Über die Wissenschaftlichkeit der philosophischen Therapie
von Socrethics
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Inhalt
1) Einleitung 2) Grundlagen 4) Individualistische Therapien 5) Quervergleich der Therapieformen 6) Zeitgemässe philosophische Therapie 7) Wissenschaftlichkeit und Einzigartigkeit
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Zusammenfassung
Problemstellung 1) Inwieweit sind wissenschaftliche Erkenntnisse über die Aussen- und Innenwelt für die Therapie von Bedeutung? 2) Was ist ein vernünftiges Therapieziel? 3) Es gibt mehrere Therapiemethoden, welche den Anspruch erheben, Leiden durch Erkenntnis reduzieren zu können. Genügen diese wissenschaftlichen Anforderungen? Sind wissenschaftliche Kriterien überhaupt anwendbar?
Erkenntnis der Aussenwelt 1. Aus individualistischer Sicht spricht wenig gegen eine verzerrte Wahrnehmung (durch Religion, Drogen etc.), solange sie das Leiden reduziert. Argumente findet man wohl nur aus der Sicht einer überindividuellen Ethik, welche sich an der Vernunft orientiert. Eine solche Ethik erhebt den Anspruch, dass sie das Leiden langfristig und gesamthaft besser bekämpfen kann als Religion oder Weltflucht. 2. Eine vernunft-orientierte Ethik beobachtet die Entwicklung des globalen Leidens und der globalen Risiken. Wenn das weltweite Leiden messbar zunimmt oder wenn die Weltgesellschaft einer selbstverschuldeten Katastrophe entgegensteuert, dann ist vielleicht die Kultur als Ganzes als Patient zu betrachten, welcher einer Therapie bedarf. Es ist dann inkonsequent einzelne Patienten zu einem vernünftigen Leben anzuleiten ohne gleichzeitig (wie schon Freud in seinem Unbehagen in der Kultur) die Kultur zu analysieren, welche laufend neue Patienten produziert. 3. Zu einer vernunft-orientierten Ethik gehört auch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben. Eine sokratische Grundhaltung muss die Frage stellen, ob der Fortschrittsglaube (wie schon vorher die religiösen Heilsversprechungen) lediglich einen weiteren Vorwand liefert, um das immense Leiden in dieser Welt zu sanktionieren. Die Skepsis darf sich aber nicht nur auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt beschränken. Möglicherweise muss ethischer Fortschritt mit einem Verlust von darwinscher Fitness „bezahlt“ werden.
Erkenntnis der Innenwelt 1) Die relative Freiheit im Verhalten besteht darin, dass man seine Abhängigkeiten und Handlungsoptionen erkennt und die damit verknüpften Chancen und Risiken realistisch einschätzen kann. 2) Die (Wieder-)Entdeckung des Unbewussten und die Verankerung der biologischen Nutzenfunktion im Unbewussten machen deutlich, dass das Streben nach Einzigartigkeit eine biologische Wurzel hat und kein ultimatives Kriterium für innere Freiheit ist. Innere Freiheit wird erst erreicht durch die Erkenntnis, dass man im Überlebenskampf mit einem biologischen Ich operiert, welches in einem gewissen Sinne nur ausgeliehen ist und in fremden Diensten steht. Dieser Abhängigkeit kann man sich durch Identifikations- bzw. Wahrnehmungsänderung mindestens teilweise entziehen.
Das vernünftige Therapieziel 1) Die wichtigsten Entscheidungen im Leben eines Individuums sind mit Annahmen über Wahrscheinlichkeiten behaftet. Philosophische Therapie betreibt Risikoethik auf der Stufe von Individuen und Gruppen, wobei die Risikoethik auf Stufe Gesellschaft eine Randbedingung ist. 2) Aus Sicht der Risikoethik kann ein vernünftiges Therapieziel als Suche nach dem individuellen Risikoprofil verstanden werden. Je nach historischer Situation, sozialer Umgebung und Risiko-Aversion des Patienten kann es vernünftig sein, ein Leben in Kontemplation zu verbringen oder sich am Überlebenskampf zu beteiligen. Wer am Überlebenskampf teilnimmt, muss sich aber der Vergänglichkeit seines Ego bewusst sein. Das Therapieziel kann deshalb nie sein, nur auf die Karte des Ego zu setzen, es muss eine erweiterte Identität einschliessen. 3) Im Hinduismus würde man das Therapieziel wie folgt formulieren: Der Patient muss das Gesetz (Dharma) der Gemeinschaft erkennen und dann das persönliche Dharma finden, welche ihm innerhalb dieses Gesetzes zugewiesen ist. Abgesehen davon dass in der westlichen Welt die sozialen Schichten durchlässiger und die Rollen der Individuen flexibler geworden sind, trifft der Begriff des Dharma immer noch den Kern der Sache.
Wissenschaftlichkeit der Therapiemethoden Die wissenschaftliche Beurteilung der Therapiemethoden kommt zu unterschiedlichen Resultaten. Je stärker sich eine Therapiemethode an spezifischen Verhaltensweisen oder an konkreten Problemen orientiert, desto besser ist sie objektiv überprüfbar. Je mehr sie sich an einem allgemeinen Gefühl der Sorge und an der Innenperspektive des Patienten orientiert, desto weniger ist dies möglich. Nach dem heutigen Stand der Kenntnis kann die Qualität von psychoanalytisch orientierten Therapien nicht nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilt werden.
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1 Einleitung
Ausgangslage
Philosophische Therapie muss sich an der sokratischen Wahrheitssuche und dem daraus resultierenden wissenschaftlichen Weltbild orientieren. Wie weit dieses Weltbild eine normative Wirkung auf die Therapie hat ist Gegenstand des vorliegenden Aufsatzes.
Problemstellung
1. Inwieweit sind wissenschaftliche Erkenntnisse über die Aussen- und Innenwelt für die Therapie von Bedeutung?
2. Was ist ein vernünftiges Therapieziel?
3. Es gibt mehrere Therapiemethoden, welche den Anspruch erheben, Leiden durch Erkenntnis reduzieren zu können. Genügen diese wissenschaftlichen Anforderungen? Sind wissenschaftliche Kriterien überhaupt anwendbar?
Methode
1) In einem Quervergleich der wichtigsten historischen und aktuellen Therapieformen wird untersucht
a) wie sich Erkenntnisse über die Aussen- und Innenwelt auf die Therapie auswirken.
b) wie sich die Vorstellung des rationalen Therapiezieles verändert
c) wie sich mit den Therapiezielen auch die Therapiemethoden verändern
2) Aus den Erkenntnissen über die Therapieformen werden Schlüsse für eine zeitgemässe philosophische Therapie gezogen.
2 Grundlagen
2.1 Terminologie
Wissen
1. Verhaltensrelevantes Wissen ist ein bewertetes Modell der Innen- und Aussenwelt. Verhaltensrelevantes Wissen ist nur teilweise bewusst. Wenn nicht näher spezifiziert ist mit Wissen das verhaltensrelevante Wissen gemeint. Das Wissen wird durch subjektive und objektive Erkenntnisse erweitert.
2. Objektive Erkenntnis ist die Entdeckung einer intersubjektiv überprüfbaren Aussage. Die Überprüfung erfolgt durch verschiedene Beobachter in verschiedenen Zeitpunkten.
