Erkenntnis mathematischer und physikalischer Gesetze emotional aufgeladen und mit religiösen Gefühlen in Verbindung gebracht. Das Wissen des Patienten wird zunächst dahingehend erweitert, dass er die Göttlichkeit der Naturgesetze erkennt und in axiomatischer Form darstellen kann. Von diesen Axiomen ausgehend werden irrationale Präferenzen deduktiv eliminiert und rationale Präferenzen deduktiv geschaffen. Das Rationalitätskriterium besteht im Wesentlichen darin, dass risikoreiche Präferenzen (wie z.B. Hass) als den Naturgesetzen widersprechend dargestellt werden und risikoarme Präferenzen (wie z.B. Freundschaft mit Gleichgesinnten) als dem Willen der Naturgesetze (bzw. dem Willen Gottes) entsprechend. Die Präferenz mit dem höchsten moralischen Wert besteht in der Erkenntnis der Naturgesetze selbst, was bei Spinoza einer Vereinigung mit Gott gleichkommt.
2) Eine detaillierte Darstellung des therapeutischen Konzeptes von Spinoza findet man in
a) Rationale Selbstbefreiung, Michael Hampe, in Klassiker der Philosophie heute, Reclam 2004 (21 Seiten)
b) Ethica Ordine Geometrico Demonstrata, Originaltext von 1677 in deutscher Übersetzung (568 Seiten)
4 Individualistische Therapien
4.1 Die Maieutik
Geschichtlicher Hintergrund
Die ersten Philosophen, die sich selbst so bezeichneten – Platon und Sokrates – verstanden Philosophie als Alternative zur mythischen Religion und ihrer Ordnung. Indem der Mensch selbst durch philosophisches Nachdenken und Diskutieren – auch Philosophieren genannt – die Welt erklärt, emanzipiert er sich von der Welt des Aberglaubens, der Priesterherrschaft und der Götter. Sokrates wurde deshalb als Verderber der Jugend hingerichtet (Geschichte der Philosophie, Wikipedia).
Erkenntnis der Aussenwelt
Wie die Sophisten beschäftigte sich Sokrates mit Menschen und dem Menschenleben, und nicht mit den Problemen der Naturphilosophen (Sokrates, Wikipedia)
Therapieziel
1) Sokrates war der Ansicht, dass der, der wisse, was gut ist, auch das Gute tun werde. Er glaubte, die richtige Erkenntnis führe zum richtigen Handeln. Und nur wer das Richtige tue, so Sokrates, werde zum 'richtigen Menschen'. Wenn ein Mensch falsch handelt, so tut er das aus Sokrates' Sicht nur, weil er es nicht besser weiß. Deshalb sei es so wichtig, das Wissen zu vermehren. Im Gegensatz zu den Sophisten bestand er darauf, die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, liege in der Vernunft begründet und nicht in der Gesellschaft (Sokrates, Wikipedia)
2) Was aber hat man unter dieser Tugend, die alle, namentlich auch die Sophisten im Munde führen, zu verstehen? Ist sie erlernbar? So fragt Sokrates und macht damit zum erstenmal die Tugend, sonach die Ethik zum Problem. Gerade das Problemstellen ist auch hier wieder seine wichtigste Leistung, nicht etwa die positive Antwort. Worin das Gute seinem Inhalte nach bestehe, scheint Sokrates vielmehr gar nicht bestimmt formuliert zu haben. Er betont nur, daß die Tugend ein Wissen sei, daß sie auf der richtigen Einsicht oder Besinnung (phronêsis) beruhe. Wird doch auf allen Gebieten des Lebens derjenige als tüchtig anerkannt, der seine Sache versteht; wieviel mehr auf dem des sittlichen Handelns! Wer aus unklaren Gefühlen oder aus überlieferter Gewohnheit handelt, wird immer nur zufällig das Rechte treffen. Also auf das feste Bewußtsein, auf die Erkenntnis allein kommt es an (Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie).
Die sokratischen Grundgedanken zeigen eine auffällige Verwandtschaft mit dem Buddhismus. Im Gegensatz zum Buddhismus wird aber nur sehr vage angegeben, in welche Richtung das Wissen erweitert werden soll. Die sokratische Wahrheitssuche ist dann rational, wenn sie
1. das Wissen in eine Richtung erweitert, welche das Leiden reduziert (z.B. durch das Auffinden entsprechender Tugenden) oder
2. das Leiden durch nicht-hedonistische Werte (z.B. erweitertes Bewusstsein) kompensiert
Therapiemethode
1) Sokrates reizten die Begriffe, die man täglich benutzte und gedankenlos anwendete, weil die inzwischen überaus reich entwickelte Sprache sie eben darbot oder in Bereitschaft hielt. Sokrates wollte ergründen, was hinter ihnen steckte und wie sie inhaltlich zu füllen wären. Um sich hierüber Klarheit zu verschaffen, bediente er sich einer ganz besonderen Methode, die als Mäeutik – eine Art „geistige Geburtshilfe“ – bezeichnet wird: Durch Fragen und nicht durch Belehren des Gesprächspartners – wie es die Sophisten gegenüber ihren Schülern praktizierten – sollte dessen eigene Einsichtsfähigkeit schließlich das Wissen um das Gute (agathón) und Edle (kalón) selbst „gebären“ bzw. hervorbringen. Dieses Ziel war jedoch nicht ohne Einsicht in die Fragwürdigkeit des eigenen Wissens möglich (Sokrates, Wikipedia).
2) Sokrates ist überzeugt, mit der maieutischen Technik ethische Verhaltensweisen von allgemeiner Gültigkeit zu finden. Da er über ein anderes Weltbild als die Buddhisten verfügt, kommt er aber nicht zu den gleichen Schlüssen. Emotionale Bindungen werden nicht radikal verworfen. In seiner Art der Vergänglichkeit und dem Tod zu begegnen ist er ein Vorbereiter des Stoizismus.
4.2 Der flexible Einsatz philosophischer Konzepte
Geschichtlicher Hintergrund
In spite of the rapidly growing interest in philosophical therapy, psychologists have been slow to recognize the legitimacy of this "new" discipline. According to Louis Marinoff, this is at least partially because "philosophy encompasses psychology" while "psychology doesn't include philosophy. In the 1940s and '50s," he continues, "this was in fact one discipline. But the contrary has never been true: philosophy has never been recognized as a part of psychology. Psychologists work with rigid model of thought," Marinoff argues. "If your problem doesn't fit within these models, they cannot help you. Philosophers don't have any models. Each person is a new case." [Lifewise].
Erkenntnis der Aussenwelt
Grundlage dieser Therapieform ist ein wissenschaftlich-orientiertes Weltbild. Bezüglich der Ethik auf Stufe Gesellschaft werden die Menschenrechte in den Vordergrund gestellt:
Philosophical practitioners and counselors should, in accordance with the Universal Declaration of Human Rights, promote and respect rights and freedoms such as freedom of thought, conscience, and speech. Bertrand Russell defined intellectual freedom as follows: "We may say that thought is free when it is exposed to free competition among beliefs--i.e., when all beliefs are able to state their case, and no legal or pecuniary advantages or disadvantages attach to beliefs." Fear of free thinking seems to be more than just fear of freedom. Economical, political, educational, medical and cultural institutions may consider free competition among beliefs as not serving their interest [Schuster]
Therapieziel
Im Gegensatz zu den normativen Therapien wird hier nicht ein bestimmtes Verhalten a priori als rational propagiert. Das Verhalten, welches das Leiden eines Individuums am besten reduziert (und somit als rationales Therapieziel deklariert werden kann) muss zuerst mit Hilfe von Fragen (häufig anhand der maieutischen Technik) gefunden werden. Dazu ein Auszug aus einem Interview mit Marinoff:
Americans are tired of psychologists dwelling on our every painful feeling, we're sick of psychiatrists prescribing a new drug every time we feel confused and many of our most pressing problems aren't even emotional or chemical to begin with -- they're philosophical. To wit: You don't have to be clinically depressed or burdened by childhood guilt to want help with the timeless questions of the human condition -- the persistence of suffering and the inevitability of death, the need for a reliable ethics. ''Even sane, functional people need principles to live by,'' (…) ''so we are offering what Socrates called the examined life, the chance to sit with a philosopher and ask what you really believe and make sure it's working for you.'' [Duane].
Therapiemethode
Die Verwendung antiker philosophischer Konzepte und die Ablehnung von psychoanalytischen Konzepten sind typisch für diese Therapieform. Ihr Begründer ist Gerd Achenbach, der zurzeit populärste Vertreter Lou Marinoff. Zur Illustration der Therapiemethode sollen die nachstehenden Auszüge dienen:
1) Da ist einmal die Rückkehr zu den Anfängen, als Philosophie, eher unbelastet von tiefgründigen weltanschaulichen Problemen, mit ganz lebenspraktischen Fragen, z.B. der Orientierung innerhalb der griechischen Polis, zu tun hatte. Und zum anderen die Absicht, den verschiedenen Formen der Psychotherapie nicht mehr allein das Feld zu überlassen, wenn es um die seelische Gesundheit des Menschen geht. So befasst sich ein erster Teil des Buches mit gängigen Therapieformen, unterwirft sie einer radikalen Kritik und zeigt das Ungenügen der dahinter stehenden Menschenbilder auf. Bereits diese Kritik lässt ein Spezifikum der inaugurierten philosophischen Therapieform erkennen: Während die Psychoanalyse nur in der Lage ist, das Dunkel der persönlichen Vergangenheit aufzuklären, aber dabei an der Unwiederbringlichkeit des Gewesenen scheitert, wendet sich die philosophische Therapie der im wesentlichen noch offenen Zukunft zu. In dieser grundsätzlich optimistischen Sicht ist der Mensch weder das alleinige Produkt seiner Gene noch der Gesellschaft oder anderer determinierender Faktoren; er ist im wahrsten Sinne seines Glückes Schmied und hat frei und verantwortlich sein Leben zu entwerfen. Die Philosophie hilft, indem sie eine „brauchbare Weltanschauung“ liefert. Welche das sein sollte angesichts so vieler philosophischer Theorien und Modelle? Die Wahrheitsfrage stellt sich für Marinoff nicht. Es geht ihm auch gar nicht um Inhalte, sondern um Impulse aus der philosophischen Tradition, damit jeder seine eigene Lebensphilosophie entwickeln kann [Niedermeier].