3. Subjektive Erkenntnis ist die Entdeckung einer subjektiv als wahr eingestuften Aussage. Die subjektive Überprüfung solcher Aussagen erfolgt durch verschiedene interne Betrachtungsperspektiven (welche die externen Beobachter ersetzen) in verschiedenen Zeitpunkten. Eine spontane Erkenntnis erweist sich oft nachträglich als Täuschung oder Wunscherfüllung.
4. Objektive Erkenntnis beruht auf Messungen, subjektive Erkenntnis auf Erfahrungen. Messungen sind von Gefühlen unabhängig. Erfahrungen sind mit Gefühlen bewertete Wahrnehmungen.
Entscheidungsgrundlagen
1) Ein Mensch entscheidet und handelt aufgrund von Präferenzen und verhaltensrelevantem Wissen.
2) Präferenzen sind Wünsche, Bedürfnisse und Interessen.
a) Präferenzen sind mit Gefühlen verknüpft und geben dem Verhalten eine Zielrichtung
b) Präferenzen sind gleichzeitig Chancen und Risiken. Sie erzeugen Glück bei ihrer Erfüllung und Leiden bei ihrer Frustration.
c) Entscheidungen sind umso rationaler, je realistischer die Chancen und Risiken eingeschätzt werden.
3) Die realistische Einschätzung von Chancen und Risiken setzt ein entsprechendes Wissen voraus. Dazu gehört auch das Wissen darüber, bei welchen Präferenzen durch Kooperation ein besseres Resultat erzielt werden kann als im Alleingang.
Glücksmaximierung und Leidensminimierung
1) Glücksmaximierung nimmt Leiden (Volatilität) in Kauf um Glücksgefühle zu wiederholen bzw. zu steigern. Leidensminimierung verzichtet auf Glück um nicht mehr Leiden zu müssen. Es handelt sich um unterschiedliche Prioritäten aufgrund von unterschiedlichen Erfahrungen. Aus der Sicht der Spieltheorie entspricht die Leidensminimierung einer risiko-aversen Strategie. Die Anpassung an eine neue Umgebung erfolgt über das Ergreifen von Chancen und die Vermeidung von Risiken, d.h. über wechselnde Phasen von Glücksmaximierung und Leidensminimierung.
2) Die biologischen Nutzenfunktion ist die Grundlage der Glücksmaximierung. Das Glück wird analog zum Leiden durch eine Kombination von Intensität und Dauer gemessen (siehe Negative Utilitarianism). Die biologische Art von Glück ist sehr intensiv, aber auch sehr volatil. Die Erfahrungen mit der spezifischen Art von Leiden, welche mit dieser Glückssuche verbunden ist, haben zur Suche nach Alternativen wie z.B. der stoischen Affektkontrolle geführt. Bei dieser Lebensphilosophie ist die Volatilität der Gefühle deutlich reduziert. Das Glück ist beständiger, aber auch weniger intensiv. Charakteristisch ist die Verschiebung von körperlichem zu seelischem Leiden, vom Risiko des Ausgesetzt-Seins zum Risiko des Eingeschlossen-Seins.
3) Die vollständige Auslöschung des Leidens ist nur in einem meditativen Zustand (Nirwana), d.h. nur für kurze Zeit erreichbar. In der Praxis hat sich gezeigt, dass eine extreme Reduktion der Volatilität (welche das Leben sozusagen erstickt) das Leiden nicht minimiert sondern wieder vergrössert. Die beste Lösung unter den gegebenen Bedingungen ist deshalb ein Kompromiss zwischen Spontaneität und Kontrolle. Der optimale Kompromiss verschiebt sich mit den Lebensphasen. Er ist zudem stark von der historischen Situation und der kulturellen Umgebung abhängig.
Risikoprofil
1) Man kann philosophische Therapie unter dem Aspekt der Optimierung betrachten. Leiden entsteht sowohl aus der Zuwendung zum Leben als auch aus der Abwendung vom Leben. Es sind aber verschiedene Arten von Leiden, welche auch mit verschiedenen Arten von Chancen (und damit Glück) verknüpft sind. Therapieren würde dann heissen, die beste Lösung in einem Zielkonflikt zu finden:
a) Die Zuwendung zum Leben bedeutet, dass man die biologische Metapräferenz (Maximierung der DNA-Kopien) respektiert, entsprechende Risiken eingeht und Leiden in Kauf nimmt. Die biologische Metapräferenz schafft immer wieder neue Präferenzen und ist die Grundlage des Suchens nach dem Glück. Sie kann nie vollständig befriedigt werden, weil sie eine Maximierungsfunktion ist und keine zeitliche Limitierung kennt. Aus dieser Erkenntnis entspringt der Versuch, die Identität zu erweitern und erfüllbare (kulturelle) Metapräferenzen zu schaffen.
b) Die Abwendung vom Leben, d.h. die Unterdrückung und Elimination von biologischen Präferenzen (um ihre spezifischen Risiken zu vermeiden) erzeugt ebenfalls Leiden. Dieses Leiden kann durch Sublimation (Umwandlung der biologischen in kulturelle Präferenzen) gemildert werden. Eine erfolgreiche Sublimation verspricht eine bestimmte Art von Glück (z.B. innere Ruhe). Allerdings ist der Sublimationsprozess selbst auch wieder mit Leiden verknüpft.
2) Abhängig von den gewählten Präferenzen (biologisch oder kulturell) kann man von verschiedenen Arten des Glücks sprechen und von spezifischen Arten des Leidens, welche mit der entsprechenden Glückssuche verbunden sind. Beispiele:
a) Heroin verbunden mit den Qualen des Entzuges
b) Spontaneität verbunden mit Leidenschaft
c) Kontemplatives Glück verbunden mit den Leiden des Sublimationsprozesses
d) Nirwana: Abwesenheit von Glück und Leiden
In einem gewissen Sinne repräsentiert jede Präferenz (bzw. ihre Erfüllung oder Frustration) eine eigene Art von Glück und eine eigene Art von Leiden.
3) Das Gesamtrisiko welches ein Entscheidungsträger einzugehen gewillt ist und die Verteilung dieses Risikos auf die wichtigsten Präferenzen wird im Folgenden als Risikoprofil bezeichnet.
Rationalität
1. Ein Mensch handelt subjektiv rational, wenn er Entscheidungen trifft und Strategien verfolgt, welche seinem Risikoprofil entsprechen.
2. Ein wissenschaftliches Weltbild (und intersubjektiv messbare Risiken im Besonderen) stellen die Grundlage intersubjektiver Rationalität dar.
Vernunft
Vernunft ist eine Erweiterung der Rationalität. Das bedeutet, dass die Parameter in der Rationalitäts-Definition nicht einfach vorgegeben sind, sondern geprüft und geändert werden können:
1) Die Präferenzen können auf ihre Adäquatheit geprüft werden.
2) Das Risikoprofil kann hinterfragt werden.
3) Das Wissen kann erweitert oder kritisch untersucht werden
Reflexion
1) Reflexion ist prüfendes und vergleichendes Nachdenken mit dem Ziel der Erkenntnis.
2) Logisch-analytische Reflexion
Konvergierende, kontrollierte, widerspruchsfreie, mit adäquaten Gefühlen bewertete Aussagen.