2) Marinoff and other practitioners hold that we all have a philosophy of life, whether we know it or not, and that we can benefit from identifying that philosophy, making sure it helps us rather than hinders us -- defining success, say, in a way we might actually achieve it -- and then strengthening it through dialogue with the great thinkers. Where Marinoff departs from the others, and sets their teeth on edge, is in the way he packages the journey of philosophical self-improvement. In ''Plato, Not Prozac!'' for example, Marinoff outlines a five-step ''PEACE process'' that seems ready-made for daytime TV: identify the Problem, take stock of your Emotions, Analyze your options, Contemplate your entire situation and then -- voilà! -- reach Equilibrium [Duane].
Auch diese Therapieform versucht (wie die Maieutik) das Therapieziel über Erkenntnis, aber ohne Einbezug des Unbewussten zu erreichen. Die Einschränkung auf bewusste Prozesse ist denn auch der Hauptgrund, weshalb sie von vielen Therapeuten abgelehnt wird:
1) Among serious academic philosophers -- even those who address the so-called human-condition questions -- there is an almost visceral revulsion at the very idea of philosophical counseling. Jonathan Lear, a psychoanalyst and philosophy professor at the University of Chicago, considers himself committed both to the therapeutic power of conversation and to the Socratic philosophical tradition of investigating life's pressing concerns. He is deeply skeptical, nevertheless, of any counseling approach that imagines that you can dwell purely in the realm of reason, ignoring hidden motive and unresolved feeling, ''That's a fantasy,'' Lear said by phone. ''And you don't have to be a Freudian to think so. One of the most looming problems for Plato about the human soul is that there's a powerful unconscious dimension.'' (The Socratic Shrink, D.Duane)
2) Marinoff's strongest competition, in fact, comes from the American Society for Philosophy Counseling and Psychotherapy (A.S.P.C.P.), which is devoted to precisely the opposite tack -- seeking bridges to the established professions (Socrates and Wittgenstein: [Lunsford]
4.3 Die philosophische Psychoanalyse
Geschichtlicher Hintergrund
Der Ursprung der Psychoanalyse ist die Traumdeutung, d.h. die Erkenntnis, dass es psychische Vorgänge gibt, welche der Mensch nicht unter Kontrolle hat und dass diese ev. eine Bedeutung für seine Lebenspraxis haben.
1) Die älteste schriftliche Überlieferung einer geistigen Auseinandersetzung mit dem Traum ist an die 4000 Jahre alt. Die bewußt angestrebte Deutung erinnerter Trauminhalte ist seit der Antike bekannt; sie wurde besonders von den Babyloniern und Assyrern hoch geschätzt. Das 1. Buch Mose berichtet von dem besonders begabten Traumdeuter Josef. Noch älter sind die von Enkidu vorgenommenen Deutungsversuche der Träume seines Freundes Gilgamesch, bzw. die epische Darstellung der Beziehung beider Männer, die unter den Dichtern im präantiken Mesopotamien eine weite Verbreitung gefunden hat. Im Hellenismus bildete sich ein regelrechtes Streben, in Träumen Zukunftsprognosen zu erblicken (z.B. Sokrates nie irrendes Daimonion). Die christliche Kirche dämonisierte die Träume als teuflische Versuchungen, so daß auch die Zeit der Aufklärung den Träumen relativ wenig Beachtung schenkte bzw. nicht wagte, sie der wissenschaftlichen Erörterung zuzuführen. Erst die Romantik - nach Kants Rückzug auf die Bastion der "reinen Vernunft" - entdeckte die Beziehung der Träume zum Märchen und zum Unbewussten. (Traumdeutung, Wikipedia)
2) Der Begriff unbewusst bzw. das Unbewusste (engl.: unconscious, franz.: inconscient) wurde 1751 erstmals ausformuliert und in der deutschen Romantik dann als „unergründliche Quelle der Kreativität und Leidenschaften“ interpretiert. Zu seiner heutigen Bedeutung brachte es aber der bekannte Wiener Psychoanalytiker Professor Dr. Sigmund Freud in seiner Psychoanalyse. Hier wurde das Unbewusste als ein dem Bewussten nicht bekannter Bereich aufgefasst, eine Art „andere Bühne“. Damit unterschied sich Freud von seinen Vorgängern, die dieses Element ganz anders definierten, nämlich als „Suprabewusstes“ oder „Überbewusstes“, das vor oder jenseits des Bewusstseins stehe. Bei Freud wird das Unbewusste zu einem System, das dem Bewusstsein zwar ebenfalls unzugänglich bleibt, das sich aber durch den Traum, durch Fehlleistungen, durch Wortspiele und nicht zuletzt durch die freie Assoziation zu äußern vermag (…) Das war an sich nicht neu, befasste man sich doch schon in der Antike mit der Existenz einer dem Bewusstsein fremden psychischen Aktivität. Später baute darauf der Philosoph René Descartes das Prinzip eines Dualismus auf (Körper und Geist als gegensätzliche Instanzen: das Bewusste als der Ort des Vernünftigen im Gegensatz zum Universum der Unvernunft). Ähnlich äußerten sich auch die Philosophen Blaise Pascal und Spinoza, die die Autonomie des Bewusstseins durch zwar unerkennbare vitale, leider aber auch oft zerstörerische Kräfte begrenzt sahen. Auf dieser Ebene entwickelten sich dann auch Behandlungsmethoden wie der Magnetismus (z. B. Anton Mesmer), der Ende des 19. Jahrhunderts das Unbewusste als eine Abspaltung des Bewussten zu verstehen empfahl, zu dem man Zugang durch Hypnose oder Suggestion bekommen könne. Dabei fällt auf, dass psychologische Aspekte früher die Domäne der Philosophen mit naturwissenschaftlichem Interessen-Schwerpunkt waren, Psychologen (als solche) gab es noch nicht. Und die Mediziner waren notwendigerweise eher organisch orientiert, auch wenn seelische Fragestellungen seit jeher in ihre Überlegungen mit einflossen. Und so blieben es auch lange die Philosophen, die die „dunkle Seite der Psyche“ auszuleuchten versuchten, bis ins 19. Jahrhundert. Beispiele: Wilhelm von Schelling, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Erst danach kamen Mediziner, insbesondere aus der physiologischen Disziplin wie J. F. Herbart, H. v. Helmholtz, G. Fechner, W. Wundt und C. G. Carus [Faust].
Erkenntnis der Aussenwelt
Grundlage der psychoanalytischen Therapieform ist ein wissenschaftlich-orientiertes Weltbild. Bezüglich der Ethik auf Stufe Gesellschaft wird die Ablehnung von Religionen und sozialistischen Utopien in den Vordergrund gestellt. Diese werden als kollektiver Wahn betrachtet, welcher die individuelle Verdrängung von aussen stützt:
„Wir Analytiker“, schreibt Freud, „setzen uns eine möglichst vollständige und tief reichende Analyse des Patienten zum Ziel, wir wollen ihn nicht durch die Aufnahme in die katholische, protestantische oder sozialistische Gemeinschaft entlasten, sondern ihn aus seinem eigenen Inneren bereichern, indem wir seinem Ich die Energien zuführen, die durch Verdrängung unzugänglich in seinem Unbewussten gebunden sind, und jene anderen, die das Ich in unfruchtbarer Weise zur Aufrechterhaltung der Verdrängungen verschwenden muss. (…) Ob es nicht ökonomischer ist, Defekte von aussen zu stützen (durch Integration in eine Gemeinschaft oder Medikamente, M.H.), als von innen zu reformieren? Ich kann es nicht sagen, aber etwas anders weiss ich. In der Psychoanalyse bestand von Anfang ein Junktim zwischen Heilen und Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man konnte nicht behandeln, ohne etwas Neues zu erfahren, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung zu erleben“ (Freud 1927 / 1948, 293 f.) [Hampe]
Therapieziel
1) Das Ziel einer Therapie, welche mit der freien Assoziation arbeitet, ist der Erwerb von Spontaneität, bzw. die Befreiung von Triebunterdrückung. Dieses Ziel ist solange rational, als die Spontaneität nicht zu Risikoblindheit führt. Depressionen haben eine Schutzfunktion und Leidenschaften tragen ihren Namen nicht umsonst. Die verheerende Wirkung von Leidenschaften hat u.a. zur Entwicklung der stoischen Affektkontrolle geführt. Die Entdeckung der unbewussten biologischen Bedürfnisse führt fast zwangsläufig zur Konfrontation mit kulturellen Normen und damit zu einer inneren Gespaltenheit. Häufig wird im Laufe der Analyse die eine Form des Leidens durch eine andere abgelöst (z.B. neurotisches Elend durch reales Elend).
2) Gewisse Patienten (speziell philosophisch interessierte) erklären den Erkenntnisprozess (welcher eigentlich als Mittel zum Zweck gedacht ist) selbst als Ziel und absolvieren jahrelange Therapien ohne messbaren Erfolg (messbar im Sinne einer Reduktion des Leidensdruckes). Dieses Ziel ist solange rational, als die Befriedigung, welche aus der Erkenntnis gewonnen wird, den immer noch vorhandenen Leidensdruck kompensiert.
Therapiemethode
1) Die Methode der philosophischen Psychoanalyse unterscheidet sich von der reinen Psychoanalyse durch die Ablehnung von Fachsprachen. Die Begriffe des Unbewussten, der Assoziation und der Deutung gehen auf antike Konzepte der Erkenntnisgewinnung zurück und können der Philosophie zugeordnet werden.
Die Krankengeschichte Freudscher Art (nicht jede) ähnelt deshalb der Novelle, weil sie das vollkommen Individuelle in einer allgemein zugänglichen Rede (die nur sehr begrenzt eine Fachsprache ist) ausspricht [Hampe].