Wahrnehmungen, welche die genannten Kriterien nicht erfüllen, werden unterdrückt bzw. zensuriert.
a) Naturwissenschaftliche Reflexion
i) Konfrontation mit der Aussenwelt, Abbildung, Modell
ii) Deduktion
iii) Induktion
b) Geisteswissenschaftliche Reflexion: Deutung (Hermeneutik) unter Verwendung von verschiedenen
i) Strukturen: Analogien, Metaphern
ii) Medien: Schriftsprache (Literatur), Bildsprache (Film)
3) Assoziative Reflexion
Divergierende, spontane, widersprüchliche, mit inadäquaten Gefühlen bewertete Aussagen.
Die Zensur wird ausser Kraft gesetzt.
a) freie Assoziation
b) themenbezogenes Assoziieren: Brainstorming, Tagtraum, Nachttraum
Wissenschaftlichkeit
1) Grundwert der Wissenschaft ist das Streben nach Wahrheit. Ein wichtiges Prinzip, um dies zu verwirklichen, ist die kritische Haltung gegenüber eigenen wie fremden Ergebnissen und Thesen.
Dieser Satz ist Wikipedia entnommen, könnte aber ebenso gut von Sokrates stammen.
2) Um den Begriff wissenschaftliches Arbeiten zu definieren, muss man verschiedene Aspekte der Wissenschaft beschreiben:
a) Fachsprache
2.2 Definition der Therapie
Philosophie als Ziel oder Methode
In the first place, what is philosophy as therapy? A therapy leads to health, or corrects an illness.
A philosophical therapy is a therapy that
1. either has a philosophy as the goal of the therapy
2. or uses philosophy as the method of the therapy
Socrates and Wittgenstein: Philosophy as Therapy, Gina Marie Lunsford
Es geht also darum
1. eine bewährte Lebensphilosophie zu erlernen, d.h. die Erkenntnisse anderer nachzuvollziehen (normative Therapien)
2. oder eine individuelle Lebenspraxis mit Hilfe philosophischer Methoden zu entwickeln, d.h. auf eigenen Erkenntnissen aufzubauen (individualistische Therapien)
Therapie als Erkenntnisprozess
Erkenntnis der Innen- und Aussenwelt steht (im Gegensatz zu anderen Therapien) im Zentrum der philosophischen Therapie. Subjektive Erkenntnis gründet oft auf schmerzlichen Erfahrungen. Manchmal ist es notwendig solche Erfahrungen im Laufe der Therapie zu machen oder bereits gemachte Erfahrungen wieder in Erinnerung zu bringen. Dem stehen aber viele positive Aspekte von therapeutischer Erkenntnis gegenüber. Beispiele:
1) Erkenntnis kann bei der Erfüllung von Präferenzen helfen
2) Erkenntnis kann die Handlungsoptionen und damit die Freiheit (Selbstbestimmung) erweitern. Präferenzen müssen nicht mehr zwangsläufig erfüllt werden, sondern können auch hinterfragt und eliminiert werden.
3) Gewisse Formen von Erkenntnis erlauben eine schmerzlose Elimination von Präferenzen. Das Loslassen von Bindungen welche als irrational erkannt werden, kann z.B. ein befreiendes Gefühl auslösen
4) Weil gewisse Erkenntnisprozesse mit Endorphinausschüttung verbunden sind, kann das Erkenntnisstreben selbst zu einem Bedürfnis werden.
Wissenschaftlichkeit der Therapie
Philosophische Therapie ist insofern wissenschaftlich orientiert, als sie sich auf Erkenntnis und Vernunft beruft. Sie steht damit in der Tradition der Aufklärung. Die wichtigsten Themen des wissenschaftlichen Interesses sind:
1) Die Erkenntnis der Aussenwelt und die Konsequenzen dieser Erkenntnisse für die Lebenspraxis
2) Die Erkenntnis der Innenwelt. Dazu gehören die Struktur der Psyche und die psychischen Prozesse
3) Die Rationalität der Therapieziele
4) Die Wissenschaftlichkeit der Therapiemethoden. Dazu gehören
a) Kriterien für die Messbarkeit des Therapieerfolges
b) Qualitätskriterien für die Lehrmittel und Therapeuten
In der philosophischen Therapie wird versucht, die Innenperspektive mit der Aussenperspektive abzustimmen, d.h. das Individuum mit der Realität zu konfrontieren (Realitätsprinzip). Aussagen über die Aussenperspektive sollten nicht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Das Realitätsprinzip kann allerdings temporär durchbrochen werden, wenn es darum geht, die Spontaneität eines Patienten zu beleben.
Therapieform
Eine Therapieform besteht aus
1) einem bestimmten Stand des Wissens (Erkenntnis der Aussen- und Innenwelt)
2) einem Therapieziel
3) einer Therapiemethode welche beschreibt, wie das Ziel erreicht werden soll.
2.3 Abgrenzung zur philosophischen Beratung
1) Der Begriff philosophische Beratung wurde ursprünglich verwendet, um philosophische gegen psychotherapeutische Methoden abzugrenzen:
In 1987 the terms “Philosophische Praxis” und “Philosophische Beratung” signified a type of counseling that was not psychological counseling or therapy, but a philosophical alternative and critique of psychoanalysis and psychotherapy. The idea did not relate to one specific philosophy as the foundation and essence for counseling, but to everything philosophy is and everything it can do for a person, see Achenbach, Gerd B. Philosopische Praxis (Koln: Jurgen Dinter, 1984, 1987), Psychotherapy & Philosophie (Paderborn: Junfermann Verlag, 1992) pp. 345-362.
What do I mean when I say “Philosophic Counceling”? von Shlomit C. Schuster
Der vorliegende Aufsatz schliesst sich dieser Begriffsabgrenzung nicht an, sondern vertritt die Auffassung, dass das Adjektiv im Ausdruck philosophische Therapie genügend Klarheit schafft.
2) Der Begriff Therapie wird mit kranken, der Begriff Beratung mit gesunden Menschen in Verbindung gebracht. Die Begriffe krank und gesund werden aber von der Philosophie nicht unbesehen (aus der Psychologie) übernommen, weil sie (die Philosophie) auch die Kultur und die darin eingebetteten Begriffe und Wissenschaften hinterfragt. Je nach Philosophie wird deshalb die Abgrenzung von Beratung und Therapie verschieden ausfallen. Auch innerhalb der gleichen Lebensphilosophie gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen den Begriffen gesund und krank. Im vorliegenden Aufsatz wird deshalb auf eine Abgrenzung dieser beiden Begriffe verzichtet und ein weiter Begriff von Therapie verwendet, welcher die Beratung einschliesst. Es wird von Methoden gesprochen, welche sich für das Erreichen bestimmter Ziele eignen.
3) Die Themen, welche normalerweise mit dem Ausdruck philosophische Beratung assoziiert werden, können grob durch den Begriff Sorge um den eigenen Zustand (ohne Vorliegen einer Krankheit) charakterisiert werden. Dieser Begriff umfasst die folgenden Themen:
a) Alltagsprobleme (Macht und Liebe)
b) Conditio humana (Unfälle, Krankheiten, Alter, Tod)
c) die Suche nach einem Lebenssinn (Religionsersatz)
d) das allgemeine Lebensgefühl
2.4 Abgrenzung zur Psychotherapie
1) Die Abgrenzung zwischen Philosophie und Psychologie ist insofern schwierig, als in vielen Fällen eine Mischung von Methoden zur Anwendung kommt. Nachfolgend einige Beispiele aus What do I mean when I say “Philosophic Counceling”? von Shlomit C. Schuster:
a) Philosophical counseling did not originate in psychological counseling; it was not practiced previously by psychologists or therapists, nor was it an offshoot of a hybrid psychology- philosophy approach. There have been philosophers working in psychological- philosophical therapy and counseling approaches for decades. See, for example, the membership list of the British Association for Existential Analysis. These philosophers usually work like, and accordingly consider themselves, Existential or Humanistic Therapists or Counselors. Their method (with the exception of using philosophy) have very little if anything in common with the new non-therapy, free inquiry approach of Achenbach. It would be new, but lacking integrity, if these philosophers who are Existential and Humanistic Therapists and Counselors would start to call themselves philosophical counselors. Philosophical counseling has philosophy as origin and tradition. It is an autonomous philosophical discussion about whatever a client wishes to discuss with a philosopher. Only after some time during which Gerd Achenbach and other philosophers successfully practiced philosophical counseling did certain psychologists and psychotherapists suddenly proclaim themselves philosophical counselors
b) Elliot Cohen describes his counseling as a modified approach of Rational-Emotive Therapy and Transactional Analysis. Cohen applies philosophical concepts and methods to a preexisting psychological approach. Cohen, Elliot D. Philosophers at Work (New York: Holt, Rinehart and Winston, 1988), pp. 344-353
c) Karl Jaspers and Michel Foucault present mental health workers with the much desired but seldom attained shift in practice paradigm; that is the change from a psychological to a philosophical understanding and way of life. Jaspers and Foucault both underwent a philosophical conversion through which they separated themselves from contemporary psychiatry and psychology
Im vorliegenden Aufsatz orientiert sich die Abgrenzung zur Psychotherapie
a) an der Vermeidung theoriespezifischer Begriffe (wie z.B.diejenigen der Psychoanalyse)
b) an der Zielsetzung (im Zentrum steht die Sorge um den eigenen Zustand und nicht Krankheitsbilder wie z.B. Hysterie, Narzissmus, Bullimie, Zwangsneurose, Angstneurose, schwere Depression usw.)
Wenn eine Mischung von Konzepten vorliegt, dann wird in diesem Aufsatz der Ausdruck philosophische Psychotherapie verwendet.
2) Trotz ihrer weitgefassten Zielsetzung kann auch die philosophische Therapie gewisse psychische und psychosomatische Krankheiten im engeren Sinne heilen. Die Abgrenzung zur Psychologie kann nicht vollzogen werden, indem man in der Philosophie nur von Beratung spricht und nicht von Therapie. Diese Auffassung wurde auch von Wittgenstein vertreten: Wittgenstein and other philosophers considered their philosophy therapy, although the therapy they proposed remained on a purely textual and conceptual level. What do I mean when I say “Philosophic Counceling”? von Shlomit C. Schuster:
2.5 Geleitete Therapie und Selbst-Therapie
1) Geleitete Erkenntnis unterscheidet sich von der Selbst-Erkenntnis hauptsächlich durch das Phänomen der Übertragung. Einzeltherapie kann als Spezialfall der Gruppentherapie verstanden werden. Das aufklärerische Ideal vom autonomen Menschen wird nur dann gewahrt, wenn die Rahmenbedingungen (Methodik, Therapeut, usw.) als Hilfsmittel zur Gewinnung von Autonomie verstanden werden.
2) Bei der Selbsterkenntnis können gewisse Funktionen des Therapeuten durch Medien ersetzt werden. Mit Medium ist hier das Mittel der Kommunikation in einem ganz allgemeinen Sinne gemeint. In der Zukunft sind interaktive Programme zu erwarten, welche auf verschiedene Informationsspeicher (Bücher, Filme, Tonträger). zugreifen. Philosophie in der sokratischen Tradition wird sich dann auf das kritische Hinterfragen solcher Therapie-Hilfsmittel konzentrieren.
2.6 Normative und individualistische Therapien
Das Ziel aller philosophischen Therapien besteht darin, irrrationales Verhalten zu erkennen und zu vermeiden. Die spezifischen Therapieformen unterscheiden sich nicht in der Definition des Rationalitätsbegriffes, sondern in der Bewertung der Präferenzen (d.h. in den Risikoabschätzungen), welche in der Rationalitätsdefinition verwendet werden.
1) Bei normativen Therapien kann man diese Risikoabschätzung analysieren, weil die Präferenzen genau definiert sind (d.h. weil gewisse Verhaltensweisen als allgemein richtig definiert werden). Hinter den normativen Therapien stehen bewährte Lebensphilosophien. Bewährte Lebensphilosophien sind das Resultat von kultureller Erfahrung und können durch ein Weltbild (kulturelles Wissen) und Verhaltensweisen innerhalb dieses Weltbildes charakterisiert werden. Die Therapie versucht das Wissen an den Patienten weiterzugeben und dadurch seine Präferenzen zu beeinflussen. Das Erlernen einer bewährten Lebensphilosophie stützt sich auf die These, dass man durch kulturelles Wissen negative Erfahrungen „einsparen“ kann. Die These kann für die Mehrheit richtig, für ein einzelnes Individuum aber trotzdem falsch sein. Wenn z.B. die Mehrheit mit traditionellem Verhalten ihre Frustrationen minimieren kann, dann heisst das noch lange nicht, dass dies auch für ein bestimmtes Individuum zutrifft. Aber auch der Individualismus ist keine allgemeingültige Norm. Das Streben nach Einzigartigkeit alleine ist noch kein Ausdruck von innerer Freiheit, sondern hat primär biologische Wurzeln.
2) Bei individualistischen Therapien gibt es keine allgemeinverbindlichen Aussagen über wünschbare Präferenzen. Eine individualistische Therapie unterstützt das Verlangen nach Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung ist eine Kombination des biologischen Zieles mit kulturellen Zielen, wobei im Extremfall das biologische Ziel ganz in den Hintergrund treten kann. Eine Therapie, welche die Selbstverwirklichung unterstützt, muss in der Lage sein, die biologischen Präferenzen wieder zu beleben oder die kulturellen Talente zu entdecken und zu fördern, welche das biologische Ziel ersetzen können. Das Problem dieser Therapieform besteht darin, dass ethische Normen nur noch schwer zu vermitteln sind. Der Patient sollte den Sinn von Normen selbst entdecken und der Therapeut darf die Erfahrungen der vorangegangenen Generationen nicht in den Vordergrund stellen.
3 Normative Therapien
3.1 Der Achtfache Pfad des Buddha
Geschichtlicher Hintergrund
Der Buddhismus konzentriert sich auf die Erkenntnis, dass alles in der Welt vergeht und dass die Verdrängung dieser Wahrheit die Hauptquelle des Leidens ist (see Tibet, Bond University, Queensland, Australia). Literatur zur Entstehung des Buddhismus:
1) Timeline of Buddhist History (5 Seiten)
2) Theravada Buddhism, the original version of Buddhism (6 Seiten)
3) In Defense of Buddhism, Chinese Cultural Studies (4 Seiten)
Der Buddhismus wurde auf der Grundlage von traditionellen hinduistischen Konzepten (insbesondere des Yoga) entwickelt. Dazu einige Hinweise:
1) Die ältesten Aufzeichnungen zum Yoga finden sich in den Upanishaden. Der wichtigste Quelltext des Yoga ist das Yoga-Sutra des Patanjali. Des Weiteren geben in der Bhagavad-Gita die Kapitelüberschriften jeweils eine besondere Form des Yoga an, z.B. Karma-Yoga oder Jnana-Yoga usw. (…) Die Bhagavad-Gita enthält direkte Anweisungen für das Yoga. (…) Kap.5, Vers 28 wendet sich den spirituellen Zielen zu: „Zügelnd die Sinne, Herz und Geist, ganz der Erlösung zugewandt - Befreit von Wünschen, Furcht und Zorn, so ist für immer er erlöst.“ (Kurzfassung aus Wikipedia).