In dem Masse, wie eine solche Krankengeschichte von der Fachsprache der Psychoanalyse (z.B. Introjektion, Widerstand, Ödipuskomplex) durchsetzt ist, entfernt sie sich von der philosophischen Therapie und wird zur Psychotherapie.
2) Die freie Assoziation ist auf den Erwerb von Spontaneität ausgerichtet, d.h.der Erkenntnisprozess wird vom Therapeuten nicht in eine spezifische Richtung gesteuert. Die Erweiterung des Wissens ist nicht vorbestimmt oder eingeschränkt, sodass die Veränderung der Präferenzen nicht vorausgesagt werden kann. Das Wissen wird erweitert wie bei einer Entdeckungsreise. Die jeweils nächsten Reiseziele ergeben sich aus den jeweils neuen Kenntnissen, welche man erworben hat.
5 Quervergleich der Therapieformen
5.1 Erkenntnis der Aussenwelt
Weltbild und Religion
1) Historisch gesehen beginnt philosophische (Vernunft-orientierte) Therapie mit der Ablösung des Polytheismus durch abstraktere, pantheistische Formen der Religiosität. Die buddhistische und antike Therapie übernimmt die normative Funktion der Religion. Das Ziel (Befreiung) wird von der Vernunft gesetzt und kann mit Rationalität (deduktiv) erreicht werden. Durch diese Verbindung von Gefühl (Befreiung) und Verstand schafft sie ein Angebot an Lebenssinn. Die exklusive Stellung der Vernunft in der philosophischen Therapie wird ironischerweise durch den Aufklärer Sigmund Freud erschüttert. Die Patienten werden in der Freudschen Psychoanalyse mit der Macht des biologischen Wertsystems konfrontiert. Die Methode der freien Assoziation führt zu einer Renaissance von Konflikten, welche im Polytheismus auf Götter projiziert wurden. Der Polytheismus bildet die verhaltensrelevanten Strukturen in der Psyche besser ab als der Monotheismus oder eine Vernunftreligion.
2) Das quasi-religiöse Therapieziel ändert sich beim Übergang von Spinoza zu Freud in ein Teilziel wie z.B. die Heilung von Hysterie. Psychoanalyse ist zwangsläufig individualistisch und tendiert zu einer politischen Forderung nach maximaler individueller Freiheit. Sie kann aus diesem Grunde auch nie die normierende Funktion der Religion ersetzen. Realitätssinn ist wichtiger als Trost und Geborgenheit. So ist etwa nach Freud der Patient geheilt, wenn neurotisches Elend in reales Elend umgewandelt ist. Die Suche nach dem Lebenssinn wird dem Einzelnen überlassen. Das Ausklammern bzw. die Individualisierung des Lebenssinnes in der Therapie entspricht weitgehend den liberalen gesellschaftlichen Normen (Meinungs- und Religionsfreiheit). In totalitären Systemen hat die Psychoanalyse demgegenüber einen deutlich subversiven Charakter.
3) Das naturwissenschaftliche Weltbild hat einen direkten Einfluss auf die Lebenspraxis, indem es mit religiösen Deutungen der Welt konkurriert. Kompensationen des Leidens durch Glückszustände im Jenseits werden in Frage gestellt. Der Sinn des Lebens wird nicht von „höheren“ Prinzipien bestimmt. Für viele Menschen war und ist der Abschied von der Religion ein Abschied von starken und tiefgründigen Gefühlen. Es ist ein Abschied von Trost, Sicherheit und Geborgenheit in einem übergreifenden Lebenssinn. Menschen, welche eine persönliche Beziehung zu Gott brauchen, verarbeiten den Verlust des Glaubens ähnlich wie den Tod der wichtigsten Bezugsperson. Für sie ist eine Kultur, welche keinen Lebenssinn anbietet krank und die Depression eine normale Reaktion. In total säkularisierten Gesellschaften (wie z.B. in der ehemaligen Sowjetunion) wurden umgekehrt solche Menschen als krank diagnostiziert und die atheistische Staatsideologie als normal. Das atheistische Sinnangebot ist der Glaube an den wirtschaftlich-technischen Fortschritt, welcher den Individuen ein zunehmend besseres Leben in Aussicht stellt. Auf der emotionalen Ebene ist dies jedoch kein Religionsersatz und der therapeutische Effekt der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist entsprechend kontraproduktiv. Was also spricht dagegen die Realität permanent „verzerrt“ wahrzunehmen?
a) Was spricht z.B. dagegen, Spinozas abstrakten Gott emotional aufzuladen wie eine geliebte menschliche Person? Was spricht dagegen, sich gefühlsmässig mit den Naturgesetzen zu verbünden und damit Enttäuschungen zu vermeiden?
b) Das gleiche gilt für die buddhistische Wiedergeburtslehre. Sie mag die Realität verzerren, aber sie ist ein effizientes Hilfsmittel um emotionale Bindungen zu lösen und Frustrationen zu vermeiden.
c) Warum sollte sich schliesslich ein Individuum dem mühsamen Prozess einer philosophischen Therapie unterziehen wenn das Erkennen der realen Welt doch unerfreulich ist und das individuelle Leiden durch Medikamente und Drogen beseitigt werden kann?
Aus individualistischer Sicht ist es schwierig, diesen Einwänden zu begegnen. Das wohl einzige Argument, welches gegen eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit spricht, ist die These, dass eine realistische Wahrnehmung langfristig und gesamthaft erfolgreicher ist in der Bekämpfung des Leidens.
Aber warum sollte sich ein Individuum darum bemühen langfristige und gesamthafte Zustände zu verbessern? Das wohl stärkste Argument, welches gegen eine kurzfristige und lokale Perspektive spricht ist die Erkenntnis, dass die Schicksale aller leidensfähigen Lebewesen miteinander verknüpft sind und dass wesentliche Teile des „Selbst“ in diesen Lebewesen enthalten sind. Mit dieser Thematik befasst sich die Ethik auf Stufe Gesellschaft.
Ethik auf Stufe Gesellschaft
1. Die geschichtliche Entwicklung der Ethik auf Stufe Gesellschaft ist von der Entwicklung der Weltbilder und der Religion geprägt. Die Ablösung von personifizierten Gottesvorstellungen durch abstraktere Konzepte beginnt im Hinduismus und in der Antike bereits mehrere Jahrhunderte v.Chr. Die Vertreter dieser abstrakteren Konzepte und ihre Lebensphilosophien geraten in Konflikt mit der religiösen Tradition und die philosophische Therapie erhält dadurch einen subversiven Charakter. Der Buddhismus, obwohl er keine gesellschaftlichen Machtansprüche stellt, steht in Konflikt mit dem Brahmanismus, die sokratische Wahrheitssuche steht in Konflikt mit den Vertretern der antiken Götterwelt. Erst die Annäherung der Standpunkte im Pantheismus verschafft der philosophischen Therapie eine gesellschaftlich anerkannte Stellung. In der römischen Gesellschaft erreicht sie schliesslich ihren Höhepunkt durch das Bekenntnis Mark Aurels zur Stoa.
2. Unter dem Einfluss des Christentums gerät die philosophische Therapie in Vergessenheit und wird erst im Zeitalter der Renaissance wieder entdeckt. Der pantheistische Standpunkt der Stoa wird neu belebt und gestärkt durch den Erkenntnisfortschritt der Naturwissenschaften. Die jetzt beginnende Entwicklung verläuft ähnlich wie diejenige im Zeitalter des Buddha und Sokrates. Obwohl Spinoza eine geniale Verbindung von Naturwissenschaft und Religion gelingt, gerät er in Konflikt mit den Vertretern der Kirche; die philosophische Therapie erhält erneut einen subversiven Charakter. Dieser subversive Charakter wird später noch verstärkt durch die Verbindung von antiken philosophischen Konzepten mit medizinisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in der Psychoanalyse. Erst die Säkularisierung und Individualisierung der Gesellschaft verhelfen später der Psychoanalyse zu mehr Akzeptanz. Die aktuelle Annäherung der Standpunkte (von Religion und Wissenschaft) im Bemühen um eine globale Ethik könnte schliesslich der philosophischen Therapie wieder eine bedeutende gesellschaftliche Stellung verschaffen.
3. Philosophische Therapie ist immer mit einem Weltbild (einer Kultur) verknüpft und in ein gesellschaftliches Wertsystem eingebettet. Therapie, Erziehung und Strafvollzug hängen zusammen. Philosophische Therapie muss sich mit diesem Wertsystem auseinandersetzen, eine eigene Vorstellung davon entwickeln und die bestehenden Normen daran messen. Ein philosophischer Therapeut muss gesellschaftliche und kulturelle Normen gegenüber dem Patienten vertreten und begründen können. Die uneingeschränkt individualistische Sicht ist inkonsequent ist in Bezug auf die Denkweise, welche der philosophischen Therapie zugrunde liegt. Philosophie in der sokratischen Tradition reflektiert auch die Gesetze, welche das Zusammenleben der Menschen regeln. Dazu gehören nicht zuletzt die Gesetze, welche philosophische Therapie erst ermöglichen (Meinungsfreiheit, Redefreiheit) und welche garantieren, dass der Therapeut die Abhängigkeit des Patienten nicht missbraucht. Zu den Konflikten, welche sich aus dem individualistischen Ziel der Selbstverwirklichung und dem kollektiven Ziel der Gerechtigkeit ergeben siehe
a) Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit
b) Moral Relativism and the Search for Happiness
4. Vor ca. 3000 Jahren entstand in Indien die Reinkarnations- und Karmalehre, d.h. die hinduistische Lehre von der Entstehung und Ausbreitung des Leidens. Die Grundlagen für eine solche Lehre in der heutigen Zeit sind Wissenschaften wie die Genetik, Soziobiologie, Evolutionslehre und Systemtheorie. So liefert die Erkenntnis von der genetischen Verwandtschaft aller leidensfähigen Lebewesen z.B. ein starkes Argument gegen rein individualistische Ethiken. Die genetische Verwandtschaft ist so eng, dass man von einer permanenten Wiedergeburt von wesentlichen Teilen des „Selbst“ sprechen könnte (der Begriff „Selbst“ umfasst hier alle drei Instanzen des Freud’schen Strukturmodelles). Diese Sichtweise wird gefühlsmässig besser nachzuvollziehbar, wenn man an die Verwandtschaft mit dem „eigenen Selbst“ (d.h. einer hunderprozentigen genetischen Übereinstimmung) in verschiedenen Lebensabschnitten denkt. In einer langfristigen Perspektive ist es dann wichtig zu wissen, ob der wirtschaftlich-technologische Fortschritt eine nachhaltige Verbesserung bringen kann, oder ob er (wie schon vorher die religiösen Heilsversprechungen) lediglich einen weiteren Vorwand liefert, um das immense Leiden in dieser Welt zu sanktionieren. Die Frage, ob der Fortschrittsglaube als kollektiver Wahn betrachtet werden muss, kann mit dem aktuell verfügbaren Wissen nicht beantwortet werden. Wenn man aber davon ausgeht, dass das System zu komplex ist, um prognostiziert zu werden, dann muss man einer möglichen Verschlechterung die gleiche Wahrscheinlichkeit einräumen wie einer Verbesserung. Eine wissenschaftlich-orientierte Ethik auf Stufe Gesellschaft kann zumindest feststellen, dass das Leiden im Laufe der Kulturgeschichte insgesamt zugenommen hat. Dem technologischen Fortschritt bei der Bekämpfung des Leidens steht die Zunahme der technologisch verursachten Risiken gegenüber. Zu einer unverzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit gehören eine gesunde Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben und ein entsprechendes Risiko-Bewusstsein. Aufklärung kann möglicherweise nur Inseln der Besinnung schaffen, in einem Meer von unkontrollierbaren Kräften.