2) Die wichtigste buddhistische Meditationstechnik, die Erkenntnis-Meditation (Vipassana), ist eine Interpretation des Patanjali Yoga Sutra. Die Vipassana-Technik wurde in Indien um ca. 500 v.Chr. von Gautama, dem historischen Buddha, wiederentdeckt (Vipassana, Wikipedia).
3) Die buddhistische Therapie war (wie auch Yoga) traditionell eine geleitete Therapie unter der Führung eines Lehrmeisters (Gurus). Es gibt eine etymologische Deutung des Gurus als Vertreiber der Dunkelheit, wobei Dunkelheit als Avidya, als Mangel an Wissen im geistigen und intellektuellen Sinne, gesehen wird (Siehe Guru, Know Library).
Erkenntnis der Aussenwelt
1) In vielen indischen Mythen findet man ein zyklisches Weltbild:
Die Welt ist dem Wechsel von Schöpfung und Auflösung unterworfen. Ein solcher Zyklus (yuga) ist ein Tag im hundertjährigen Leben des Gottes Brahma. In der Nacht ruht die Welt unentfaltet. Ein Brahma-Tag kann, je nach Zeitalter, 432 000 bis 1,7 Millionen Menschenjahre oder 1 200 bis 4 800 Götterjahre umfassen. Indische Mythologie, Lars Göhler.
Ein zyklisches Weltbild fördert das Bewusstsein, dass nicht nur das individuelle Leben, sondern auch sämtliche kulturellen Errungenschaften zwangsläufig wieder zerstört werden. Der Buddhismus übernahm vom Hinduismus das zyklische Weltbild und die Wiedergeburtslehre, nicht aber den Polytheismus.
2) Der Buddhismus kann Lebenssinn vermitteln und Religion ersetzen, weil er an religiöse Konzepte des Hinduismus anknüpft und ähnliche Gefühle erzeugt. Die Ich-Auflösung kann als Vereinigung mit Brahman, d.h. mit einem allmächtigen Gott gedeutet werden. Die Ich-Auflösung in der Meditation und im Verzicht auf materielle (und letztlich auch geistige) Güter ist als Vorstufe zu dieser Vereinigung zu verstehen.
Therapieziel
1) Im Rahmen dieses Aufsatzes kann nicht auf alle buddhistischen Therapieformen eingegangen werden. Die wesentlichen Gedanken findet man aber in der Einsichts-Meditation, welche im folgenden kurz dargestellt wird:
Vipassanā oder auch "Einsichts-Meditation" bezeichnet eine Meditationstechnik, die einen Geisteszustand kultiviert, der eine besondere Einsicht in innere mentale Phänomene (Pali: dhammas) erlaubt. Es handelt sich um eine der ältesten Meditationstechniken Indiens. Das Wort bedeutet soviel wie "die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind" (Vipassana, Wikipedia). Das Ziel der Vipassana-Meditation ist es, sich von allen Anhaftungen, an sowohl körperlichen, wie auch geistigen Empfindungen/Emotionen, zu befreien. Nach der Philosophie des Vipassanas, ist sowohl das Anhaften an Positivem wie an Negativem leidbringend. Wenn man am Positivem anhaftet, so entsteht Sehnen, nach diesem Zustand und Angst vor dem Nicht-.Vorhandensein. Bei negativen Empfindungen entsteht ein "Vermeiden-Wollen". Beide diese Zustände bringen den Menschen aus dem unvermitteltem Erleben des Hier und Jetztes heraus und erzeugen so Leid. Das Ziel des Buddhismus ist es, sich aus dem Samsara und somit aus dem Leiden des zu befreien und Mitgefühl und Liebe für die Welt zu entwickeln. Durch die intensive Betrachtung aller geistigen und körperlichen Vorgänge erlebt der Meditierende eine allmähliche Loslösung ("De-Identifikation") mit allen zuvor als "Ich" und "Mein" betrachteten Vorgängen. Gipfelpunkt dieser Erfahrung ist das im Regelfall nur Momente dauernde "Wegspringen", "Verlöschen", das gemäß buddhistischer Lehre zu einer völligen Befreiung vom Kreislauf der Geburten führt und als "Nibbana" (Nirvana) bezeichnet wird (Vipassana, Wikipedia)
2) Im Buddhismus erscheint praktische jede Bindung an die Aussenwelt irrational. Der Grund für diese Bewertung liegt nicht nur in der Vergänglichkeit der Dinge, sondern auch in der (aus heutiger Sicht) unplausiblen Wiedergeburtslehre, welche für emotionale Bindungen eine ungünstige Wiedergeburt in Aussicht stellt. Durch die Loslösung von emotionalen Bindungen (Elimination von Präferenzen) soll zunächst eine günstige Wiedergeburt und schliesslich der Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erreicht werden. Die Elimination von Präferenzen bekommt damit einen intrinsischen moralischen Wert und ist nicht mehr pragmatisch auf das aktuelle Leben ausgerichtet. Selbstlosigkeit der christlichen Art gilt als Verirrung, weil sie Bindungen verstärkt. Nur Missionsarbeit, welche die anderen über den Sinn der Wunschlosigkeit aufklärt ist moralisch (Mahajana-Buddhismus).
3) Aus wissenschaftlicher Sicht ist die buddhistische Reinkarnationslehre unplausibel. Wenn man die Wiedergeburt aus der Sicht der modernen Genetik betrachtet, dann muss die Frage des Nicht-Beteiligtseins neu überdacht werden. Wenn man die Denkweise des Buddha (und nicht das Resultat des Denkens) auf die heutige Zeit überträgt, dann gibt es gute Gründe zur Annahme, dass Buddha diese Infragestellung selbst geleistet hätte. Dies lässt sich aus dem Bemühen erkennen, die Wiedergeburtslehre mit Beweisen auf eine rationale Grundlage zu stellen:
Solche Beweise, obschon formal korrekt in den logischen Normen ihrer Zeit vorgetragen, blieben auch in ihrer Zeit umstritten, und zwar wegen der in ihnen enthaltenen systemgebundenen Voraussetzungen. Sie lassen sich daher charakterisieren als der Ausdruck einer lebendigen und starken Rationalität, die für große Teile der buddhistischen Tradition typisch ist. Der indische Mythos von der Wiedergeburt ist in dieser Weise im Buddhismus zu einer Wirklichkeit verwandelt worden, die so beschaffen ist, dass sie innerhalb der rationalen Modelle der anthropologischen und soteriologischen Theorien denkbar war. Damit können aber auch die entwickelten Argumentationen und Beweise nicht nur als Folge bestimmter systematischer Notwendigkeiten oder gesellschaftlichen Drucks verstanden werden, sondern besonders auch als ein weiteres Zeugnis dafür, dass diese Tradition von ihren Gläubigen nicht die irrationale Annahme ihrer Vorstellungen vom Dasein der Lebewesen auf Treu und Glauben verlangt hat, sondern Annahme auf der Grundlage von rationaler Überprüfung (Die Wiedergeburtslehre im Buddhismus, Ernst Steinkellner).