5. Nach dem heutigen Stand der Kenntnis sollte eine vernunft-orientierte Verfassung auf dem Gedanken der original position aufbauen. Damit ist auch die oben erwähnte enge genetische Verwandtschaft aller Menschen berücksichtigt. Wenn man zudem die kulturellen Erfahrungen und eine gewisse Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben berücksichtigt, dann werden die politischen Positionen doch etwas eingeschränkt, welche man als „vernünftig“ bezeichnen könnte.
5.2 Erkenntnis der Innenwelt
Aussenperspektive der Psyche
In der Psychoanalyse spielt das Drei-Instanzen-Modell von Freud eine wichtige Rolle. Die Aufteilung der Psyche in mehrere Instanzen wurde schon mehrere Jahrhunderte v.Chr. explizit definiert und die verwendeten Metaphern zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Freudschen Metapher (Pferd = Unbewusstes, Reiter = Bewusstes, Zaumzeug = Therapietechnik):
Das Individuum wird im Yoga als ein Reisender im Wagen des materiellen Körpers gesehen. Der Körper ist der Wagen, der Kutscher der Verstand, die fünf Pferde die 5 Sinnesorgane, der Fahrgast die Seele und das Geschirr heißt im Indischen "Yoga". (Yoga, Wikipedia)
Das Bild stammt aus der Katha-Upanishade, siehe Bhagavad Gita.
Innenperspektive der Psyche
Der Begriff des Ich wird durch die Fähigkeit der Psyche zur Identifikation relativiert, d.h. durch die Fähigkeit, sich in andere Personen, in menschliche Gemeinschaften oder sogar in abstrakte Konzepte einzufühlen. Die Fähigkeit, die biologischen Kräfte im Inneren als Fremdbestimmung zu deuten und sich davon zu distanzieren ist schon im 5.Jh.v.Chr. bewusst ausgebildet worden und bildet die Grundlage der buddhistischen Therapie:
1) Es sind nicht die Ereignisse, welche das Leiden verursachen, sondern die Wahrnehmung derselben.
2) Die Wahrnehmung lässt sich durch eine Änderung der Identifikation beeinflussen.
3) Die Identifikation lässt sich durch Therapieprozesse beeinflussen.
In dem Masse wie sich das Ich von seinen biologischen Wurzeln distanziert, wächst auch die Fähigkeit, (unvergängliche) kulturelle Ziele dem Ich zuzuordnen.
1. Zu den Konflikten, welche sich aus dem Widerspruch von biologischen und kulturellen Lebenszielen ergeben siehe Konkurrierende Lebensziele
2. Eine Übersicht über die verschiedenen Ebenen der Fremdbestimmung findet man in Eine interdisziplinäre Betrachtung zur Unfreiheit.
5.3 Quervergleich der Therapieziele
Die Rationalität der Therapieziele wurde bereits bei den einzelnen Therapieformen angesprochen. Im Folgenden wird versucht, diese Ergebnisse in einer Gesamtbetrachtung zusammenzuführen und daraus das Ziel einer zeitgemässen philosophischen Therapie abzuleiten.
Gegen den kollektive Wahn
Alle philosophischen Therapien versuchen die Innenperspektive mit der Aussenperspektive abzustimmen, d.h. das Individuum mit der Realität zu konfrontieren (Realitätsprinzip). Aussagen über die Aussenwelt sollten nicht im Widerspruch zu den (in der jeweiligen geschichtlichen Periode gültigen) wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Im Buddhismus wird dieses Prinzip z.B. wie folgt formuliert:
Um diese Analyse ein wenig gründlicher zu gestalten, sollten wir herausfinden, was der Buddhismus als die eigentliche Ursache von "Leiden" betrachtet. Könnte das auch die eigentliche Ursache unseres gemeinsamen sozialen "Leidens" sein? Die Grundursache all dieser Strukturen der "Befleckung"(kilesa) ist "Unwissenheit": wir sehen die Dinge nicht so, wie sie wirklich sind. Die Wahrnehmung der Welt ist systematisch verzerrt. Wir leben in einem kollektiven Wahn (Buddhismus, Santikaro Bhikkhu).
Im Rahmen der These, dass eine realistische Wahrnehmung langfristig und gesamthaft in der Bekämpfung des Leidens am erfolgreichsten ist, kann man das Realitätsprinzip als vernünftig bezeichnen. Das Realitätsprinzip führt aber offenbar zu unterschiedlichen Therapiezielen, abhängig vom wissenschaftlichen Erkenntnisstand und der Einschätzung der Risiken. Die Beurteilung dessen, was eine „irrationale“ oder „verzerrte“ Wahrnehmung ist verändert sich dadurch radikal:
Von der erweiterten zur biologischen Identität
Im betrachteten historischen Zeitraum verändert sich die Zielsetzung der Therapie von einer Erweiterung der Identität zu einem „Wiederfinden“ der urprünglichen (biologischen) Identität:
1) Ein Buddhist betrachtet das Ich als eine Illusion. Die Identifikation mit dem Ich und all seinen Wünschen und Affekten erscheint deshalb irrational. Aus psychoanalytischer Sicht ist die Auflösung des Ichs in der Meditation eine temporäre Verzerrung der Wahrnehmung. Temporäre Verzerrungen sind in der Psychoanalyse nur als Datenerhebung für die Erforschung des Unbewussten oder zur Förderung der Kreativität [Süsske] erwünscht.
2) Ein Stoiker wendet sich von kurzlebigen Wünschen und Affekten ab und sucht eine Identifikation mit unvergänglichen Werten. Er findet diese Werte in den Gesetzen, welche die Vernunft in der Aussenwelt und in seinem Inneren erkennt. Auch die pantheistische Auflösung des Ich würde die Psychoanalyse als verzerrte Wahrnehmung deuten.
3) In der Psychoanalyse wird mit grossem Aufwand das zum Stoizismus gegensätzliche Ziel angestrebt, nämlich verdrängte Affekte wieder bewusst zu machen. Das Realitätsprinzip kann sogar temporär durchbrochen werden, wenn es darum geht, die Spontaneität eines Patienten zu beleben. Die Kultur hat sich dermassen gewandelt, dass der Verlust der Leidenschaft als bedeutende Quelle des Leidens betrachtet wird. Die Psychoanalyse ist in ihrer Zielsetzung klar lebensbejahend. Religionen und Ideologien, welche versuchen die Gefühle auf jenseitige oder zukünftige Ziele zu lenken, werden als kollektiver Wahn oder Utopie betrachtet. Der Lebensinn wird zu einem individuellen Konzept innerhalb dessen das Streben nach Macht und Liebe wieder einen bedeutenden Platz einnehmen kann. Für Buddhisten ist dies ein Rückfall in Unwissenheit. Erweitertes Bewusstsein ist im Buddhismus untrennbar mit einer Abnahme des Leidens verknüpft. In der Psychoanalyse kann erweitertes Bewusstsein die Fortdauer des Leidens rechtfertigen.
Von kulturellen zu biologischen Risiken
Mit der Rehabilitierung der Affekte verändert sich die Zielsetzung der philosophischen Therapie von der Erfüllung kultureller zur Erfüllung biologischer Präferenzen:
1) Im Buddhismus wird versucht, durch das Ausschalten sämtlicher Risiken auch sämtliche Enttäuschungen zu vermeiden. Das Wort Ent-täuschung trifft genau die Sicht des Buddhimus: die biologischen Ziele Macht und Liebe werden als Täuschungen bzw. Verzerrungen der Wirklichkeit betrachtet. Mit dem Unbeteiligtsein verschwinden aber auch spezifische Formen des Glücks.
2) Im Stoizismus werden die Affekte als grosse Risiken eingestuft und vermieden. Das Ziel besteht nicht darin das Leiden zu eliminieren, sondern zu begrenzen. Offenbar stuft der Buddhismus die Risiken eines stoischen Lebenswandels ungleich höher ein. Er verfügt auch über wirksamere Methoden, um Präferenzen zu eliminieren. Ein Stoiker akzeptiert stärkere emotionale Bindungen (und damit grössere Risiken) weil er nicht an die Wiedergeburt und an die Belohnung der Wunschlosigkeit in einem späteren Leben glaubt. Bei Spinoza (einem Nachfolger der Stoa) bewegt sich das Gefühlsleben im Idealfall im Rahmen wissenschaftlicher Reflexion, d.h. in einem gleichmässigen Strom positiver aber nicht ekstatischer Gefühle.
3) In der Psychoanalyse wird wieder mehr das biologisch orientierte Glück angestrebt. Diese Art von Glück kann man aber nur durch das Eingehen der spezifischen Risiken erreichen, welche mit dem Kampf um Macht und Liebe verknüpft sind. Der gleichmässige Strom positiver Gefühle wird aus Sicht der Psychoanalyse als kindliche Gefühlswelt gedeutet, welche nur in Gegenwart einer geliebten Bezugsperson aufrechterhalten werden kann. Die Rolle der elterlichen Bezugsperson kann später ein (Ehe-)Partner oder ein Gott der Liebe übernehmen.
Der Wechsel von kulturellen zu biologischen Präferenzen könnte paradoxerweise mit der wirtschaftlich-technologischen Entwicklung zusammenhängen, insbesondere mit folgenden Faktoren:
1. Die Aussenwelt erscheint zunehmend beeinflussbar. Rückzugs-orientierte Lebensphilosophien werden durch fortschrittsorientierte, dem Leben zugewandte (wie z.B. den Humanismus) abgelöst. Erst in neuerer Zeit, im Zusammenhang mit technologischen Bedrohungen wie Nuklearkrieg, Klimakatastrophen etc. gewinnt der Buddhismus wieder an Interesse.
2. Die Ablösung der normativen Therapieformen durch individualistische fällt zusammen mit der zunehmenden Spezialisierung in Wirtschaft und Technologie. Diese kulturelle Entwicklung stärkt die Stellung des Individuums relativ zur Gemeinschaft. Mit dem Gewinn von individueller Freiheit und dem Drang nach Selbstverwirklichung werden auch die biologischen Bedürfnisse und damit die Affekte aufgewertet. Die buddhistische Selbstkontrolle wird jetzt als neurotische Charakterstruktur gedeutet.
Eine andere Erklärung für den Wandel von kulturellen zu biologischen Präferenzen könnte mit der Überlebenstauglichkeit von Ideen (Memen) zusammenhängen. Auch die philosophische Therapie ist den Gesetzen der Evolution unterworfen. Therapeutische Konzepte, welche die Darwin’sche Fitness ihrer Patienten verbessern, setzen sich langfristig durch. An den „Rändern“ des Systems tauchen allerdings wieder die buddhistischen Wahrheiten auf, weil die zunehmende Lebenstauglichkeit langfristig mit zunehmendem Leiden verknüpft ist.
Metapher
Ginsberg’s Theorem [Bloch]:
1. You can’t win.
2. You can’t break even.
3. You can’t even quit the game.
Alle Menschen werden mit der Sucht geboren, im Casino des Lebens mitzuspielen. Die Utopisten glauben an einen Gewinn, aber die Wissenschaft kann beweisen, dass langfristig immer die Bank gewinnt. Der maximale Gewinn ist ein Gefühl der Ekstase, aber der maximale Verlust ist so schrecklich, dass er von den meisten Spielern verdrängt wird.
1. Psychoanalytiker erkennen, dass die Verweigerung des Spieles zu Depressionen und psychosomatischen Krankheiten führt. Sie animieren die Menschen ins Casino zu gehen und sich zu engagieren.
2. Stoiker versuchen die Risiken zu begrenzen und setzen nur auf Rot oder Schwarz. Sie bezahlen aber dafür mit einer kleinen Gewinnchance (einem eingeschränkten Glück).
3. Buddhisten versuchen sich von der Sucht zu befreien und bieten eine entsprechende Heilmethode an. Stoiker sind der Auffassung, dass der Aufwand für den Entzug grösser ist, als der Verlust den sie beim Spiel erleiden.
5.4 Quervergleich der Therapiemethoden
Buddhismus
Für die buddhistischen Meditationsmethoden wird stellvertretend die Einsichts-Meditation (Vipassanâ) kommentiert.
Die behaupteten Wirkungen von Vipassanâ sind in vielen standardisierten Untersuchungen bewiesen worden. Anhänger verweisen auf die hohe Zahl an Kursteilnehmern und renommierte Mediziner, die die Wissenschaftlichkeit der Methode beweisen sollen. Der amerikanische Medizinprofessor John Kabat-Zinn etwa hat die größten Vipassanâ-Ansätze in Form seines sehr erfolgreichen komplementärmedizinischen Anti-Stressprogramms (MBSR) umgesetzt, das in den USA an Hunderten von Klinken und Gesundheitszentren und auch zunehmend in Deutschland eingesetzt wird (Vipassana, Wikipedia)
Stoizismus
Die stoizistische Affektkontrolle und die geometrische Methode von Spinoza lassen sich am ehesten aus der Sicht der kognitiven Verhaltenstherapie beurteilen.
Beispielhaft dafür, wie vielfältig die Nachwirkungen der Stoa auch in die Gegenwart hineinreichen, ist die von Albert Ellis in den USA entwickelte Rational Emotive Behavior Therapy, die in Anlehnung an das stoische Konzept der Affektsteuerung und an die Lehren Epiktets in der Psychotherapie zur Anwendung kommt (Stoa, Wikipedia)
Eine detaillierte Darstellung der philosophischen Psychotherapie, welche sich am Stoizismus orientiert findet man in
a) Stoicism - a lurking presence, Donald Robertson
b) Stoicism as Philosophical Psychotherapy, Donald Robertson.
Die kognitive Verhaltenstherapie verwendet keine unüberprüfbaren Konzepte aus der Psychodynamik (wie z.B. Energiehaushalt, Triebkräfte etc.) oder aus der Persönlichkeits-Psychologie (wie z.B. Narzissmus, Komplexe etc.). Sie trägt den Gütestempel der wissenschaftlichen Orientierung und ist wahrscheinlich die am wenigsten umstrittenene Therapiemethode. Dazu ein Beispiel:
Rational emotive behavior therapy as a cognitive-behavioral form of therapy has throughout many years of general research and outcome studies received a large degree of scientific testing, and substantial research has directly and indirectly confirmed its hypotheses (Rational emotive behavior therapy, Wikipedia)
Spinoza
Die Ethica Ordine Geometrico Demonstrata von Spinoza ist eine Hilfe zur Selbst-Therapie, d.h. ein Lehrmittel, welches mit einer bestimmten Technik (Deduktion, Wiederholung, fiktiver Dialog) usw. ein bestimmtes Verhalten anstrebt. Im Prinzip lässt sich wissenschaftlich untersuchen, ob die Anwendung dieses Lehrmittels die angestrebte Verhaltensänderung bewirkt. Die gleiche Überlegung gilt für das Handbuch des Epiktet
Bei diesem Vergleich geht es nicht darum, den Stoizismus und den Spinozismus auf die Ebene des Verhaltens zu reduzieren, das wäre ebenso unsinnig wie die Reduktion des Buddhismus auf körperliche Yoga-Übungen. Es geht um den engen Zusammenhang zwischen Körper und Geist (wie er auch von Spinoza immer wieder betont wurde) und damit um den Gesamtzustand.
Individualistische Therapien
Die Praxis zeigt immer wieder, dass normative Therapiekonzepte scheitern, weil sie nicht allgemein anwendbar sind. Die Änderung des Verhaltens oder die Lösung konkreter Lebensprobleme geben noch keine Garantie, dass sich die Befreiung vom Gefühl der Sorge auch einstellt. Die Abklärung der geeigneten Therapieform erfordert einen individualistischen Ansatz. Individualistische Therapien sind naturgemäss schwieriger zu beurteilen als normative Theorien weil der feste Bezugsrahmen für die Messung des Erfolges fehlt. Bereits bei der Lösung von konkreten Alltagsproblemen oder bei der Korrektur von Verhaltensstörungen stellt sich die Frage, ob der Patient schlecht angepasst ist oder ob die Umgebung krank macht. Noch komplexer wird der Begriff Therapie-Erfolg wenn der Patient sein Ziel im Laufe der Therapie ändert.
Nach dem heutigen Stand der Kenntnis kann die Qualität von individualistischen Therapien nicht nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilt werden, siehe dazu Erfolgsmessung in der philosophischen Therapie.
5.5 Der Zusammenhang zwischen Ziel und Methode
Das Ziel bestimmt die Methode
1) Im betrachteten historischen Zeitraum dominieren zunächst die normativen Therapien. Normative Therapien streben das Therapieziel über ein höheres Mass an Selbstkontrolle und Konzentrationsfähigkeit an. Man versucht Gefühlsschwankungen zu reduzieren um ein gleichmässiges strömendes Gefühl des Wohlbefindes oder einen Zustand der Teilnahmslosigkeit (und damit Schmerzfreiheit) zu erreichen.
2) Mit dem Zeitalter der Aufklärung findet ein Übergang von normativen zu individualistischen Therapiemethoden statt. Damit gewinnen auch die freie Assoziation und die hermeneutische Methode in der Therapie an Bedeutung. Individualistische Therapien zur Beseitigung von Verhaltensstörungen sind zwar noch methodisch verwandt mit den normativen Therapien. Bei der Belebung der Spontaneität wird aber die assoziative Reflexion zur Methode der Wahl. Diese Methode hat die Eigenschaft, auf die Zielsetzung zurückzuwirken.
Die Methode bestimmt die Ziele
Die Eigenschaft der freien Assoziation neue Ziele zu setzen wird in der Psychoanalyse besonders deutlich. Wenn sich ein Patient über unbestimmte Gefühle der Niedergeschlagenheit beklagt, dann erhält man zunächst keine konkreten Anhaltspunkte für die Therapie. Man kennt nur das übergeordnete Ziel (z.B. die Wiederbelebung der Spontaneität) aber nicht die untergeordneten Therapieziele, welche die Ursachen des Leidens beseitigen könnten. Präferenzen können durch Wissenserwerb verändert werden (dies ist das Prinzip der philosophischen Therapie) aber in welche Richtung soll das Wissen erweitert werden? Welche Präferenzen sollen befriedigt, welche eliminiert und welche geschaffen werden? Die Erweiterung des Wissens kann in diesem Falle nicht mehr durch die Vernunft bestimmt werden. Man muss das Diktat (temporär) an das Unbewusste abgeben und kann erst nachträglich darüber rätseln, warum die eine oder andere Richtung gewählt wurde. Die untergeordneten Ziele werden nicht vorgegeben, sondern im Laufe der Therapie entdeckt. Die Psychoanalyse ist aufgrund ihrer Methode zwangsläufig individualistisch.