Therapiemethode
1) Der Achtfache Pfad wird im Buddhismus als therapeutisches Konzept zur Befreiung vom Leiden verstanden:
In other words, the Noble Eightfold Path, the path leading to the end of suffering, is a comprehensive path, an integrated therapy. It is designed to cure the disease of suffering through eliminating its causes (…) The Tree of Enlightenment, by Peter Della Santina
2) In der Vipassana-Technik (siehe Therapieziel weiter oben) geht es um die Auflösung von geistigen Konditionierungen. Die Meditation besteht im aufmerksamen Beobachten aller Daseinsphänomene, hierzu zählt die Satipatthána vier Grundlagen der Achtsamkeit auf:
a) das Körperliche (káyánupassaná), Empfindungen am Körper (z.B. Kribbeln, Druck, Schmerz etc.)
b) Gefühle und Emotionen (vedanánupassaná),
c) Bewußtsein und Gedanken (cittánupassaná) und
d) Geistobjekte (dhammánupassaná).
Diese Ausgangspunkte der Achtsamkeit werden aufmerksam betrachtet. In der Lehre Buddhas wird die gesamte Welt als nama und rupa erfahren, d.h. "Geist und Körper" bzw. "Begriffe und Formen“.
Nach der buddhistischen Lehre entstehen aus dem Achtfachen Pfad drei Tugenden:
a) Sila - (Pali: Shila) ethisches Verhalten
b) Samadhi - (Pali: samatta) Konzentration oder Kontemplation
c) Prajna - (Pali: Panna) umfassende, intuitive Weisheit
Alle zusammen sind die Voraussetzung für einen erfolgreichen Fortschritt in der Vipassana-Meditation, aber werden auch gestärkt als Ergebnis erfolgreicher Meditation. Durch das Einhalten dieser Regeln wird zum einen vermieden, dass anderen Schaden zugefügt wird. Zum anderen ist es ein Selbstschutz, um den spirituellen Fortschritt nicht zu gefährden. Eine geistige Läuterung ist nur möglich, wenn auf der Ebene der Handlungen ethisches Verhalten praktiziert und damit ein anhaltender Zustand der Reuelosigkeit erreicht wird. Ansonsten ist der Geist zu erregt, zu unruhig und grob, um für die tiefgreifende Arbeit Fortschritte zu machen (Vipassana, Wikipedia).
3) Die Kernidee der Therapie besteht darin, auf möglichst schmerzlose Weise Präferenzen zu eliminieren und damit auch das mögliche Leiden, welches aus der Nichterfüllung dieser Präferenzen entstehen könnte. Eine Elimination von Präferenzen ist weniger schmerzvoll, wenn sie auf dem Wege der Erkenntnis erreicht wird und nicht durch die Konfrontation mit der Aussenwelt oder durch moralische Verbote. Das Loslassen von Bindungen, welche als irrational erkannt werden, kann ein Gefühl der Befreiung auslösen.
4) Reflexive Gedankengänge können einen krankmachenden Suchtmechanismus auslösen. Komplexe Theorien oder eine komplizierte Sprache haben eine anti-therapeutische Wirkung. Die Reflexion, welche ursprünglich zum Ziel führen sollte, beginnt nach und nach die Erreichung des Zieles zu verhindern. Die Buddhisten haben diesen Mechanismus schon früh durchschaut. Weil Intellektualität an Sprache gebunden ist, versuchen z.B. Zen-Buddhisten die Bindungen an Begriffe zu lösen und die Sprachlogik zu zerstören. Der Zen-Buddhismus steht in der Tradition des Advaita-Vedanta:
In dem Moment, in dem man etwas benennt, hat man es mit einem Etikett versehen. In dem Moment, in dem man es etikettiert, hat man es in eine Schachtel gesteckt, es begrenzt, seine organische Natur gestoppt. Es ist die dem Verstand eigene Natur, Dinge zu erfassen, sie zu verstehen, zu analysieren, sie auseinanderzunehmen. Im Allgemeinen ist es die wahre Natur von Advaita, alles wieder zusammenzufügen (Was ist eigentlich Advaita?)
Damit kommt man in die Nähe von Wittgensteins viel zitiertem Satz:
„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen, und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (Wittgenstein, Wikipedia).
5) Eine Referenz in die umgekehrte Richtung stammt aus einem Aufsatz über die philosophische Therapie von Wittgenstein (Alfred Schmidt, Sind Philosophen verrückt?) und beginnt wie folgt:
Nur am Rande sei hier auf eine interessante Parallele zum Zen-Buddhismus verwiesen: Auch dort führt der Weg zunächst weg vom Alltagsbewusstsein, um schließlich genau dort wieder zu enden. Im Ch'uan Teng Lu, einer der ältesten Koan-Sammlungen der Zentradition, wird folgender berühmter Ausspruch des Meisters Ch'ing-Yüan überliefert: "Bevor ich 30 Jahre lang Zen studierte, waren für mich Berge Berge und Flüsse Flüsse. Als ich zu einem tieferen Wissen gelangte, kam ich an den Punkt, wo ich sah, dass Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse sind. Jetzt aber, wo ich das Innerste des Zen begriffen habe, habe ich Ruhe gefunden. Und zwar deshalb, weil ich Berge wieder als Berge und Flüsse wieder als Flüsse sehe." Auch im Zen gilt der alltägliche Weg als der wahre Weg. Genauso wie bei Wittgensteins philosophischer Therapie wäre es aber kurzschlüssig zu meinen, man könne gleich von Anfang an im Alltagsbewusstsein verharren, gleichsam "im Trockenen" bleiben, ohne den Sumpf überhaupt zu betreten. Der Weg in die "tiefe Verwirrung" ist unumgänglich, um schließlich zur inneren Ruhe zu gelangen. Wittgensteins letztendliches Ziel ist - wie ganz ähnlich im Zen - nicht eine neue Theorie, sondern der radikale Abbruch eines endlosen leerlaufenden Diskurses. "Friede in den Gedanken, das ist das Ziel dessen der philosophiert", heißt es in "Vermischte Bemerkungen"; und in den "Philosophischen Untersuchungen" findet sich der erstaunliche Satz: "Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will." (Nr. 133)
Man muss zunächst (mit Hilfe der Philosophie) erkennen, dass hinter den Dingen ein (göttliches) Gesetz steht. Dann aber besteht das Ziel darin, in allen Wahrnehmungen dieses Gesetz (Brahman) zu erkennen und mit ihm Eins zu werden. Hier wird die Verbindung zur hinduistischen Tradition deutlich:
Wesentliches Charakteristikum des Advaita-Vedanta ist die Wesensidentität von Atman, der individuellen Seele, und Brahman, der Weltseele, deshalb die Bezeichnung Advaita-Vedanta, 'Vedanta der Nichtzweiheit'. Der Erkenntnisprozess des Menschen und der Weg zur Erlösung besteht darin, diese Einheit zu erkennen. Dualität tritt demnach nur dort auf, wo avidya, Unwissenheit, herrscht. Die wahre Erkenntnis, die diese Unwissenheit überwindet, führt zur Advaita-Erfahrung und damit zur Befreiung, moksha.