Therapie als Anpassungsprozess
1. Der Zusammenhang zwischen Therapieziel und Therapiemethode entspricht dem Zusammenhang zwischen Präferenzen und Wissenserwerb. Das Zusammenspiel von Präferenzen und Wissen steuert die Anpassung eines Menschen an eine bestimmte Umgebung. Das Wissen des Therapeuten (bzw. das Lehrmittel) stellt für den Patienten eine neue Umgebung dar, welche nach und nach seine Präferenzen verändert.
2. Zum Wissen des Therapeuten gehört auch ein vernunft-orientiertes Gerechtigkeitskonzept mit welchem sich der Patient auseinandersetzen muss. Er muss auch einen Kompromiss zwischen Eigeninteressen und dem geltenden Gesetz finden oder Kriterien, nach welchen er dieses Gesetz verändern will. In der Praxis Kompromisse zu finden ist anspruchsvoll. Die Innen- und Aussenwelt ist dynamisch und nur unvollständig bekannt, d.h. man muss die kurzfristigen gegen die langfristigen Präferenzen in einer sich verändernden Umgebung abwägen.
Fazit: Für die Lebensführung gibt es nur sehr allgemeine Richtlinien; für die Alltagsprobleme gibt es keine einfachen Regeln. In diesem Punkt stimmt die Beurteilung mit dem moralischen Perfektionismus überein, siehe Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit.
6 Zeitgemässe philosophische Therapie
6.1 Therapie als Anpassung an die Realität
Die Macht der Utopien
Utopien sind eine verzerrte Wahrnehmungen der Aussenwelt, welche Bedürfnisse der Innenwelt befriedigen. Die Mehrzahl der Menschen empfindet ihr Leben als „lebenswert“ aber ein Teil dieser Bewertungen ist von religiösen Heilserwartungen und Fortschrittsglauben geprägt. Utopien befriedigen ein tiefes menschliches Bedürfnis. Wenn wir rationales Denken als „Wahrung der eigenen Interessen“ definieren, dann erhält die Schaffung von Utopien eine rationale Komponente, weil sie dieses Bedürfnis befriedigt. Dass die Utopie (u.U. erst viele Generationen später) zerstört wird und sich die Rationalität als Rationalisierung entpuppt, wissen ihre Anhänger nicht, d.h. Rationalität ist abhängig vom Wissensstand. Die Gefühle können sich nun dagegen stemmen, einen Wissensstand zu erwerben, welcher die Utopie zerstört. Rationalisierungen werden nicht nur von Gefühlen geschaffen, sondern auch von Gefühlen verteidigt. Gegen diesen massiven Widerstand muss philosophische Therapie antreten, wenn sie Patienten mit der Realität konfrontieren will. Wie aber kann sie die Zerstörung von Utopien rechtfertigen?
Gesellschaftliche Ebene
Gemäss Freud muss man sowohl die religiösen Heilsversprechungen als auch den Glauben an eine weltliche „Erlösung“ ablehnen. Der Gewinn eines realistischen Weltbildes besteht darin, beim Scheitern der Utopie nicht enttäuscht zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt (und das kann viele Generationen dauern) leben aber die Utopisten zufriedener als die Realisten. Erst die Generationen, welche der Realität nicht mehr ausweichen können (z.B. jene welche mit der Knappheit der Ressourcen konfrontiert werden), bezahlen den Preis für das Glück der vorangegangenen Generationen. Um die Zerstörung von Utopien zu rechtfertigen braucht man deshalb ein vernunft-orientiertes Gerechtigkeitskonzept, siehe Negative Utilitarianism and Justice.
Individuelle Ebene
Hier geht es um das Wissen, dass nicht nur das zukünftige kollektive, sondern auch das dauerhafte individuelle Glück eine Illusion ist [Hobbes]. Im Unterschied zu den gesellschaftlichen Illusionen, wacht aber der individuelle Träumer normalerweise von selbst auf, es sei denn er wird auf der Höhe seines Glückes vom Tod überrascht. Mit dem vorzeitigen Zerstören von Illusionen erspart man Enttäuschungen und entlastet das Individuum vom gesellschaftlichen Druck, glücklich sein zu müssen (oder sonst als Versager zu gelten). Oft können die Eltern mit der Weitergabe von Erfahrungen die Kinder auch vor Unfällen und Krankheiten bewahren. Aber gibt es nicht auch einen Preis für diese Absicherungen?
1. Man bezahlt mit dem Verlust der Unbeschwertheit. Das Kind wird sozusagen mit den Problemen der Alten belastet und kann seine Jugend nicht geniessen. Es ist z.B. denkbar, dass die Erinnerungen an ein unbeschwertes Glück in der Jugendzeit, das spätere Leiden an der Realität kompensieren.
2. Eine andere Frage ist, ob wir überhaupt leben können ohne ein gewisses Mass an Illusionen. Die permanente Verdrängung der alltäglichen Gefahren, die Hoffnung auf Fortschritte aller Art und das dauernde Hinausschieben der Lebenserwartung leisten z.B. einen nicht unwesentlichen Anteil an das persönliche Wohlbefinden.
Aus diesen Gründen ist es schwierig auf der individuellen Ebene über den Wert von Illusionen zu entscheiden. Es ist überzeugender mit dem Unheil zu argumentieren, welches Utopisten anrichten wenn sie ihre Ideen den anderen aufzwingen (speziell ihren Kindern). Das beginnt schon bei den ganz alltäglichen Risiken (Unfälle, Krankheiten, Gewalt) welchen die Menschen ausgesetzt sind und endet bei den fürchterlichsten Szenarien, welche durch einen „höheren Sinn“ oder eine „unerforschliche höhere Weisheit“ (welche man nicht hinterfragen darf) gerechtfertigt werden. Um diese Risiken in Frage zu stellen braucht man aber wiederum ein Gerechtigkeitskonzept.
Die biologische Grundlage von Utopien
Mit der Zerstörung von individuellen und kollektiven Utopien wird es schwieriger, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Verantwortungsbewusstsein verhindert aber nicht nur Leiden, sondern erzeugt auch Leiden. Vernunftgesteuerte Kinderlosigkeit kann Depressionen verursachen oder gar zum Verlust des Lebenssinnes führen. Diese Reaktion des Unbewussten entspricht einer systemischen Logik. Auch in der Biologie (nicht nur in der Kultur) geht es um Kollaboration mit einem faschistoiden System [Kertesz] oder um Widerstand mit entsprechender Bestrafung. Die biologischen Bestrafungs-Mechanismen sind wohl der Hauptgrund, weshalb alle Bemühungen in der Kulturgeschichte, Utopien zu widerlegen bis jetzt erfolglos waren. Anpassung an das System wird mit individuellem Glück belohnt, Widerstand mit dem Verlust der Darwin’schen Fitness bestraft. Es ist wie ein Rennen mit unbekanntem Ziel. Wer sich Gedanken macht über den Sinn des Rennens fällt zurück und verliert.
Die Utopie von Freud
Einerseits propagiert Freud ein illusionsloses (in diesem Sinne hinduistisches) Weltbild, anderseits hofft er, dass die Kultur die notwendige Sublimierung der Triebe einmal mit möglichst geringen Unterdrückungsanstrengungen und auf möglichst wahrhaftige Weise vollbringen wird. Ist das nicht auch eine Utopie?
1. Die Unterdrückung der Triebe erzeugt zwar Leiden, aber die Strategie der Sublimation geht davon aus, dass dieses Leiden kleiner ist als dasjenige, welches durch das Ausleben der Triebe verursacht wird. Die Sublimation wird nur dann fragwürdig, wenn die Unterdrückung der Triebe sadistische Züge annimmt (und damit das Leiden übertrifft, welches man eigentlich verhindern wollte). Das Ziel ist ein minimales Leiden und nicht eine minimale Unterdrückung.
2. Der Buddhismus versucht das Suchtziel vom Bewusstsein fernzuhalten. Ist er deshalb weniger wahrhaftig? Wenn die Triebansprüche einmal bewusst sind, ist es wesentlich schwieriger sie zu kontrollieren als vorher. Das ist einfach eine Frage der Effizienz bzw. der Energie, welche zur Verfügung steht. Die biologische Natur des Menschen wird nicht verleugnet, aber als gefährlich erkannt.
Der Unterschied zwischen Psychotherapie und philosophischer Therapie besteht darin, dass erstere versucht, die Patienten immer wieder fit zu machen für das biologische Rennen, während letztere den Sinn von Fitness hinterfragen darf. Das ethische Ideal der Kinderlosigkeit kann z.B. als Über-Ich-Strenge und nach innen gerichtete Agression gedeutet werden, aber auch als Widerstand gegen die faschistoide Herrschaft der Biologie. Je nachdem wird es als neurotische oder rationale Reaktion auf die Aussenwelt bewertet. Die sokratische Wahrheitssuche im Bereich der Innenwelt führt auf Interessenkonflikte ähnlich denjenigen zwischen Parteien in einem demokratischen Parlament. Utopien erhalten in diesem Parlament ein bestimmtes Gewicht aufgrund ihrer Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit. Die vernünftige Position besteht darin, zwischen den Parteien zu vermitteln und die Interessen so zu gewichten, dass sie dem Risikoprofil des Patienten entsprechen. Randbedingung eines solchen Therapieprozesses ist eine vernunft-orientierte Ethik auf Stufe Gesellschaft.