(Vedanta, Wikipedia)
3.2 Die stoische Affektkontrolle
Geschichtlicher Hintergrund
1. Es darf vermutet werden, dass gewisse Ideen aus der östlichen Philosophie über Handelsrouten durch den arabischen Golf nach Griechenland gelangten. Um 600 v.Chr.hatten indische Händler feste Niederlassungen in Babylon (Buddhismus und Christentum, Geschichte einer Begegnung, Kap.2.2.4).
2. Im 4.Jh. v.Chr. im Gefolge der Eroberungen Alexander des Großen bekam die griechische Kultur eine starke Wirkung auf den Orient, wurde aber im Gegenzug von orientalischen Elementen durchdrungen und umgeformt. Sie verlor dabei ihren national-griechischen Charakter und wurde zu einer kosmopolitischen Menschheits-kultur. Nach der politisch-militärischen Eroberung Griechenlands durch Rom begann die kulturelle Eroberung des römischen Reiches durch die griechische Kultur. Aber auch hier kommt es zu Rückwirkungen. Die Römer waren ein praktisches Volk. Der Schwerpunkt der Philosophie verlagerte sich von der Spekulation über die Natur zur Ethik. Philosophie wurde schwerpunktmäßig praktische Lebensphilosophie. Zenon aus Kition (Zenon der Stoiker 340 - 260), ursprünglich ein Kyniker, gründete in Athen in der Stoa poikile (Bunte Säulenhalle - der ursprüngliche Versammlungsort) eine Philosophenschule, in der kynische Lehren mit den Auffassungen anderer Philosophen (besonders Heraklit und Aristoteles) verbunden wurden. Die Stoiker teilten ihr System in drei Teile: Logik, Physik und Ethik. Die Ethik ist der wichtigste Teil, Logik und Physik nur Vorstufen (Stoiker und Epikureer, Peter Möllers PhiloLex).
Aufgrund dieser historischen Entwicklung gibt es viele Bezüge zwischen dem Stoizismus und der nikomachischen Ethik.
Erkenntnis der Aussenwelt
1) Die einprägsamste Kurzformel für das stoische Weltbild hat Kaiser Mark Aurel als letzter der bedeutenden Stoiker hinterlassen (Selbstbetrachtungen VII, 9): „Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, so wie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.“ Aus einem Urfeuer, dem Äther, entsteht in stoischer Sicht alles Seiende. Aller Stoff (Hyle) ist durch die göttliche Vernunft (Logos) beseelt. So ist die stoische Lehre gleichermaßen materialistisch wie pantheistisch. Die Stoiker sind von der strengen Kausalität alles Geschehens überzeugt.
Stoa, Wikipedia
2) Der Mensch könne als Vernunftwesen die universelle Gesetzmäßigkeit erkennen. Die einzige Tugend sei ein im Wissen um diese Gesetzmäßigkeit geführtes vernünftiges Leben. Hierin bestehe die einzige Glückseligkeit. Dem gegenüber gebe es nur ein einziges Übel: unvernünftiges Leben. Alles andere, was von den Menschen im allgemeinen hochgeschätzt werde, z. B. Leben, Gesundheit, Ehre, Besitz, oder was sie zu vermeiden suchen, z. B. Krankheit, Tod, Armut, Knechtschaft, sei weder gut noch schlecht, sondern gleichgültig (Adiaphora). Aufgabe des Menschen sei ein fortwährender Kampf gegen die Affekte. Sie gaukelten uns Gleichgültiges und Schlechtes als wertvoll vor. Das Ziel solle ihre völlige Überwindung sein. Der Stoizismus forderte allen Ereignissen, sowohl den (nach Meinung der Nichtstoiker) negativen wie positiven, mit Leidenschaftslosigkeit zu begegnen (apatheia). Wer dies erreicht habe, der sei wahrhaft weise. Bis hierhin ist es die kynische Ethik. Unter dem römischen Einfluß kommen aber nun zwei wichtige Dinge hinzu:
a) Die Lehre, daß alles Äußere gleichgültig sei, wird eingeschränkt, so daß z. B. Ehe, Familie und Staat, aber auch Wissenschaft, eine gewisse Rechtfertigung erhalten.
b) Während die Kyniker letztlich Egoisten waren, forderten die Stoiker eine allgemeine Gerechtigkeit und Menschenliebe, wie sie bis dahin die Antike nicht gekannt hatte. Die Stoiker waren die ersten, die im Altertum einen umfassenden Humanitätsgedanken und Kosmopolitismus vertreten haben.
Stoiker und Epikureer, Peter Möllers PhiloLex
3) Der Pantheismus ist keine Religion, sondern eine Weltanschauung, da er keine Religionsstifter, Religionsgemeinschaften, heiligen Schriften, Institutionen, Rituale oder Dogmen kennt. Auch sind die religiösen Ver- und Gebote unvereinbar mit den Naturgesetzen, die der Pantheismus auf ein "Gott" genanntes Höchstes Gesetz zurückzuführen sucht, so Platon im Begriff der "dynamis" und Aristoteles in dem des "Demiurg (Unbewegter Beweger)". Verschiedene Vertreter des Pantheismus haben durchaus unterschiedliche Hypothesen und Theorien entwickelt. Manche Menschen sehen auch im Hinduismus oder dem Sufismus Ausprägungen des Pantheismus auf religiöser Ebene. Beim Hinduismus besteht der allumfassende Brahman aus allen unveränderlichen Ichs (Atman). Diese finden sich sowohl in jeder Materie, als auch in allen Lebewesen. (Auszug aus Pantheismus, Wikipedia)
Der Pantheismus kann Lebenssinn vermitteln und Religion ersetzen, weil er an religiöse Konzepte anknüpft und ähnliche Gefühle erzeugt. Die Identifikation mit einem höchsten Gesetz entspricht der Vereinigung mit Brahman oder mit einem allmächtigen Gott. Die Eudämonie kann als Vorstufe zu dieser Vereinigung verstanden werden.
Therapieziel
1) Der Stoizismus orientiert sich an der Vernunft und versucht irrationale Präferenzen zu eliminieren. Ähnlich wie im Buddhismus soll die Elimination von Präferenzen durch Erkenntnis bzw. Einsicht (anstelle von moralischen Geboten oder Verboten) erreicht werden.
2) Im Stoizismus wird eine vergängliche Präferenz (wie bei Sokrates) nur dann als irrational betrachtet, wenn man ihre Vergänglichkeit verleugnet. Aus heutiger Sicht ist eine Präferenz in dem Masse irrational, als man ihre Risiken unter- oder überschätzt. Die Erkenntnis der Vergänglichkeit führt zu einer schwächeren Bindung an die Welt, aber nicht zum Aufgeben aller Bindungen. Die Bindungen an die Welt unterliegen einer Risikoabwägung. Affekte werden im Stoizismus generell als hohe Risiken eingestuft und bekämpft.