6.2 Therapie als Konfliktlösung
Das vernünftige Therapieziel
Gibt es bei den unterschiedlichen Ansichten zum kollektiven Wahn einen neutralen (vernünftigen) Standpunkt? Die konträrenWahrnehmungen sind in konträren Ursachen des Leidens begründet:
1. dem Leiden, welches durch die Affekte verursacht wird (Leidenschaften)
2. dem Leiden, welches durch die Unterdrückung der Affekte verursacht wird
▪ In der Psychoanalyse spricht man von einem Konflikt zwischen inneren Instanzen (siehe Drei-Instanzen-Modell von Freud), wobei die Leidenschaften und ihre Unterdrückung ins Unbewusste verdrängt sein können. Der Konflikt muss dann zuerst bewusst gemacht werden, bevor er gelöst werden kann. Die Lösung wird vom Therapeuten nicht vorgegeben, sondern ist das Resultat eines individuellen Erkenntnisprozesses. Es geht es nicht nur darum, den Patienten in einer vorgegebenen Umgebung (Familie, Arbeitsplatz, Gesellschaftsform) funktionstüchtig zu machen. Die Umgebung selbst darf auch in Frage gestellt werden.
▪ Vielleicht ist aber die Verdrängung bereits die Lösung! Das Bewusstmachen unbewusster Bedürfnisse heisst nämlich noch nicht, dass man sie kontrollieren und gegenüber der Umgebung durchsetzen kann. Es handelt sich ja nicht um ein intellektuelles Verstehen, sondern um ein körperliches Fühlen. Wer die Triebkräfte in ihrer ursprünglichen Form erlebt, der ist ihnen auch mehr oder weniger ausgeliefert. Es gibt also gute Gründe gewisse Affekte zu verdrängen, wie dies die Stoiker versuchten und vielleicht sogar Gründe, um gewisse Neurosen als kleineres Übel zu betrachten und zu tolerieren. Die psychoanalytische Lehre von der Entstehung der seelischen Krankheiten widerlegt nicht die Lehre von der zerstörerischen Kraft von Leidenschaften; sie ergänzt sie nur mit einer Theorie über innere Auswirkungen. Das vernünftige Therapieziel ist nicht zwangsläufig das psychoanalytische sondern die Entdeckung des individuellen Risikoprofiles.
Das vernünftige Therapieziel besteht deshalb in der optimalen Lösung des folgenden Konfliktes:
1. Befreiung von Leidenschaften, Erwerb von Selbstkontrolle
2. Befreiung von Triebunterdrückung, Erwerb von Spontaneität
Beide Befreiungen sind mit Risiken behaftet, welche möglichst realistisch abgeschätzt werden müssen.
1. Normative Therapien sind durch eine eine ganz spezifische Lösung des Konfliktes charakterisiert, sie propagieren ein allgemeingültiges Risikoprofil
2. Bei individualistischen Therapien ist die Lösung nicht vorgegeben und kann sich im Laufe der Zeit verschieben. Es geht um die Entdeckung oder Überprüfung des individuellen Risikoprofiles.
Risiken der Leidenschaft
Leidenschaft heisst Streben nach Liebe und Macht und Überleben um jeden Preis. Es heisst auch in einem gewissen Masse spontan leben und dabei Risiken eingehen. Bei der Verfolgung der biologischen Ziele stösst das Individuum aber auf die Tücken der Aussenwelt (Knappheit der Ressourcen, Konkurrenzkämpfe)
Die Risiken, welche mit einer spontanen Lebensweise verknüpft sind, werden in der Regel verdrängt oder unterschätzt.
1) Um Risiken zu reduzieren kann man auf jene Formen des Glücks verzichten, welche Suchtmechanismen oder die Gefahr schwerer Verletzungen bzw. Krankheiten implizieren. Das Ziel einer minimalen Selbstkontrolle besteht darin, einen Zustand zu erlangen und zu bewahren, in welchem Reflexion überhaupt möglich ist.
2) Risiken können auch reduziert werden, indem man die Bindungen an die Welt diversifiziert und dezentralisiert. Dieses Ziel steht in Konflikt mit dem Wunsch nach den stärkeren Gefühlen, welche durch Konzentration erreicht werden. Auch hier ist somit die Reduktion der Risiken mit dem Verzicht auf gewisse Formen des Glücks verbunden.
Beide Strategien sind jedoch nur von beschränktem Wert. Bei den einzelnen Entscheidungen im Leben versucht man die Chancen und Risiken realistisch einzuschätzen, aber man erliegt dabei einer Täuschung. Das „normale“ Leben mit seinen Chancen und Risiken ist gewissermassen ein Theaterstück. Man kann jederzeit durch Ent-Täuschungen, Gewalt (z.B. Terroranschlag), Unfälle, Katastrophen (z.B. Erdbeben) oder Krankheiten (z.B. Hirnschlag) von der Bühne heruntergeholt werden. Früher oder später wird man mit der buddhistischen Erkenntnis konfrontiert, dass das Haften an vergänglichen Dingen die Hauptquelle des Leidens ist. Aus der Erkenntnis, dass ein dauerhaftes Glück kein realistisches Ziel ist entspringt der Wunsch, sich von den Risiken der biologischen Glückssuche abzuwenden.
Risiken der Triebunterdrückung
Man kann die Risiken der biologischen Glückssuche vermeiden, indem man sublimiert, insbesondere indem man biologische Ziele durch kulturelle Ziele ersetzt. Die Liebe wird in unvergänglichen Kunstwerken dargestellt, sublimierte Macht äussert sich u.a. in der Wissenschaft und Technik. Mit dem Lebensziel Gerechtigkeit verliert das persönliche Schicksal an Bedeutung und mit dem Lebensziel Erlösung wird sozusagen eine Identität neben der Bühne des Lebens (im Sinne einer Rückzugsmöglichkeit) entwickelt. In allen Fällen gilt, dass man auf gewisse (intensive) Arten des Glücks verzichten muss. Leiden entsteht aber auch durch die Unterdrückung der biologischen Bedürfnisse und es ist ein ethisches Gebot, dieses Leiden zu verhindern. Permanente Reflexion und ein Übermass an Selbstkontrolle führen zu neurotischen oder depressiven Fehlentwicklungen. Die Abwendung vom Leben im Sinne von Vermeidungsverhalten, Gefühlslosigkeit und Passivität kann schliesslich auch zu körperlichen Erkrankungen führen. Damit resultiert u.U. genau die Art von Leiden, welche man durch die Unterdrückung der Spontaneität eigentlich vermeiden wollte.
1. Das Lebensziel Gerechtigkeit muss den Verzicht auf Leidenschaft durch ein Gefühl von menschlicher Wärme oder selbstloser Liebe (eine Form von „Ausser-sich-sein“) kompensieren können, sonst wird es zum Risiko
2. Das Lebensziel Erlösung muss den Verzicht auf Leidenschaft durch meditative oder mystische Zustände des „Ausser-sich-seins“ kompensieren können, sonst wird es zum Risiko.
Konfliktlösung als mittlerer Weg
Die pragmatische Lösung des Zielkonfliktes führt zu einem mittleren Weg im Sinne von Buddha. Im Buddhismus werden allerdings Bedürfnisse und Wünsche aufgegeben, welche leicht erfüllbar sind. Die Motivation für diesen anstrengenden Weg kommt aus der Perspektive, der Wiedergeburt entfliehen zu können, eine Perspektive, welche von einer zeitgemässen philosophischen Therapie nicht geteilt wird. Es geht es um ein Gleichgewicht von Kontrolle und Spontaneität im aktuellen und einzigen Leben, es geht darum weder die Risiken der Spontaneität noch die Risiken der Selbstkontrolle zu unterschätzen. Der mittlere Weg besteht nicht darin, sämtliche biologischen Wünsche zu eliminieren, sondern sich im richtigen Moment von den richtigen Wünschen zu lösen. In der ersten Lebenshälfte (der Expansionsphase) darf man die biologischen Bedürfnisse nicht vernachlässigen. Hier dienen die Techniken des Loslösens primär dazu, hoffnungslose Positionen aufzugeben und die Energie auf neue Ziele zu lenken. In der zweiten Lebenshälfte werden immer mehr Ziele zu hoffnungslosen Positionen.
Das Konfliktlösungsideal verschiebt sich entsprechend im Laufe der Zeit. Das individuelle Risikoprofil, wird nicht in einem einmaligen Erkenntnisprozess gefunden, sondern muss immer wieder überprüft werden. Bei dieser Prüfung erreicht man durch Gespräche mit guten Freunden oder durch eine philosophische Therapie oft bessere Resultate als durch Selbstanalyse.
Beispiel:
1. Bei einem jungen Idealisten mit Suizidphantasien besteht das Problem oft darin, dass er seine biologischen Bedürfnisse zugunsten eines perfektionistischen Zieles verdrängt. Die Psychoanalyse ist dann die richtige Therapie.
2. Bei einem todkranken, schwer leidenden Menschen mit Suizidabsichten ist die Psychoanalyse ein falscher Ansatz, weil der Körper in dieser Situation ein Gefängnis ist. Man muss Wege suchen, um die Wahrnehmung zu erweitern und sich vom Körper zu lösen.
Konfliktlösung durch Anpassungsfähigkeit
Eine Möglichkeit der Konfliktlösung besteht im Wechsel der Identifikation. Ein Wechsel der Identifikation entspricht einem Machtwechsel im oben beschriebenen Parlament der Psyche. In der Therapie kann man eine gewisse Flexibilität in Bezug auf die Identifikation zu erwerben, d.h. man kann lernen sich mit demjenigen Teil des Selbst zu identifizieren, welcher in einer bestimmten Situation weniger leidet. Betrachten wir folgenden Grundkonflikt:
1. Lebensziele Macht und Liebe: Die intellektuell als Wahn erkannte Zielsetzung (ewiges Glück) ist eine biologische Realität (existiert im Unbewussten)
2. Lebensziel Erlösung: Die intellektuell als realistisch erkannte Zielsetzung (Nicht-Existenz als bester möglicher Zustand) ist ein biologischer Wahnsinn.
Wenn die Lebensziele Macht oder Liebe verletzt werden, dann ist es besser, diese als fremdbestimmt wahrzunehmen. Die Partei, welche schon immer sagte, man solle sich nicht an die Welt binden, übernimmt die Macht. Umgekehrt ist es in einer Phase des Erfolges besser, die gleichen Ziele als selbstbestimmt wahrzunehmen. Das Lebensziel Erlösung wird jetzt in die Opposition versetzt.
Metapher
In der hinduistischen Metapher vom Welttheater würde Anpassungsfähigkeit bedeuten, dass der Patient die Rolle entdeckt, für welche er sich am besten eignet. Er erwirbt Kenntnisse darüber, welches Theaterstück auf dieser Bühne gespielt wird und in welchem Sinne er mit den anderen Akteuren verwandt ist. Er erwirbt zudem die Fähigkeit, seine Rolle zu wechseln, risikoreiche Rollen abzulehnen und die Bühne zu verlassen. Das Ziel der philosophischen Therapie ist ein Stück Wahlfreiheit über das eigene Schicksal.
6.3 Therapie als Risikoethik
Das individuelle Risikoprofil
1. Die Entdeckung des individuellen Risikoprofiles entspricht der Entdeckung der individuellen Chancen und Risiken innerhalb eines sozialen und kulturellen Umfeldes. Diese Beschreibung passt auf eine der drei Definitionen des wahren Selbst im moralischen Perfektionismus (siehe Moralischer Perfektionismus und Gerechtigkeit). Dabei steht in erster Linie die erfolgreiche Anpassung an die Umgebung im Vordergrund und erst in zweiter Linie die Bewusstmachung der unbewussten Motive. Philosophische Therapie als Suche nach dem individuellen Risikoprofil toleriert auch Therapieformen, welche nicht explizit mit dem Konzept des Unbewussten arbeiten.
2. Eine vernünftige Therapie ist grundsätzlich eine individualistische Therapie weil es nach heutiger Auffassung kein intersubjektiv gültiges Risikoprofil gibt.
3. Auch die älteren, normativen Therapieformen kann man (obwohl der Begriff der Wahrscheinlichkeit damals noch unbekannt war) unter dem Aspekt des Risikos betrachten. Im engeren Sinne beginnt jedoch die Risikoethik im 17.Jh. mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung und insbesondere mit der Pascalschen Wette.
4. Eine vernünftige Therapie betreibt Risikoethik auf der Stufe von Individuen und Gruppen, wobei die Risikoethik auf Stufe Gesellschaft eine Randbedingung ist. Bei der Therapie eines Individuums werden auch die Risiken der Partner und der Familie des Patienten betrachtet.
Risikoethik auf Stufe Gesellschaft
1) Eine vernünftige Therapie muss die Vielfalt der subjektiven Verhaltensweisen begrenzen durch die aktuellen Erkenntnisse über die Innen- und Aussenwelt, insbesondere durch eine vernunft-orientierte Ethik auf Stufe Gesellschaft. Diese Ethik könnte man grob mit einer zeitgemässen Version des Begriffes „Dharma“ gleichsetzen und als Randbedingung der Therapie betrachten.
Das Ideal der Aufklärung ist eine Ethik, welche alle vernunftbegabten Menschen akzeptieren und unterstützen können. Der Begriff moralischer Universalismus bezieht sich nicht auf alle Werte, sondern nur auf einen „harten“ Kern. Eine Vernunft-Ethik postuliert z.B. dass es möglich ist durch Argumentieren einen globalen Konsensus zu erreichen bezüglich
a. Gewaltmonopol des Staates
b. Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive und Justiz)
c. The rule of law (niemand steht über dem Gesetz)
Zu den Menschenrechten gehört u.a. die Meinungs- und Redefreiheit, ohne welche die philosophische Therapie nicht existieren kann.
2) Ein Ingenieur berechnete 1969 dass die Risiken, welche freiwillig eingegangen werden (wie z.B. das Rauchen) viel höher sind als die aufgezwungenen Risiken und schloss daraus, dass Atomkraftwerke rational vertretbar seien [Starr]. Seine Berechnungen berücksichtigten jedoch nicht, wie die Risiken wahrgenommen werden. Es zeigte sich dass die Risikowahrnehmung ein soziales Konstrukt ist, abhängig von einer Vielzahl von Faktoren bei der Wissenserweiterung [Weingart]. Die gesellschaftliche Diskussion wird geprägt durch die Suche nach der richtigen Balance zwischen öffentlichen Meinungen und Expertenkompetenz. Das langfristige Ziel dieses Aufklärungsprozesses ist der „risikomündige Bürger“ [Wiedemann].
3) In Analogie zu den gesellschaftlichen Risiken ist auch die Wahrnehmung der individuellen Risiken abhängig von der Wissenserweiterung, wobei der Begriff Wissen die Lebens- und Therapieerfahrung einschliesst. Die Expertenkompetenz wird durch den Therapeuten vertreten. Im Falle des Rauchens würde dies bedeuten, dass der Patient über die gesundheitlichen Risiken aufgeklärt und seine Wahrnehmung mit der Langzeitperspektive vertraut wird. Auch hier ist das Ziel des Aufklärungsprozesses der „risikomündige Bürger“.
Erkenntnis der Aussenwelt
1. Aus individualistischer Sicht spricht wenig gegen eine verzerrte Wahrnehmung (durch Religion, Drogen etc.), solange sie das Leiden wirklich reduziert und nicht nur verschiebt [Birnbacher, 113]. Argumente findet man wohl nur aus der Sicht einer überindividuellen Ethik, welche sich an der Vernunft orientiert. Eine solche Ethik erhebt den Anspruch, dass sie das Leiden langfristig und gesamthaft besser bekämpfen kann als Religion oder Weltflucht.
2. Eine vernunft-orientierte Ethik beobachtet die Entwicklung des globalen Leidens und der globalen Risiken. Wenn das weltweite Leiden messbar zunimmt oder wenn die Weltgesellschaft einer selbstverschuldeten Katastrophe entgegensteuert, dann ist vielleicht die Kultur als Ganzes als Patient zu betrachten, welcher einer Therapie bedarf. Es ist dann inkonsequent einzelne Patienten zu einem vernünftigen Leben anzuleiten ohne gleichzeitig (wie schon Freud in seinem Unbehagen in der Kultur) die Kultur zu analysieren, welche laufend neue Patienten produziert.
3. Zu einer vernunft-orientierten Ethik gehört auch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben. Eine sokratische Grundhaltung muss die Frage stellen, ob der Fortschrittsglaube (wie schon vorher die religiösen Heilsversprechungen) lediglich einen weiteren Vorwand liefert, um das immense Leiden in dieser Welt zu sanktionieren. Die Skepsis darf sich aber nicht nur auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt beschränken. Möglicherweise muss ethischer Fortschritt mit einem Verlust von darwinscher Fitness „bezahlt“ werden.
Erkenntnis der Innenwelt
1. Die relative Freiheit im Verhalten besteht darin, dass man seine Abhängigkeiten und Handlungsoptionen erkennt und die damit verknüpften Chancen und Risiken realistisch einschätzen kann.
2. Die (Wieder-)Entdeckung des Unbewussten und die Verankerung der biologischen Nutzenfunktion im Unbewussten machen deutlich, dass das Streben nach Einzigartigkeit eine biologische Wurzel hat und kein ultimatives Kriterium für innere Freiheit ist. Innere Freiheit wird erst erreicht durch die Erkenntnis, dass man im Überlebenskampf mit einem biologischen Ich operiert, welches in einem gewissen Sinne nur ausgeliehen ist und in fremden Diensten steht. Dieser Abhängigkeit kann man sich durch Identifikations- bzw. Wahrnehmungsänderung mindestens teilweise entziehen.
Das vernünftige Therapieziel
1. Die wichtigsten Entscheidungen im Leben eines Individuums sind mit Annahmen über Wahrscheinlichkeiten behaftet. Philosophische Therapie betreibt Risikoethik auf der Stufe von Individuen und Gruppen, wobei die Risikoethik auf Stufe Gesellschaft eine Randbedingung ist.
2. Aus Sicht der Risikoethik kann ein vernünftiges Therapieziel als Suche nach dem individuellen Risikoprofil verstanden werden. Je nach historischer Situation, sozialer Umgebung und Risiko-Aversion des Patienten kann es vernünftig sein, ein Leben in Kontemplation zu verbringen oder sich am Überlebenskampf zu beteiligen. Wer am Überlebenskampf teilnimmt, muss sich aber der Vergänglichkeit seines Ego bewusst sein. Das Therapieziel kann deshalb nie sein, nur auf die Karte des Ego zu setzen, es muss eine erweiterte Identität einschliessen.
3. Im Hinduismus würde man das Therapieziel wie folgt formulieren: Der Patient muss das Gesetz (Dharma) der Gemeinschaft erkennen und dann das persönliche Dharma finden, welche ihm innerhalb dieses Gesetzes zugewiesen ist. Abgesehen davon dass in der westlichen Welt die sozialen Schichten durchlässiger und die Rollen der Individuen flexibler geworden sind, trifft der Begriff des Dharma immer noch den Kern der Sache.
Wissenschaftlichkeit der Therapiemethoden
Die Beurteilung der Therapiemethoden kommt zu unterschiedlichen Resultaten.
1. Die Wirkung von normativen Therapien (wie z.B. Vipassana oder kognitive Verhaltenstherapie) kann wissenschaftlich untersucht werden.
2. Bei individualistischen Therapien fehlt der Bezugsrahmen für die Messung des Erfolges, siehe dazu Erfolgsmessung in der philosophischen Therapie.
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Weiterführende Literatur
Philosophische Therapie 1. Cavell Stanley (2004), Cities of Words, Cambridge 2. De Botton Alain (2001), Trost der Philosophie, Fischer, Frankfurt am Main 3. Marinoff Lou (2002), Bei Sokrates auf der Couch, DTV, München
Risio-Ethik 1. Wagner Bernd (2003), Prolegomena zu einer Ethik des Risikos, Dissertation, Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2. Wilde Gerald J.S. (2001), Target Risk 2: A New Psychology of Safety and Health, PDE Publications
Kulturphilosophie Freud Sigmund (1929), Das Unbehagen in der Kultur, Fischer, 2001, S.29-108
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