Therapiemethode
1) Das therapeutische Konzept stützt sich auf folgende ethische Grundlagen:
a) Macht der Vernunft
b) Selbstbeherrschung, Affektkontrolle, Freiheit von Leidenschaften
c) Selbstgenügsamkeit
d) Aber nicht radikale Triebunterdrückung
(Auszug aus Stoa, Wikipedia)
2) Nach stoischer Auffassung ist Eudämonie nur dann zu erreichen, wenn kein Affekt die Seelenruhe stört. Ein Affekt ist ein übersteuerter Trieb. Stoisches Ideal ist die Apathie, die Freiheit von solchen Affekten. Es wird zwischen 4 Grundarten von Affekten unterschieden:
a) Lust
b) Unlust
c) Begierde
d) Furcht.
Entscheidend für die Apathie ist die Erkenntnis, dass alle äußeren Güter keinen Wert für das seelische Wohlbefinden haben (Auszug aus Affekt, Wikipedia)
3) Eine detaillierte Anleitung, wie das stoische Konzept in die Praxis umgesetzt werden kann findet man im Handbuch des Epiktet.
3.3 Die geometrische Methode von Spinoza
Geschichtlicher Hintergrund
1. Möglicherweise wurde die deduktive Methode von Spinoza durch die vier edlen Wahrheiten des Buddha beeinflusst. Die vier edlen Wahrheiten enthalten die Kernidee einer schrittweisen Deduktion des richtigen Verhaltens aus psychologischen Erkenntnissen.
2. Im Weiteren gibt es auffällige Bezüge zur nikomachischen Ethik und damit auch zum Stoizismus.
Weltbild und Religion
1) Spinoza vertrat in seinem theologisch-politischen Traktat von 1670 die These, Judentum und Christentum seien lediglich vergängliche Phänomene ohne absolute Gültigkeit. Er war überzeugt, dass Religion durch Vernunft ersetzt werden kann. Spinozas Ethik kann u.a. als Reaktion auf eine weltanschauliche Verunsicherung gedeutet werden (siehe z.B. Spinoza als Marrane) und als Versuch, mit Hilfe der Vernunft wieder Sicherheit zu gewinnen. Eine detaillierte Darstellung von Spinozas Weltbild findet man in Spinoza, Peter Möllers philosophisches Lexikon, (7 Seiten)
2) Spinozas Gott ist grundsätzlich indifferent gegenüber dem Leiden. Möglicherweise hat Spinoza den göttlichen Gesetzen moralische Begriffe wie gut und notwendig zugeordnet um seine Lehre nicht zu gefährden (sie wurde in der damaligen Zeit als atheistisch eingestuft). In seinen Vorträgen verwendete er oft eine mehrdeutige Ausdrucksweise, um den Kritikern nicht Argumente zu liefern.
3) Man muss auch bedenken, dass Spinoza keine Kenntnisse von der biologischen Evolution und der damit verbundenen Zunahme des Leidens hatte. Er konnte auch nicht wissen, dass Zufälligkeit tiefgründiger ist als mangelnde Erkenntnis. Selbst Einstein hielt 300 Jahre später (immer noch unter dem Einfluss von Spinoza) einen willkürlich agierenden Gott für undenkbar und verwarf aus diesem Grunde die Quantenmechanik.
Therapieziel
Bezüglich der Elimination von irrationalen (in der Terminologie von Spinoza inadäquaten) Präferenzen nimmt Spinoza eine ähnliche Position ein wie der Stoizismus. Bei den rationalen Präferenzen erhält das wissenschaftliche Tätigsein eine Sonderstellung. Erkenntnisstreben und Wissenserwerb sind aber aus heutiger Sicht Präferenzen, welche (wie alle anderen auch) auf ihr Chancen/Risiken-Verhältnis für ein bestimmtes Individuum geprüft werden müssen. Für Menschen, welche das gleiche Risikoprofil aufweisen wie Spinoza erscheint sein Therapieziel rational, für die anderen verzerrt.
Therapiemethode
1) Ähnlich wie im Stoizismus wird eine emotionale Distanzierung von risikoreichen Präferenzen angestrebt. Umgekehrt wird die Erkenntnis mathematischer und physikalischer Gesetze emotional aufgeladen und mit religiösen Gefühlen in Verbindung gebracht. Das Wissen des Patienten wird zunächst dahingehend erweitert, dass er die Göttlichkeit der Naturgesetze erkennt und in axiomatischer Form darstellen kann. Von diesen Axiomen ausgehend werden irrationale Präferenzen deduktiv eliminiert und rationale Präferenzen deduktiv geschaffen. Das Rationalitätskriterium besteht im Wesentlichen darin, dass risikoreiche Präferenzen (wie z.B. Hass) als den Naturgesetzen widersprechend dargestellt werden und risikoarme Präferenzen (wie z.B. Freundschaft mit Gleichgesinnten) als dem Willen der Naturgesetze (bzw. dem Willen Gottes) entsprechend. Die Präferenz mit dem höchsten moralischen Wert besteht in der Erkenntnis der Naturgesetze selbst, was bei Spinoza einer Vereinigung mit Gott gleichkommt.
2) Eine detaillierte Darstellung des therapeutischen Konzeptes von Spinoza findet man in
a) Rationale Selbstbefreiung, Michael Hampe, in Klassiker der Philosophie heute, Reclam 2004 (21 Seiten)
b) Ethica Ordine Geometrico Demonstrata, Originaltext von 1677 in deutscher Übersetzung (568 Seiten)
4 Individualistische Therapien
4.1 Die Maieutik
Geschichtlicher Hintergrund
Die ersten Philosophen, die sich selbst so bezeichneten – Platon und Sokrates – verstanden Philosophie als Alternative zur mythischen Religion und ihrer Ordnung. Indem der Mensch selbst durch philosophisches Nachdenken und Diskutieren – auch Philosophieren genannt – die Welt erklärt, emanzipiert er sich von der Welt des Aberglaubens, der Priesterherrschaft und der Götter. Sokrates wurde deshalb als Verderber der Jugend hingerichtet (Geschichte der Philosophie, Wikipedia).
Erkenntnis der Aussenwelt
Wie die Sophisten beschäftigte sich Sokrates mit Menschen und dem Menschenleben, und nicht mit den Problemen der Naturphilosophen.
Therapieziel
1) Sokrates war der Ansicht, dass der, der wisse, was gut ist, auch das Gute tun werde. Er glaubte, die richtige Erkenntnis führe zum richtigen Handeln. Und nur wer das Richtige tue, so Sokrates, werde zum 'richtigen Menschen'. Wenn ein Mensch falsch handelt, so tut er das aus Sokrates' Sicht nur, weil er es nicht besser weiß. Deshalb sei es so wichtig, das Wissen zu vermehren. Im Gegensatz zu den Sophisten bestand er darauf, die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, liege in der Vernunft begründet und nicht in der Gesellschaft (Sokrates, Wikipedia)
2) Was aber hat man unter dieser Tugend, die alle, namentlich auch die Sophisten im Munde führen, zu verstehen? Ist sie erlernbar? So fragt Sokrates und macht damit zum erstenmal die Tugend, sonach die Ethik zum Problem. Gerade das Problemstellen ist auch hier wieder seine wichtigste Leistung, nicht etwa die positive Antwort. Worin das Gute seinem Inhalte nach bestehe, scheint Sokrates vielmehr gar nicht bestimmt formuliert zu haben. Er betont nur, daß die Tugend ein Wissen sei, daß sie auf der richtigen Einsicht oder Besinnung (phro